Wolf Eyes wollen, dass du für etwas stehst
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Feature

Wolf Eyes wollen, dass du für etwas stehst

Die amerikanische Noise-Band sieht sich nicht als Aktivistengruppe – und will dir mit ihrer Musik trotzdem helfen.
27 März 2017, 6:00am

Promofoto

Als John Olson von Wolf Eyes am Tag nach Donald Trumps Wahlsieg schwermütig aufwachte, machte er eine interessante Entdeckung. Ein befreundeter Lehrer teilte über Facebook mit, dass er seiner Klasse Musik von Olsons Band vorgespielt habe. Im Laufe des Tages sah er ähnliche Postings von anderen Freunden und Fans. Die abgründigen und chaotischen Platten, die Olson und Gründungsmitglied Nate Young mit Wolf Eyes über die Jahre veröffentlicht haben, scheinen für viele der Soundtrack zum Weltuntergang zu sein.

"Wir dachten: Das ist so schön", beschreibt Olson seine Reaktion auf die Auswahl der Musik seiner Band. "Ich dachte mir, OK, wenn das ein Bewältigungsmechanismus ist, dann sollten wir das allen anbieten."

Auf Vorschlag ihres Managers stellten sie all ihre Musik 24 Stunden lang auf Bandcamp für einen Wunschbetrag zur Verfügung. Sie schwärzten ihre komplette Website bis auf den Satz "Fuck The Patriarchy" und spendeten die fast 3.000 US-Dollar, die sie bei Bandcamp an dem Tag einnahmen, an das Michigan Center for LGBTQ-Youth, die Flüchtlingshilfeorganisation Border Angels und Planned Parenthood.

Es war sonderbar und gleichzeitig herzerwärmend, mit anzuschauen, wie Fremde bei Twitter und Facebook einen gemeinsamen Nenner in Noise-Tapes fanden – zumal Wolf Eyes selten explizit politisch sind. So sehr ihre Musik auch im Chaos schwelgt und die erdrückende Qual reflektiert, auch den nächsten Tag überstehen zu müssen, so abstrakt scheinen diese Gefühle in ihrer Natur zu sein.

Das neue Wolf-Eyes-Album, Undertow, das am 24. März auf ihrem neuen Label Lower Floor erscheint, pickt sich auch keine expliziten Verursacher für die ganze Malaise heraus. Es wurde vor der Wahl aufgenommen und Young, Olson und Gitarrist Jim Baljo verwenden eine eher verwirrende Symbolsprache. Es ist eben schwer, unter atonalem Synthiegequieke oder einer Kakophonie überlagerter Stimmen eine bestimmte Message auszumachen. Trotzdem ist da etwas, das den besorgniserregenden Zustand der Dinge zu adressieren scheint. Kompositionen wie "Thirteen" verfügen über eine zyklische Natur – ein bedrohliches Abebben und Fluten, getrieben von Olsons Saxophon-Plärren und der dreckigen Gitarrenarbeit von Jim Baljo – die einem das Gefühl gibt, dem Grauen nicht entkommen zu können.

Ihre Bandcamp-Aktion war für sich allein bereits ein eindringliches Statement, trotzdem standen Olson und Young im Februar für ein Interview bereit – nur ein paar Wochen nach Trumps Amtseinführung. Sie wollten erklären, warum sie das Gefühl haben, mehr tun zu müssen – ob durch Gesten wie den Bandcamp-Sale, einen anstehenden "Sonic-Protest"-Workshop beim diesjährigen Moogfest oder einfach dadurch, dass sie für die Menschen in ihrem Umfeld da sind. Unten findest du unsere Unterhaltung über politisches Engagement und die Geschichte hinter Undertow, zusammen mit einem neuen Track von Right in Front of You – einer limitierten CD, die bei den vorbestellten Kopien von Undertow dabei ist.

THUMP: Wie geht es euch in diesen turbulenten Zeiten?
Nate Young: Es macht mir wirklich zu schaffen, muss ich sagen.

John Olson: Heute erst hat Trump seinen "Dress Like a Woman"-Tweet abgelassen. Es ist absolut widerlich.

Young: Ja, es läuft nicht so gut.

Olson: Es ist wie erwartet, aber noch schlimmer als ich dachte. Ich dachte, ich würde es einfach ausblenden können oder so und einfach mit meinem Leben weiter machen. Aber jeden verdammten Tag ... Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber zum ersten Mal fühle ich mich so ähnlich wie eine große Menge anderer Menschen. Es fühlt sich irgendwie gut an.

Young: Alle denken das Gleiche: "Ist das beschissen."

Habt ihr deswegen eure Bandcamp-Einnahmen gespendet?
Olson: Wir sind nie Aktivisten gewesen oder haben politische Musik gemacht. Aber wir haben erkannt, dass solch einfache Gesten den Menschen so viel bedeuten. Zum ersten Mal fühle ich mich tatsächlich als Teil einer Sache. Insbesondere in meiner Jugend fühlte ich mich eher als Außenseiter, der nicht verstand, was abgeht.

