Der VICE Guide zum Überleben in Köln

Köln ist hässlich und ein bisschen billig, aber die Kölner sind stolz auf ihre Stadt. Wer hier überleben will, muss die Kölner mit ihren eigenen Waffen schlagen.

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Jan. 24 2017, 10:54am

"Köln ist so etwas wie Lothar Matthäus als Stadt", hat ein schlauer Mensch gesagt. Die Stadt ist völlig von sich selbst überzeugt. Und das, obwohl es objektiv nicht viele Gründe dafür gibt. Köln ist vieles – hässlich, chaotisch, provinziell –, aber keine Schönheit, und schon gar keine Weltstadt.

Und trotzdem: Die Kölner lieben es. Sie sind völlig unangemessen viel zu stolz auf ihre Stadt und tun das auch ständig kund – so wie allen anderen Scheiß, der sie gerade umtreibt.

Wenn du also eher so der reservierte Typ bist, gerne in Schwarz rumläufst und wahlweise in der Gothic-Szene oder Galerien abhängst: Zieh nicht nach Köln. Lass es einfach sein. Zieh nach Düsseldorf, Kaufbeuren oder Bad Sassendorf. In Köln werden dich die rheinischen Frohnaturen mit ihrer guten Laune, ihrem Karnevalsgeschwätz und ihrer Renitenz dauernerven. Die – wohlgemerkt stolze – Selbstbeschreibung von den etwa 1 Million hier lebenden Menschen ist "naturbeklopp". Hier kannste 24/7/365 Tage im Jahr als Clown rumrennen und keinen stört es, aber wehe, du gehst mal kurz im Schlafanzug zum Kiosk aka "Büdchen". Dann zerreißt sich das ganze Viertel aka "Veedel" das Maul. Außerdem trinkt man hier freiwillig "Bier" aus 0,2-Liter-Gläsern und reiht sich blind in jede Polonaise ein. Kein Witz. Bekloppt, und das nicht in einem Haha-ist-das-witzig-Augenzwinkern-Sinn, ist Dauerzustand in Köln, nicht nur an Karneval. Ziehst du nach Köln, ziehst du freiwillig ins Småland – in ein neverending Småland.

Menschen:

Viele glauben, der Kölner sei Optimist – stimmt aber nicht. Optimismus ist der falsche Begriff. Wenn es objektiv nichts (Karnevalsmusik, der FC, Betonklötze, renitente Schnauzbartrentner) gibt, was einen freudig stimmen könnte – was soll dann der Quatsch? Der Kölner ist kein Optimist, er ist ein fröhlicher Trottel mit ausgeprägtem Hang zur Geselligkeit und zum Alkohol. Genau das ist es, was mit "rheinische Frohnatur" gemeint ist.

Reden tut er viel, der Kölner, verstehen tut man ihn kaum: Mit dem Trinken läuft's reibungsloser, während die Leber kölschzersetzt fröhlich vor sich hin fermentiert. Aber joot, wat solls, et hätt noch emmer joot jejange. Deshalb: Immer fröhlich mitsaufen – und wage es ja nicht, nach "richtigem" Bier (alles außer Kölsch-Pissplörre) zu fragen. Wenn du genug hast, einfach den Deckel aufs Glas, sonst bringt der "Köbes" (ein komisches Wort für Kellner) im Tischlein-Deck-Dich-Style einfach immer, immer mehr. Da ist ausnahmsweise nicht alles schlecht in Köln.

