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Epischer Beef im Deutschrap – Der letzte Kommentar aller Zeiten

Eine Daily Soap über Verrat, Geld und Loyalität, in der Musik schon fast die Nebenrolle spielt – die aber oft Geschichten schreibt, die unterhaltsamer sind als ein Haufen Charts-Alben.

von Niklas Fucks
26 April 2017, 2:17pm

Illustration: Young Lychee / Fotos: Imago

"Was ist Beef?", fragte Biggie 1997 – in einer Zeit, als viele Deutschrapfans noch nicht geboren waren, aber mit ihrem Musikgeschmack hängen geblieben sind. Heute ist Beef im Rap-Game nach wie vor ein regelmäßiger Gast, auch wenn der öffentlich ausgetragene Clinch zwischen verfeindeten Künstlern, Großfamilien oder mit Postfilialen mittlerweile fast schon zum Deutschrap-Volkssport geworden ist, dessen Spieltage zufällig in die Nähe von Albumreleasedates fallen. Ersguterjunge und Banger Musik / Kollegah zicken sich jedenfalls pünktlich zur Promophase von Bushidos Black Friday und Kollegahs Legacy-Box an. Alpa Guns Sticheleien gegen die 187 Strassenbande letztes Jahr waren vielleicht eher geht so erfolgreich, aber haben gezeigt, dass selbst seit Jahren nicht mehr ganz so doll relevante Musiker durch das Beleidigen ihrer Konkurrenz Medienaufmerksamkeit bekommen. Das heißt nicht, dass Beef nur aus Promo-Gründen ausgetragen wird. Die Klickzahlen prominenter Disstracks, epischer "Klartext"-Interviews oder kontroverser Berlin V-Logs sprechen auch für sich.

Gibt es gerade einmal wieder Beef zwischen prominenten Rappern, ist das für uns als Publikum vor allem eine Gelegenheit, hinter die Kulissen schauen zu dürfen. Wer ist wie drauf? Wer hängt wirklich mit wem? Wer hat einen Busfahrerbauch? Beef macht die sonst so fernen Protagonisten nahbar und real, bringt intern bekannte, der Außenwelt aber gänzlich unzugängliche Geschichten ans Tageslicht. Und genau das lieben wir eben. Nicht nur wir Rapfans, sondern auch Fußball-Nerds, Leute, die Formel 1 schauen oder Cineasten lieben schmutzigen Gossip über die Prominenz und eine gute, klassische Rivalität. Es ist so alt wie die Menschheit selber. Am Brunnen erzählte man sich von den Fehden verfeindeter Clans oder Gerüchte über das dekadente Leben der Adeligen. Und als Julius Caesar durch seinen Adoptivsohn Brutus verraten und ermordet wurde, zerriss man sich in Rom sicher auch wochenlang das Maul. Die heutige Liebe zum Klatsch lässt sich also nicht einfach durch Medienkonsum erklären, es ist wohl eine Sache unserer Spezies.

Doch die Welt, die wir sehen, ist nicht die Realität. Überraschung! Nimm die blaue Pille und du wachst morgen auf, scrollst durch deinen Feed und klickst auf einen RapUpdate-Link, um herauszufinden, was DIESER Rapper jetzt schon wieder getan hat. Aber du kannst auch die rote Pille schlucken, die dein Verhältnis zur Realität bis ins Mark erschüttern wird: Nichts von dem, was du siehst, ist real. Das heißt aber nicht, dass deine Lieblingsrapper Schauspieler sind und dich hinters Licht führen wollen, und das ist auch kein radikaler Beitrag zur leidlichen Realnessdebatte. Es geht mir darum, dass ein Rapper als Mensch des öffentlichen Lebens immer vor allem eines ist: Projektionsfläche. Das bedeutet, dass wir den Prominenten Eigenschaften zuschreiben, von denen wir glauben oder uns wünschen würden, dass sie sie auch wirklich haben.

