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A Tribe Called Red haben uns erklärt, wofür die amerikanischen Ureinwohner in Standing Rock und anderswo kämpfen

Wir haben mit 2oolman über indigenen Aktivismus und die Ursprünge des Electronic Pow Wow gesprochen.

von Greg Scruggs
16 November 2016, 5:45pm

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Falling Tree Photography/A Tribe Called Red. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP Canda erschienen

Seit April harren Mitglieder der Standing Rock Sioux Nation in North Dakota, USA, aus, um den Bau der Dakota Access Pipeline zu stoppen. Sie befürchten, dass die Pipeline ihre Trinkwasserquellen bedroht und durch den Bau heilige Kulturstädten beschädigt werden. Tausende Menschen aus fast allen indigenen Gemeinschaften Nordamerikas haben sich zusammen mit vielen Nicht-Ureinwohnern dem Protest angeschlossen. Sie haben geschworen, auch im Winter nicht von der Stelle zu weichen.

A Tribe Called Red sind ein indigenes Trio. Und alle drei Mitglieder—DJ NDN (Nipissing First Nation), Bear Witness (Cayuga First Nation) und 2oolman (Mohawk First Nation)—gehören Stämmen an, die sich solidarisch mit Standing Rock zeigen. Die im kanadischen Ottawa ansässige und mit dem Juno-Award ausgezeichnete Gruppe hatte es sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, die indigene Community zu unterstützen. 2008 ging sie aus einer monatlichen Party, dem Electric Pow Wow, hervor. Bear Witness und DJ NDN hatten die Reihe im Club Babylon ins Leben gerufen. Sie wollten mit der Veranstaltung einen Schutzraum für die indigene Bevölkerung der Stadt schaffen. Es sollte die Clubversion des traditionellen Pow Wow werden, der feierlichen Musik- und Tanzzeremonie nordamerikanischer Ureinwohner. Schon bald entwickelte ihre Party ein Eigenleben. Die Crew begann, Dubstep, Moombahton, Trap und alles, was sonst die Tieftöner der Clubs zum Rattern brachte, mit indigenen Call-and-Response-Gesängen zu kombinieren.

Seitdem hat die Gruppe immer wieder indigenen Aktivismus unterstützt. 2012 nahmen sie als Tribut der Idle No More-Bewegung den Track "The Road" auf. Idle No More war als Reaktion auf eine Epidemie vermisster und ermordeter kanadischer Ureinwohnerinnen gegründet worden. Um die Regierung dazu zu bewegen, endlich tätig zu werden, ging ein weiblicher Häuptling der First Nations auf einen sechswöchigen Hungerstreik und kampierte in einem Tipi auf einer Insel gegenüber von Ottawas Parliament Hill.

A Tribe Called Red haben sich außerdem gegen kulturelle Aneignung ausgesprochen und ihre Nicht-First-Nations-Fans darum gebeten, bei ihren Shows keinen Kopfschmuck zu tragen. Sie kritisierten auch die rassistischen Namen mancher amerikanischen Sportteams.

Jetzt haben A Tribe Called Red ein neues Album aufgenommen. Auf We Are the Halluci Nation bauen sie ihre bewährten Fähigkeiten aus und haben sich ein breites Feld an Kollaborateuren ins Boot geholt, darunter die Inuk-Kehlkopfsängerin Tanya Tagaq, den amerikanischen Rapper Yaasin Bey (früher bekannt als Mos Def) und die kolumbianisch-kanadischen Art-Pop-Künstlerin Lido Pimienta. Der Albumtitel ist eine Anspielung auf den American Indian Movement-Aktivisten John Trudell, der 1969 an der Besetzung von Alcatraz durch die All Tribes teilgenommen hatte. Trudell starb letztes Jahr im Dezember, kurz nachdem er den Eröffnungsgesang des Albums aufgenommen hatte.

Vor dem Start ihrer ausgedehnten US-Tour hat sich THUMP mit 2oolman getroffen, um über die Wurzeln ihrer zeitgenössischen Pow Wow Musik und den momentanen Stand indigener Politik in Standing Rock und darüber hinaus zu sprechen.


2oolman: Ich bin Mohawk, Teil der Six Nations Irokesen-Konföderation. Wir haben Gemeinschaften überall in Nordamerika, insbesondere in New York, Wisconsin und Ontario. Als indigene Menschen sind wir mit unserer Geburt automatisch politisch. Die Tatsache, dass wir leben und mit den Dingen weiter machen, die wir tun und für die wir kämpfen, macht uns politisch. Wir kämpfen für unsere Sprache und unsere Kultur und holen uns nach dem traurigen Kapitel mit den Residential Schools unsere Identität zurück.

Die Diskussion um indigene Rechte erfährt momentan einen enormen Aufschwung. Sie erreicht aber noch nicht alle in der breiten Öffentlichkeit, da manche Nicht-Ureinwohner offensichtlich kein Interesse an einer Veränderung haben. Diesen Menschen stehen aber schwere Zeiten bevor. Sie werden nicht nur von der First Nations-Gemeinschaft zu hören bekommen, sondern auch von Menschen aus ihren eigenen Reihen.

