Craft Beer

Die „Beer Thugs“ von Los Angeles

Einmal im Monat treffen sich die „Beer Thugs“ und verköstigen gemeinsam die besten Craft-Beer-Sorten des Planeten. Geschmacksprofile und seltene Biere statt Bling-Bling oder Lowrider.

von Javier Cabral
05 April 2016, 1:00pm
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Die „Beer Thugs". Alle Fotos von Javier Cabral

„Wir sind eben Thugs."

Alex „Rhino" Rebollo blickt mir fest in die Augen, mustert mich genau, ob ich Teil seiner Craft-Beer-Gruppe „Beer Thugs" werden kann. Samstagnachmittag, drei Uhr, vor uns steht ein Blecheimer mit Eis und ein paar Flaschen „Crème Brûlée", ein Imperial Milk Stout von Southern Tier. Daneben liegt noch eine riesige Flasche Rosecrans Special von Stone Brewing, ein saureres Bier aus Hagebutten, und dann noch mindestens ein Dutzend weitere seltene Biersorten aus der ganzen Welt, für die einige Craft-Beer-Snobs töten würden.

Ich versuche ich einen guten Eindruck zu machen und beim Blick in Rhinos Augen kein Zeichen von Schwäche zu zeigen.

Währenddessen dröhnt im Hintergrund „One Step Beyond" von Madness aus den Boxen, immer mehr Mitglieder kommen an, alle ziemlich groß und tätowiert. Jeder von ihnen bringt noch mehr Bier mit, Sorten, bei denen einem der Atem stockt, die man sich nur in den kühnsten Träumen ausgemalt hat, während man sabbernd Rezensionen online durchgelesen hat. Der Eimer wird immer voller—eisgekühlte Dosen, Flaschen, kleine Bierfässchen—, ich muss mich regelrecht dazu zwingen, wegzuschauen.

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rhino_forearm_shot - 1 Rhino

Rhino hat unter seinem linken Auge einen Lorbeerkranz tätowiert, genau da, wo Latino-Gangster sonst eine Träne tätowiert haben, als Zeichen dafür, dass sie jemanden umgebracht haben. Wenn er lächelt, bilden sich kleine Fältchen. Er bietet mir ein Hi-Res von Sixpoint an, ein dreifach gehopftes IPA mit 10,5 Vol.-%. Langsam ergießt sich das zähflüssige, tiefrote Bier in mein Verkostungsglas. Wir stoßen so heftig an, dass ich Angst habe, dass das dünne Glas sofort zerbricht. Der Rest der Gruppe—alles Latino-Männer, außer einer Frau—heißt mich bei meinem ersten Biertreffen der Beer Thugs willkommen.

„Prost. Jetzt gehört du zu den Beer Thugs."

Sie treffen sich ungefähr einmal im Monat und probieren ihr mitgebrachtes Craft Beer. Je seltener das Bier ist, das du mitbringst, desto mehr Respekt erntest du von den anderen.Es geht darum, wertvolle Dinge zur Schau zu stellen und sie mit anderen Menschen zu teilen, ähnlich wie bei vielen Lowrider-Clubs der Latinos. In etwa so: Wenn du dir ein Craft Beer im Wert von 50 Dollar leisten kannst und es auch noch mit allen anderen teilst, nur zu! Ich freue mich für dich und respektiere dich.

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Während man also literweise seltene Craft-Beer-Sorten trinkt, gibt es auch noch haufenweise Essen. Heute sind wir bei Brian Kelso und Carlos Valdepeña zu Hause; die zwei Mitglieder haben uns in ihr Haus nach Rosemead in Kalifornien eingeladen. Es gibt frisch in Schmalz frittierte Tortilla-Chips von Los Toros, einem mexikanischen Fleischer in Rosemead, und dünne italienisches Würstchen von Claro's Italian Market um die Ecke.