Politisch oder allgemein?
Olson: Allgemein. In Bezug auf Politik natürlich auch, aber nur insofern sie mein tägliches Leben berührt hat. Das war nicht so oft der Fall, wenn du nicht wirklich aufgepasst hast.

Young: Ich glaube, Menschen aus Michigan haben gerne ihre Ruhe. Heutzutage ist das aber schwer. Es ist schwer, von unserem künstlerischen Konzept abzuweichen und uns nicht unsere eigenen Regeln zu setzen. Aber zumindest können wir uns anschauen, wie wir auf unsere eigene künstlerische Art in einem System, in der Gesellschaft funktionieren. Wir können damit anfangen, anzuerkennen, dass wir Teil der Menschheit sind, anstatt das Gegenteil zu tun.

Olson: Davor wegzurennen.

Young: Du merkst, dass das der Gesellschaft im Großen und Ganzen nicht hilft. Nicht, dass ich viel für die Gesellschaft tun könnte, aber zumindest erkenne ich, dass meine Kunst Menschen bei der Bewältigung der Geschehnisse hilft. Wir sind keine Aktivisten, aber wir interessieren uns für psychisches Wohlbefinden. Das ist etwas, über das wir wirklich sprechen können.

Olson: Wenn du siehst, dass die Freiheit auf dem Spiel steht – Faschismus und der ganze Kram – dann musst du etwas tun, um deinem Standpunkt treu zu bleiben.

Bei eurem Workshop beim Moogfest geht es um klanglichen Protest. Was bedeutet das im Kontext des gesamten Projekts Wolf Eyes, besonders da ihr euch selbst nicht als Aktivisten seht?
Olson: Es gibt Protest in Bezug auf eine politische Sache und dann gibt es Protest in Bezug auf ästhetische Individualität. Es ist mehr eine Art Schrei nach Freiheit und danach, du selbst zu sein, weißt du. Das ist heutzutage auch viel relevanter.

Young: Es geht darum, einen gesunden Weg zu finden, um mit dem derzeitigen Zustand der Dinge umzugehen. Vielleicht kann unsere Musik dabei helfen, zu trösten oder etwas auszudrücken. Was wir beim Moogfest tun wollen, hat mehr mit psychischer Gesundheit zu tun. Und ich hoffe, dass ich Twig Harper dazu holen kann, damit er über einige alternative Therapien sprechen kann, an denen er arbeitet, mit psychedelischen Behandlungen, Pilzen, Salbei und Becken zur Reizabschirmung. Das ist so ähnlich wie das, was wir tun können. Ich denke nicht, dass wir dafür ausgestattet sind, rauszugehen, Leute zu versammeln und einen aktiven Protest zu erschaffen. Aber wir können Leute versammeln und ihnen helfen, zu entspannen und auszudrücken, wie sie sich fühlen, ohne dass sie sich in Gefahr bringen. Und vielleicht können die Gruppen, die wir zu dieser psychischen, geistigen Zusammenkunft versammelt haben, von da aus verschiedene Aktionen ausführen. Ich will Menschen helfen, genau wie jeder andere.

Olson: Es geht mehr um Selbstermächtigung als um Katharsis durch Schreien und Slogans und so.

Young: Heilung kommt von innen. Das ist ziemlich normal, oder? Du kannst dich – oder andere Menschen – nicht körperlich heilen, wenn du nicht psychisch gesund bist. Da setzen wir an, schätze ich. Es hilft auch uns selbst. Für uns selbst zu erkennen, dass wir nicht vollständig hilflos sind. Selbst wenn wir Politik im Großen und Ganzen nicht verstehen – und sie verwirrend und kompliziert ist – sind wir nicht allein.

Was macht ihr auf persönlicher Ebene, um bei dieser ganzen Sache euer psychisches Wohlbefinden beizubehalten?
Olson: Einfach anderen Menschen zuhören und versuchen, unvoreingenommen zu sein.

Young: Ich habe eine Hündin und ich schaue, wie sie mit der Welt interagiert. Ich bin heute aufgewacht, habe meiner Freundin einen Kaffee gemacht, habe ein bisschen gefrühstückt und habe dann einen langen Spaziergang mit meiner Hündin gemacht. Und es ist ungefähr minus fünf Grad draußen, aber es war wirklich toll. Und ich finde das jeden Tag toll.

Olson: Es gibt keinen Donald Trump der Hunde.

In welchem Zusammenhang steht dies mit der Platte, die jetzt erscheint?
Young: Der Titel ist Undertow [dt.: Sog]. Ich denke, das sagt eine Menge. Die Texte wurden vor beinahe fünf Jahren geschrieben, aber sie haben heute eine Menge Bedeutung. [Nate beginnt die erste Zeile der Platte zu zitieren:] "I spent too much time staring outside; this place is never gonna change." Es ist ein Kommentar auf den Underground, aber auch darauf, aus deinem Fenster zu sehen. Es fühlt sich hilflos an. Egal was kommt, dieser Strom wird dich immer wieder einsaugen.