Als indigene Menschen sind wir mir mit unserer Geburt automatisch politisch.

Ich finde, dass insbesondere Kanada einen großen Fortschritt bei der Anerkennung seiner indigenen Bevölkerung gemacht hat. Darauf bin ich sehr stolz. Dieses Ausmaß an Anerkennung habe ich noch nie in einem Leben gespürt. Ich bin mir sicher, dass der momentane Stand der Debatte meinen Großvater sehr überrascht hätte. Mein Vater ist jedenfalls definitiv überrascht.

Es wird allerdings immer noch an allen Ecken der Welt für die Rechte indigener Menschen gekämpft. In Australien gibt es zum Beispiel die Zelt-Botschaft—den am längsten anhaltenden indigenen Protest [seit 1972]. Sie befindet sich direkt vor ihrem Parlament. Als hätte sich eine Stammesgemeinschaft direkt vor dem Weißen Haus niedergelassen.

Standing Rock selbst ist eine sehr zermürbende Angelegenheit, weil dort bereits Ölpipelines durchgehen und das schon so lange andauert. Besonders cool an dem, was gerade dort passiert, ist, dass nicht nur die Menschen von Standing Rock dort sind. Die allermeisten, wenn auch nicht alle, indigenen Gruppierungen aus Nordamerika sind dort vertreten. [Eine ähnliche Art von Einheit entstand], als wir mit dieser ganzen Musikgeschichte angefangen haben und eine Party für indigene Menschen starteten. Das ist das Rückgrat unseres Handelns.

Bear [Witness] und Ian [DJ NDN] haben zusammen in einem Club gearbeitet und sich angefreundet. Sie beschlossen schließlich, eine Partyreihe für Menschen der First Nations zu veranstalten. Der Club hatte eine West Indian-Party, warum also nicht auch eine für Ureinwohner? Viele indigene Studenten ziehen aus verschiedenen Reservaten im Umkreis von Ottawa in die Stadt. Das Leben in einem urbanen Umfeld ist für jemanden der First Nations nicht unbedingt einfach. Manchmal lebst du in eine Stadt, aber fühlst dich trotzdem einsam. Es war unsere Idee, einen Schutzraum für indigene Menschen schaffen, in dem sie Spaß haben können. Mit der Zeit kamen nicht nur indigene sondern alle möglichen Menschen dorthin und es durchmischte sich mehr.

Am Anfang haben sie dort noch nicht mal Pow Wow-Musik gespielt sondern ganz normale Clubmusik. Nach der ersten Party verlangten die Leute, dass sie damit weiter machen. Irgendwann begannen sie schließlich, Dubstep oder andere Musik mit Pow Wow zu mixen.

Es gab diesen MIA und Santigold-Song mit einem Pow Wow-Sample und als sie ihn spielten, waren die Leute überwältigt. In diesem Augenblick manifestierte sich die Idee, dass wir unsere eigenen Remixe und unsere eigenen Songs machen sollten. So ist die Electric Pow Wow-Idee entstanden.

Indigene Rechte erfahren einen enormen Aufschwung.

Das hatte bis dahin noch niemand gemacht—abgesehen von den herkömmlichen Pow Wows. Damals war Pow Wow quasi eine universelle Musik, mit der wir uns alle identifizierten. Ich würde gar nicht mal sagen, dass es etwas Zeremonielles oder Spirituelles ist. Es ist etwas Soziales. Ich bin in meinem Reservat ständig zu Pow Wows gegangen.

Ich fing bereits im Six Nations Reservat in Ontario damit an, Beats zu machen. Da ich größer werden wollte, begann ich schließlich, meine Musik in Toronto zu verbreiten. Ich war damit eine Weile ziemlich erfolgreich. Vor etwa sieben Jahren habe ich mich mit Dan [DJ Shub, seit 2014 nicht mehr bei ATCR] angefreundet. Wir fanden heraus, dass wir aus dem gleichen Reservat stammten und unsere jeweiligen Familien kannten. Es war cool, jemanden wie ihn zu sehen. Er ist ein DMC Champion und ich selbst nahm an den Battles vom Red Bull Big Tune teil. Wir bewegen uns also in dieser HipHop-Welt und stammen aus der gleichen Ecke, also haben wir uns natürlich beide gegenseitig unterstützt. Und das war noch vor dem Tribe. Als der Tribe gegründet wurde, stellte er mich den anderen Typen vor und wir wurden Freunde. Ich fand sie cool, aber wirklich verstanden habe ich sie erst, als ich ihre erste Show gesehen habe. Da machte es dann sofort Klick bei mir.

Ich finde vor allem die Altersspanne toll, wenn indigene Menschen ausgehen. Bei unseren Shows kannst du Stammesälteste oder Kinder sehen. Jeder Jahrgang ist dort vertreten und das ist so großartig, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Wie ich vorhin schon gesagt habe, wir bringen Menschen zusammen. So hat es beim Pow Wow angefangen und so geht weiter.

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