„Brüste zu haben, war eine Schande. Meine Großmutter bemerkte meine, als ich zehn Jahre alt war. Eines Nachts legte sie mich auf ein Bambusbett am Feuer. Sie presste einen heißen Holzspachtel auf meinen Oberkörper und versuchte, meine Brüste flach zu machen. Auch heute mag ich es nicht, wenn jemand meine Brüste anfasst." —Jeannette, 28 Jahre.
Gildas Paré: Ich wollte an etwas Persönlicherem arbeiten und ich interessierte mich für Themen rund um Weiblichkeit. Mich überraschte es sehr, dass die Tradition des Brustbügelns nur sehr schlecht dokumentiert war. Nach einiger Recherche fand ich heraus, dass der Journalist Kirk Bayama eine Dokumentation über das Thema drehte. Ich kontaktierte ihn und ein paar Monate später reisten wir gemeinsam durch Kamerun.Kannst du uns diese Praktik erklären?
Der Gedanke ist, dass Männer die Mädchen weniger anziehend finden, wenn ihre Brüste nicht mehr wachsen. Mütter tun es in der Hoffnung, dass ihre Töchter nicht schwanger werden und stattdessen ihre Ausbildung abschließen. Wenn keiner sie attraktiv findet, werden sie auch nicht so früh heiraten.
Ein Holzspachtel, der zum Brustbügeln verwendet wurde
Es fängt oft an, wenn die Mädchen erst acht oder neun Jahre alt sind. Ihre Familien wickeln enge Elastikbänder um ihre Brustkörbe. In der Nacht ziehen sie sie enger, manchmal auch tagsüber. Eine andere Technik ist die Massage der Brüste mit heißen Gegenständen. Der Glaube geht dahin, dass die heißen Gegenstände, wenn sie gegen die Brüste der Mädchen gepresst werden, das Fett zum schmelzen bringen—ein völlig absurder Gedanke. Dabei kommen verschiedenste Dinge zum Einsatz: Stößel, Holzstäbe, Spachteln, Löffel, Steine. Die meisten Gegenstände gehören entweder der Mutter oder der Großmutter.Alle Frauen posierten für deine Fotos mit nacktem Oberkörper. War es einfach, sie dazu zu überzeugen?
Nein, es war sehr schwierig. Während des ersten Treffens mit RENATA—der NGO für Frauenrechte, die uns half—teilte uns ein Opfer sofort mit, dass das unmöglich sei. „Du kannst entweder ihr Gesicht oder ihre Bürste fotografieren, aber nicht beides. Darauf werden sie sich nie einlassen", sagte sie. Ich erklärte ihr, dass es keinen Sinn hätte, wenn ich es nicht so machen kann, wie ich möchte. Eine angekleidete Frau hätte nicht die gleiche Wirkung. Wir führten sehr lange Diskussionen darüber, aber schließlich stimmten sie mir zu. Sie verstanden, was ich tat—dass meine Sicht nichts Sexuelles hatte, sondern ein Einblick war.
Du wolltest also von Anfang an, dass sie oben ohne posieren?
Ja, absolut. Ansonsten hätte es keine so direkte Konfrontation mit dem Betrachter gegeben. Brüste haben eine starke Wirkung auf Menschen.
Sie leiden tagtäglich. Sie wollen keinen Badeanzug tragen, also gehen sie nie an den Strand. Sie haben Schwierigkeiten, sich vor ihren Partnern auszuziehen—wenn sie einen haben. Die körperlichen Schmerzen gehen vielleicht vorbei, aber das psychologische Trauma bleibt. Die meisten wünschen sich, dass keiner je wieder ihre Brüste anfasst.
„Sie sagen einem: ‚Schreie nicht, es ist zu deinem eigenen Wohl.' Ich konnte bisher den Mut noch nicht fassen, mit meinen Kindern darüber zu sprechen. Vor drei Tagen fragte mich mein Sohn: ‚Mami, warum hast du kleine Brüste?' Ich antwortete, dass ich es nicht weiß. Ich habe auch eine sechsjährige Tochter. Aber ich bin noch nicht bereit, darüber zu sprechen. Mir hätte es gefallen, einen zukünftigen Präsidenten zu stillen." — Carole N., 28 Jahre.
Diese Frauen sehnen sich nach einer Schönheitsoperation. Sie wollen genug Geld verdienen, um sich eine Brustoperation leisten zu können. Sie würden gerne hübsche Kleider tragen, ausgehen und ihren Körper zeigen. Aber momentan verstecken sie sich lieber. Das ist das Furchtbarste daran.Als ich nach Kamerun reiste, hatte ich so viele vorgefasste Meinungen: Ich stellte mir vor, dass ich all diese Frauen mit riesigen Narben auf ihren Körpern antreffen würde. Aber am Ende waren es die psychologischen Wunden, über die wir am meisten sprachen. Ich war ein bisschen überwältigt.Gab es eine Geschichte, die dich besonders bewegt hat?
Jede einzelne Geschichte war heftig. Auch wenn ihre Wunden nicht sichtbar waren, hatten sie innerlich Narben. Eine der Frauen litt besonders: Ihre Brüste wurden zuerst mit einem Spachtel, dann mit einem Stein gebügelt, dann wurde sie vergewaltigt und ohne ihre Zustimmung verheiratet. Sie bekam mit 14 ein Kind.
Momentan bin ich auf der Suche nach einem Ausstellungsraum für die Porträts. Ich verhandle gerade mit einer Galerie. Außerdem möchte ich unbedingt zurück nach Kamerun, um noch mehr Porträts aufzunehmen.Gildas' Arbeiten könnt ihr euch auf seiner Website ansehen.