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Amokläufer-Fanszene auf YouTube und Steam rückt ins Visier deutscher Ermittler

Nach der Festnahme des 15-jährigen Ludwigsburgers konzentriert sich die Polizei zunehmend auf Mitglieder Amoklauf verherrlichender Communities.

von Johannes Hausen
29 Juli 2016, 2:32pm

Deutsche Mitglieder des Gaming-Portals Steam und der Video-Plattform YouTube scheinen verstärkt ins Visier der Ermittler im Fall des Münchener Amoklaufs geraten zu sein. Schon zu Beginn der Ermittlungen gegen David S. war bekannt geworden, dass dieser mit mehreren Profilen auf Steam angemeldet gewesen war, wo er unter anderem den Egoshooter Counter-Strike zockte.

Während diese Erkenntnis für einige Stimmen ausreichte, um tatsächlich die hysterische „Killerspiel-Debatte" zu reanimieren, konzentrierten sich andere Medien und Ermittler vor allem auf die Kommentare von David S., mit denen er auf Steam Amokläufern wie Tim K. aus Winnenden oder den Columbine-Tätern gehuldigt hatte. Als dann am Montag die Festnahme eines 16-Jährigen Freundes von David S. verkündet wurde, fiel seitens der Staatsanwaltschaft München abermals der Begriff Counter-Strike. Ob sich die beiden Gamer dabei auch über Steam ausgetauscht hatten, wurde nicht bekanntgegeben. Allerdings habe der 16-jährige von der Waffe des Münchener Amokläufers gewusst, sich kurz vor der Tat mit diesem am Tatort getroffen, und außerdem ähnliche Amokfantasien gehabt.

Spätestens, seitdem in der Nacht zum Dienstag ein 15-jähriger Ludwigsburger und weiterer Bekannter von David S. vorläufig festgenommen wurde, rückt eine sowohl auf Steam als auch auf YouTube aktive deutschsprachige Community ins Blickfeld: Tatsächlich gibt es hier eine kleine Gruppe von Usern, in der Amokläufe anhand von Bildern und selbst erstellten Videobeiträgen glorifiziert werden und deren Mitglieder—zumindest teilweise—mit David S. in Kontakt standen.

Wie von Motherboard gesammelte Indizien nahelegen, war es der deutsche Redditor baudusau, der mit selbstständigen Recherchen, die er auch auf der Diskussions-Plattform Reddit veröffentlichte, die Beamten erstmals auf die Gefahren von einem Amokläufe glorifizierenden Steam-User aufmerksam machte. Der 15-jährige Ludwigsburger, der in der Nacht zum Dienstag verhaftet wurden, hatte in seiner Wohnung verschiedene Gegenstände, die darauf hindeuten, dass er einen Amoklauf plante. Laut Polizeibericht hat der 15-Jährige „Fotos und Zeichnungen veröffentlicht, die auf eine mögliche Amoktat hindeuteten." Ausfindig gemacht hatte baudusau den 15-Jährigen über den mutmaßlichen Steam-Account von David S. Beide sollen auf Steam „nach SWR-Informationen Bilder von Waffen ausgetauscht und frühere Amoktaten verherrlicht" haben und „nach ersten Ermittlungsständen [vorgehabt haben], Amoktaten in mehreren Städten umzusetzen." Das bayerische LKA untersuche derzeit die Chat-Verläufe der beiden und ließ über einen Sprecher erklären: „Inhalte der Chats geben wir nicht bekannt. Wir werten das jetzt alles aus—und bewerten es."

Unterdessen hat sich auf YouTube ein Nutzer gemeldet und in einem selbst erstellten Videobeitrag die selbständigen Recherchen von baudusau, die mutmaßlich zur vorläufigen Festnahme des 15-jährigen Ludwigsburger geführt haben, scharf kritisiert. Über das Aktivitätenprotokoll des mutmaßlichen YouTube-Account des Ludwigsburger konnte Motherboard nachvollziehen, dass beide YouTuber das Profil des jeweils anderen gekannt haben müssen. Und so nennt der ominöse Nutzer gar den Klarnamen des verhafteten Ludwigsburgers, den er als einen seiner „Informanten" bezeichnet. (Das Video liegt Motherboard vor, jedoch haben wir uns aufgrund des teilweise drastischen Contents und der darin geäußerten Drohungen dagegen entschieden, es zu verlinken oder einzubinden.)

