Heilung der Herzen

Wenn sich einer mit Schnulzen und Tränen auskennt, dann Anna Basener. Sie war die jüngste Groschenromanautorin Deutschlands und hat allein in den letzten fünf Jahren, 13 Romane veröffentlicht.

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Juli 30 2013, 9:03pm


Foto von Nadine Michels

MONTAG

Das Wetter ist so grau wie der Klinikflur, als ich mir den Kittel überstreife und die Hände desinfiziere. Auf dem OP-Tisch liegen eine Frau und ein Mann zwischen 17 und 47. Meistens kommen sie aus dem Hochadel. Also Privatpatienten. Und das heißt jetzt nicht, dass ich reich bin, die sind das. Ich tu nur so. Ich klappe meine mattsilberne Apfel-Alu-Arzttasche auf, sie ist mein ganzer Stolz, ja, ich bin sehr oberflächlich.

Jedenfalls ist Montagmorgen, 9 Uhr und ich lege los. Die Klinikleitung hat das Exposé vor drei Wochen abgesegnet. Die 17-jährige Prinzessin Simona ist schwanger und traut sich nicht, ihren traditionellen Eltern das zu sagen. Graf Heinrich ist Mitte 20 und will Priester werden.

So.

Ich habe jetzt eine Woche, um aus dem Entwurf 100 Manuskriptseiten hochadlige Herzchirurgie zu machen. Der Druck ist groß, das Pensum noch größer und der erste Satz ein Arschloch. Aber Simona und Heinrich sitzen da in ihrer heilbaren Welt, sind voll glamouröser Sehnsucht, und sie brauchen mich.

Ich hol mir einen Tee.

Das Blatt ist weiß und leer, draußen regnet es und montags hab ich irgendwie nie Mails mit coolen Projektanfragen, also los: Ich plane die Operation, zerlege sie in 23 Kapitel und bestimme deren Länge auf die Seite genau. Um 11 bin ich damit fertig. Dann zwinge ich das Arschloch aufs Papier. Einmal platziert und fixiert ist er ganz hübsch, dieser erste Satz, elegant und doch fesselnd. Ich schreibe ein Kapitel, esse zu Mittag und schreibe noch zwei Kapitel. Ich bin voller Mitgefühl für Prinzessin Simona und verknallt in Graf Heinrich. Er trägt ein schwarzes Collarhemd mit blütenweißem Römerkragen und will der Liebe für immer entsagen. Und das mit diesem Körper. Hach, ich hasse die Kirche, aber ich liebe ihre Symbole.

16:30. Elf Seiten. Ich mache Feierabend.

Zu Hause schaue ich eine ganze Staffel Downton Abbey und heule zwei Packungen Taschentücher voll.


DIENSTAG

Mail von der Klinikleitung, ob Simona wirklich 17 sei, oder vielleicht nicht doch schon 18, und damit weniger in Gefahr, konservative Leser zu verschrecken. Das sei jetzt im Nachhinein noch so eine Überlegung.

Ich hole mir einen Tee.

Steuerung H: 17 ersetzen durch 18. Steuerung F: minderjährig ersatzlos streichen oder gegebenenfalls gegen sehr jung auswechseln. Chirurgische Finesse. Ha!

Ich schreibe 22 Seiten. Simona weiß jetzt, dass sie in Heinrich verliebt ist, er hadert noch, er will ja den Weg Gottes gehen. Idiot. Sieht er denn nicht, wie schön sie ist? Ich bin jetzt in Prinzessin Simona und ihre honigblonden Haare verliebt. Wenn Graf Heinrich sie nicht bald küsst, mach ich das.

Zu Hause erwarten mich Belegexemplare des aktuell erscheinden Romans, goldglänzende Schmuckfarbenhülle mit Altpapierinhalt. Mehr kann ich über den Inhalt jetzt ad hoc nicht sagen, keine Ahnung, worum es da ging. Liebe wahrscheinlich.

