harry potter

Wir waren bei der Quidditch-WM, um zu sehen, ob das bei Muggeln Sinn macht

Unsere Autorin erwartete bei der Quidditch-WM in Frankfurt nerdige Harry-Potter-Fanboys im Umhang. Sie traf auf Rugby-Tacklings und Lehramtsstudenten mit Public-Viewing-Ausrüstung.

von Leonie Hain
29 Juli 2016, 10:00am

Alle Fotos: Leonie Hain

Mit welchen Erwartungen geht man zu einer Quidditch-Weltmeisterschaft? Um ehrlich zu sein, mit nicht allzu großen. Vielleicht ein bisschen Neugierde gepaart mit einer Zeitreise in die Kindheit. Es fällt schwer, sich wirklich etwas darunter vorzustellen. Quidditch ist schließlich eine fiktive Sportart—der Sport der Hexen und Zauberer aus den Harry-Potter-Romanen und -Verfilmungen. Geschaffen von Joanne K. Rowling—gelesen von Rufus Beck. OK, Spaß beiseite.

Am vergangenen Wochenende wurde in Frankfurt Quidditch gespielt. Kein gewöhnliches Quidditch, sondern Menschen-Quidditch, sozusagen Muggel-Quidditch. Ich stelle mir also vor, wie wir Menschen versuchen, den genauso krassen wie heiligen Sport von Harry Potter zu imitieren, und scheitere bei dem Versuch daran. Wie soll dieser Plan ohne ein Fünkchen Zauberei, ohne fliegende Besen aufgehen? Ein Kumpel aus England schreibt: „I didn't even know it was a sport!". Damit ist er nicht alleine, lassen wir uns eines Besseren belehren. Dem Vorurteil trotzend, dass dort sowieso nur verblendete Fantasy-Nerds rumstrahlen, begebe ich mich auf unbekanntes Terrain. Denn Quidditch-WM ist nur alle zwei Jahre—und dieses Jahr rein zufällig in Deutschland.

Wenn ich an Harry Potter denke, kommt mir irgendwann unwillkürlich auch Quidditch in den Sinn. Ich denke daran, wie Harry und seine kleinen Magier-Freunde auf Besen durch die Lüfte reiten; an wild gewordene, gemeingefährliche Quidditch-Bälle: den „Quaffle", die „Klatscher" und an den „goldenen Schnatz". Ich denke an Harrys erste Flugstunde bei Madame Hooch und daran, wie Neville völlig eskalativ auf seinem Besen durch die Gegend steuerte. Oder daran, wie Harry seinen ersten Unfall baute, weil sein Besen mit einem Fluch belegt war. Ja, Quidditch ist ein brutales Game.

Das Turnier im Park des Frankfurter Rebstock-Geländes hat in etwa den Charme von Fußballturnieren im Amateurbereich. Ständig rotiert man zwischen einem der vier Kleinfelder, die an diesem Wochenende von 21 Mannschaften aus unterschiedlichsten Ländern bespielt werden. Neben etablierten Quidditch-Teams wie denen aus den USA, Australien oder England spielen auch Exoten aus Peru oder Uganda um den WM-Titel mit.

„Brooms up!" ist der Startschuss jeder Quidditch-Partie.

Auf den vier Schauplätzen bietet sich eine seltsame Kulisse. Angelehnt an den fiktiven Sport der Hogwarts-Zauberlehrlinge wuseln hier auf einem ovalen Spielfeld je sieben Spieler beider Teams durcheinander. Männer und Frauen bunt gemischt. Die Farbe ihrer Stirnbänder verrät ihre Positionen auf dem Platz: grün für die Hüter, weiß für die Jäger, schwarz für die Treiber und gelb für die Sucher. Zugegeben: Anfänglich verstehe ich nur Bahnhof oder wie man im Hogwarts-Slang sagen würde: Gleis 9 3/4. Doch mit der Zeit komme auch ich dahinter, was es mit den ganzen parallel ablaufenden Spielzügen auf sich hat:

