Der Gin, der nach finnischen Wäldern schmeckt

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Der Gin, der nach finnischen Wäldern schmeckt

Die ersten Drinks haben sie in einem kleinen Pop-up-Restaurant namens „Tourismusbüro von Kyrö“ serviert. „Diesen Namen haben wir deshalb gewählt, weil Alkohol in Finnland nicht in der Öffentlichkeit erwähnt werden darf“, sagt der Gründer von Kyrö.
12.4.16

Es war 2012. Drei Finnen saßen in einer Sauna und tranken Rye Whisky aus dem Ausland und unterhielten sich. „Rye Whisky ist in Finnland nicht wirklich bekannt", erklärt Mikko Koskinen, der zu diesen Finnen in der Saune gehörte. „Da haben wir uns gefragt, warum hier niemand Rye Whisky macht. Alles andere machen wir doch auch aus Roggen."

Nackt, schweißgebadet und voller Ideen überlegten sie sich, ob sie nicht selbst finnischen Rye Whisky herstellen könnten. Anders als andere „großartige Ideen", die einem so betrunken in einer Sauna kommen, war diese auch am nächsten Tag noch gut. Zwei Monate später haben sie die Kyrö Distillery Company gegründet.

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Im Frühsommer sind die Birken reif für den Napue Gin. Foto von Sina Stelter

Die Destille liegt am Fluss Kyrö in Isokyrö, einer kleinen Stadt mit 5.000 Einwohnern in der finnischen Region Ostrobothnia. Jetzt ist der Fluss zugefroren und das Gelände um die Destille herum ist von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Von den Ästen der vielen Birken hängen Eiszapfen.

Im Februar 2015 wurde der Napue Gin von Kyrö beim renommierten International Wine and Spirit Competition (IWSC) als bester Gin für einen Gin Tonic ausgezeichnet. Er hat sich bei einer Blindverkostung gegen 150 andere Sorten durchsetzen können. Auch der fassgereifte Gin von Kyrö hat beim Wertbewerb Gold gewonnen—das ist eine der höchsten Auszeichnung im internationalen Wein- und Spirituosengeschäft. Eine ziemlich beeindruckende Leistung für eine kleine Destille, in der erst seit 2014 Schnaps gebrannt wird.

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Früher war die Destille eine Käsefabrik, erbaut 1908. Foto von Sina Stelter

Wie kam es also dazu, dass eine kleine, junge Destille quasi aus dem Nichts auftaucht und Experten wie auch gewöhnliche Gin-Fans von den Stühlen haut? Als Kyrö 2014 mit der Produktion angefangen hat, hatten die Gründer keinerlei Erfahrung in der Branche. Aber die Finnen haben sich Stück für Stück das nötige Handwerkszeug angelernt und dabei auch noch einen Gin kreiert, der wirklich einzigartig schmeckt. Man sagt, die Finnen trinken gern und viel, aber bis jetzt hat das Land was Schnapskreationen betrifft noch nicht viel geglänzt. Die Jungs von Kyrö wollen das mit starken Aromen und ihrer kleinen Destille ändern.

Napue Gin schmeckt definitiv nach Finnland: natürlich, kräuterig, süß und fast schon waldig. Der Gin wird mit insgesamt 16 Kräutern gemacht, darunter Wacholder, Mädesuß, Birkenknospen, Schwertlilie, Zitronenschale, Engelwurz, Cranberrys, Kardamom und Sanddorn.

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Aufgrund der hohen Nachfragen brauchte Kyrö eine eigene Etikettiermaschine. Foto von Sina Stelter

Ich treffe mich mit Barkeeper Juho Väliaho zu einer Verkostung in der Destille. Juhi ist außerdem an der Kyrö Academy, einem Ausbildungsprogramm für Jung-Barkeeper in der Destille.

Napue schmeckt unvergleichlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich Halb-Finnin bin, aber irgendwie versetzt er mich in eine Art Trance, zurück in das Haus meiner Großmutter in den finnischen Karelien. Ich rieche die dunkelgrünen Pinien und wie das Birkenholz die Sauna am funkelnden See aufheizt. Ist das eine Träne in meinem Auge?

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Wie er den Geschmack beschreiben würde, frage ich Juho. „Schwierig, gerade auch für diejenigen, die noch nie in einem finnischen Wald waren", meint er. „Kräuterig, süß, Mädesüß-Extrakt und Zitrusnoten im Bouquet, eine scharfe Roggennote im Abgang. Jedes Mal wenn ich ihn trinke, überrascht er mich wieder."