In Gold.


MITTWOCH

Er küsst sie doch. Endlich. Mehr geht zwar nicht, selbst wenn Heinrich kein Priesteranwärter und Simona nicht schwanger wäre. Ich operiere hier am offenen Herzen, nicht am Schwanz. Jedenfalls erkennt die Prinzessin jetzt, dass sie den Grafen nicht von seinem Weg abhalten darf. Er gehört einfach zu Gott. Ja, sie spinnt, aber sie kennt halt genügend Momente, in denen man denkt, etwas sei Liebe und dann ist es nur Fleischeslust, und dafür gibt man ja keine Lebensträume auf. Deshalb stößt sie Heinrich zurück. Obwohl er so gut küssen kann. In seinem schwarzen Collarhemd.

Ich schreibe fünf Kapitel und ein Exposé für einen Sex-Roman.


DONNERSTAG

Ich tippe sieben Seiten auf der mattsilbernen Klaviatur der Gefühle, bevor ich einer Fernsehzeitschrift ein Valentinstagsinterview gebe. Nein, ich bin wohl nicht die typische Groschenromanautorin. Ja, ich mag Kitsch. Nein, Arztromane schreib ich nun gerade nicht, die sind blau und ich hasse blau. Ich interessiere mich nicht für Dr. Stefan Frank. Der verliebt sich ja nie, kein Arztroman-Titelheld tut das. Die kuppeln nur und helfen bei der Konfliktlösung, und das in blau. Entsetzlich.

Ich muss dann weiterschreiben. Ich starre auf den blinkenden Cursor, in den Schneeregen, wieder auf den Cursor. Das kann man schon eine Weile machen, ohne dass einem langweilig wird. Warum ich die restlichen 14 Seiten doch noch schreibe? Weil Prinzessin Simona gestern die ganze Nacht durchgeweint hat, während ich live im Radio im Spätprogramm über meine Arbeit gescherzt habe, die ihr Leben ist.

Um 17 Uhr geh ich ins Fitnessstudio und lasse mich von der Bodypump-Trainerin anschreien. Sie brüllt, keiner kämpfe allein und dass sie sehr stolz sei und: „Das sind meine Mädels!“ Ich kämpfe vor allem gegen Tränen der Rührung.


FREITAG

Mit Googles Hilfe diagnostiziere ich mir Hypersensibilität, weil ich ein sehr tiefgründiger Mensch bin, total empfindsam.

Heinrich ist inzwischen kurz davor, die Priesterweihe zu empfangen. Simona dämmert, dass sie ihm wenigstens sagen sollte, dass sie ihn liebt. Macht sie dann jetzt auch.

Mail von anderer Klinikleitung, wann ich den Sex-Roman liefern könne.

Dann ein Happy End. Simona und Heinrich küssen sich noch zärtlicher als am Mittwoch. Ich habe den Konflikt gelöst, ich alte Kupplerin. Ich verdrücke zwei Tränen.

17:15, 102 Seiten, ich ziehe den Kittel aus und lackiere mir die Nägel.

In Gold.


SAMSTAG

Ich gehe auf die Lesung eines jungen deutschen Postpop-Autors, der stolz erzählt, er brauche für 20 Seiten Text nur einen Monat.

Ich lach mich tot. Dann stirbt der beste Freund vom Protagonisten und ich weine wieder. Dann betrinke ich mich.


SONNTAG

Ich schlürfe Tee, höre Schlager und platziere mich Probe halber selbst auf dem OP-Tisch. Sollte ich hier jemals wirklich liegen, eine Operation inmitten meiner Patienten, an uns allen und mit Spiegeln durchführen, dann werde ich mir die Hände nicht desinfizieren. Dann wird der ganze Dreck des Lebens aufs Papier gelangen und sogar das Arschloch wird entzündet sein.

Für immer.

Das ist jetzt kein Happy End, das tut nur so.

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