Casper, Aggro Berlin und Lehrerkinder-Folk—Was Du über das Musikjahr 2017 wissen musst
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Casper, Aggro Berlin und Lehrerkinder-Folk—Was Du über das Musikjahr 2017 wissen musst

„Wie sich Medien und Fans über das neue Album von Casper äußern werden, steht längst schon fest: ‚Meisterwerk!’ ‚Erfindet sich neu!’ ‚Bitte fick uns, empfindsamer Zauberjunge!‘“—Linus Volkmann blinzelt in die Zukunft.
17 Januar 2017, 12:01pm

Symbolfoto: Linus Volkmann

_Nachdem 2016 quasi alle relevanten Musiker verstorben sind, darf man zumindest hoffen, dass 2017 einen echten Neustart in Pop hinlegt. Aber ob das wirklich so geschehen wird? Linus Volkmann konsultierte unzählige offizielle und inoffizielle Quellen sowie ein Hühnerknochen-Orakel—und greift hier nun den Ereignissen der nächsten zwölf Monate in Charts und Clubs vor ... _

Lehrerkinder-Folk und Massenpanik

Es ist einer der ältesten Reflexe im Showbetrieb: Hat ein Konzept in den Charts Erfolg, versuchen sofort alle Akteure dieses auch zu bedienen. So einen marktwirtschaftlich nachvollziehbaren Prozess darf man sich trotz aller Vorhersehbarkeit allerdings keineswegs geordnet vorstellen, er gleicht eher einer Art enthirnten Massenpanik auf Plattenfirmen-Fluren.

Bloß nicht der Letzte sein, der mit seinem minderbemittelten Me-Too-Produkt im Schlepptau auf der Bildfläche erscheint—und versucht am Kadaver des längst vergorenen Hypes zu nagen.

So kann man sich nach dem immensen Erfolg des Albums Alles Nix Konkretes von Annenmaykantereit im letzten Frühjahr eines versichert sein: Etliche verkaterte und unterbezahlte Talent-Scouts der Musikindustrie haben die Zeit seitdem damit verbracht, wahllos irgendwelche Zausel zu casten, die halt irgendwann mal in der Fußgängerzone die Wandergitarre ausgepackt haben und eine ordentliche Frisur für überschätzt halten. Das Problem in diesem speziellen Fall: Davon gibt es übertrieben viele, bis jetzt wurden ihre Demos nur immer unverzüglich dem Feuer oder der Biotonne übergeben, doch nun braucht man so jemanden im Repertoire—und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Mühe gemacht wurde, nicht einfach bloß irgendwelche pathetischen Eiergesichter unter Vertrag zu nehmen. So oder so—mit diesen Auswirkungen wird man sich 2017 rumschlagen müssen.

PS: Nehmt das nicht auf die leichte Schulter! Vor gar nicht allzu langer Zeit wurden Wanda aus Wien plötzlich fame—und letztes Jahr präsentierte uns die Plattenindustrie was? Genau, Wandas furchterregenden deutschen Klon: Milliarden! Deren Album Betrüger habe ich übrigens vergessen in meinem Text der schlechtesten Platten 2016 zu erwähnen. Sorry noch mal gegenüber der Band an dieser Stelle: Natürlich hättet ihr es verdient gehabt dort aufzutauchen ...

Making Österreich great again

Apropos Wanda: Bilderbuch veröffentlichen 2017 ein neues Album, heißt Magic Life und erscheint bereits am 17. Februar.

Napster, Bootcut, No Angels—die Nuller kommen wieder

Es ist noch ein wenig zu früh, aber da die Retromaschinerie der Popkultur ja immer schneller dreht, sollte man sich bereits dieses Jahr mit den ersten Wogen des Nuller-Revivals vertraut machen. 2017 dringt diese Freakshow nur in geekige Randbezirke vor, doch dass sich der Kreis nun schnell enger ziehen wird, liegt auf der Hand. Electro-Clash, Anti-Folk, Laptop-Artists, Aggro Berlin, MySpace, Napster ... Ach ja, und der String muss hinten natürlich deutlich zu sehen sein, wenn man sich in seiner Bootcut-Hose bückt. Klingt jetzt noch wie ein seltsamer Flashback, ist bald aber schon der heiße Scheiß. Am besten sich gleich wieder mit „Sweety" und anderen Jamba-Klingelton-Stars dieser Epoche vertraut machen. Dann hat man es hinter sich!

