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Tech

Auf der transmediale läuft ein Elektroschrott-Cyborg rum

Daniël Ploeger hat sich beim Art Hack Day in Berlin alten Draht in seine Haut nähen lassen, der ein pulsierendes magnetisches Feld ausstößt.

von Anne Lachmann
31 Januar 2014, 9:39am

Aller Bilder sind Screenshots verwendet mit freundlicher Genehmigung von Arte Creative.

Der Art Hack Day auf der transmediale hat die Welt mit einem Elektroschrott-Cyborg beschenkt, der unterhalb seines Bauchnabels eine alte TV-Spule einem neuen ungewissen Nutzen zuführen will. Daniël Ploeger ist Künstler und eher experimentell orientierter „Cyborg", der sich mit seinem Kollegen Jelili Atiku für sein neuestes Projekt elektronischen Schrott aus Nigeria mitgebracht hat. Anschließend ließ er sich die Ablenkspule aus einem alten Fernseher direkt unter den Bauchnabel nähen, wodurch er jetzt in einem Umkreis von ein paar Zentimetern elektromagnetische Wellen abgeben kann.

Die komplette „Installation" des Künstlers, die ich alternativ auch als „Einnähen von altem Draht in die Haut" bezeichnen würde, zeigt das folgende Video in schöner Nahaufnahme, die eher nichts für zartbesaitete Zeitgenossen ist. Besonders blutspritzend und eklig ist es zwar nicht, aber doch irgendwie leicht verstörend.

Die Ablenkspule ist ein Elektromagnet und kommt aus einem alten Fernseher von einer Mülldeponie aus Nigeria. Der Künstler hat die Spule auseinandergenommen und sich Teile davon, also den Draht, von Bodypiercer Dirk Hückler auf die Haut nähen lassen. Ein bisschen wie ein Oberflächenpiercing, wie ich finde.

Aller Bilder sind Screenshots verwendet mit freundlicher Genehmigung von Arte Creative.

„Wenn ich den Draht in meinem Bauch durch die Kabelverbindungen unter Strom setze, dann baut sich ein magnetisches Feld auf", erklärt er. Für die Zeit der Ausstellung wird er also als e-Waste Cyborg durch den Veranstaltungsort im Haus der Kulturen der Welt laufen und ein pulsierendes magnetisches Feld ausstoßen. „Das magnetische Feld wird allerdings so schwach sein, dass man es nur mit einem Magnetometer messen kann. Deswegen ist es auch nicht gefährlich", fügt er hinzu. Während der Ausstellung hält Daniël seinen Bauch ab und an ganz nah an einen Magnetometer zum Beweis seiner Übermenschlichkeit.

Im Müll herumwühlen und Preise von kaputten alten Computer aushandeln, war nur der erste Projektteil von „Body of Planned Obsolescence".

Auch wenn ganz verschiedene Arten von Cyborg-Prototypen vermehrt in unserem Alltag auftauchen und die Aufrüstung ihres Körper für unseren beweisen wollen, so sind sie immer auch utopische Wesen und mit irgendeiner Art von Vision verbunden. Während Tim Cannon mit seiner Chip-Implantation den Beweis antreten will, dass jeder mit DIY-Mitteln ein Cyborg werden kann, so beschäftigen sich Wissenschaftler wie Kevin Warwick mit der Schnittstelle des menschlichen Nervensystems und Computersystemen.

„Viele Künstler haben in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten mit der Idee des Cyborgs gearbeitet. Allerdings haben die sich überwiegend mit der Thematik, ‚State-of-the-Art'-Technologie in den Körper zu implantieren, befasst, um dann eine Art utopischer Idee zu propagieren, was aus der Zukunft des menschlichen Körpers noch werden kann, wenn wir kontinuierlich am Fortschritt von technologischen Implantaten weiterarbeiten", sagt der Künstler. 

Doch Daniël Ploeger hat für seinen magnetischen Bauch andere Pläne. Für ihn gilt es nicht, mit technologischem Fortschritt den menschlichen Körper zu verbessern. Seine Version des e-Waste Cyborgs zeigt eine sehr intime Art und Weise, wie man sich mit Abfall beschäftigen kann. Abfall, der ursprünglich aus Europa kommt und von ihm und seinem Kollegen Jelili Atiku persönlich auf einer Mülldeponie in Lagos, Nigeria, ausgesucht wurde. Eine Woche verbrachten die beiden Künstler in Lagos damit, den richtigen Schrott auszusuchen. 

Das Herumwühlen im Müll und das Verhandeln der Preise von nicht intakten, alten Computer war der erste Abschnitt des Projektes „Body of Planned Obsolescence". Laut Daniël ist seine vorübergehende e-Waste-Cyborg-Erscheinung nur ein kleiner Teil eines langjährigen, wissenschaftlichen und künstlerischen Projekts, das sich mit Menschlichkeit und geplanter Obsoleszenz auseinandersetzt. Die künstlerische Gestaltung von elektronischem Abfall von Jelili Atiku kann man irgendwie nicht so ganz von dem Draht im Bauch trennen. In Jelili Atikus' Projekt lassen sich nicht nur die Bestandteile der Spule finden, die sich Daniël in den Bauch hat nähen lassen. Es zeigt einen funktionierenden Bildschirm, auf welchem eine Dokumentation der Müllsuche konstant abgespielt wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Daniël mit dem menschlichen Körper, Kunst und Technik auseinandersetzt. Eher im Gegenteil, der menschliche Körper scheint es ihm angetan zu haben und nicht selten präsentiert in seiner entblößten Form. In diesem Video zeigt er die Anwendung einer Elektrode als Intra-anal-Sonde. Ein modifizierter Peritone EMG-Sensor registriert die Aktivität seines Schließmuskel. In diesem Projekt faket er den Orgasmus eines anonymen Subjektes aus dem Jahr 1980.

Auch ganz interessant ist seine Vorlesung am Centre for Contemporary and Digital Performance mit dem Titel „Think Critical/Looking Sexy".

Auf jeden Fall sehen wir hier nicht den typischen Cyborg mit seinen üblichen dysoptischen oder utopischen Fantasien. Stattdessen möchte Daniel einen alternativen Blick auf den menschlichen Körper, Transhumanismus und die Funktionalität von Maschinen entwickeln, was er in seinen Publikationen „Being Human as Evolving Memory: art and posthumanism in the present tense" auch ausgiebig beschreibt. 

Und wer weiß, vielleicht ist die Nummer mit dem Draht im Bauch auch der Schlüssel zu ganz neuen Dingen. Magnetische Cyborg-Sex-Toys oder so. Oder der Schmuck der Zukunft.

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