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Kalle untersucht die gegärte Maische, um den Alkoholgehalt zu bestimmen Kyrö arbeitet nur mit gemalztem Roggen und destilliert die Maische ungefiltert. Foto von Sina Stelter

Bevor er Kyrö mitbegründet hat (und später zum Marketingleiter wurde), war Mikko Koskinen CEO eines kleinen Online-Start-ups und außerdem zehn Jahre als Stand-up-Comedian unterwegs. Wie kommt ein Comedian zum Alkohol?„Da landen einfach die meisten", meint Mikko mit trockenem finnischen Humor. „Am Ende siegt der Alkohol."

Der schnauzbärtige Schnapsbrenner bei Kyrö ist Kalle Valkonen. Vorher hat er an der Universität Helsinki Biokraftstoffe entwickelt und Algen zur Energiegewinnung gezüchtet. Als die Idee für Kyrö langsam reifte, wussten die Gründer schnell, dass sie jemanden brauchen, der auch Ahnung vom Destillieren hat. „Kalle ist unser Gehirn", meint Mikko. „Außerdem hat er schon seit gut sieben Jahren sein eigenes Bier gebraut, also hatte er sowohl die Liebe zum Handwerk als auch das notwendige Wissen—eine ideale Kombination."

Am Anfang hat Kalle sein eigenes Equipment genutzt, um die ersten 200 Liter „Bier" zu machen—ein dicker, gegorener Brei aus Malz, Wasser und Hefe. Diese Maische wurde dann zum Brennen nach Pori geschafft. „Wir wussten nicht, ob das ein guter Whisky werden würde", meint Mikko. „Das haben wir nur herausfinden können, weil Miika [Lipiäinen], unser jetziger CEO, eine Flasche davon auf eine Whisky-Messe nach London eingeschmuggelt hat."

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Kalle beim Schnapsbrennen. Foto von Sina Stelter

Vor seiner Zeit bei Kyrö arbeitete Whisky-Nerd Miika in der Pharmaindustrie. Bei der Londoner Whisky-Messe ist er auf Toilette gegangen, hat kleine Testgläser mit seinem Whisky befüllt und ist dann von Stand zu Stand gegangen und hat gefragt, ob irgendjemand jemanden mit Produktionserfahrung kennt. Er hat alle seinen weißen, ungereiften Whisky verkosten lassen und wollte wissen, ob der zu etwas taugt. Die Reaktionen waren positiv und da wurde klar, dass sich in Finnland was Besonderes zusammenbraut.

Die Jungs von Kyrö haben den perfekten Ort gefunden, um ihre „Roggenträume" wahr werden zu lassen: eine alte Käsefabrik, in der Finnlands berühmter Oltermanni-Käse gemacht wurde, der traditionell mit Roggenbrot gegessen wird. Jetzt hat das Gebäude wieder etwas mit dem Lieblingsgetreide der Finnen zu tun: Kyrö ist die einzige Destille weltweit, die sich ausschließlich auf Roggen fokussiert. „Wir wussten sofort, das wird unsere Destille", erzählt Miika.

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Foto von Mikko Koskinen

Der Gin wurde nach dem Dorf Napue benannt, wo 1714 im Großen Nordischen Krieg die Schlacht bei Storkyro stattfand. Die Schriftart für die Flaschen der Destille ist die gleiche wie auf dem Kriegsdenkmal zur Schlacht. „Es ist schön, etwas Regionales zu produzieren, das gibt der Region ein bisschen Aufschwung", sagt Mikko.

Die Käsefabrik wurde 2014 renoviert und noch im selben Jahr begannen die Jungs mit der Produktion. Die ersten Drinks haben sie in einem kleinen Pop-up-Restaurant namens Kyrönmaan Matkailun Edistämiskeskus (übersetzt in etwa Tourismusbüro von Kyrö) serviert. „Diesen Namen haben wir deshalb gewählt, weil Alkohol in Finnland nicht in der Öffentlichkeit erwähnt werden darf", erklärt Mikko und bezieht sich dabei auf das finnische Werbeverbot für Alkohol. „Unter anderem deshalb haben wir eine illegale Bar eröffnet—typisch finnisch-sonderbar."

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Das Abfüllen der Flaschen. Die monatliche Produktion von Kyrö hat sich in nur ein paar Monaten verzehnfacht. Foto von Sina Stelter

Er beschreibt das Restaurant und die Bar als Mischung aus „alter Käsefabrik und Reisebüro aus den 70er-Jahren". Bei ihnen gibt es moderne finnische Küche und Verkostungen, Führungen durch die Destille und Cocktailworkshops. Ihr Napue Gin wurde teilweise hier entwickelt. Sie haben es mit verschiedenen Gins probiert, alle hatten die gleichen Zutaten nur in unterschiedlichen Verhältnissen. Die haben sie dann den Kunden in einer echten Umgebung serviert, um herauszufinden, was ihnen gefällt. Dann gab es noch formalere Verkostungen, meist morgens: „Das ist eine traditionellere Art, Gin zu verkosten: drei Arten Gin, jeden Morgen um neun Uhr. Dann sind die Sinne am schärfsten", meint Miika.

