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"Ich bin zuversichtlich, dass wir uns bald selbst abschaffen" – Wolfgang Möstl im Interview

Wolfgang Möstl alias Mile Me Deaf erinnert sich mit uns zurück an Killed By 9V Batteries-Zeiten und blickt in eine dystopische Zukunft.

von Benji Agostini
25 Januar 2017, 3:37pm

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Wolfgang Möstl ist der Meister des österreichischen (Indie-)Underground. Angefangen hat alles mit den Noise-Krachern, die er mit seiner Band Killed By 9V Batteries in die Welt geworfen hat. Trotz Slacker-Attitüde und regelmäßigen potenziell kostspieligen Equipmentmassakern nach den Konzerten, hatte er viel Erfolg in der Indie-Szene. Irgendwann war dann Schluss mit den Batterien und Möstl rief mit Mile Me Deaf ein neues Projekt ins Leben, bei dem er von gewohntem Noise bis unbeschwertem Indie-Pop alles anstellen konnte, das ihn gerade so juckte. 

Mit Alien Age erscheint Anfang Februar sein neues Album, für das er wegen eines gebrochenen Fingers dazu gezwungen war, von Gitarren auf einen alten Akai-Sampler umzusteigen. Wir haben ihn dazu schon in seinem Studio besucht und uns für ein Live-Video die weirden Kassetten und Schallplatten vorspielen lassen, die er dafür gesamplet hat. Das Ganze könnt ihr euch nochmal hier ansehen:

Weil wir Wolfgang aber noch tausend andere Fragen stellen wollten, zum Beispiel wie der Fingerbruch wirklich passierte, wie er aus dem Underground ausbrechen will und was das alles mit dem Weltuntergang zu tun hat, haben wir noch ein ausführliches Interview mit ihm geführt:

Noisey: Wie hast du dir eigentlich deinen Finger gebrochen? Du meintest im Live-Video, du weißt es selber nicht mehr so genau?
Wolfgang Möstl: Das war die "Detox"-Tour von Mile Me Deaf. Wir sind im Sommer davor draufgekommen, dass wir viel zu viel Party machen und dachten uns: "OK, wir gehen im September schon wieder auf Tour und das ist auch wieder jeden Tag Mayhem." Eine Woche haben wir wirklich nichts getrunken, aber in Malmö war der Break davon. Wir haben auf der Fähre dorthin viel Bier gekauft, weil das in Schweden so teuer ist. Das war ein ziemlich arger Abend. Am nächsten Tag bin ich im Club zwischen Polstermöbel aufgewacht und hab gemerkt, scheiße, da stimmt was nicht. Ich hab den gebrochenen Finger die restliche Tour über einfach ignoriert. Zuhause im Krankenhaus hat sich herausgestellt, dass der Finger gesplittert ist.

Und dann hast du dir statt der Gitarre den Sampler zugelegt?
Die Idee gab's schon vor der Tour. Zumindest, dass ich mir ein Samplepad beschaffe. Keyboard spielen kann ich sowieso nicht, obwohl das die nächste Möglichkeit gewesen wäre. Aber ich spiel auch gerne Schlagzeug auf den Pads. Darum hab ich den Sampler lieber.

Ich schätze mal, dass du schon wieder an neuen Songs arbeitest.
Ich habe mir geschworen, dass ich eine Mile Me Deaf-Songwriting-Pause mache. Es ist wahnsinnig, fast jedes Jahr ein Album rauszubringen. Ich habe beim neuen Album versucht, die Songs so zu schreiben, dass sie nach Mile Me Deaf klingen. Andererseits erwarte ich mir, dass die Leute den Bruch im Songwriting sehen, aber das passiert nie. Weil ich den Bruch nicht schaffe. Jetzt überlege ich, etwas Neues mit jemandem anderes zu machen. Aber wahrscheinlich schaff ich's eh nicht.

