Menschen

Freie Liebe, LSD: So grenzenlos war das Leben in einer italienischen Kommune

"Uns wurde jedenfalls nie langweilig." – Dinni Cesoni
Vincenzo Ligresti
Milan, IT
16.11.20
Die Ovada Kommune. Eine junge Frau sitzt vor einer Wand mit anarchistischen Symbolen
Fotos: Ignazio Maria Gallino

Die berühmteste Kommune Italiens hat sich ihre Inspiration auf der anderen Seite des Atlantiks geholt: bei den amerikanischen Beatniks. Sie wurde in einer Stadt namens Ovada ab 1970 gegründet. Ovada liegt im Piemont im Nordwesten Italiens.

Diese Kommune war zwar die berühmteste ihrer Art, aber nicht einzigartig – eine ähnliche Kommune wurde bereits 1968 gegründet, inmitten der Metropole Mailand. Ihr Gründer war Dinni Cesoni, eine Frau, die sich selbst als  "Kommunarde und indisch durch Adoption" beschreibt.


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VICE hat mit Cesoni, die heute als Psychologin arbeitet, über die Träume und Wünsche des sozialen Experiments gesprochen – und über den Zusammenbruch der Kommune 1977. 

Bedauerlicherweise gibt es keine Fotos von Cesonis Kommune. Die Bilder aus Ovada stammen aus dem Buch The Ovada Hippy Community- Living in Utopia von Ignazio Maria Gallino. Der Fotoband malt ein idyllisches Bild von italienischen Hippies in den 1970ern: gemeinschaftliches Arbeiten, freie Liebe und unbegrenzter Drogenkonsum.

Die Ovada Kommune. Menschen stehen vor einem Bauernhaus

Die Ovada Kommune, circa 1970–1971.

VICE: Warum hast du damals eine Kommune gegründet?
Dinni Cesoni: Das kam ganz spontan. Ende der 1960er gab es eine sehr autoritäre Atmosphäre hier in Italien. Die Gesellschaft war konform und sehr höflich. Zum Beispiel war es jungen Frauen an der Universität von Mailand verboten, Hosen zu tragen. Mein Vater war sehr aufgeschlossen, aber als ich 20 war, durfte ich nicht später als um 20 Uhr nach Hause kommen. 

Zu dieser Zeit fingen die Zeitungen an, über die Beat Generation und Hippies zu schreiben. Um rebellisch zu sein, machte ich mich Freunden Yoga. Wir wussten, dass es in Berlin und England Kommunen nach amerikanischen Vorbild gab. Daher kam die Idee: Fünf Freunde und ich – drei Männer und drei Frauen, zwei davon Paare - zogen im Oktober 1968 nach Mailand.

Die Ovada Kommune. Nackte Menschen sitzen neben einem Fluss. Schwarz/weiß Aufnahme

Die Ovada Kommune, circa 1970–1971. Menschen sitzen an einem Flussufer

Wie habt ihr die Wohnung gefunden und euch finanziert? 
Wir waren alle jung, pleite und Studenten. Ein Freund von uns, der Architekt war und in Mailand arbeitete, hat uns geholfen. Er kannte die Stadt viel besser als wir. Damals gab es diese großen Wohnungen, die auseinander fielen und die deshalb niemand bewohnen wollte. Wir fanden eine mit vier Schlafzimmern, einer Küche und dem "Partyraum".

Der Architekt steuerte sein Gehalt bei, aber nach und nach fanden wir alle irgendeinen Job. Manche von uns verkauften selbstgemachten Schmuck in einem Club, eine anderer arbeitete als Fotograf. Ich weiß nicht wie, aber ich fand einen Job als Modejournalist. Als eine andere Wohnung auf unserem Stockwerk frei wurde, waren wir plötzlich zu elft. 

Die Ovada Kommune. Ein Mädchen kümmert sich um die Frisur eines Mannes

Die Ovada Kommune, circa 1970–1971. Mitglieder eines Bauernhauses namens Skorpion sitzen beisammen

Wie sah ein normaler Tag bei euch aus? 
Langweilig wurde uns auf jeden Fall nie. 1969 sind viele junge Arbeiterkinder von zuhause ausgerissen und in unser Viertel gekommen. Brera war damals voll von Künstlern und alternativ eingestellten Menschen. Mittlerweile ist der Ort ziemlich öde. Aber damals war immer irgendwer bei uns zu Besuch. Wir waren nie nur zu elft. Geschwister kamen, selbst wenn sie nur eine Gitarre und einen Schlafsack dabei hatten. 

