Foto: facebook.com/fantastixonline

Wie man vom Tanzen leben kann und warum so viele es nicht schaffen

Aaron Night verdiente mit Straßentanz sein erstes Geld, gründete eine Crew und lebt heute von seiner Leidenschaft. Uns erzählte er, wie er das schaffte, warum sich so viele Tänzer überschätzen und den Markt kaputt machen.

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14 März 2017, 10:25am

Foto: facebook.com/fantastixonline

Background-Tänzer bei Justin Timberlake sein, in Musikvideos von Samy Deluxe mitspielen oder mit eigenen Shows ganze Theater füllen: Es ist der Traum vieler Jungs und Mädchen, aus der Leidenschaft Tanz einen Beruf zu machen. Der Hamburger Aaron Night hat sich diesen erfüllt. Damit der 26-Jährige von großen Firmen gebucht wird und in den Musikvideos von Sido oder Afrob tanzt, musste er einen harten Weg durch die Innenstädte Europas gehen. Er ertanzte sich mit dem Geld auf der Straße seinen ersten Laptop, gründete seine Crew „The FantastiX" und anschließend ein Unternehmen. Mittlerweile hat er eine eigene Tänzer-Agentur und ist vielgebuchter Choreograf und Creative Director.

Bei VICE Sports erklärt Aaron, wie er im Osten Nazis beim Tanzen gegenüberstand und warum sich viele Tänzer zu sehr überschätzen:

Der Beruf des Tänzers hört sich glamouröser an, als er ist. Da ist kein Talentscout, der dich im Club entdeckt und dir das große Geld bietet. Wir machten unser erstes Geld, indem wir in die Hamburger Innenstadt gingen, eine Musikanlage aufstellten und für Kleingeld tanzten. Wir trampten in andere deutsche Städte und fuhren mit der Bahn durch Europa. Wenn man intensiv auf der Straße tanzt, dann kann man damit schon so viel verdienen, dass man davon leben kann. An einem guten Samstag in der Innenstadt in Berlin am Ku'damm oder in Hamburg in der Mönckebergstraße hast du schon deine 80 bis 90 Euro pro Kopf am Ende des Tages gehabt. Das Problem bei Straßenkunst war, dass wir unter der Woche in den Innenstädten kaum etwas machen konnten, weil die ganzen Arztpraxen, Anwälte und Büros keinen Bock auf Lärm hatten. Vor allem nicht auf mitklatschende Menschen und Musik, die sich alle dreißig Minuten wiederholt. Da wurde sofort die Polizei gerufen.

Straßenshow von Aaron (Foto: Martina Cyman)

Anders als schweigende Schminkdarsteller brauchten wir natürlich Taktiken: Ein paar Saltos und Tanzeinlagen reichten nicht, wir mussten die Leute animieren. Wir haben immer geguckt, was gerade in den Charts oder bei den Leuten in Deutschland angesagt ist und haben diese Songs dann parodiert zwischen unseren Tanzelementen. Da läuft dann eben auch mal mittendrin Helene Fischer, „La Cucaracha" oder der „Gangnam Style". Die Deutschen mögen auch „Er gehört zu mir" oder den Titanic-Soundtrack. Da lachen alle – dafür muss man als Tänzer aber natürlich auch erstmal über seinen eigenen Schatten springen. Schnell war es mein Ziel, mich selbstständig zu machen und professionelle Auftritte zu haben. Dafür wollte ich mehr Kenntnisse erlangen, was Videos, Fotos und eine eigene Homepage angeht. Aber ich hatte nicht mal einen Laptop. Also sind wir auf Tour gegangen über zwei Wochen und jeden Tag in eine andere Stadt gefahren, um uns das Geld von der Straße zu holen. Dass es soweit kommt, hätte ich nie gedacht, denn bis ich 16 Jahre alt war, hatte ich mit Tanz nichts am Hut.