Ändert sich live durch die geänderte Produktion etwas?
In Amerika hatten wir die Sampler nicht dabei, darum haben wir die vier Songs, die vom neuen Album im Set stehen, noch sehr reduziert und mit iPad und Gitarren gespielt. Es werden neben Sampler auch Gitarren auf der Bühne sein. Das ist auch das Spannende: Wir spielen die Lieder nicht mehr eins zu eins nach, sondern sind mehr wie eine Mile Me Deaf-Coverband. Ich glaube, es ist wichtig zu versuchen, die Songs nicht nur stur nachzuspielen. Bei Mile Me Deaf wird oft erwartet, dass das eher poppig ist, weil die Leute eher unsere Pop-Songs kennen und dann hören sie live ein Gitarrenbrett. Da gibt's Leute die sagen, es sei schon cool, aber auf Platte seien die "Hits" und fragen, warum wir die nicht spielen.

Hast du auch gar keine Lust drauf, die "Hits" zu spielen?
Wir versuchen, am Anfang Sachen zu spielen, die den Leuten gefallen und im Radio gespielt werden. Wenn es aber nicht das gewisse Etwas hat, oder im Set nicht funktioniert, hauen wir's einfach raus.

Du schwankst ja immer zwischen den zugänglichen Pop-Nummern und Experimenten. Passiert das eigentlich bewusst?
Die meisten Songs, die ich ohne Plan zuhause mache, werden eher poppig. Das sind die Songs, an denen es Spaß macht, zu arbeiten. Bei den früheren Alben dachte ich mir, dass es noch irgendwas Roughes braucht. So war das beim Neuen nicht und vielleicht unterscheidet sich das Album dadurch ja von den anderen. Das ist alles smooth und schön und erhält eine Stimmung aufrecht. Ich wollte, dass es mehr in Richtung Ambient geht und nebenbei durchlaufen kann. Wenn man so etwas sagt, klingt das schrecklich, aber es ist witzig, wenn man über zehn Jahre Platten macht, die die Aufmerksamkeit ziemlich fordern und dann zur Abwechslung etwas, das eine gewisse Tiefe hat und doch nebenbei laufen kann.

"Ich hab früher im Flex gearbeitet, da hat mir das schon auch immer wieder gefallen. Vor allem Goa."

Bei deinen Einflüssen hast du auch Berlin Techno der 80er genannt. Sieht man dich öfter im Club?
Barely, würd ich sagen. Ich war letztens zum ersten Mal in der Forelle. Es war gar nicht so viel los, aber trotzdem extrem super, ich bin so richtig reingekippt. Ich hab früher im Flex gearbeitet, da hat mir das schon auch immer wieder gefallen. Vor allem Goa. Die Audience ist so arg, aber die Veranstalter - so alte Hippies - waren super nett. Trippy Musik gefällt mir. Ich hab schon auch angefangen, mich immer wieder damit auseinanderzusetzen und gerade was ich jetzt mache, geht in die Richtung. Es ist sehr houselastig.

Aber du kommst dann schon immer wieder zurück zu deinen Wurzeln. Zumindest live.
Ja, schon. Ich spiele ja auch immer wieder Solo-Sachen mit dem Sampler auf der Bühne. Einmal hab ich in Kärnten gespielt auf so einem komischen Festival, da sind alle anderen Bandmitglieder krank geworden und ich hab dann gesagt: "Scheiß drauf, ich fahr da jetzt alleine hin und stell mir den Sampler auf." Es fiel sehr hiphoplastig aus und die Leute sind drauf abgegangen.

Ich find das witzig, dass du alles so spontan machst und wirkt, als hättest du nicht den Master Plan, sondern du machst einfach mal.
Ich muss mir das fresh halten. Ich lasse es einfach passieren. Das hängt ja auch von anderen Menschen ab. Gerade, was wir zu viert machen, finde ich spannend und interessant. Ich könnte natürlich auch sagen: "Passt, das war's, ich spiel jetzt alleine, ihr seid entlassen", aber es macht mir alleine zu wenig Spaß. Es ist mir wichtig, dass andere Leute etwas reinbringen. Ich glaube, deswegen ist das auch alles immer noch super Underground.