Eingeleitet wird jedes Quidditch-Spiel mit „Brooms up!", dem Ausruf eines Referees, was so viel heißt wie „Besen hoch!". An den beiden Enden des Feldes hocken die Spieler der Mannschaften neben einer kurzen Plastikstange, als würden sie gerade auf den Startschuss der 4-mal-100-Meter-Staffel warten. Es ertönt ein lauter Pfiff, dann klemmen sich die Spieler die roten Stiele zwischen die Beine und sprinten Richtung Mittellinie. Mehrere Bälle wirbeln durch die Luft. Die drei Jäger jedes Teams versuchen den „Quaffle", einen blau-weiß gestreiften Volleyball, in ihre Obhut zu bringen und sich damit bis zu den drei Metallringen in der gegnerischen Hälfte durchzutanken. Wird der Ball durch einen der unterschiedlich hoch angebrachten Ringe geworfen, bekommt das Team zehn Punkte.

Die Aufgabe des Hüters und der Treiber ist es, dieses Unterfangen zu unterbinden. Der Hüter übernimmt die Aufgabe eines Torwarts, indem er den Quaffle fängt und den Spielzug damit abbricht. Die Treiber stellen eine Art Abwehr dar, die versucht, den Jäger mit einem „Klatscher"—einem gelben Ball—abzuwerfen. Wird der Angreifer getroffen, muss er den Ball fallen lassen und eröffnet somit die Möglichkeit für einen Konter des Gegners. Nach 18 Minuten komplettiert ein als Schnatz verkleideter Spieler die Szenerie und sorgt für noch mehr Verwirrung. An seinem gelben Trikot ist ein Schwänzchen befestigt, das aus einer Socke und einem Tennisball gebastelt wurde. Das Spiel endet, sobald der Sucher die Socke aus dem Hosenbund des Snitch Runners zieht. Die Mannschaft des Suchers erhält 30 zusätzliche Punkte.

Ringelpietz mit Anfassen beim Suchen und Finden des Schnatzes.

Genug zu den Regeln. Da gibt es noch sehr viel mehr, ungefähr hundert Millionen Arten von Fouls. Nachzulesen in einem 200 Seiten schweren Schinken, der ein Abklatsch des Originals „Quidditch im Wandel der Zeiten" darstellt. Hermine Granger hätte ihn vermutlich schon zehn Mal durchgelesen und im Schlaf runterbeten können. Aber ich bin nur ein unbeholfener Muggel ohne Zauberskills und deshalb müssen an dieser Stelle die Basics erst mal reichen.

Ein bisschen fühle ich mich an diesem Wochenende wie Dean Thomas, der Kumpel von Harry Potter, der eigentlich Fußballfan ist und keinen Schimmer von der Quidditch Fankultur hat. Und obwohl wir nicht hunderte Meter mit Fernrohren über dem Platz sitzen und auch keine überdimensionalen Banner haben, die dank eines kleinen Zaubertricks andauernd das Motiv wechseln, fange auch ich an, mich für den Sport zu begeistern. Denn ich nehme ihn als solchen wahr.

Von fanatischen Potter-Fans, die ihre Finger nicht von den Büchern lassen können und schwarze Umhänge tragen, ist in Frankfurt kaum eine Spur. Stattdessen laufe ich hier eher dem Prototyp eines Lehramt-Studenten über den Weg. Normalos eben, die sich für einen Sport interessieren. So wie ich mir die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft reinziehe, gönnen sich diese Jungs und Mädels eben an diesem Wochenende die Quidditch-WM. Nur vereinzelt erhasche ich einen Blick auf einen Zauberhut (in Schland-Optik) oder erspähe einen echten Besen, mit Borsten und so.

Weil ich ja nicht nur zum Spaß hier bin, schaue ich mir auch mal an, was die Möchtegern-Zauberer so auf den Rasen bringen. Die nächste Partie, die ansteht: Deutschland gegen Katalonien. Auf dem Weg zum Feld kommt mir eine fünfköpfige Gruppe in Deutschland-Trikots entgegen. Auch Thomas Müller geht Bier holen. Wenn Hermine nur wüsste...dann wäre hier aber ein Troll los.

Kurzzeitig fühle ich mich in dem Fahnenmeer am Seitenrand fast wie beim Public Viewing. Diese Wehmut vergeht aber genauso schnell, wie sie gekommen ist. Die Deutschen schlagen sich wacker, so auch das Kommentatoren-Duo. Auf Englisch und Deutsch erklären sie, was hier vor sich geht: „Katalonien jetzt im Besitz des Quaffles". Und ich gewinne schon wieder den Eindruck, dass das hier wenig mit Magie und auch nichts mit einer Spaßveranstaltung zu tun hat.

