“Wir waren arm, aber arm und frei” – raster-noton über die alternative Musikszene der DDR und Nachwendezeit
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“Wir waren arm, aber arm und frei” – raster-noton über die alternative Musikszene der DDR und Nachwendezeit

Man legte mit Kassetten auf und hatte seine eigenen Kraftwerk. Das einflussreiche Chemnitz-Berliner Experimentallabel raster-noton blickt für uns auf die Jahre vor seiner Gründung zurück.
23.3.17

Foto oben: das Gründertrio von raster-noton: Olaf Bender, Carsten Nicolai und Frank Bretschneider (r.). Die Fotos 2 und 4 zeigen wiederum AG Geige bei Auftritten in Zürich und Frankfurt. Alle Fotos vom Label

400 Seiten. 166 Fotos. Drei Kilo Gewicht. Und dieser markant schlichte Grauverlauf … Das Chemnitz-Berliner Label raster-noton steht seit mittlerweile über 21 Jahren für elegante, provokant minimalistische Designs und noch mehr für elektronische Musik, die das Lebensgefühl einer digitalisierten Welt vorwegnahm – und bis heute aufrüttelt. Ihr neues Werk source book 1 bringt das ziemlich gut auf den (analogen) Punkt. Der Jubiläumsband blickt zurück auf die Geschichte der beiden heutigen Betreiber Olaf Bender und Carsten Nicolai sowie ihrer Mitstreiter*innen, und versammelt auf einem zusätzlichen Sampler Musik von u.a. Alva Noto, Emptyset, Kyoka.

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Anno 2017 haben raster-noton eine große Fanbase in Japan, sind in den USA und überhaupt weltweit bekannt und veröffentlichen mehrere Platten pro Jahr, wie zuletzt etwa eine EP von Jesse Osborne-Lanthier. Doch angefangen hat alles noch zu Zeiten der DDR in der damaligen Karl-Marx-Stadt, heute: Chemnitz. In einer Zeit, in der man schon überraschend gut über Avantgarde informiert war, in komischen Bands spielte und mit Kassetten auflegte. Alles Sachen, die du dir vielleicht nicht mehr all zu gut vorstellen kannst, wenn du das hier auf deinem Smartphone oder Tablet liest.

Olaf Bender alias Byetone hat uns jedenfalls einen Einblick in die Jahre vor raster-noton gegeben, in die (ost)deutsche Experimentalszene der DDR- und Nachwendezeiten und das große Glück des Booms von riesigen Elektronikfachmärkte auf dem flachen Land. Das Interview wurde bereits im letzten Jahr aufgezeichnet, als raster-noton gerade vom Berghain zum Sonar und durch die halbe Welt tourten, um ihren 20. Geburtstag zu zelebrieren.

Olaf, viele Leute – gerade im Westen denken, in der DDR war man von interessanter Musik abgeschnitten. Stimmt das?
Olaf Bender: Es war nicht so, dass wir hinter dem Eisernen Vorhang nur rumsaßen und von nichts wussten – wir hatten bloß eine falsche Vorstellung davon.

Wie meinst du das?
Vermutlich haben wir damals sogar mehr Experimentalmusik über westliche Kanäle konsumiert als viele Westdeutsche. Aber nach dem Mauerfall waren wir dann überrascht: Bands wie etwa The B-52s waren für uns ein Riesending, aber kommerziell im Westen unbedeutend.
Als wir dann wiederum später, in den 90ern, auf einem Hamburger Musikvertrieb waren, mussten wir immer viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir kamen ja aus dem Osten …

Es war nicht so, dass wir hinter dem Eisernen Vorhang nur rumsaßen und von nichts wussten – wir hatten bloß eine falsche Vorstellung davon.

Meines Wissens habt ihr aber auch manche Avantgarde-Acts bereits in der DDR, ja sogar in Karl-Marx-Stadt live erleben können.
Es stimmt, dass Tangerine Dream [vor dem Mauerfall] hier aufgetreten sind, und Laurie Anderson in Leipzig. Beide jeweils als Jazz-Künstler. In einer Diktatur wie der DDR war ja alles ideologiegetrieben. Im Bereich der Musik gab es eine große Angst [der DDR-Führung] vor dem Radau, vor einer neuen Jugendbewegung. Aber Jazz galt als schwarze Musik und durch die Unterdrückung der Schwarzen in den USA war die Musik staatlich gerne gesehen. Da lief dann allerhand unter dem Label Jazz, was damit nicht wirklich etwas zu tun hatte.