Diesen praktischen Ansatz findet man überall in der Destille. Im ersten Jahr hat das Kyrö-Team noch 5.000 Flaschen selbst mit Miikas Skoda ausgeliefert, erst dann hatten sie einen Vertriebspartner gefunden. Dank eines japanisch-italienischen Pärchens, Bekannte von Miika, konnten sie als Erstes nach Japan exportieren. Die beiden haben eine Bar im Ski-Resort Niseko auf Hokkaido. Jetzt ist Japan einer der wichtigsten Märkte von Kyrö.

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Marianne macht Klimmzüge. Früher war sie Elektrikerin, Pole-Dancing-Lehrerin und Personal Trainer. Jetzt kontrolliert sie die Abfüllung bei Kyrö. Foto von Sina Stelter

Nachdem Napue 2015 bei der IWSC abgeräumt hat, ist die Produktion in der Destille ziemlich abgegangen. „Wir waren so ziemlich am Arsch", meint Miika, denn so ein Preis steigert natürlich die Nachfrage. „Wir wollten letztes Jahr gut 23.000 Flaschen abfüllen. Nach 100.000 mussten wir aufhören, weil wir die finnischen Steuergrenzen ausgereizt hatten. Für eine kleine Destille war so ein Wachstum einfach verrückt. Am Anfang des Jahres waren wir zu dritt, am Ende arbeiteten 13 Leute bei Kyrö."

Außerdem wird die Destille sich dieses Jahr noch mehr erweitern und in insgesamt 15 Länder exportieren. „Eine ziemlich verrückte Zeit."

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„Wir wollen bis 2022 die weltweit bekannteste Destille werden, die nur mit Roggen arbeitet", meint Mikko. „Unser Vorteil dabei ist, dass wir die einzige Destille sind, die nur mit Roggen arbeitet. Also haben wir unser Ziel eigentlich schon erreicht."

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Die Destille von der Perttilä-Brücke aus, der ältesten Hängebrücke in Finnland. Foto von Sina Stelter

„Neben Finnland wollen wir auf zehn weiteren großen Märkten richtig bekannt werden", sagt Mikka und fügt hinzu, dass die Produktpalette von Kyrö ziemlich klein ist, da sie nur mit Roggen arbeiten. „Wir wollen nicht zu viel machen, Roggen ist einfach unser Ding. Und aus Roggen kann man keinen Tequila machen—das ergibt einfach keinen Sinn."

Miika meint aber auch, dass nicht nur im finnischen Roggen das Geheimnis von Kyrö liegt: „In Finnland wachsen Kräuter und Pflanzen für Extrakte einfach wunderbar. Insgesamt zwar nur sehr kurz, dafür aber mit 24 Stunden Sonnenlicht. Dadurch entwickelt sich ein einzigartiger Geschmack."

Und was dürfen wir vom Kyrö-Whisky erwarten, der 2017 auf den Markt kommen soll? Chef-BrennerKalle verspricht einen einzigartig finnischen Rye-Whisky: „Von Anfang an sollte das unsere Interpretation eines Rye-Whiskys werden, kein Abklatsch von anderen Sorten. Deshalb haben wir das voll durchgezogen und einen Whisky kreiert, der zu 100 Prozent aus gemalztem Roggen besteht."

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Das erste professionelle Foto der Kyrö-Gründer, wie sie nackt durch ein Roggenfeld springen. Foto von Kimmo Syväri

Das boomende Geschäft mit dem Alkohol hat der kleinen Stadt ziemlich gut getan. Fast alle Angestellten kommen aus der Umgebung. „Unser Team ist fantastisch, so viele tolle neue Leute", meint Miika. „Bei uns arbeitet die erste weibliche Schnapsbrennerin Finnlands und sechs oder sieben Leute aus der Stadt."

Marianne, die in der Abfüllung arbeitet, hat eine ziemlich interessante Vergangenheit, erzählt Mikko: „Früher hat sie an der Stange getanzt, heute füllt sie Alkohol ab."

„Außerdem war sie Elektrikerin und Personal Trainer", meint Miika. „Jetzt hat sie die Abfüllanlage unter Kontrolle."

Beeindruckend, wie viel Kreativität und Energie diese Finnen versprühen. Wie Jung-Barkeeper Juho meint: „Normalerweise sind Finnen sehr bescheiden, wenn es um das geht, was sie tun. Aber Kyrö zeigt, dass wir auch Eier haben können—und stolz auf uns sein können."