Unter Zurufen der Fans hauen sich die Spieler richtig ins Spiel. Die Körper krachen regelmäßig aneinander und irgendjemand liegt am Boden. Anscheinend ist auch Muggel-Quidditch ein brutales Game. Mich erinnert es an eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball. Fehlt nur noch, dass der Gegner mit den Stöcken geschlagen werden darf.

In meiner Vorstellung waren Quidditch-Spieler eher irgendwelche Nerds, die sich auf Romanvorlage ein Späßchen erlauben und sich selbst nicht so ernst nehmen. Aber was ich in Frankfurt erlebe, entspricht so ziemlich dem Gegenteil. Die Spieler ähneln eher athletischen Rugby-Spielern. Und im Köpfchen haben sie scheinbar auch etwas. Die meisten von ihnen sind Studenten, die per Zufall an die Sportart geraten sind. Nicht, weil sie hoffnungslose Harry-Potter-Fanboys sind.

Unter dem Motto „#heimvorteil" startete das Team vom Deutschen Quidditchverband in das Turnier. Die Fans gaben ordentlich Gas.

Das Team des Deutschen Quidditchbundes erreicht am Ende einen soliden elften Platz. Für die erste Teilnahme bei einer WM ist das eine gute Bilanz. Im letzten Spiel des Turniers trifft die Crème de la Crème unter den Quidditch-Teams gegeneinander an: USA gegen Australien. Mehrere hundert Zuschauer sitzen gebannt auf ihren Stühlen um den Platz. Auch ein paar Zaungäste haben sich eingeschlichen, neugierig rätseln sie, was das bunte Treiben auf dem Rasen darstellen soll. Bei der letzten Weltmeisterschaft vor zwei Jahren verlor Australien gegen die USA. Nach einem heiß umkämpften, lang andauernden Spiel krönt sich Australien am Ende glücklich zum Weltmeister, weil der kurz zuvor gefangene Schnatz der USA von den Schiedsrichtern als ungültig erklärt wird. Die Chance nutzt der australische Sucher und verbucht die 30 Punkte auf das Konto der „Dropbears". Endstand 150:130.

„Da ist das Ding", muss sich dieser australische Sucher gedacht haben. Dank ihm wurde Team Australia erstmals Weltmeister.

Nach dem überraschenden Sieg der Aussies stürmen die Quidditch-Fans den Platz und feiern ausgelassen ihren ersten Weltmeistertitel. Zeit für eine kurze Einschätzung dieses Muggel-Wahnsinns:

Auf Außenstehende wie mich mag Menschen-Quidditch schon etwas ulkig wirken: Eine Horde von Menschen rennt mit Plastikstangen zwischen den Beinen über einen Rasen, wirft Bälle kreuz und quer durch die Gegend und das Fangen des Schnatzes gleicht Leibchen-Fangen im Fußballtraining. Aber Quidditch ist ein Sport, der absolut unterschätzt und viel zu oft belächelt wird. Auch wenn er noch nicht die Popularität anderer Sportarten genießt, nehmen die Spieler ihren Sport sehr ernst. Das sieht man auch daran, dass es in Tacklings durchaus rabiat zur Sache geht. Und dass es bei diesem Wettkampf auch nicht nur um irgendein Spaßturnier von wild gewordenen Harry-Potter-Jüngern wie Colin und Dennis Creevey geht, die man im Übrigen vergeblich sucht. Es ist eine Meisterschaft mit den besten Quidditch-Spielern, die die Welt zurzeit zu bieten hat. OK, das hört sich komisch an. Aber ihr wisst schon.

Ich bin ohne Erwartungen zu dem Turnier gefahren und bin begeistert worden. Und wer weiß, vielleicht werde ich mich ja sogar selbst mal auf einen Besenstiel schwingen...

Ein gut betuchter Katalane versucht zumindest ein bisschen Magie in die Veranstaltung zu bringen.

Das deutsche Team im Spiel gegen Katalonien.

Platzsturm beim Siegesjubel des neuen Quidditch-Weltmeisters Australien.