Und elektronische Musik?
Natürlich kannten wir das Yellow Magic Orchestra und alle Kraftwerk-Platten. Einer hatte immer eine Platte und die wanderte dann so durch die Stadt. Ich etwa hatte ein ziemliches gute Tonbandgerät und habe dann auch nachts aus dem Rundfunk mitgeschnitten.
Dass man an Dinge eben nicht so einfach rankam und manche Sachen auch aus Mangel an Alternativen mal viermal gehört hat, hat uns im Nachhinein sehr geprägt. Das war eine sehr spezielle Situation. Das hat auch dazu geführt, dass wir sehr experimentell gedacht haben.

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Die Umstände haben also eure Haltung erst gefördert.
Wir waren zwar alle arm, aber wir waren arm und frei. Es gab viele Möglichkeiten. Deshalb haben wir uns in der ausgehenden DDR auf sehr extremen Felder bewegt. Wobei wir auch nur wenig daran denken mussten, damit überhaupt mal Geld verdienen zu können.
Fast jeder hatte mal irgendwann eine Ausstellung oder einen Auftritt oder hat einen Experimentalfilm gedreht. In der DDR gab es bereits eine kleine selbstorganisierte Szene und dann fiel die Mauer. In diesem Vakuum konnte man plötzlich auch mal richtig was machen, aus alten Fabriken etwa Materialien für unsere Projekte rauszuholen. Und es entstanden viele neue Clubs, darunter auch das VOX (später VOXXX), das für uns ein sehr wichtiger Laden werden sollte.

Wir waren zwar alle arm, aber wir waren arm und frei. Fast jeder hatte mal irgendwann eine Ausstellung, einen Auftritt oder hat einen Experimentalfilm gedreht.

Bereits vor dem Mauerfall hast du allerdings schon bei der Band AG Geige gespielt. Zu der gehörten auch Jan Kummer, Vater der Kraftklub-Mitglieder Felix und Till, sowie Frank Bretschneider, einer der Mitgründer von raster-noton.

Ich bin 1988 zu der Band gestoßen, da gab es sie schon zwei Jahre. Als ich sie live sah, war es für mich das erste Mal, dass ich etwas in meiner Heimatstadt erlebte, was wirklich up-to-date war. Klar, wir kannten alles, aber Velvet Underground waren halt in New York und weit weg. AG Geige waren lokal verbunden und gleichzeitig cool; ähnlich wie bei Neu! und Kraftwerk in Düsseldorf. Da haben Leute aufgehört, nach einer Erlaubnis zu fragen und einfach gemacht haben. Zu der Zeit habe ich allerdings Film gemacht und bin darüber dann in die Band eingestiegen. Ohne AG Geige wäre ich wahrscheinlich gar nicht in der Musik gelandet.

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Wie ist das passiert?
AG Geige war ein multimediales Projekt, das auch Filme gedreht hat. Ich hatte mit etwa 16 eine Kamera gefunden, die mir die Möglichkeit gab, mich künstlerisch auszuprobieren. Ich kannte die Band und habe sie oft besucht, auch wenn da eine Fandistanz war. Bis dann die Anfrage von Frank kam, bei der Band mitzumachen. Und da wollte ich dann natürlich nicht ohne Instrument auf der Bühne stehen. Es war alles autodidaktisch. Jeder hat sich sein Instrument mehr oder weniger selbst draufgebracht. Ähnlich wie bei den Neubauten, die ja auch eher als Performancegruppe angefangen haben, die sich dann der Musik annäherten.

Ein Jahr später fiel die Mauer, 1990 verschwand die DDR. Wie seid ihr damit umgegangen?
Für jeden war das zweigeteilt. Meiner Meinung nach hatte sich das Konzept der Band – der Surrealismus und Dadaismus – mit dem Mauerfall überlebt. Im Osten hatte das noch Sinn gemacht, es gab ein klares Feindbild. Auf einmal mussten wir alle mit einer neuen Lebenssituation klarkommen. Unsere alten Betriebe wurden abgewickelt. Ich hatte davor eigentlich Schneider gelernt und so gut dreimal im Jahr den Betrieb gewechselt. Jeder von uns hat alle möglichen Jobs gemacht, nur, um nicht in der Produktion zu landen und um auf Arbeit möglichst viel schlafen zu können.
Unseren Berufsmusikerausweis erhielten wir dann drei Tage vor der Wende. Das heißt, wir hätten sogar ungewöhnlicherweise hauptberufliche Musiker sein können.