Wir verbrachten Stunden damit, über Bücher zu reden – Siddharta, On the Road, Howl. Nur ein paar von uns hatten sie gelesen, aber alle trugen etwas bei.  Eine lebhafte Debattenkultur war ein großer Teil unserer Bewegung. Wir waren Teil einer Gemeinschaft. Neben meinem Job arbeitete ich auch mit alternativen Magazinen zusammen, organisierte Proteste und schrieb über sie.

Zeitungsartikel über die Ovada Kommune in schwarz/weiß

Zwei Zeitungsartikel über die Ovada Kommune. Links: "Die Ovada Hippies sind nicht drogenabhängig". Rechts: "So schwer ist das Hippie-Dasein"

Kennst du Menschen, die in Ovada gelebt haben? 
Ja. Es war ein wichtiger Referenzpunkt für die ganze Bewegung. Es war ein Paradies, bevor die Polizei es zumachte. Menschen fanden sich selbst, bauten Gemüse an, freundeten sich  mit den Bauern an und schwammen nackt.

Gab es in eurer Kommune freie Liebe? 
Alle denken bei freier Liebe immer direkt an wilde Orgien. Wir waren alle ziemlich schüchtern. Wir kamen aus einer Kultur, die Angst vor Sex propagierte. Wir wollten uns alle erproben,  weil uns niemand richtig aufgeklärt hatte. Manchmal hat man in der Kommune Liebe gemacht, wenn es gepasst hast. Wir haben nie gesagt, dass wir Sex hatten - wir hatten Angst vor dem Wort. Wir wollten eine emotionale Verbindung. Viele von uns, auch ich, gingen nach Indien, um Tantra zu studieren. 

Der Orgien-Organisator

Gab es Eifersucht? 
Ein wichtiger Bestandteil unserer Bewegung war es, nicht eifersüchtig zu sein. Eifersucht widerspricht der Freiheit. Aber Eifersucht ist ein Gefühl, das wir alle kennen, deswegen kam es schon manchmal vor. Wir hatten beispielsweise zwei Paare, deren Beziehung in der Kommune auseinanderfiel. Wir sprachen zwar darüber, um zu sehen, ob Ideen wie Freiheit und Kreativität uns dabei helfen konnten, um solche Gefühle zu verstehen. Aber im Endeffekt hielt das Paar es nicht länger aus und verließ die Kommune.

Die Ovada Kommune. Menschen stehen um einen Tisch mit Hühnern, Hunden und Ziegen. Schwarz/weiß Aufnahme

Die Ovada Kommune, circa 1970–1971. Ein Mann backt Brot

Habt ihr viele Drogen genommen? 
1968 fingen wir an, Gras zu rauchen. Wir waren keine Kiffer, aber wenn es eine gute Gelegenheit gab, haben wir zugegriffen. Dann entdeckten wir LSD. 

Wie hat sich das angefühlt? 
Verrückt!  Das erste Mal, dass ich wirklich von LSD hörte und seine Wirkung gesehen habe war in Amsterdam. Als ich zurückkam, redeten wir in der Kommune darüber und entschieden uns dazu, es gemeinsam zu nehmen. Es war eine einzigartige Erfahrung. Ich kann das nicht beschreiben. Zwei von uns blieben nüchtern, um auf die anderen aufzupassen.

Die Ovada Kommune: Fünf Menschen stehen zusammen. Schwarz/weiß Aufnahme

Die Ovada Kommune, circa 1970–1971. Nach einer Polizeiuntersuchung. Schild: "Das Land gehört niemandem, wir haben es kultiviert"

Warum scheiterte die Kommune? 
Es gab viele Gründe. Einer war Heroin. Der politische Aktivismus mancher wurde außerdem zu extrem – viele traten der Bewegung von 1977 bei, die gewalttätige Proteste organisierte. Andere landeten bei der Guerilla. 

Andere von uns gründeten eine Familie. Wieder andere verließen Italien und gingen nach Indien. Wir wurden erwachsen. Wenn ich zurückblicke, fühlt sich das alles wie ein anderes Leben an. Aber ich bin stolz auf uns. Vielleicht wird die heutige Generation junger Menschen irgendwann das fortsetzen, was wir angefangen haben. Vielleicht machen sie es dann sogar besser. Wir hatten einen Spruch: Die Kommune brach nur zusammen, weil keiner von uns abspülen wollte. 

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