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Warum immer mehr deutsche Fußball-Talente an US-Colleges gehen

Ein Stipendium, Fußball auf gutem Niveau, ein Abschluss und jede Menge Partys—die meisten deutschen Legionäre spielen mittlerweile am College. Patrick Guier war U17-Nationalspieler und erzählt, wie er am College die Zeit seines Lebens hat.

von Benedikt Niessen
21 September 2016, 10:15am

Foto: Privat

Laut transfermarkt.de spielen die meisten deutschen Legionäre in den USA. 163 sollen es sein, doch die Dunkelziffer ist noch viel höher. Denn die meisten spielen nicht in der Profiliga MLS, sondern auf den unzähligen Colleges des Landes. In den letzten Jahren hat sich ein Trend entwickelt, dass junge Spieler, die den Weg zum Profi nicht gehen wollen oder können, sich lieber an den amerikanischen Universitäten versuchen. Die Vorteile scheinen unschlagbar: Der Spieler bekommt ein Stipendium, kann auf ordentlichem Niveau Fußball spielen und hat nach vier Jahren einen Abschluss—von den Partys ganz zu schweigen.

Die amerikanischen Universitäten wissen um die Attraktivität ihres Sportsystems und bieten das, was deutsche Vereine nicht wollen oder können: eine Perspektive abseits des Profisports.

Patrick Guier wurde von seinem Verein Borussia Mönchengladbach belächelt, als er sich für ein BWL-Studium einschrieb. Er durchlief die Jugendmannschaften der Gladbacher bis zur U23. In den deutschen U-Nationalmannschaften stand er mit Emre Can, Maximilian Arnold oder Mitchell Weiser auf dem Platz. Nun sitzt der Offensivspieler mit Yankees-Cap und grauem Kapuzenpullover in einem Studentenzimmer in West Virginia vor seinem Laptop. Der heute 22-Jährige hat ein Stipendium an der University of Charleston und spielt für die Charleston Golden Eagles in der Division II der NCAA, dem nationalen College-Verband. Mit VICE Sports sprach er darüber, wie Borussia ihn im Stich ließ und wie er nun endlich seinen Traum als Fußballer auf dem Campus leben kann.

VICE Sports: Du warst U17-Nationalspieler und bei der U23 von Mönchengladbach. Warum studierst du jetzt BWL am College in den USA?
Patrick Guier: Zwischen 15 und 17 war ich noch Teil der Nationalmannschaft und in der A-Jugend war ich noch sehr zuversichtlich, dass ich es schaffe, Profi zu werden. Dann habe ich fast zwei Jahre bei Gladbachs U23 kaum eine Rolle gespielt und hatte Probleme mit dem Trainer. Da wurde mir langsam bewusst, dass das Tor für mich zum Profifußball geschlossen ist. Dafür gibt es einfach zu viele talentierte Spieler in Deutschland.

Welcher Moment hat dir die Augen geöffnet?
Ich wollte irgendwann mit Fußball aufhören. Ich hatte den Spaß an meiner Leidenschaft verloren. Da war mir klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Meine beste Freundin, die ein bisschen älter und weiser war, hat mir dann so gesehen die Augen geöffnet und mir einen zweiten Weg eröffnet. Sie hat mich an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach für ein BWL-Studium angemeldet.

Warum hast du nicht den Verein gewechselt und hast gutes Geld in der dritten oder vierten Liga verdient?
Ich wollte weiter studieren. Aber in Deutschland gibt es das große Problem, dass Studieren und auf einem relativ hohen Niveau Fußballspielen viel zu schwer unter einen Hut zu bringen ist. Ich musste in der Regionalliga damals trotzdem jeden Morgen auf dem Trainingsplatz stehen und habe mich schwer getan, gute Noten zu schreiben oder überhaupt Zeit zum Lernen zu finden.