Meine Mutter war Tänzerin und mein Vater war DJ, früher haben wir immer schon viel Musik gehört und uns bewegt, aber so wirklich getanzt habe ich nie. Ich war meine ganze Jugend lang Leistungsschwimmer. Mit 16 Jahren fing ich dann in einem Jugendzentrum mit einem Kumpel mit Krumping an. Aber auch Tanzfilme wie You Got Served oder Rize hatten mich hart gecatcht und ich fing dann an, HipHop zu tanzen. Die Verbindung zu meinem Bruder hat meine Liebe zum Tanzen weiter verfestigt: Weil meine Mutter früh starb, bin ich bei Pflegeeltern und mein Bruder bei meiner Tante groß geworden. Auf einem Tanzevent kamen wir uns durch unsere gemeinsame Leidenschaft näher. Danach gingen wir zusammen ins Studio, trainierten und übten Choreografien. Ich bekam nicht mehr genug, nahm einen Workshop nach dem anderen und wollte mich weiter entwickeln. Ich ließ mich inspirieren bei Kursen von The Flying Steps oder auch Niels „B-Boy Storm" Robitzky, der Legende in Deutschland, was Breakdance, HipHop und urbane Tanzkultur angeht. Im Abi hatte ich schon zwei Jahre getanzt und fing an, auch Unterricht zu geben. Ich stellte mir die Frage, für was ich 100 Prozent geben will. Ich schmiss mein Abi. Ich wollte tanzen und gründete mit Freunden meine erste Crew.

Aaron Night (Foto: Martin Ohnesorge)

Die Anfänge machten wir also mit Straßenkunst. Die kannst du leider nicht überall machen. Einige Städte standen bei uns auf einer No-Go-Liste, denn jeder von uns hatte in manchen Städten schon eine schlechte Erfahrung gemacht. Ich hatte zum Beispiel auf einem Festival in Dresden Probleme mit Nazis – es waren ausgerechnet unsere Security-Leute, die eigentlich auf uns hätten aufpassen müssen. Der eine mit Thor-Steinar-Tattoo meinte die ganze Zeit, dass es ihm in der Faust juckt, wenn er mich sieht. München ist bei uns zum Beispiel auch auf der No-Go-Liste gewesen, da fährst du nicht hin als Straßenkünstler. Da werden dir dein Geld und deine Box von der Polizei oder vom Ordnungsamt weggenommen. Anschließend kriegst du eine Anzeige und musst ein Bußgeld von 350 Euro wegen Tanzens auf der Straße zahlen. Mit meinen Dreadlocks habe ich da natürlich auch Probleme – genau wie in Frankreich oder Spanien – und wäre schon oft fast im Knast gelandet. Da ist man schnell der kriminelle, schwarze Drogendealer und erst, wenn dann meine zwei deutschen Tänzer-Kollegen kamen, sah uns die Polizei als „harmlose Multikulti-Truppe" an.

Meinen Laptop konnte ich mir dann übrigens nach zwei Wochen auf Tour durch Deutschland leisten – wir hatten 2.000 Euro pro Kopf gemacht. Das Beste war jedoch auch ein Anruf nach dem Trip: Jemand von Mercedes hatte uns in der Stuttgarter Innenstadt gesehen und fragte, ob wir nicht Bock hätten, bei einer Autovorstellung zu tanzen. Wir meinten, dass wir auf der Straße 200 Euro pro Kopf am Tag bekommen würden und dachten uns, dass wir bei Mercedes das Dreifache für uns beide fordern könnten. Am Telefon wollten sie uns dann noch mehr zahlen. Ich kam in dem Moment gar nicht klar und hatte echt Schwierigkeiten, mit ruhiger Stimme aufzulegen. Das war für mich der Moment, wo mir das erste Mal bewusst wurde, dass meine Kunst von der Straße viel mehr wert ist, als ich geglaubt habe. Ich wusste, dass ich von meiner Leidenschaft leben kann.

Mittlerweile wird Aaron für zahlreiche Shootings gebucht. (Foto: Mafire)

Die Aussichten, mit Tanzen Geld zu verdienen, sind besonders für HipHop-Tänzer gar nicht so schlecht. Die urbane Kunst und der Tanz haben sich in den letzten Jahren so verändert und rücken immer mehr in den kommerziellen Markt. Kendrick Lamar oder Jay-Z sind nicht mehr urban. Vor acht Jahren wurde ich für zwei Musikvideos im Jahr gebucht, jetzt für zehn oder zwölf. Anders als bei Werbeaufträgen ist die Bezahlung bei Musikvideos nur OK. Dabei muss man natürlich auch immer schauen, wer was zahlen kann. Man muss seine Kunst ja auch an den Mann bringen. Ein großer US-Star zahlt hunderte Euros, irgendwelche unbekannten Deutschrapper dafür weniger.