Würdest du gerne aus dem Underground rauskommen?
Ja schon, aber zu welchem Preis? Früher, bei den Batteries, dachte ich mir, dass wir fett unterwegs sind. Wir hatten für eine österreichische Band in unserem Alter, die nicht so das bochane (sic, gebackene) Zeug gemacht hat, ziemlich viel Aufmerksamkeit. Das ist gut gelaufen und war lange mein Maßstab. Ich dachte mir, dass in Österreich nicht viel mehr geht. Es ist saucool, dass es Bands gibt, die ihr Ding durchziehen und es ihnen extrem aufgeht. Es ist nur schräg, wenn rundherum die Sachen explodieren. Voodoo Jürgens zum Beispiel. Dann denkt man sich: "Ich krebs da noch irgendwo herum." Aber ich mache ja auch nicht viel dafür, dass es anders wird und mach es den Leuten ja auch nicht einfach. Der Bandname ist super kompliziert, die Videos sind eher ... sehr zusammengebastelt. Aber ich mag das ja auch gern und so soll es auch sein.

Ich hab das Gefühl, dass du schon viel größer sein könntest. Denkst du, dass mit Alien Age endlich was Größeres draus wird?
Ich mache mir da schon lange keine Hoffnungen mehr. Oh Gott, das klingt jetzt schrecklich. Also ich habe keine direkten Erwartungen. Ich lass das jetzt mal passieren und mich überraschen. Aber seit ein paar Alben denke ich mir nicht mehr: "Das und das muss passieren." Es ist sehr viel angenehmer, mal rauszuhauen und zu schauen, was passiert und dafür zu sorgen, dass alles funktioniert.

"Ich will ja auch nichts dran ändern, wie ich Sachen mache. Ich will, dass es so aufgenommen wird, wie ich jetzt bin. Aber so funktioniert das einfach nicht."

Weißt du, was du machen müsstest, damit du aus dem Underground rauskommst?
Vielleicht den Namen ändern und auf deutsch singen. Nein, keine Ahnung, das stimmt nicht, weil Leyya ja auch funktionieren. Aber das ist ja wieder was anderes. Mir gefallen sie ja sehr, aber sie sind viel zugänglicher und wahrscheinlich auch näher am Puls der Zeit, als meine Musik. Die sind auch jünger und schauen besser aus. Ich will ja auch nichts dran ändern, wie ich Sachen mache. Ich will, dass es so aufgenommen wird, wie ich jetzt bin. Aber so funktioniert das einfach nicht.

Die Welt ist nicht bereit.
Genau. Es ist ja nicht so, dass die Bands, die jetzt so einen fetten Erfolg haben, immer schon genau dasselbe machen und die Leute plötzlich drauf aufmerksam geworden sind. Sie haben auch was anderes probiert. Der David (Voodoo Jürgens, Anm.) macht mit den Eternias ewig lange schon extrem coole Musik und jetzt auf einmal, seit er deutsch singt, ändert er das Image und es geht ihm auf.

Ich denke da auch an Bilderbuch.
Genau, das ist ja auch das Gleiche. Wanda gibt's ja auch schon ewig. Das wird ein bisschen vertuscht. Die waren damals sehr grungig und noisig. Und ich weiß gar nicht, ob es überhaupt auf deutsch war. Nach einer Tour mit den Sex Jams sind wir zurück von Amerika und auf einmal haben alle von Wanda geredet. Auf Facebook hab ich dann ein Interview von ihnen mit einem Bild von Marco gesehen. Und ich denk mir: "OK, was hat Marco damit zu tun?", und dann erst gecheckt, dass er das ist und gar nicht gepackt.

Marco Wanda ist auch Mile Me Deaf-Fan, wie man auf diesem fast fünf Jahre alten Video sieht. Er tanzt mit Zigarette in der ersten Reihe.

Geht dir der Exzess der Batteries-Zeiten eigentlich ein bisschen ab?
Ich glaube, die Zeit, die wir hatten, war schön, aber in der Konstellation ist sowas einfach nicht mehr möglich. Wir waren saujung und deswegen war das alles ein bisschen wahnsinnig. Wir hatten überhaupt keine Ahnung von irgendwas. Das war ja gerade das Lustige, dass wir so ahnungslos vom Dorf in die weite Welt raugestolpert sind. Ich würde auch sofort wieder mit den Leuten auf Tour gehen, aber die Zeit war schon sehr weird. Man hat nie gewusst, ob man heimkommt von der Tour oder ob man überhaupt hin kommt. Es klingt jetzt exzessiver, als es war, aber wir waren schon wilde Hund.

"Damals habe ich das cool und lustig gefunden, aber wenn ich mir jetzt eine Band ansehe und die Leute komplett besoffen sind, ist das schade."