Die traurige Realität ist schließlich, dass außer Szene-Köpfen, Backstage-Dienstleistern und talentierten Musikjournalisten die wenigsten Menschen deinen Idolen jemals unter relativ ungezwungenen Umständen begegnen werden – was nicht unbedingt schlimm ist, aber dazu führt, dass man einen Rapper selbst nach Konsum gefühlter 130 Stunden Interviews nicht wirklich kennt. Musiker geben von sich preis, was sie von sich preis geben wollen und unser Gehirn funktioniert nunmal so, dass es Informationen, die es nicht hat, anhand von Vermutungen und Intuition einfügt.
Das bedeutet im Falle von HipHop: Ein Rapper ist natürlich ein echter Mensch mit Eigenschaften, Stärken und Schwächen. Beim Publikum bleibt am Ende aber meist nur ein heruntergebrochenes Bild hängen, das sich auf eine Handvoll Schlagworte stützt und von der ursprünglich angedachten Kunstfigur weit entfernt sein kann. 

Es funktioniert doch so: Ein Rapper kreiert durch Musik eine Kunstfigur, die bestimmte Eigenschaften von ihm oder ihr übernimmt, andere aber ausklammert. Money Boy zum Beispiel erfand sich selbst als freshen Dude, der mit seinem früheren akademischen, bürgerlichen Leben recht wenig zu tun hat. Bevor diese Kunstfigur uns als Konsumenten erreicht, wird sie aber noch einmal durch Trends, soziale Netzwerke, Hörensagen und natürlich die Medien, die gerne abgefahrene Geschichten erzählen wollen, gefiltert und verzerrt, sodass am Ende niemand mehr wirklich die Kontrolle über den Eindruck hat, den ein Rapper bei seinem Publikum hervorrufen kann.

Zu Zeiten seines legendären Halt Die Fresse-Videos erschien der heutige YSL Know Plug den meisten Aggro-Konsumenten bestenfalls als ironischer Spaßvogel (4.000 Likes, 18.000 Dislikes). Heute hat der Boy seine Herangehensweise kaum geändert, doch durch den Einzug von Trap im Mainstream und Mbeezy in unsere Köpfe, wird er mittlerweile viel eher als ernstzunehmender Künstler verstanden.

Das spannende an der Sache ist natürlich: Umso mehr Projektionsfläche ein Musiker bietet, desto attraktiver macht ihn oder sie das für die Medien. Der Musiker wird so Teil des "Fiktiven", also durch Fernseher, Radios oder Zeitungen zweiter Hand erlebten gesellschaftlichen Überbaus, genauso wie Sportler, Politiker oder Schauspieler. Für uns kann ein Popstar deshalb kaum realer werden als ein Charakter einer Fernsehsendung. Jeder Mensch schafft sich die Realität, die er sich um sich herum vorstellt, und bevölkert sie mit Figuren der Öffentlichkeit. Früher träumten die Menschen von Heiligen, Märchenfiguren oder Tieren. Diese Funktion erfüllen heute Prominente, Sportler und eben Rapper (wer noch nie von einem Musiker geträumt hat, werfe den ersten Stein).

In einer Zeit, in der HipHop hierzulande so erfolgreich und beliebt zu sein scheint wie nie zuvor, ergibt es also Sinn, dass Rapper genau wie alle anderen Prominenten zu halb-fiktiven Protagonisten im ewigen Klatsch um die Schönen (?), Reichen (?) und Erfolgreichen (!) werden. Die Regenbogenpresse macht ihr Geld bekanntlich mit dem Andeuten von Stories, die sich so nicht ereignet haben, und so ziemlich alle deutschen Rap-Medien bedienen sich regelmäßig solch suggestiver Taktiken. Nicht überraschend, dass bei RapUpdate angeblich nicht einfach irgendwelche Larrys, sondern knallharte Boulevardprofis von der Bravo sitzen #ChakuzaLeaks.