Ob ich für jemanden tanzen will, hat auch viel damit zu tun, ob der Künstler und seine Werke cool sind. Natürlich habe ich am Anfang auch mal was für lau gemacht – in der Szene wäscht da eine Hand oft auch die andere. Es gibt aber Künstler wie Samy Deluxe, mit dem ich jahrelang gearbeitet habe: Er schätzt Tanz als Kunst und hat immer gut gezahlt. Da pusht man sich gegenseitig. Bei Sido, Afrob und Denyo habe ich in Musikvideos getanzt und hatte nie den Eindruck, dass ich mich unter Wert verkaufe. Ich verkaufe ja auch nicht meinen Körper, sondern meine Kunst. Alles mache ich aber nicht. Ich mache nur Dinge, wo ich dahinterstehe. Es gibt Marken oder Musiker, da bin ich raus, egal wie viel Geld die bieten und wie nötig ich es habe. Als Camp David mal auf mich zukam, habe ich auch gesagt: „Sorry Boys, das passt nicht". Da denke ich an Dieter Bohlen und Deutschland sucht den Superstar. Das bin nicht ich.

„A Single Moment" von Dominik Wieschermann

Seit drei Jahren führe ich nun auch eine Agentur, wo ich Tänzer vermittle. Das Problem der Tänzer ist aber, dass sich viele häufig zu schade sind und sich überschätzen. Viele Tänzer sind leider austauschbar. Mein Tipp: Wenn du der Meinung bist, nicht austauschbar zu sein, dann mach dich nicht austauschbar. 90 Prozent der Tänzer schaffen es nicht, über einen eigenen kreativen Standard zu kommen. Sie meinen, es reicht, nur gut vor dem Spiegel zu tanzen. Das ist aber eine Illusion. Die meisten bereiten sich auch nicht vor und können sich nicht präsentieren, verschlafen und kommen zu spät. Aber sie meinen, dass sie Background-Tänzer von Justin Timberlake werden können. Das ist der größte Irrglaube. Kaum ein Tänzer ist heute mehr zuverlässig, pflichtbewusst und loyal. Zudem machen viele Tänzer mit Niedrigpreisen den Markt kaputt, wodurch es guten Tänzern schwerfällt, langfristig zu überleben.

Dass ich es irgendwie geschafft habe, Geld mit meiner Leidenschaft zu verdienen, ist bis heute nicht einfach. Ich habe auf Reisen und Luxusgüter verzichtet, weil ich das Geld stattdessen in mich und meine Crew The FantastiX gesteckt habe. Damit man beim Tanzen etwas erreicht, ist es – wie bei allem – wichtig, an sein Ziel zu glauben. Man muss mehr erreichen wollen, als das, was man jetzt hat. Ich hatte immer ein Ziel vor Augen: immer besser zu werden und vom Tanzen zu leben. Natürlich hatte ich auch Glück und wurde verschont von Verletzungen. Mein Körper ist mein Kapital. Ich hatte nie einen Bruch und seitdem ich tanze, hatte ich nur einmal einen Ausfall von vier Wochen. Leider kenne ich viele gute Tänzer, die aufhören mussten.

Neben dem Training ist besonders der Mut für Neues so wichtig, um dran zu bleiben. Ich wollte den urbanen Tanz als Kunst darstellen und nicht nur in einer Disziplin mein Können zeigen. Neben Breakdance haben wir es in unseren Produktionen geschafft, auch andere urbane und unbekanntere Tanzstile zu präsentieren und gesellschaftlich relevant zu gestalten. Damit sie von der breiten Masse angeschaut werden. Das treibt mich an. Mein Traum war es schon immer, das zu tun, was ich liebe – so lange ich kann.

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Der Text wurde protokolliert von Benedikt Niessen. Hier findet ihr Aaron Night oder seine Crew The Fantastix auf Facebook.