Shiny Flakes beweist: Der Drogenboss-Typus Pablo Escobar hat ausgedient
Nicht Pablo Escobar—er besaß keinen Laptop. Bild: Shutterstock und ​Flickr​Ester Vargas | ​CC BY-SA 2.0. Montage Vice Media

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Shiny Flakes beweist: Der Drogenboss-Typus Pablo Escobar hat ausgedient

Der Drogenhandel von morgen wird weniger von gewalttätigen Kingpins dominiert sein, sondern verlangt einzelgängerische, vorsichtige Nerds mit Hirn und technischem Verständnis.
7.4.15

Die ​unglaubliche Karriere des 20-Jährigen Betreibers von ​Shiny Flakes als wohl umsatzstärkstes Start-up Sachsens verändert das Bild, das Händler, Kunden, Polizisten und geneigte Beobachter in Deutschland vom Drogenhandel bislang hatten. Es ist zwar nicht absehbar, wie groß der Anteil des Drogenhandels im Darknet tatsächlich ist, fest steht allerdings, dass die bei der Razzia im Norden Leipzigs sichergestellte Menge nicht weniger als einen der größten Drogenfunde in der Geschichte deutscher Polizeiarbeit markiert:

Der inzwischen verhaftete Shiny Flakes-Betreiber Moritz* lagerte in seinem Jugendzimmer 320 Kilogramm verschiedenster Substanzen von Speed bis MDMA. Dabei handelte es sich lediglich um die Ware für den aktuellen Handel—der Monatsumsatz des bunten Drogenangebots dürfte noch einmal um einiges höher sein.

Verlagert sich also auch in Deutschland der Drogenhandel zunehmend ins Internet und ins Darknet? Seit mit Silk Road im Februar 2011 der erste große Darknet-Marktplatz online ging vor allem in den USA und auch Großbritannien ein stetiges Wachstum des Online-Drogenhandels zu verzeichnen. Die Festnahme des Silk-Road-Admin Ross Ulbricht verdeutlicht das Ausmaß, dass das Geschäft in nur zwei Jahren angenommen hatte: Alleine auf einem von Ulbrichts Computern wurden Bitcoins in Höhe von rund 80 Millionen Euro sichergestellt.

​Exklusiv-Interview mit dem Shiny Flakes-Admin: Wie ein 20-Jähriger Leipziger seinen Drogen-Shop aufbaute

Seit wir in der deutschen Motherboard-Redaktion Anfang des Jahres 2013 im Zuge der Arbeit an unserer Darknet-Dokumentaion Berichterstattung verstärkt zum Darknet recherchieren, beobachten wir dort eine stetige Zunahme auch deutscher Händler— ​vom Verkäufer eines angeblichen Anti-Suchtmittels über ​Waffenhändler bis hin zu ​mehr und mehr digitalen Drogenvertrieben, die auf Shiny Flakes' Shopsystem aufbauen.

Shiny Flakes war das Geld egal. Statt Blackjack und Nutten wurde streng reinvestiert.

Der Drogenhandel auf Darknet-Schwarzmärkten ist zwar aufgrund des Zolls zumindest im Endkunden-Geschäft und bei größeren Bestellungen bis zu einem gewissen Grad auf nationale Geschäfte konzentriert, aber dass mehr und mehr Händler den Gang ins Netz suchen, um ihre Geschäfte aufzubauen, ist auch in Deutschland unverkennbar.

Bild: Theresa Locker/MOTHERBOARD

Das genaue Ausmaß des Online-Handels ist schwer abzusehen, da weder das BKA noch die deutschen Landeskriminalämter hier seperate Statistiken führen und auch auf unsere Anfragen bisher keine genaueren Angaben machen konnten. In einer zunehmend vernetzten und digitalisierten Welt liegt es aber nahe, dass das neue Dealer-Typen den Handel aufmischen und das klassische Pablo Escobar-Modell langsam aber sicher ersetzen oder ergänzen. Gerade in der vergangenen Monaten zeigen unsere Recherchen, dass auch bisher nur offline agierende Händler Darknet-Dependencen eröffnen, während andere Händler stolz über expandierende Geschäfte berichten.

​Mein Mitbewohner, der größte Darknet-Dealer der Welt

Der Drogen-Kingpin von heute muss sich nicht mehr zwangsläufig bewacht von einer Privatarmada, in seinem Reich im Inneren einer Villa verschanzen und mit Straßengewalt sein Revier verteildigen—Verschlüsselung, Computer-Skills und Schlachten in Kommentarspalten und eiserne Nerd-Disziplin sind die Waffen im Deepweb-Handel.

Shiny Flakes' Erfolg zeigt, dass viele klassische Prinzipien und Arbeitsmethoden des klassischen Drogenhändlertums nicht mehr gelten:

Finanzierung

Als ultimative Statussymbol im Drogenhandel gilt Bargeld—die meisten Menschen werden kriminell des schnellen Geldes wegen. Hat man Geld gemacht, stellt man es gern zur Schau: Dicke Karren, teure Anzüge, Kokspartys mit Escort und von Handlangern bewachte Villen sind die klassischen Insignien des machistischen Drogenhändlers, der es „geschafft" hat und seinen Reichtum ausgibt. Nicht umsonst git es unzählige Instagram-Accounts von Drogendealern, die sich eingekuschelt mit Geldbündeln ablichten lassen, als handele es sich um das Neugeborene.