Konsens-Künstler ohne Album: Casper

Wie sich Medien und Fans über das neue Album von Casper äußern werden, steht längst schon fest: „Meisterwerk!" „Erfindet sich neu!" „Bitte fick uns, empfindsamer Zauberjunge!"

Man selbst möchte dabei einfach den Kopf zwischen die eigenen Beine platzieren wie bei einem Flugzeugabsturz. Und wie bei jenem warten, bis es endlich vorbei ist. Also nicht die Platte, die dürfte sogar interessant sein, sondern viel eher dieser aufgeregt japsende Konsens drum herum. Dabei hadert der Künstler ja noch krass mit seiner Kunst, die ganze Maschinerie rund um den sexy Ostwestfalen mit dem gebärfreudigen Becken musste letztes Jahr trotz weitgediehener Tourplanung noch mal gestoppt werden. Grund: Album nicht fertig. Rührend, dass er sich nicht auf das ohnehin unvermeidlich affirmative Wohlwollen verlassen möchte—und sogar an einer Platte bastelt, die ihm wirklich wichtig ist. Superstar 2017—mit Ansage und Selbstzweifel. Lang lebe der Tod—und dessen voraussichtliches Erscheinungsdatum am 23. Juni diesen Jahres.

Trap—der Dauer-Hype

Kein Ausblick (seit spätestens 2014) auf das kommende Musikjahr, ohne dass die vocoder-hafte, Codein verseuchte Bonbonfabrik erwähnt wird. [Atemlos:] Cloud-Rap! Trap! Trillwave! Schon 2016 war dabei zu beobachten, dass das Phänomen in immer mehr Mainstream-Produktionen aufgegriffen wurde. So zum Beispiel auch auf Advanced Chemistry, dem letzten Album der Beginner. Man muss wenig Fantasie haben (wie der Mainstream eben selbst), um zu prophezeien, dass diese Entwicklung 2017 noch mal hörbar voranschreiten wird.

Rap mit Iro

HipHop-Stullis: Wem das Subgenre Trap als Hype bereits zu naheliegend oder gar auserzählt erscheint, der kann sich ja noch einen abwegigeren Sound suchen: Gitarren, Schlagzeug, räudiger Gesang, eins-zwei-drei-vier! Klingt seltsam, aber damit kann man in der eigenen Peer Group mehr schocken als mit einem All-Nude-Video von Juicy Gay. Die Antilopen machen es vor, ihrem neuen Album liegt in der Bonus-Deluxe-mein-Arsch-Version eine komplette zweite Platte bei. Darauf spielen die drei teigwangigen Goofys einfach mal ihre eigenen Stücke in Punkrock-Versionen nach - mit jeweils sehr prominenten Gastinterpreten der überalterten Dosenbierszene. Staiger hat Tränen in den Augen, wenn das der nächste Trend im Game wird—und zwar nicht vor Freude!

Fuck off forever

Hier noch eine Nachricht für unsere älteren Leser [Vielleicht an der Stelle die Schriftgröße hochziehen? Anm. des Autoren]. 2017 wird wieder ein Jahr, in dem ihr euch an euren Erinnerungen an Oasis, Britpop und die Zeit, in der ihr noch Haare und Parkas hattet, weiden könnt. Liam Gallagher droht nach jahrelangem Dementi nun doch mit einem Solo-Album. Sollte es nicht zünden, stellt er laut der Seite des britischen NME in Aussicht, to „probably fuck off forever". Challenge accepted!