Die Berichterstattung über Deutschlands HipHop-Landschaft unterscheidet sich eben fast nur oberflächlich von den Methoden, mit denen Klatschblätter über Schauspieler oder Adelige berichten.

Die "Boulevardisierung" von Deutschrap ist keine bedrohliche Zukunftsvision derer, die glauben, es gehe hier noch um die Musik – sie ist seit Jahren Alltag. Eine Daily Soap über Freundschaft, Verrat, Geld, Loyalität und Charakter, in der Musik schon fast die Nebenrolle spielt – die aber oft Geschichten schreibt, die unterhaltsamer sind als ein Haufen chartstürmender Alben. Man überlege nur, wie jemand wie der EGJ-Patriarch Arafat aka der deutsche Suge Knight sich in unser kollektives Gedächtnis brennen konnte, ohne jemals eine Zeile gerappt zu haben. Oder wo ein gestandener Rapper wie Manuellsen heute ohne sein aufbrausendes Temperament und seine legendären Ansagen wäre.

Ein wenig fühle ich mich bei diesen Zeilen wie Waldemar Hartmann, der Rudi Völler erklärt, Fußball sei doch eigentlich nur Unterhaltung (und es liegt nicht am Weizenbier). In einer Welt, in der soziale Medien die intime Nähe zu Stars simulieren, in der jeder glaubt, er oder sie wisse genau wie Rapper X tickt, in der die Authentizitätsdiskussion so weit geht, dass ernsthaft diskutiert wird, über wie viele Ecken man Koksdealer kennen darf, um über Koksdealen rappen zu dürfen, will man nicht hören, dass sich der Großteil der Geschichten im eigenen Kopf abspielt. Das hier ist nicht Big Brother, es ist die Unterhaltungsindustrie. Alles, was passiert, hat auch einen Grund.

Doch wer jetzt mit dem Rucksack ausholt, sollte sich vorm erregten Kommentarpost vielleicht eine Scheibe von den wenigen Ecken Deutschraps abschneiden, die beim Infragestellen von Begriffen wie „Realness" nicht hyperventiliert: Ausgerechnet die Community des größten Rap-Boulevard-Magazins und das sogenannte Sifftwitter haben gelernt, den Rap-Klatsch auf die leichte Schulter zu nehmen und zu genießen. Die Kommentarspalten von RapUpdate sind voll von Insider-Scherzen, überzeichneten Klischees und CopyPasta. Seyed der schlechte Rapper, Arafat der Alkoholiker, Toony der Hurensohn, Kolle heißt Sören und Fler Patrick. Auf Twitter nimmt eine stetig wachsende Community deutschen Rap durch Memes und Sprüche aufs Korn.

Am Ende ist es eben so: Als Fan hast du weder Zugang zu-, noch ein Recht auf alle Hintergründe zu dem, was sich in der Öffentlichkeit abspielt. Vor allem kennst du nicht die wahren Gedanken und Gefühle eines Musikers, egal wie sehr du dich mit ihm oder ihr beschäftigst. Jeder in einer Überschrift fälschlich suggerierte Konflikt (DAS schreibt ApoRed jetzt an Farid Bang) zeigt, wie gerne Medien über Streit berichten, auch wenn es keinen gibt. Auseinandersetzungen wie die zwischen KC Rebell und Xatar zeigen, dass wenn es wirklich Anlässe zu Streit und Gewalt gibt, Rapper meist die letzten sind, die sich öffentlich damit brüsten.

Das nächste Mal, wenn ein Rapper also zum großen Beef trötet, sieh' das Ganze nicht allzu eng. Lies dich durch ein paar Kommentarspalten, lach über die Kollegah-Memes und vergiss nicht: Du weißt nicht, wie echt das dir Gezeigte ist. Also entspann dich und nimm den Schmidt nicht so ernst. Uns bleiben maximal ein paar gute Staffeln, bis sich das Ganze überlebt hat.

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Niklas ist bei Twistler, sucht aber nur echten Streit: @fuckniklas

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