Patrick Guier (unten links) beim Saisonauftakt von Borussia Mönchengladbachs U23 im Jahr 2013 (Foto: Privat)

Warum bist du dann in die USA gegangen?
Mir hat die Agentur Monaco Sports die Möglichkeit eines Fußball-Stipendiums eröffnet. Ich kann nun hier in den USA studieren und das Studium mit meinen fußballerischen Fähigkeiten finanzieren. Dass ich das auf einer anderen Sprache in einem anderen Land tun kann, macht es auch noch zu einer einzigartigen Erfahrung fürs Leben. Und ich hatte auch die Hoffnung wieder, den Spaß am Fußball wiederzufinden.

Was wird für dich gezahlt?
Ich bekomme das Studium bezahlt und ein Zimmer von der Uni gestellt. Zudem bekomme ich einen Essenplan—also 14 Mahlzeiten pro Woche—und ungefähr 230 Dollar im Monat als flüssiges Taschengeld. Damit ist eigentlich fast alles gedeckt, für andere Ausgaben habe ich mit meinen Eltern einen Finanzplan aufgestellt.

Wie genau bist du an deine Uni gekommen?
Meine Agentur hat damals für die Uni-Coaches ein Highlightvideo von mir mit Spielszenen von früher erstellt. Andere Spieler bekommen über riesige Probetrainings—für die die US-Coaches extra nach Deutschland kommen—ihre Stipendien. Wegen meiner Vergangenheit bei Borussia und der Nationalelf habe ich durch mein Video aber schon einige Angebote bekommen und musste diesen Weg nicht gehen. Ich habe mich dann für eine gute Fußballuni entschieden.

Du spielst in der Division 2 der NCAA für die Charleston Golden Eagles. Welchen Stellenwert hat Fußball an deiner Uni?
Wir sind nur eine kleine private Universität mit nur 3.000 Studenten. Hier hält sich also der Wirbel in Grenzen—auch weil der Fußball hier einfach nicht so populär ist. Wenn es hoch kommt, besuchen unsere Spiele 150 Zuschauer. Weil unser American-Football-Team aber nicht so erfolgreich ist, sind wir bei uns an der Uni schon klar die Nummer 1. Durch den Finaleinzug vor zwei Jahren und den Einzug ins Final Four letztes Jahr investiert die Uni vor allem in uns.

Lebt ihr wie Profis oder kannst du dich wie ein Student auch mal abschießen?
Prinzipiell sind die Bedingungen schon sehr professionell auf den Sport ausgelegt. In der Vorbereitung waren wir etwa für ein paar Tage in New York und auch vor den Spielen müssen wir nicht das Essen in der Cafeteria essen. Wir fliegen zu unseren Spielen auch mal einige Stunden und dürfen dann auch in den Vorlesungen fehlen. Zwar trainieren wir auch jeden Tag, aber so streng wie in der Regionalliga damals ist das hier nicht. Das College-Leben mit Partys und Alkohol bleibt hier natürlich nicht aus—teilweise muss man da auch mitziehen.

Besonders das amerikanische Stipendium-Modell für Fußballer ist für Talente aus aller Welt sehr beliebt. Wie viele Ausländer spielen bei euch im Team?
Bei uns gibt es echt viele Nationalitäten. In unserer Mannschaft spielt etwa kein einziger Amerikaner. Das liegt vor allem an dem Netzwerk hier: Wir haben viele englische Spieler, die bei Burnley, Sunderland oder Southampton gespielt haben und nach ihrer Zeit hier neue Spieler herlotsen. Deswegen haben wir auch immer gute Spieler. In der ganzen Liga spielen viele Europäer oder Brasilianer, aber auch Leute aus Ghana oder Trinidad.

Was habt ihr den amerikanischen Spieler voraus?
Allgemein kann man sagen, dass wir ihnen auf jeden Fall die technischen Qualitäten voraus haben. Die Amerikaner kommen noch immer sehr über Kampf, Fitness und Physis, aber an den technischen Basics hapert es dann manchmal.

