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Dieser Nachruf auf den Alf-Darsteller ist ein Schlag ins Gesicht aller Kleinwüchsigen

"Ich bin stinksauer und könnte direkt losheulen."

Immer, wenn ich Freunden und Freundinnen von der "Liliputaner-Action" aus dem Jahr 2013 erzähle, bei der ein kleinwüchsiger Mann auf einer Party in einer Cuxhavener Großraumdisco mit dem Motto "Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen!" schwer verletzt wurde, oder wenn ich versuche zu erklären, warum ich nur ob meiner Körpergröße keine Märchenfigur bin, können diese kaum fassen, was für diskriminierende und beleidigende Erlebnisse kleinwüchsige Menschen heutzutage noch erleben müssen. Natürlich können sie das kaum fassen. Weil ich mit coolen Menschen befreundet bin. Es gibt aber auch andere, die meinen, auf entsprechende Art und Weise über Menschen mit Kleinwuchs zu berichten, sei vollkommen in Ordnung. Dazu gehört der Journalist Martin Zips. Er nahm den Tod des Schauspielers Michu Meszaros zum Anlass, andere Schauspieler*innen mit Kleinwuchs zu "würdigen". Ich schreibe das in Anführungszeichen, weil ich nach dem ersten Lesen wirklich nicht wusste, wohin mit meiner Wut. Auch jetzt noch, zwei Tage danach, bin ich stinksauer und könnte beim Schreiben direkt losheulen.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Artikel :

"Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen Stan Laurel oder Jacques Tati. Weil ihre Stimmen piepsen als hätten sie Helium eingeatmet. Die Tonlage von Kleinwüchsigen ist meist noch höher als die von Frauen. Das ist beeindruckend für all jene, die ihren Stimmbruch überstanden haben."

Ich weiß nicht, ob Zips vorm Schreiben auch Helium einatmet. Aber irgendwas muss passiert sein, bevor er sich hingesetzt hat, um diesen Artikel zu schreiben. Und irgendwas muss doch dann auch bei denen passiert sein, die diesen Artikel veröffentlicht haben. Wie viele Redaktionsmitglieder lesen denn einen Artikel, bevor er freigegeben wird? Wie kann es passieren, dass so ein Text durchgewunken wird?

So ein Text:

"Dank an alle Hobbits, Liliputaner, Schlümpfe und Zwerge."

Das ist keine Würdigung. Das ist vermutlich der beleidigendste Bullshit, den ich in den letzten Jahren über Kleinwüchsige gelesen habe. Besser war nur der Forumsbeitrag über einen Freizeitpark in Rheinland-Pfalz, der sich sich über das Delfinarium aufregte, aber das Zwergendorf ganz toll fand. (Übrigens ein ganz toller Artikel vom Süddeutsche Magazin, vielleicht sollten sich die Kolleg*innen mal austauschen.)

leidmedien.de waren die Ersten, denen die Formulierungen im Artikel auffielen. Danach verbreitete sich der Ärger rasant über Facebook und Twitter. Twitter-User Markus Flum hatte die Idee zu einer Fotoaktion, die viele kleinwüchsige Menschen gerne nachmachten. Daraus bildete sich der aktuelle Hashtag #keinZwerg.

Daran nimmt auch der Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien, teil, der eine Beschwerde beim Presserat einlegen will. Michel Arriens, ein Freund von mir und ebenfalls kleinwüchsig, schrieb einen Artikel darüber, dass Kleinwüchsige keine Märchenfiguren sind. Raul Krauthausen hat in einem Live-Interview noch einmal klargestellt, dass bei einer Würdigung von Schauspieler*innen ihre Leistung im Vordergrund stehen sollte und eben nicht ihre Körpergröße (selbstverständlich kann sie mit erwähnt werden, ist aber eben nicht die einzige Eigenschaft, die einen Menschen ausmacht).

Und was macht die Süddeutsche Zeitung? Nichts. Was macht Martin Zips? Auf die zahlreichen E-Mails von Menschen antworten, die sich beschwert haben. Und zwar immer mit der gleichen Mail! Wie einfühlsam und einsichtig! Just wow. In der Zwischenzeit versucht der Social-Media-Chef der SZ auf Twitter zu beschwichtigen. Ein kläglicher Versuch. Denn auch er erklärt nur, dass der Artikel die Vielfalt feiern wolle. Vielfalt? Indem er ausschließlich kleinwüchsige Menschen in diskriminierender Sprache porträtiert? Es sei nicht Absicht gewesen, kleinwüchsige Menschen zu diskreditieren. Tja, das wäre noch schöner gewesen, wenn diese Scheiße mit Absicht passiert wäre. Aber auch ohne Absicht bleibt es eine Diskriminierung. That's just it.