Nostalgie und Gegenwart

Obwohl der Musikbranche 2016 viele All-Stars weggestorben sind, werden auch dieses Jahr die Charts wieder über große Namen erzählt werden. Keine Experimente! So darf man sich auf viele bekannte und allzu bekannte Gesichter freuen, die selbst kaum glauben können, mit wie wenig Bedeutung im Jetzt man noch als relevant gehandelt werden kann. Ein Comeback aus der überseecontainergroßen Mottenkiste freut dann aber doch: Die Indie-Rock-Erfinder The Jesus And Mary Chain veröffentlichen im Frühjahr das erste Album seit fast 20 Jahren. Wem das dennoch zu gestrig ist, der sei aber zumindest auf die junge, hoch gehandelte Londoner Band Goat Girl verwiesen. Deren Video zu „Country Sleaze" wurde von Douglas Hart, einem Gründungsmitglied der Jesus And Mary Chain gedreht.

Gib Handy, Vinyl-Spacko!

Wo 2017 allerdings jegliche Vergangenheitsverklärung kippen wird, ist beim Thema Vinyl. Als analoger Spleen des ernsthaften Musiknerds hat sich die Schallplatte durch die dunklen Jahre von CDs und Downloads gerettet—nur um Anfang der Zehner Jahre in einer neuen vollbärtigen Lust auf Haptik seine Wiedergeburt zu feiern. Doch mittlerweile sitzt längst die Majorindustrie mit ihrem schrundigen, breiten Arsch auf dem Record-Store-Day und mobbt die kleinen Labels aus den wenigen noch existenten Vinyl-Presswerken. Das ist alles nicht mehr charmant sondern überteuerter Spießer-Kommerz wie ein verkaufsoffener Sonntag bei Manufactum oder Habitat.

Youtuber in die Charts

Die neue Krise der Musikindustrie: Die Youtuber rücken auf!

Deren erlangter Status ist groß („Eine Fantastrilliarde Abonnenten! Danke euch, Fans, ihr seid so süß!")—doch was fängt man damit an, wenn man langsam reifer wird?

Kein Bock mehr die ganze Zeit die gleichen Ballerspiele zu zocken und seine ewig gleichen achte Gedanken drüber zu labern? Die Haut hängt von vielen Schmink-Tutorials bereits in Fetzen runter? Bei den letzten, ohnehin nur noch halb lustigen Pranks gab's eher was aufs Maul als Applaus?

Nun, kein Wunder, wenn sich die erfolgreichen Youtuber da neue Herausforderungen suchen. Doch bevor wir sie irgendwann in Literatur oder gar ans Theater auslagern können, müssen sie den kulturellen Jakobsweg einmal komplett durchschreiten. So unangenehm das auch ist, das bedeutet, 2017 sind diese Protagonisten erstmal beim Thema Musik angekommen. Besonders symbolträchtig geschah dies bei der aufgekratzten Clownsschule von Apecrime. Die löschten einen Großteil ihres alten Balla-Balla-Contents—laut Eigenangabe über 1 Milliarde Klicks. Grund: Man möchte im Musikfach ernster genommen werden. Und das ist garantiert erst die Spitze des Eisbergs. Nicht wundern also, wenn im nächsten Winter plötzlich der Charity-Song „Bibis Beauty Place for Africa" erscheint oder LeFloid im Duett mit Andreas Bourani singt. Real existierender Beweis eines solchen Trends ist natürlich auch die von den „normalen" Medien (RTL und BILD) wie eine Art Alien bestaunte Youtuberin Shirin David, die gerade neben Bohlen und dem Scooter-Gesicht in der aktuellen Jury von „Deutschland sucht den Superstar" sitzt.

Matthias Schweighöfer, Du hast mein Leben zerstört

Nicht falsch verstehen, natürlich sind all diese Youtube-Ottos ein Vorbote des Weltuntergangs—dennoch gibt es Schlimmeres. Zum Beispiel: Hunger, Krieg und ein Musik-Album von Matthias Schweighöfer. Es heißt Lachen Weinen Tanzen, erscheint diesen Februar und beinhaltet so emotionale Textzeilen wie „Lauf mit mir / dem Leben in die Arme". Wer Schlager immer ein Stück zu extrem und nicht kitschig genug empfand, kann hier aufatmen. Neben dieser Platte wirkt selbst Max Giesinger noch wie Lemmy von Motörhead.

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