sucht

So ist es, seinen Vater an den Alkohol zu verlieren

"Mein Vater trank abends oft bis zu anderthalb Liter Bier und eine Flasche Wein. Wieso haben wir ihn nicht daran gehindert, sich totzusaufen?"

von VICE Staff
10 März 2017, 1:46pm

"Er konnte saufen wie ein Loch und fiel am Ende selbst in eines", schreibt Dominik Schottner über seinen Vater. Und weiter: "Ein Alkoholtod kommt jeden Tag in Deutschland gut 200 Mal vor." In seinem Buch Dunkelblau: Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor geht er der Frage nach, warum die Familie über viele Jahre weggeschaut hat. Wie haben mit ihm darüber gesprochen, warum sich Menschen ins Verderben trinken – und niemand etwas dagegen unternimmt.

VICE: Wann hast du gemerkt, dass dein Vater Alkoholiker war?
Dominik Schottner: Das war 2012. Ich war 30, er 60. Am Telefon konnte er dem Gespräch oft nicht mehr folgen und war sehr langsam. Ich habe das meiner Freundin erzählt und sie sagte: Klar, der ist doch voll. Ich selbst wäre nicht drauf gekommen, aber sie wusste Bescheid: Ihr Vater war auch Alkoholiker. Mein Vater hatte vorher zwar schon ziemlich abgenommen und geistig abgebaut, aber im Großen und Ganzen hatte er sein Leben noch im Griff. Meine Stiefmutter und meine Halbschwester erzählten mir später aber, dass sie zu der Zeit immer wieder leere Flaschen gefunden haben. Irgendwann ist er dann noch auf so eine vollkommen absurde Weise vom Fahrrad gefallen und sah danach aus wie verprügelt.

Wie lange war dein Vater da schon alkoholkrank?
Meine Mutter sagt, dass er schon immer sehr viel getrunken hat. In den 80ern abends oft bis zu anderthalb Liter Bier und eine Flasche Wein. Ich vermute, dass mein Vater schon seit seiner Jugend ein mal größeres, mal kleineres Alkoholproblem hatte. Mein Buch dreht sich genau um die Fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass wir so lange nichts merkten? Wieso haben wir ihn nicht daran gehindert, sich totzusaufen?

Hast du als Kind etwas geahnt?
Als ich klein war, hat er immer nach vier Dingen gerochen: Eau de Toilette, Pfeifentabak, Wrigley's-Kaugummi. Und dann war da noch ein Geruch, den ich damals nicht zuordnen konnte. Heute weiß ich: Es war der Alkohol. Der war auch der Grund für die vielen Kaugummis. Früher habe ich gedacht, dass er sie aus Loyalität zu Wrigley's gekaut hat, wo er als Produktmanager arbeitete.

Dominik | Foto: Holger Talinski

Warum hat in 30 Jahren niemand gemerkt, dass er ein Problem hat?
Morgens ist er immer ganz normal zur Arbeit gegangen, immer gut angezogen und frisch frisiert. Den anderen Vätern aus unserem Vorort, mit denen er jeden Morgen mit der S-Bahn nach München pendelte, ist auch nichts aufgefallen. Das ist das Gefährliche an funktionierenden Alkoholikern: Solange sie Leistung bringen, können sie sich einreden, dass alles in Ordnung ist. Nach dem Motto: "Wenn ich wirklich krank wäre, könnte ich ja nicht arbeiten. Ich vertrage einfach viel."

Das Trinken hat ihm also im Alltag gar keine Probleme bereitet?
Als ich klein war, war er ein liebevoller Vater. Er hat die Trikots für meine Fußballmannschaft besorgt, mit mir im Urlaub Sandburgen gebaut und gefühlt immer dann Zeit mir mir verbracht, wenn er auch welche hatte. Aber ich denke, der Alkohol spielte schon eine Rolle dabei, dass meine Mutter sich von ihm trennte – und dass unser Kontakt danach sehr sporadisch war. Bei der Scheidung war ich neun und in den 20 Jahren danach haben wir zum Teil nur alle paar Monate telefoniert. Mein Vater bekam eine Tochter mit seiner neuen Frau, mit 44 verlor er seinen Job. In den nächsten 16 Jahren, bis zu seinem Tod, fand er keine Arbeit. Zuerst klappte es ganz gut, dass seine Frau das Geld verdiente und er auf meine Schwester aufpasste. Aber sie wurde natürlich älter und selbstständiger und war immer weniger auf ihn angewiesen. Ich glaube, mit all dem Prosecco, Wein und Wodka wollte er auch das Gefühl ertränken, nicht mehr gebraucht zu werden.

