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Neurowissenschaftler haben erstmals die Blut-Hirn-Schranke durchbrochen

Im Rahmen einer Chemotherapie haben Mediziner in Toronto mit Hilfe von Ultraschall gezielt lebensrettende Medikamente in erkrankte Hirnregionen geschickt.

von Jordan Pearson
11 November 2015, 4:26pm

Bild: Flickr/digital cat | CC BY 2.0

Den Asteroidengürtel—eine Ansammlung von Asteroiden und Zwergplaneten zwischen Jupiter und Mars—hielten Astronomen einst für unmöglich zu durchqueren. Doch am 16. Juli 1972 raste die Raumsonde Pioneer 10 durch die unüberwindbar geglaubte Barriere und öffnete den Weg für die Erkundung des äußeren Sonnensystems.

Die menschliche Blut-Hirn-Schranke, ein hochselektiver Zellfilter, hatte soeben ihren Pioneer-10-Moment. Während die Blut-Hirn-Schranke einerseits gefährlichen Neurotoxinen und Krankheitserregern den Weg ins Hirn verwehrt, blockiert sie andererseits auch lebensrettende Krebsmedikamente und erschwert so die Behandlung neurologischer Erkrankungen.

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Erstmals schafften es nun jedoch Ärzte im Rahmen einer Chemotherapie am Torontoer Sunnybrook-Krankenhaus, mit Hilfe von Ultraschallwellen unser physiologisches Filtersystem zu durchbrechen und die Wirkstoffe gezielt in die betroffenen Hirnbereiche zu schicken.

Und so funktionierte die Behandlung in Toronto: Die Ärzte führten zunächst das Medikament samt winzigen Luftbläschen in den Blutkreislauf ein. Anschließend dehnten sie die Bläschen per Ultraschall aus und ließen sie sich wieder zusammenziehen. Durch diese Expansion und Kontraktion wurden kleine Risse innerhalb des Zellengeflechts, aus dem die Blut-Hirn-Schranke besteht, erzeugt, durch die das Medikament passieren konnte.

„Bei der traditionellen Chemotherapie muss man große Dosen anwenden, die Schäden im ganzen Körper anrichten."

Bisher werden einem Krebspatienten möglichst viele Chemotherapeutika verabreicht, in der Hoffnung, dass einige die Blut-Hirn-Schranke passieren. Dies führt aber häufig zu neuen Erkrankungen des Körpers, welche wiederum mit weiteren Medikamenten behandelt werden müssen. Sollte sich die Technik als sicher und verlässlich herausstellen, könnten Mediziner die herkömmliche, sehr risikoreiche Form der Chemotherapie revolutionieren.

Neben Krebs sind auch Alzheimer und Parkinson zwei neurodegenerative Erkrankungen, die in Zukunft mit Medikamenten behandelt werden könnten, welche per Ultraschall durch die Blut-Hirn-Schranke befördert würden, so Forschungsleiterin Allison Bethune, klinische Forschungskoordinatorin für Neurochirurgie am Sunnybrooke gegenüber Motherboard.

„Durch die fokussierte Ultraschalltechnik kann man die Chemotherapie direkt auf den Krankheitsherd konzentrieren", so Bethune weiter. „Bei der traditionellen Behandlung muss man große Dosen anwenden, die Schäden im ganzen Körper anrichten. Es stehen nun die Türen offen, mit einer ähnlichen Technik auch andere Krankheiten zu behandeln."

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