Verkehr:

Die "U"-Bahn (auch hier: falscher Begriff!) fährt mal unten, mal oben, mal mitten auf der Straße. Meistens – und das ist ihr prägendstes Merkmal – fährt sie aber gar nicht. "Et kütt, wie et kütt" (= es kommt, wie es kommt) ist eine von vielen "Weisheiten" aus dem Kölschen Grundgesetz. Bei den Kölner Verkehrsbetrieben kütt aber GANZ OFT einfach GAR NICHTS! Merke dir: Aufregen bringt nichts. Denn KEINER wird mitmachen. Warum auch? Et es, wie et es. Skandal? Kenne mer nit. Pünktliche Bahnen? Bruche mer nit. Das Kölsche Grundgesetz hat auf alles eine dämliche Antwort. Spätestens jetzt merkt man, dass dieses "Grundgesetz" nicht nur eine Sammlung von elf dummen Postkartensprüchen ist. Sondern tatsächlich so etwas wie die totalitär-fatalistische Grundformel, mit der die Kölner fröhlich grinsend jedes Unglück hinnehmen und alles, wirklich ALLES, rechtfertigen. "Wat sull dä Quatsch?", kann man sich da fragen (und Artikel neun zitieren. Der Scheiß funktioniert tatsächlich).

Aber, Verkehr kann auch funktionieren in Köln: Du  bist entweder "ne lecka Mädschen", wie Ramazotti-Rolf dir hinter dem Wahlrossbärtchen grinsend versichert, oder "ne kölsche Jong" und seit einer halben Stunde auf dem Fick-Radar von Wodka-Willi. In Berlin spricht dich niemand an? Komm nach Köln. Hier wird angemacht ohne Ende, hetero, homo oder bi: Beim Kölsch lässt es sich hervorragend klönen. Aber auch in der U-Bahn, im Park, auf der Straße. Überall. Der Kölner ist eine horny Labertasche, hier wird nicht lange gefackelt, das oberflächliche Gespräch führt schnell in die Horizontale. Köln ist Real-Life-Tinder. Zu Karneval ganz besonders, aber im Grunde ist hier auch an jedem anderen Tag alles erlaubt. 

Sehenswürdigkeiten:

Faustregel, die immer passt: Der Dom reißt es raus, denn der Rest der Stadt ist hässlich. Verabschiede dich von deinem ästhetischen Empfinden. Köln wurde zweimal ruiniert, sagt der Kölner: einmal im Krieg, dann beim Wiederaufbau. 60er-Jahre-Betonklötze verschandeln, wo sie nur können. Alles bunt, nichts passt zusammen. Verkachelte Fassaden, Häuser, die von außen so einladend aussehen wie der Schlachtraum beim Metzger. Fast alle Straßen sind eng, schmal, verwinkelt. Horizont? Fehlanzeige. Wenn ein Dreijähriger versucht, eine Stadt zu malen, kommt ein recht authentisches Bild von Köln dabei heraus. Hier gibt es kein Stadtbild, Köln ist ein hingerotztes Stadtgekritzel. Alles, was zum Stolzsein bleibt, ist der Dom. Patriotismus auf Kölsch ist im Grunde Opportunismus – so wie alles andere hier auch.

Selbstläufergarantie, wenn du ein Geschäft oder eine Arztpraxis in Köln eröffnen willst: Knalle Dir den Dom in dein Logo oder nutze wahlweise das Wort Colonia auf deinem Ladenschild (macht hier kaum einer, höho). Kasse? Klingelt!

Und die Domplatte – eine von Deutschlands meistbesuchten Touri-Attraktionen? Geh einfach nicht hin. Leider ist das schwierig, weil der Hauptbahnhof, das Tor zur nicht-jecken, nicht-4711-duftgeschwängerten Welt, direkt daneben ist. Wenn du es eilig hast, bloß nicht rempeln: Der fröhlich-höfliche Kölner wird sich danach bei DIR entschuldigen.

Falls dich dein Touri-Besuch zum Dom schleift. Zieh einen dicken Parka an: Et jeht ein Windschen auf der Domplatte.

Foto: Frank SchwichtenbergWikimediaCC BY 4.0

Und noch eine Attraktion gibt's in Köln. Sie hat zu tun mit Love, Love, Love: Besiegel die Individualität und Ewigkeit deiner Liebe mit einem Vorhängeschloss an der Hohenzollernbrücke: NICHT. Vor dir haben erst ein paar Tausend die gleiche Idee gehabt, Schlösser und Liebesschwüre gibt es hier en Masse. Deshalb werden aus Sicherheitsgründen, im Auftrag der vorbeifahrenden Bahn, auch immer wieder Schlösser entfernt. Vielleicht auch nicht ganz so schlau, sein Liebesschloss an eine Fluchttür zu ketten. Nichts ist für immer. 

Karneval

Ganz oder gar nicht, eskaliere oder fliehe. Sei ein weiser Mensch und überlege dir VORHER, ob du Karneval in Köln aushalten kannst. Goldenen Regeln für den Fall, dass du bleibst: Gestalte dein Kostüm kotzeabweisend (Imprägnieren oder irgendwas mit Alufolie oder Latex). Wenn du dich nicht darauf übergibst, tut es ein anderer.

Flickr

Foto: Tim BartelFlickr | CC BY-SA 2.0

Trink so schnell so viel, wie du kannst. Nüchtern an Karneval? Das ist, als müsstest du dein Mathe-Abi noch einmal machen, während man dir die Fingernägel zieht. Wenn dann allerdings ein bestimmter Pegel erreicht ist: erstmal aufhören. Ramazotti-Rolf, heute als Funkemariechen unterwegs, wird dir das nächste Kölsch schon rechtzeitig unter die Nase halten.

Denke dir ein eloquent-subversives Kostüm als Idiotenfilter aus. Werde Beispielsweise Alex aus Clockwork Orange: Leute, die dich erkennen, sind von ihrem IQ her tendenziell abschleppbar.

Places to go: Geisterzug (ein alternativer Karnevalsumzug durch verschiedene "Veedel", wie man in Köln zu "Viertel" oder "Kiez" sagt), einige Ecken in der Südstadt (in der Lotta wird nicht ausschließlich Karnevalsmusik gespielt), Hauspartys – denn nur hier bist du auch an Karneval Ring im Chef und kannst Karnevalsmusik kategorisch verbannen. Jedenfalls so lange, bis du besoffen in der Ecke liegst oder sich ein Partygast deiner Anlage ermächtigt.

Places to avoid: Rosenmontagszug. Vorbei die Zeiten der hochwertigen Kamelle. Und als wäre das nicht genug, konkurrieren ehrgeizige Familienväter mit falsch herum aufgeklappten Schirmen (große Fangfläche) ernsthaft mit dir um die Billo-Süßigkeiten. Außerdem zu meiden: Zülpicher Straße, die Karneval-Touri-Meile mit Kegelclubs aus Heilbronn sowie die viel zu vollen Plätze Neumarkt und Heumarkt (ja, es gibt tatsächlich den NEU- und den HEUmarkt, die U-Bahn-Stationen liegen unmittelbar hintereinander. Sinn: nicht vorhanden).

Die Passage über das Nachtleben sparen wir uns. Weil: Is in Köln – außer du brennst für Karnevalssitzungen – quasi nicht vorhanden. OK, zumindest nicht im Vergleich zu Berlin. Einziger brauchbarer Club: das Odonien, eine Art Künstlerfreistaat mit Skulpturen, Theater, Biergarten und Techno. Im Winter allerdings: geschlossen. Again. Sinn: nicht vorhanden. Alternative: feiern auf dem Hohenzollernring, dem gemeinsamen Jagdrevier von Ramazotti-Rolf und Caipi-Caro, die Bling-Bling-Ausgehmeile der Stadt, wo die Clubs Klapsmühle und Crystal heißen.

Aber: Wat wellste mache? (Artikel 7). Et is, wie et es (Artikel 1)! Die Lösung für all deine Probleme in und mit Köln liegt in Artikel 10: Drinkste eine met? Schönsaufen hat Hochkonjunktur in Köln.

Das ist der wichtigste Überlebenstipp für Köln: If you can't beat them, join them. Sei einfach ebenfalls immer betrunken und nur halb zurechnungsfähig, und du wirst eine wunderbare Zeit hier haben. Kölle Alaaf!

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