Dominik und sein Vater | Foto: privat

In deinem Buch schreibst du, dass du auch sauer auf deinen Vater warst.
Jeder hat theoretisch das Recht auf Selbstzerstörung. Aber es wird problematisch, wenn die Selbstzerstörung andere mitreißt und ihre Leben durcheinanderwirbelt. Meine Schwester hatte mit 17 keinen Vater mehr, ich war 33. Und als ich aufwuchs, habe ich nicht viel von ihm gehabt. Während meiner Pubertät war er nicht für mich da. Er kannte keine meiner Freundinnen außer meiner jetzigen Ehefrau. Erst als ich Ende 20 war, fanden wir wieder zueinander. Ich weiß nicht genau, wie es dazu kam. Vielleicht wurde ich milder und er einsamer. Plötzlich rief er drei bis vier Mal am Tag an, ich wurde plötzlich zu einer wichtigen Bezugsperson für ihn. 2012, da war ich 30, fuhren wir zum ersten Mal seit Langem in den Vater-Sohn-Urlaub, Wandern auf Mallorca. Das war schön, aber ich muss gestehen: Den schönsten Abend mit meinem Vater hatte ich, als wir uns im Urlaub total weggeschossen haben. Der Barkeeper der Hotelbar war schon gegangen, hatte aber den Zapfhahn offengelassen. Am Ende lagen wir uns im Arm und mein Vater erzählte mir, dass er ein Alkoholproblem hat.

Und ihr habt trotzdem nichts unternommen?
Angehörige von Suchtkranken können nur sehr beschränkt was tun. Sie können reden und überzeugen. Aber wie soll man sie zu einer Therapie zwingen? Und vor allem: Wie sinnvoll ist das? Mein Vater hat eineinhalb Therapien angefangen, aber nur sehr halbherzig und hat sie schließlich abgebrochen. 2013 trennten sich meine Stiefmutter und er. Mein Vater zog allein nach Rothenburg ob der Tauber, wo er herkam. Er hat gedacht, die alten Freunde würden ihn mit offenen Armen empfangen, aber viele waren weggezogen oder hatten Familien und natürlich kaum Zeit für ihn. Ich denke, er war sehr einsam. Außerdem sah er immer schlechter, am Ende fast gar nichts mehr. Als ich nach seinem Tod die Wohnung ausräumte, gab es Rotweinflecken auf dem Boden und verschimmeltes Essen im Kühlschrank. Aber es war nicht die Wohnung eines Säufers, dem alles egal war. Neben den Flaschen lagen Reisekataloge und Karten. Er wollte ein Wohnmobil kaufen und die Welt sehen. Mein Vater hatte sich sogar ein paar Monate vor seinem Tod ein neues Auto gekauft, war aber immer viel zu betrunken, um damit zu fahren. Als ich nach seinem Tod versucht habe, es zu starten, war die Batterie leer.

Wie hast du von seinem Tod erfahren?  
Mein Vater hatte ein paar Tage lang nicht angerufen, was so gut wie nie vorkam. Als sein bester Freund sagte, dass er nicht zum Stammtisch gekommen sei, und auch nicht an die Tür ging, machten wir uns Sorgen. Wir riefen die Polizei an und erklärten die Situation. Sie wollten zuerst nicht hin, nach dem Motto: "Jeder hat doch das Recht, einen über den Durst zu trinken." Letztendlich sind sie aber doch hin und haben die Tür vom Schlüsseldienst aufschließen lassen. Mein Vater hat geschlafen und schien ansprechbar. Sie fuhren wieder weg. Weil mein Vater aber immer noch nicht ans Telefon ging, haben wir zwei Tage später wieder die Polizei gerufen. Es war fast unmöglich, sie davon zu überzeugen, wieder hinzufahren: "Wir können doch nicht zu jedem Betrunkenen!" Aber dann kam der Anruf: "Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen ..."

Machst du dir Vorwürfe?
Manchmal schon, ja. Der Arzt, der den Tod meines Vaters feststelle, sagte, dass die Polizei schon bei ihrem ersten Besuch den Notruf hätte rufen können, weil sein Gesundheitszustand nicht gut war. Vielleicht hätte ich seinen Tod auch verhindern können, wenn ich selbst hingefahren wäre. Aber ich fühle mich nicht dafür verantwortlich, dass er sich totgesoffen hat. Man kann niemanden zwingen, mit dem Alkohol aufzuhören. Das geht nicht, wenn es jemand nicht selbst will. Ich bedauere aber sehr, dass ich meinem Vater nicht deutlicher machen konnte, dass sich das Leben lohnt.

Findest du, in Deutschland geht man zu leichtfertig mit Alkohol um?
Manchmal würde mir schon wünschen, dass Alkohol hier so teuer wäre wie in Schweden.

In Deutschland trinken Menschen 9,6 Liter reinen Alkohol im Jahr, das sind an die 400 Bierflaschen. Die Statistiken sagen, dass sieben Millionen Deutsche ein Alkoholproblem haben. Ich wohne in Neukölln. Hier sehe ich Menschen schon um 10 Uhr das erste Bier aufmachen.

Sagst du was, wenn du das siehst?
Nein. Wer bin ich schon, um mich da einzumischen? Jeder hat das Recht, mit seinem Leben das zu tun, was er möchte. Wenn er oder sie es versaufen möchte, finde ich das bitter, weil da ja oft viele Scheißgeschichten dahinterstehen. Das einzige, was man tun kann, ist, auf seine Lieben immer Acht zu geben und sie darauf anzusprechen, wenn es ein Problem gibt. Das ist das schwerste der Welt, aber es kann sich lohnen.

Süchtige und ihre Nahestehenden können bei Kenn-Dein-Limit eine Beratungsstelle vor Ort suchen. Bei A-Connect gibt es Hilfe für Angehörige.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.