Neben den Beer Thugs gibt es noch weitere private Craft-Beer-Clubs in Südkalifornien mit überwiegend Latino-Mitgliedern. Über ihre Leidenschaft für Craft Beer versuchen sie, ihre Identität zwischen den Kulturen zu finden und auch ihr persönliches Netzwerk zu erweitern.

„Es geht nicht nur um Kameradschaft, sondern auch um Craft Beer", erzählt mir Brian. Doch was hat ihn zu den Beer Thugs gebracht? Ungefähr vor einem Jahr ist er Mitglied geworden, nachdem er Rhino im neueröffneten Progress Brewing kennengelernt hatte, nur einen Steinwurf entfernt in South El Monte. Hier treffen sich jede Woche Beer Thugs und viele andere Latinos, die früher Craft Beer abgeschieden in ihren eigenen Gärten im San Gabriel Valley allein getrunken haben. Carlos stellt mir einige der Mitglieder vor und nennt mir von jedem die Lieblingsbiersorte: „Er mag belgisches Bier, er mag IPAs, er mag Stouts … Man muss eben seinen Geschmack finden."

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Das „Clubhaus"

Rhino, der Beer Thugs vor fünf Jahren gegründet hat, ist ein alter Oi!-Skin, fast jeder Zentimeter seines Körpers ist mit Tattoos bedeckt, darunter auch der Slogan von Stone Brewing „Cheers to the arrogance" [dt. etwa: Auf die Arroganz!]. Das hat er zu seinem Mantra gemacht. Das Tattoo ist in der original Handschrift von Greg Koch gestochen, dem Gründer von Stone Brewing und einem alten Freund von Rhino. Rhino ist immer noch der einzige, dem Koch auf Instagram folgt. Er ist quasi ein echter Craft-Beer-Gangster. Er entwickelt Rezepturen für kleine Brauereien wie die Ohana Brewing Company oder Rev Brewing und schreibt außerdem über Bier für einen der ersten amerikanischen Craft-Beer-Blogs für Latinos, Beers in Paradise.

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Carlos hat italienische Würstchen gekauft und sie mit Ziegenkäse und Basilikum verfeinert

Rhino hat Beer Thugs gegründet, weil er, wie er meint, „Probleme" mit Hop Heads, einem größeren Craft-Beer-Club, hatte. Die Mitglieder kommen aus Kalifornien, von der Ostküste und sogar aus Tokio—alte Punks, Kiffer und Skinheads. Neben den Beer Thugs gibt es noch weitere private Craft-Beer-Clubs in Südkalifornien mit überwiegend Latino-Mitgliedern. Über ihre Leidenschaft für Craft Beer versuchen sie, ihre Identität zwischen den Kulturen zu finden und auch ihr persönliches Netzwerk zu erweitern. Ein anderer Bier-Club ist IPA NATION mit Mitgliedern jeden Alters—auch Frauen sind herzlich willkommen.

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Um in den erlesenen Kreis aufgenommen zu werden, muss ein derzeitiges Mitglied dich vorschlagen und für dich bürgen.Bei mir war das Julio Trejo, einer der frühen Latino-Bier-Blogger, der Rhino schon seit ein paar Jahren kennt und auch bei einem der Biertreffen in die Gruppe aufgenommen wurde. Auch wenn die Beer Thugs furchteinflößend aussehen, versichert mir Rhino, dass sie keine Gang sind. „Wir sind einfach nur ein paar Freunde", meint er. Sie sind offen für jeden, jeder kann Mitglied werden, „solange man sich mit jedem versteht". Sie versuchen auch, Beef mit anderen Craft-Beer-Gruppen zu vermeiden.

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Je mehr der Tag voranschreitet, desto großzügiger wird man beim Einschenken. Und auch die Gespräche—insbesondere die Diskussionen über Geschmacksprofile—werden immer lauter.

Carlos dreht sich zu mir und meint: „Wir sind einfach nur ein Haufen Bier-Snobs."