AG Geige waren das erste aus meiner Heimatstadt, was wirklich up-to-date war; lokal verbunden und gleichzeitig cool.

AG Geige existierten letztendlich bis 1993.
Nach der Wende sah man sich immer seltener, wobei wir uns erstmals richtig schöne Instrumente kaufen konnten und sogar noch ein gemeinsames Studio einrichteten. Da ging es dann vor allem bereits um das Arbeiten mit Computern, Samplern und Synthesizern an elektronischer Musik. Das waren damals ja noch alles keine Hausgeräte. Als das Studio dann fertig ausgebaut war, gab es die Band schon eigentlich nicht mehr, dafür aber viele Nebenprojekte.

Womit hast du in der Zeit eigentlich dein Geld verdient?
Ich musste von irgendwas leben und habe dann bei einem großen Independentmusikvertrieb angefangen. Die wollten, dass ich deren Platte im Osten verkaufe – einschließlich Westberlin. Das waren diese "Jahre dazwischen", 1990 bis 1994. Eigentlich wollten wir nur Musik machen und kein großes Business. Durch die Arbeit bekam ich dann aber einen Einblick in das Musikgeschäft. Mit der Technoszene war auch eine eigenständige Ladenstruktur entstanden, die mit den großen Majors nichts zu tun hatte. Das fand ich zwar alles interessant, aber ehrlich gesagt war ich kein besonders motivierter Verkäufer. Doch nach einer schwierigen Anfangszeit machte jedes Wochenende irgendwo ein neuer Media Markt auf, es lief gut und mit der Provision finanzierte ich dann später den Labelstart.

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Dieses Label hieß damals aber noch nicht raster-noton.
Genau. Frank und ich entschieden irgendwann, dass wir mit den Tools, der Musik und unseren Kontakten das alles selber machen wollten. Wenn das in Hamburg oder Köln ging, dann auch in Chemnitz. Das sollte zwar schon eine Plattform für unsere eigenen Sachen sein, aber eben auch ein Label. So wurde Rastermusic 1996 gegründet. Frank hatte da schon das Kassettenlabel Klangfarbe. Carstens Label noton.archiv für ton und nichtton existierte ebenfalls, war aber eher für Kunsteditionen. Der Entschluss, ein Leben lang Musik zu machen, der fiel damals.

Ich war kein besonders motivierter Verkäufer, aber bald machte jedes Wochenende irgendwo im Osten ein neuer Media Markt auf. Mit der Provision finanzierte ich später den Labelstart.

Ende 1999 habt ihr euch dann zu raster-noton zusammengetan. Der Rest ist bekannt. Eine Sache noch: Stimmt es, dass du damals auch mit Kassetten aufgelegt hast?
Das war auch in den zwei, drei Jahren nach der Wende, ja. Carsten hatte damals schon eine kleine Plattensammlung. Meine Sammlung bestand aber schon immer aus Kassetten, auch weil ich nicht so viel Geld hatte. Und dann kam ich an so ein großartiges Tesla Tonbandgerät, das sogar schon Hinterbandkontrolle und so etwas hatte. Aber das konntest du nicht überall hinschleppen.

Du sollst als Kassetten-DJ auch gescratcht haben …
Die DJ-Kultur war damals noch anders. Man hat seine Lieblingslieder gespielt und versucht sie irgendwie flüssig aneinander zu reihen. Wir haben schon ziemlich verrückte Sachen gemacht und alles ausprobiert, aber ich würde das nicht unterschreiben wollen. Ich habe keine großartigen Erinnerungen daran, glaube aber, dass es aus heutiger Sicht nicht so gut war.

Diverse source book 1 mitsamt der Compilation archive 4 ist in einer Auflage von 1.000 Stück bei raster-noton erschienen. Aktuelle Auftritte der Labelacts findest du auf ihrer Webseite.