Bevor der YouTuber den Redditor baudusau massiv angeht, spricht er von sich und „seinen Amoklauf-Informanten" auf Steam, in dessen Kreis sich auch David S. bewegt habe. Der YouTuber erzählt auf seinem Kanal mehrere bekannte Amokläufe anhand selbst erstellter Videobeiträge mit sarkastischen Kommentaren nach und erklärt in einem dieser Clips, von einem weiteren deutschen YouTuber unterstützt zu werden, der echte „Leaks" von den entsprechenden Tatorten besorge. Er erklärt, dass seine „Informanten" nun in „die Schusslinie der Kripo" gefallen seien, als „potenzielle Mitwisser nach § 138 StGB".

Tatsächlich hatte die Polizei München schon nach der Verhaftung des 16-jährigen Freundes von David S. erklärt, „wegen des Verdachts der Nichtanzeige einer geplanten Straftat nach § 138 StGB zu ermitteln".

Schon im Thread von „baudusau" meinten andere Redditor herausgefunden zu haben, dass mehrere deutsche YouTube-Nutzer, die auf ihren Accounts zumindest eine große Faszination für die Täter zeigen und Amokläufe anhand von Gaming-Videos nachstellen, auf Steam mit dem mutmaßlichen Account von David S. befreundet seien. „Wie krank das alles ist. Hätte nie gedacht, dass es sowas wie eine Szene oder so gibt, oder dass sich diese Freaks auch noch untereinander vernetzen", schreibt Nutzer Alcatrutzt.

Die Diskussion darum, wie es dazu kommen kann, dass ein Lone Wolf-Täter wie David S. zur Waffe greift, ist derweil in vollem Gange. Klar ist schon jetzt, dass David S. bei seinem Amoklauf alleine gehandelt hat, aber auch, dass er vor der Tat Mitwisser hatte. Inwieweit er sich über Steam mit anderen Nutzern, darunter möglicherweise Amoklauf-Sympathisanten, über seine Tat oder eventuelle andere Vorhaben ausgetauscht hat, werden die weiteren Ermittlungen zeigen müssen. Angesichts der tragischen Ereignisse von München bleibt zu wünschen, dass Amoklauf-Sympathisanten, wie sie auf YouTube und Steam unterwegs sind, künftig rechtzeitig die dringend benötigte psychotherapeutische Unterstützung zuteil wird, welche verhindern kann, dass Fantasien in der Realität ausgelebt werden.

Redditor und „damit unweigerlich später auch der Staat" hätten derzeit drei weitere seiner Freunde auf ähnliche Weise im Visier, wie im Fall des Ludwigsburgers, erklärt der YouTuber weiter. Auf eine Anfrage von Motherboard hat er bisher nicht reagiert.

Die Polizei bemüht sich derweil zu betonen, dass sogenannte Trittbrettfahrer, die sich aus der Androhung eines vermeintlichen Amoklaufs einen Spaß machen, mit empfindlichen Strafen zu rechnen haben: „Dieses widerliche Verhalten kann nicht nur strafrechtliche Folgen haben, es werden auch erhebliche finanzielle Konsequenzen auf den Einzelnen zukommen [...] Pro eingesetztem Beamten und Stunde stellen wir jeweils 54 € in Rechnung. Kommt ein Hubschrauber zum Einsatz, werden 3.460 € pro Stunde in Rechnung gestellt", erklärte beispielsweise die Polizei München auf Facebook.

Der Autor nimmt weitere Hinweise zur Amoklauf-Community auf Steam und YouTube auch gerne auf Twitter entgegen.

Update: In einer früheren Version dieses Artikels wurde die Nationalität des 16-jährigen erwähnt, obwohl diese Information tatsächlich nichts zum Verständnis der konkreten Situation beiträgt. Wir haben diese entfernt und bedauern diese fälschlich veröffentlicht zu haben. Wir haben außerdem eine Erläuterung hinzugefügt, warum wir eines der besprochenen Videos nicht verlinken oder einbetten.