Hältst du immer noch so lange durch?
Nein, ich sauf gerade nichts und ich rauche auch schon länger nicht mehr. Ich versuche, das zu reduzieren, weil mir die Kondition dazu fehlt. Ich hab schon eingesehen, dass man produktiver und nicht so bipolar ist, wenn man einen Gang runter schaltet. Ich glaube, die Batteries-Schule gehörte dazu – wie bei den meisten Bands –, besoffen auf die Bühne zu gehen und bei den ersten Konzerten völlig rauschig zu sein, weil man sonst eh zu nervös ist. Nur bei mir hat das nicht mehr aufgehört, weil ich mein Gitarrenspiel daran angepasst habe. Ich hab bei den Batteries ja immer mit offenen Tunings gespielt. Das war ja super einfach alles. Das ging schon mit fünf Bier intus.

Aber das ist jetzt alles vorbei?
Ja, gerade bei Mile Me Deaf geht das nicht. Wasted auf der Bühne zu stehen, geht sich nicht aus. Die Sachen sind zu kompliziert und damals habe ich das cool und lustig gefunden, aber wenn ich mir jetzt eine Band ansehe und die Leute komplett besoffen sind, ist das schade.

Textlich hattest du ja auch einen roten Faden beim neuen Album, richtig?
Ja, stimmt. Das gab's bei mir auch noch nie. Die Texte waren immer schon recht düster und kryptisch, aber beim Neuen habe ich versucht, das auf ein Minimum zu reduzieren. Es soll immer noch nicht so direkt ankommen, aber man soll ein Gefühl dafür bekommen, worum es geht. Das ist mir wichtiger als eine Geschichte zu erzählen.

Welche Themen haben dich dabei beschäftigt?
Es geht um Weltuntergangsszenarien und die Entfremdung des Menschen. Und diese komplett schräge Situation, in der sich die Welt gerade befindet. Es ist ja nicht so, als wäre es vor zehn Jahren nicht auch schräg gewesen, aber es ist vielmehr im Bewusstsein der Leute. Sie fangen an, zu realisieren, dass es so nicht weitergehen wird. Es geht auch um First World Problems. So hätte das Album übrigens auch ursprünglich heißen sollen. Aber die Texte schreibe ich immer in einem stream of consciousness und versuche dann ein Thema dabei zu finden. Man könnte das Album auch im Nachhinein reininterpretieren. Zum Beispiel, dass der erste Song mit Donald Trump anfängt: Er wird Präsident der Vereinigten Staaten und im letzten Lied geht es darum, wenn Menschen den Planeten nicht selber zerstören, werden es halt Außerirdische machen. Alles, was übrig bleibt, sind Höhlenmalereien, auf denen wir mit Speeren und Waffen abgebildet sind. Das ist vielleicht ein guter Querschnitt der Menschheit.

Was glaubst du, wie lange es dauern wird, bis wir uns selber abschaffen?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass es bald passieren wird. Im Pressetext erwähne ich auch die post- oder transhumanistische Phase, in der wir uns gerade mehr oder weniger befinden. Es klingt nach verrückter Verschwörungs-Science-Fiction, aber Überlegungen über künstliche Intelligenz, die eine Bedrohung für die Menschheit sein könnte, sind nicht mehr zu weit hergeholt. Ich kann mich erinnern, wie ich in den 90ern eine Science-Fiction-Doku-Serie mit Gillian Anderson von Akte X gesehen habe, in der es um künstliche Intelligenz ging und sie meinten, dass es niemals möglich sein werde, ein menschliches Gehirn nachzubauen. Und heute sagt jeder, dass das nur mehr eine Frage der Zeit ist. Wenn man das weiterdenkt, kann es auch sein, dass eine künstliche Intelligenz denkt, dass der Mensch etwas Schlechtes ist. Ich steh total auf so etwas.

Abschlussfrage: Was hättest du Trump gesagt, wenn er dich gefragt hätte, ob du bei seiner Angelobung spielen willst.
Ich glaube, ich hätte einfach das gleiche wie Moby gesagt: "Hahahahaha!"

Alien Age erscheint am 3.2. auf Siluh Records und sollte in allen euren Plattenregalen stehen. Auch wenn sie digital sind.

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