Olson: Es liegt gerade in der Luft, Mann. Es gibt einfach diesen Sog des Schreckens.

"Schrecken" ist vielleicht das richtige Wort für diese Platte, auch wenn sie klanglich gesehen nicht so schwer ist, wie einige andere Sachen, die ihr veröffentlicht habt.
Young: Das liebe ich daran, in dieser Band zu sein: Dass wir weiter verschiedene Gefühle erforschen können, verschiedene Rhythmen, verschiedene Instrumentierungen, verschiedene Stile und das in Ordnung ist.

Was bedeutet es, in dieser Art von Klima ein Dokument des Grauens zu veröffentlichen?
Young: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob wir vollständig die Kontrolle darüber haben. Es geht viel ums Herumprobieren, hier zu improvisieren und da zu wiederholen.

Olson: Wir wandern nicht in Leichentücher gehüllt umher. Wir sind fröhliche Menschen, aber wenn du auf der Bühne bist, dann kommt das raus. Und wir haben hart gearbeitet, um ein Vokabular darum aufzubauen. Als Kind habe ich auf einer Insel gelebt. Dort hatten alle Angst vorm Schwimmen, wegen des Sogs. Und den konntest du sehen, der war da. Er hätte mich wirklich umbringen können. Aber als Erwachsener ist es irgendwie spannend. Dieses Fühlst du das? Es ist etwas um mich herum, das mich einsaugt, wenn diese wundervolle Macht mich trifft und dann wieder weggeht.

Young: Wir haben bereits eine Platte namens Dread [Schrecken] gemacht. Das Wort Undertow alleine hat den Vibe einer Kraft, die dich herunterzieht, aber dich auch wieder zurückbringt. Es gibt eine Art Wiedergewinnung. Es geht mehr um die Natur und das Verständnis, wo du in diese Art von Kreislauf reinpasst. Bei dieser Platte des Schreckens in diesem Umfeld geht es auf jeden Fall um Natur, nicht um diesen spezifischen Mann.

Das ist eine der ersten Platten, bei der ich viele eurer Texte verstehen kann. Nate, hattest du das Gefühl, dass du dieses Mal mehr zu sagen hast?
Young: Ich versuche jetzt seit Jahren, den Platz für meine Stimme zu ergründen. Das ist etwas, das Olson und mir am ersten Tag, als er einstieg, einfiel. Oder zumindest als wir uns gegenseitig in die Augen gesehen haben und wussten, dass wir zusammenarbeiten werden. Es muss eine Form in einem Gemälde geben. Es muss eine Stimme geben. Ich wollte nie Sänger sein; die Stimme musste einfach da sein.

Ich meine, ich hatte immer viel zu sagen. In der Vergangenheit ging es mehr um die Bildsprache. Zum Beispiel darum, selbst Comicbuch-mäßige Heavy-Metal-Szenen auszudrücken. Wie einen Stich ins Gesicht. Horror. Aber ich habe mittlerweile mehr zu sagen als nur irgendwelche Bildsprache, die ich teilen möchte. In unserer Musik geht es generell mehr um uns – darum, wer wir individuell und kollektiv als Gruppe sind. Viele Bands haben nicht dieses Glück, so lange zusammenzuarbeiten. Hättest du mir diese Fragen noch vor fünf Jahren gestellt, hätte ich keine Antwort für dich gehabt. Ich hätte sie wohl mit einem Achselzucken bedacht und gesagt: "Ich weiß nicht, Mann."

Ihr wart auch schon während der Bush-Ära eine Band. Wie war das Durchleben dieser Zeit im Vergleich zu euren Gefühlen in diesem Jahr?
Olson: Wir haben ungefähr zwei Wochen nach 9/11 unsere Kollaboration mit Black Dice fertiggestellt. Das fühlte sich dem sehr ähnlich, was gerade passiert.

Young: Ich wurde in Europa durch die Straße gejagt und Leute haben etwas gesagt wie: "Das ist das Problem mit euch Amerikanern, ihr wollt darüber nicht sprechen." Außerhalb der USA zu touren war schlimm. Es gab viele antiamerikanische Graffitis an den Orten, an denen wir waren. Die Bush-Ära war scheiße. Sie war brutal.

Hast du das Gefühl, dass du mit dem Gefühl heute besser zurecht kommst als damals?
Young: Wir haben eine Präsidentschaft durchlebt, die uns verroht hat. Und wir haben einfach versucht, uns davor zu verstecken, den Kopf einzuziehen und zu sagen: "Fickt euch, Leute, ich habe meine eigenen Regeln, ich mache mein eigenes Ding." Leute abzuweisen und zu sagen: "Oh Mann, ich habe keine Zeit darüber zu reden – ich habe ihn nicht gewählt." Das ist ein Teil des Problems.

Wir sind jetzt sicherlich besser gerüstet. Wir haben das mit allen anderen durchgemacht. Was wir daraus gelernt haben, ist: Egal, für was du stehst, wenn du für nichts stehst, dann bist du Teil des Problems.

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