Ärzte auf Abruf

Eine neue App will der Doktor deines digitalen Vertrauens sein, und verspricht Heilung der winterlichen Erkältungswelle ohne Rumhängen im Wartezimmer.

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12 Dezember 2013, 7:20am

Screenshot via Doctor on Demand

Wir leben im Jahr 2013, also warum können unsere Telefone nicht unsere Krankheiten diagnostizieren? Genau dies möchte eine neue App mit dem Namen Doctor on Demand nun ändern. Patienten können lässig auf ihren Arztbesuch verzichten und stattdessen per Video-Chat mit einem Doktor reden—und beweisen, dass selbst die Medizinbranche nicht immun ist gegen unserer Verlangen nach allumfassender Digitalisierung.

Doctor on Demand ist nicht die erste App, die versucht das antiquierte Konzept des Arzttermins zu überwinden, aber es ist wahrscheinlich die benutzerfreundlichste. Abgesehen davon bietet die App einen Promi-Bonus: Mit von der Partie sind als Unterstützer Google und „Dr. Phil", der die Idee zusammen mit seinem Sohn—einem der Mitgründer des Startups—erdachte.

Das Konzept ist recht simpel: Für 40 Dollar kriegst du 15 Minuten mit einem der Doktoren, die gerade „im Dienst" sind. Die „behandelnden Ärzte" bekommen 30 Dollar pro virtuellem Besuch und die anderen 10 Dollar gehen an die Firma. Das Unternehmen wurde von einer illustren Runde gegründet: Startup-Veteran Adam Jackson, Radiologe Dr. Pat Basu und Jay McGraw, Sohn von Dr. Phil und Produzent der Reality-Show The Doctors.

Nach nur zehn Klicks und dem Zücken der Kreditkarte werden dir deine Beschwerden diagnostiziert und Medikamente verschrieben. Und das alles ohne vom Sofa aufzustehen, ganz zu Schweigen vom lästigen stundenlangen Rumhängen in Warteräumen. Der Bequemlichkeitsfaktor alleine könnte schon ein Grund sein, weswegen die Leute Telemedizin ernst nehmen—das hoffen zumindest die Investoren von Google Ventures, Andreessen Horowitz, Venrock, und Shasta Ventures, die insgesamt 2,2 Millionen Euro an Risikokapital einbrachten.

Aber glauben wir wirklich, dass das eine gute Idee ist? Wollen wir unsere körperliche und mentale Gesundheit wirklich von ein paar Minuten mit einem virtuellen Fremden abhängig machen? Ist es überhaupt sicher?

Bezüglich des letzten Punkts empfiehlt die Firma die App nur für die gewöhnlichen Gesundheitsprobleme zu nutzen, wie Erkältungen oder Bauchschmerzen, aber nicht für ernste Krankheiten, wie Krebs. Auch wenn die Ärzte „auf Abruf" grundsätzlich Medikamente verschreiben können—zugangskontrollierte Medikation ist auf diesem Wege nicht zu bekommen. Solltest du nur bis hierher gelesen haben, weil du glaubst überall im Internet kannst du es dir in dunklen Ecken bequem machen, und gehofft haben auf diesem Wege zu einem fake-verschriebenen Cannabis-Konsum zu kommen, muss ich dich leider enttäuschen.

Laut Doctor on Demand solltest du nur wegen folgender gesundheitlicher Probleme den Tele-Arzt deines Vertrauens konsultieren:

  • Erkältung, Grippe, Husten, Fieber, Allergien
  • Kurzfristige Rezept-Verschreibungen
  • Harnwegsinfektion
  • Fieber bei Kindern
  • Erbrechen / Durchfall
  • Geschlechtskrankheiten
  • Hautausschläge / Bisse / Hautprobleme
  • Sportverletzungen, Fußpilz
  • Raucherentwöhnung
  • Allgemeine medizinische Frage: „Soll ich damit zum Arzt gehen, oder nicht?"

Eine allgemeine Sorge bei telemedizinischen Diagnosen lautet, dass Ärzte Symptome übersehen könnten, die schwerer auf dem virtuellen Wege als von Angesicht zu Angesicht zu erkennen sind. Die App versucht das Problem anzugehen, indem sie den Patienten die Möglichkeit gibt, während des Videogespräches Fotos in hoher Auflösung zu machen.

Aber das kann auch nicht die tiefgründigeren Sorgen beruhigen,, dass das Gesundheitssystem sich von der traditionellen Idee des Hausarztes wegbewegt. Kann ein Fremder mit Fotos in hoher Auflösung deine Krankheiten besser verstehen, als ein Allgemeinmediziner, der dich schon dein ganzen Leben lang kennt? Durchaus fraglich. Dennoch sind die neuen Ärzte vom digitalen Dienst ausgebildete Mediziner— und 1.000 haben sich schon angemeldet. Ihre Qualität wird letztlich über Patientenbewertungen auf einer Scala von 1 bis 5 reguliert.

Das ganze ist auch auf andere Weise noch eine Frage der Sicherheit: Wie hält man sensible medizinische Daten und Fotos der Benutzer privat und sicher? Die App ist kompatibel mit dem amerikanischen Bundesgesundheitsschutzgesetz HIPAA, dem Health Insurance Portability and Accountability Act. Trotzdem, Handys können gehackt werden. Außerdem ist die Rechtmäßigkeit der Telemedizin noch nicht vollständig geklärt.

Vorgestern ging die App in 15 amerikanischen Bundesstaaten online und 25 weitere sollen bald folgen. Aber an den meisten Orten in den USA ist nach wie vor eine Arzt-Patienten-Beziehung von Angesicht zu Angesicht vorgeschrieben.

Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob telemedizinische Anwendungen signifikant positive oder negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben werden. Die neue App jedenfalls muss noch zeigen ob sie wirklich tiefgreifende Veränderungen bringen wird— die auch die älteren Modellen von American Well, TelaDoc, Interactive MD, Healthcare Magic versprochen haben. Noch ist es zu früh zu sagen, ob ein Arzt in der Hosentasche die Zukunft der Medizin sein wird.