Patrick Guier ist auch in seiner zweiten Saison bei den Charleston Golden Eagles Stammspieler. (Foto: Privat)

Wie hoch ist das Niveau im amerikanischen College-Fußball?
Wenn es in die NCAA-Finalrunde geht, ist das Niveau schon ordentlich und grenzt vielleicht schon an die Regionalliga oder manchmal auch an die dritte Liga. Hier sind aber auch Mannschaften dabei, die nichts können. Da denkt man fast schon an Teams aus der Kreisliga.

Du hast mit Emre Can oder Amin Younes zusammengespielt, die nun beim FC Liverpool oder Ajax Amsterdam vor tausenden Zuschauern spielen und Millionen verdienen. Ist es schwer für dich, dass du stattdessen im Hörsaal sitzt?
Nein, gar nicht. Es gibt immer Neider im Leben, aber ich bin niemand, der neidisch ist. Ich freue mich für Spieler wie Amin, dass sie es geschafft haben. Man ist sogar eher stolz, dass man mit solchen Kickern zusammengespielt hat.

Hast du den Traum Profifußballer schon aufgegeben oder würdest du noch mal mit der MLS flirten?
Wenn ich die Chance hätte, würde ich eher zu 'Nein' tendieren. Prinzipiell will ich eher einen guten Job finden oder einen Master in den USA, Asien oder auch Deutschland machen. Ich bin nicht hier hergekommen um noch mal Fußballprofi zu werden—dafür waren die zwei letzten Jahre in Deutschland zu hart.

Ist der Druck ist für junge Talente so riesig?
Ja, das ist unglaublich. Ich hatte in Deutschland so viele Probleme mit mir selbst, weil ich nicht gespielt habe. Das hat psychisch sehr viel Kraft gekostet. Jeden Tag gibt man immer wieder sein Bestes, aber am Ende ist es auch Glücksache und wird von außen bestimmt.

GOAL CAM! Patrick Guier with the game-winning goal in our 1-0 win over @Urbana_Sports in the @NCAADII Sweet 16!! pic.twitter.com/NLZuYNMdEY
— UC Men's Soccer (@ucwv_msoccer) 20. November 2015

Guier mit seinem 1:0-Siegtreffer für die Eagles gegen die Blue Knights

Was ist das Problem im deutschen Fußball?
Der Fußball in Deutschland ist ja sehr gut und das sollte auch so bleiben. Die Vereine haben ja sogar Programme für die Talente wie Kooperationen mit Schulen oder eigene Internate, die die schulischen Leistungen der jungen Spieler fördern sollen. Aber es fördert nur die Spieler, die in diesem Internat sind und nicht die Spieler, die von außerhalb vielleicht eine Stunde vom Trainingszentrum entfernt wohnen. Die Vereine interessiert am Ende nur die fußballerische Leistung—um die anderen Dinge kümmern sie sich nicht.

Hat dich die Borussia in Stich gelassen?
Als ich angefangen habe zu studieren, wurde vom Verein mehr gelacht, als Verständnis entgegengebracht, warum ich das gemacht habe. Nach dem Motto „Du schaffst das eh nicht". Ich würde mir wünschen, dass die Zusammenarbeit mit Schulen und Unis noch enger geführt wird, damit die vielen Talente, die es nicht schaffen, etwas vorbereiteter für ihr Leben sind. Andererseits ist das natürlich schwer.

Warum?
Du verdienst als junger Spieler schon sehr früh sehr viel Geld. Selbst in unteren Ligen verdienen die Spieler mehr Geld als jeder normale Arbeitnehmer. Da machen sich natürlich die wenigsten Spieler noch die Mühe, in die Uni zu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Du musst ja auch zu 100 Prozent im Training deine Leistung abrufen.

Würdest du den Schritt in die USA auch anderen Talenten empfehlen?
Ja. Es war der beste Schritt meines Lebens. Ich komme mit meinem Team herum und erfahre täglich neue Dinge an der Uni. Ich lebe momentan meinen Traum. Hier denkt man nicht über Probleme nach, sondern lebt in den Tag hinein, geht zur Uni, trainiert, hängt mit Freunden herum. Ich kann hier sorgenfrei ich selbst sein und den Fußball endlich wieder genießen.

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie