Worte an die Klagemauer
2. Weltkrieg

Worte an die Klagemauer

Eine fotografische Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
26.1.17

Foto: Lena Oberhofer

Vergangenen Sommer fand eine Abendveranstaltung in der LIK Akademie für Foto & Design statt. Außerplanmäßig war hier die australische Schauspielerin Sharron Aubrey zu Gast, die derzeit an einem Spielfilm mit Holocaust-Thematik arbeitet. Angeregt durch sie entstand das Projekt "Holocaust through the eyes of a lens". Lena Oberhofer, Ralf Waldhart, Doris Schiffer, Felix Mayr und Claudia Spieß wollten sich dieser Herausforderung annehmen und schlossen sich dem Projekt an.

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Grundsätzlich stand jedem frei, wie er oder sie an das Thema herangehen würde, doch die fünf waren sich in einem Punkt einig: Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs waren viele Menschen anonym – sei es, weil sie zu identitätslosen Nummern und Symbolen degradiert wurden, oder weil viele Personen auch versuchten, unterzutauchen oder zu fliehen. Diese Anonymität wollten sie in den Mittelpunkt ihrer Fotos stellen.

Foto: Claudia Spieß

Felix hatte schließlich die Idee, anonymisierte Personen vor einer symbolischen Klagemauer abzubilden. Die Anonymität in den Fotos soll durch ergänzende Interviews ein Stück aufgedeckt werden. Er befragte seine Modelle also, was ihre Worte oder Wünsche an die Klagemauer wären.

Lena konnte durch ihre Reisen Personen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen befragen. Jede Meinung war ihr wichtig, auch wenn die Befragten nicht direkt oder indirekt vom Holocaust betroffen waren. "Das Thema Holocaust ist immer und überall gegenwärtig – in der Schule, zig Filmen, persönlichen Diskussionen mit Freunden, der aktuellen politischen Lage und so weiter. Ich wollte das Thema ins Hier und Jetzt holen und eine Verknüpfung mit den Interviewten Personen herstellen, um das Ganze nicht mehr als Geschichte und Vergangenheit zu sehen; darauf eingehen, dass die Welt sich schon geändert hat, und wie es uns jetzt tatsächlich beeinflusst!"

"Wie sehen wir das Thema heute, wie bewegt es auch unsere Generation, und welche Auswirkungen hat es auf unsere Gedankenstruktur?" Das aufzugreifen war für Doris einer der spannendsten Aspekte des Projektes. "Wir wollten nicht politisieren, sondern persönliche Geschichten erzählen. Obwohl unsere Teilnehmer in verschiedensten Verhältnissen aufgewachsen sind, konnten wir ähnliche Meinungen und Erfahrungen festhalten. Wir müssen aus Fehlern lernen, ohne Angst vor Veränderung und Neuerungen zu haben."

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Da sich die Befragten in Alter, Herkunft, und Religion unterscheiden, ergab sich eine Vielfalt aus Antworten. So finden sich hier neben Statements von Maria, die beim Anschluss Österreichs an Deutschland 12 Jahre alt war und ihrer Urenkelin Charlotte, die heute 12 ist, auch Antworten von Menschen aus sämtlichen Ecken der Welt wie zum Beispiel Finnland, USA oder Nicaragua.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass alle dieselben Wünsche haben: Akzeptanz und Toleranz allen gegenüber für ein menschenwürdiges Zusammenleben, und: Niemals vergessen!

Ralf wiederum fuhr mit seiner Freundin nach Mauthausen, um hier seine Fotos für das Projekt zu machen: "Insgesamt war ich dazu dreimal in Mauthausen, und es war jedes Mal wieder ein unangenehmes, beklemmendes Gefühl, diesen Hügel hinauf zu fahren und die Mauern dieses Ortes zu sehen, an dem so viel Schrecken und Leid passiert ist. Auch bei meinem dritten Besuch hat sich dieses Gefühl nicht gelegt."

Foto: Ralf Waldhart

Claudia stolperte im wahrsten Sinne des Wortes über die sogenannten "Stolpersteine", Steine der Erinnerung. Zufällig sah sie einen der Steine und blieb stehen, um zu lesen, was darauf geschrieben stand: Zum Gedenken an eine jüdische Familie, die in diesem Haus gelebt hat. Hans Müller – im Holocaust verschollen. 

Malvine und Gertrud Müller – Deportation 1942 nach Theresienstadt, im September 1943 in Ausschwitz ermordet. "Man kennt die Geschichte und weiß, was geschehen ist – hat man aber plötzlich Namen und persönliche Schicksale vor Augen, und das noch direkt vor dem Wohnhaus der betroffenen Personen, spürt man einen kalten Schauer. Man fühlt sich machtlos und hofft, dass so etwas nie wieder passiert."

Foto: Doris Schiffer

Foto: Doris Schiffer

Foto: Felix Mayr

Foto: Felix Mayr

Foto: Lena Oberhofer

Foto: Claudia Spieß

Foto: Ralf Waldhart

Mittlerweile wurde das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Die Fotografien sind derzeit in der Ausstellung "KLAGEMAUER - eine fotografische Auseinandersetzung mit dem Holocaust" zu sehen.

Anlässlich des Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Jänner öffnet die Galerie LIK von 16:00 bis 22:00 Uhr noch einmal exklusiv ihre Tore zur Ausstellung. (1070 Wien, Spittelberggasse 9).

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