Zips schreibt in seiner standartisierten Antwortmail, dass wir doch alle über uns selber lachen sollten und er sich angeblich über alle möglichen Menschen lustig mache. Während ich die Stellen noch suche, an denen er sich über sich selbst und diese ganzen Anderen lustig macht, sei ihm gesagt: "Blondinen, Männer im Stimmbruch, Machos und sterbliche Idioten" (auch hier bleibt er ableistisch) werden auf der Straße nicht so angeglotzt, beleidigt und belacht wie ich und all die anderen kleinwüchsigen Menschen. Keine*r aus diesen Gruppen, die er sich aus den Fingern zieht, haben dieselbe Diskriminierungserfahrung wie kleinwüchsige Menschen. Plus: Eine Grenzüberschreitung in alle Richtungen ist immer noch eine Grenzüberschreitung und damit unangemessen.

Ich bin Poetry-Slammerin und Kabarettistin. Ich arbeite mit Humor. Ich würde mich durchaus als Humorexpertin bezeichnen. Leider hab ich während der Lektüre des Artikels nicht einmal gelacht. Irgendwo las ich mal: "Satire darf grundsätzlich alles. Sie ist nur schlecht, wenn sie nach unten tritt." Hier wurde wortwörtlich nach unten getreten (haha), aber leider ist es dabei nicht einmal Satire. Es soll eine Würdigung sein. Eine Würdigung. Ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen.

Zips tut es leid, wenn sich jemand verletzt gefühlt hat. Seine Reaktion ist überheblich und abschottend.

Bis jetzt hat es weder Zips noch jemand anders von der Süddeutschen Zeitung geschafft, sich für den Text an sich zu entschuldigen. Für die diskriminierenden Begriffe. Die Vorurteile und Klischees. Das ist so jetzt. Man entschuldigt sich nicht mehr für eigene Fehltritte, sondern nur dafür, dass diese vielleicht jene erreichen, die man mit diesem Tritt trifft.

Wie kann man 2016 mit einem wahrscheinlich relativ großen und gut ausgebildeten Social-Media-Team so lange bei Kritik schweigen? Wieso schafft man es nicht, zumindest bei dem aufkeimenden Shitstorm kurz dazwischen zu gehen und zu schreiben: "Wir lesen euch, wir hören euch, wir gucken uns das an und werden dann reagieren"? Wieso wird hier nur gemauert und verteidigt, anstatt einfach mal zu sagen "OK, war echt nicht schön, nehmen wir raus, sorry"? Man könnte das Team von leidmedien.de zu einem Workshop einladen. Man könnte einige von uns auf einen Kaffee einladen, ein Gesprächsangebot machen, lernen, gemeinsam austauschen und zuhören.

Und vor allem, vor allem könnte man all das machen, wenn man wie Zips in seinem Autoren-Profil stehen hat: "Lernt viel und gern und von jedem immer was dazu."

Ha. Ha. Ha.

Ich bin ja recht schnell im Aufregen. Aktivistische Arbeit macht empfindlich und manchmal blind und manchmal schnell wütend. Aber in diesem Fall ist meine Wut absolut gerechtfertigt. So viele Menschen regen sich auf und posten Statements und Fotos. Und so viele weitere supporten uns in den sozialen Netzwerken.

Für mich ist diese Geschichte noch nicht erledigt. Ich wünsche mir eine ehrliche Entschuldigung, ein Gesprächsangebot, irgendwas, das mir sagt, dass die Kritik, die genau von den Menschen kommt, über die in dem Artikel berichtet werden sollte, ernstgenommen wird, gehört wird. Ich bin so müde, die letzten 32 Jahre ständig erklären zu müssen, warum ich kein Zwerg bin, warum Liliputaner kein cooles Wort ist, warum es nicht angenehm und lustig ist, wenn du deinen Arm ungefragt auf meinen Kopf legst oder warum Anstarren und Lachen nicht die nettesten Reaktionen sind, wenn man mich trifft. Artikel wie dieser werfen uns in unserer Arbeit so weit zurück. Sie sind entkräftend und beleidigend. Sie machen wütend und traurig. Und vor allem sind sie unnötig.

Eine Userin auf meiner Facebook-Seite hat ein aussagekräftiges Zitat von Meszaros gefunden:

"Ich will wie eine erwachsene Person, nicht wie ein Tier oder ein Haustier behandelt werden. Ich bin ein Mensch."

Das ist dem Kollegen von der Süddeutschen in seinem Versuch einer Würdigung leider nicht gelungen.

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