Das Ende von Shiny Flakes: Aufstieg und Fall eines 20-jährigen Online-Dealers

Moritz dagegen war Geld schnuppe. Er gab nichts aus, sondern reinvestierte das gemachte Geld brav in neue Drogen, statt sich die Nächte mit Blackjack und Nutten um die Ohren zu schlagen. Das erfolgreichste Start-up Sachsens legte eine geradezu schwäbisch disziplinierte Haushaltsführung an den Tag, die jeden Gründerzuschuss überflüssig macht. Ausnahme: Nur einmal, so erinnert sich seine Mutter, kaufte sich Moritz Schuhe. Diese Vorsicht mag ein Grund für das lange Bestehen des Shops gewesen sein.

Der Geldfluss selbst wird im Darknet weitestgehend über Bitcoins oder andere Krypto-Währungen geregelt, deren Spuren nicht zu entschlüsseln sind. Es ist zwar einige Vorsicht und ein gewisses Jonglieren mit den vorhandenen Bitcoins nötig, wenn der Handel ein großes Ausmaß annimmt, aber die Geldwäsche wird digital dann doch extrem erleichtert.

Andererseits flog Shinys Millionen-Business letztlich durch ein paar Cent zu wenig auf, die er bei manchen Sendungen vergas. Mit einer Frankiermaschine wäre es nie soweit gekommen. So sind es auch im digitalen Drogenhandel gerade die Anfängerfehler, die zur Festnahme führen.

Kontakte

Ein 20-jähriger sitzt zu Hause und lässt die Großlieferanten anrollen, die ihm kiloweise Drogen anvertrauen—ohne Netzwerk, ohne Standing in der Szene—so etwas ist wirklich völlig neu.

Shiny scheint zwar mit der nötigen Arroganz gesegnet gewesen zu sein, aber er tut sich nicht durch Gewalt hervor—er schreibt höchstens mal ab und an einen bösen Brief an nervige Kunden. Er möchte einfach nur in aller Ruhe sein Geschäft abwickeln und sucht sich deshalb ein Gebiet für seinen Verkauf aus, das nicht territorial besetzt ist, bei dem er sich keine Revierkämpfe liefern muss und für dessen Verkauf er nur ab und zu zur Packstation laufen musste.

Kunden

Bild: Theresa Locker / MOTHERBOARD.

Shiny Flakes hat sich im Gegensatz zu Drogenverkäufern auf der Straße, die möglichst unauffällig bleiben wollen, aktiv online vermarktet. Er hat nicht nur Werbung gemacht, sondern in gewisser Weise auch Öffentlichkeitsarbeit durch Gesprächsbereitschaft betrieben—und seine Kunden dort abgeholt, wo sie sich am wohlsten fühlten: Im Darknet. Leider hielt das viele seiner Kunden nicht davon ab, selbst banalste Sicherheitsvorkehrungen zu ignorieren—was ihnen nun zum Verhängnis werden könnte.

Seine Kunden hielt Shiny Flakes an der kurzen Leine, schickte aber immerhin noch ein Tütchen Gummibärchen mit jeder Bestellung mit. Ein gute Dosis Wohlfühl-Service kann also auch im Darknet nicht schaden.

Arbeitsethos

Als Drogenbaron will man vor allem eines: Delegieren, um nicht mehr selbst arbeiten zu müssen. Daher wird im Zusammenhang mit Shiny immer wieder von gesprengten Drogenringen berichtet, doch Moritz ist ein Einzelgänger und zieht seine Operation ganz Kontrollfreak-mäßig im Alleingang hoch—eine Tatsache, die so unglaublich scheint, dass sie noch immer in Kleingangster-Foren heiß debattiert wird:

„Er issn PC-Nerd, der Glück hatte mehr net. Oder erklärt mir wie man sonst zu Pressern und Großhändler Kontakt aufnimmt."

„Er muss Leute gehabt habend ie nur für ihn gearbeitet haben, weil er Teile hatte und andere Sachen, die sonst keiner hatte. BK Teile, Heineken, UPS……"

Auch wenn es unglaublich erscheinen mag: Unsere Recherchen zum Ende von Shiny Flakes zeigen aber deutlich, dass der 20-Jährige Moritz als Betreiber und Chef tatsächlich weitestgehend allein gehandelt hatte.

Technik

Shiny Flakes' Hauptvorteil im schnellen Aufbau seines Geschäfts war sein gutes technisches Verständnis im Umgang mit Anonymisierung und Verschleierung seiner Vertriebswege. Dieses Nerd-Wissen hat er sich über mehrere Teenie-Jahre wohl tatsächlich ebenfalls weitgehend im Alleingang angeeignet.

Das technische Wissen um die schöne neue digitale Welt bietet nicht nur einen Vorsprung vor der Konkurrenz älterer Drogenhändler, sondern vor allem vor der Polizei.

Während der Pressekonferenz auf der die Leipziger Polizei stolz über ihren Ermittlungserfolg berichtete, sprachen die ermittelnden Beamten immer wieder von IT-Spezialisten, die „Licht ins das Darknet bringen". Unserer Bitte nach einem Interview mit diesen deutschen Darknet-Sheriffs ist man aber vier Wochen später immer noch nicht nachgekommen.

Das liegt weniger daran, dass die sächsischen Deepweb-Crime-Spezialisten so geheim sind—es gibt sie schlicht nicht.

* Name abgeändert.