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Japanese Bondage: Fotos einer tabuisierten Subkultur

"Wir mussten teilweise sogar Shootings abbrechen, weil nicht mehr für die Sicherheit der Crew garantiert werden konnte."

von Raphael Bühlmann, Interview von Sebastian Sele und Fl
08 Juli 2016, 4:00am

Beschäftigt man sich mit Bondage und sitzt dabei nicht gerade neben kichernden 50-Jährigen in einem Kinosaal, in dem 50 Shades of Grey gezeigt wird, stößt man rasch auf eine kaum erschlossene Parallelgesellschaft. Nimmt man sich die Subkultur zusätzlich noch in Japan vor, dürfte das Ergebnis noch um einiges intensiver ausfallen—und gleichzeitig viel über die japanische Gesellschaft verraten.

Der Zürcher Raphael Bühlmann hat genau das getan. Über mehrere Jahre ist er immer wieder nach Japan geflogen, um für ein Fotoprojekt Shibari, wie die japanische Variante des Bondage heißt, festzuhalten. Vor Ort weitete sich der Fokus des Projekts aber zu etwas aus, das viel persönlicher ist—und so ist das Ergebnis mehr ein fotografisches Tagebuch, das die Absurditäten und Widersprüche des japanischen Lebens einfängt, als ein reines Projekt zu Shibari.

Die Fotos stellt Raphael ab dem 19. August bei der Ausstellung "Dancing with Snakes" in seinem Zürcher Tattoo-Studio Verlan aus, das er hin und wieder als Galerie nutzt. Ich habe mit Raphael darüber gesprochen, wie er Zugang zur tabuisierten Subkultur gefunden hat und wieso er eine so intensives Interesse an der Absurdität der japanischen Gesellschaft hat.

VICE: Hi Raphael, du warst über die letzten zwei Jahre für mehrere Monate in Japan und hast dich dort mit Shibari beschäftigt. Wie bist du überhaupt auf dieses Thema gestoßen?
Raphael: Mein Interesse an Japan hat sich schon in meiner Kindheit abgezeichnet. Ich habe mich zum Beispiel immer mehr für Dragon Ball und Akira interessiert als für Lucky Luke oder Tim und Struppi—die europäische Ästhetik und was man jungen Menschen hier inhaltlich zutraut, hat mich weniger berührt als das, was aus Japan kam. Mitunter auch, weil es viel brachialere und echtere Themen sind, obwohl sie ebenfalls in eine Märchenwelt verpackt werden.

Auf Shibari bin ich zum ersten Mal gestoßen, als ich später anfing, mich mit Holzschnitten aus dem alten Japan auseinanderzusetzen. Die zeigen oft Szenen aus dem Krieg, aber eben auch aus dem Milieu. In diesen Holzschnitten wurde Japanese Bondage teils als Foltermethode dargestellt, teils aber auch als spielerische Bereicherung in einem sexuellen Kontext.

Und was war es, das dein Interesse genau auf Shibari gelenkt hat?
Ich habe diese Charaktereigenschaft, dass mich Dinge erst wirklich interessieren, wenn sie unzugänglich sind. Bei meinem ersten Besuch in Japan habe ich bemerkt, dass das Land zwei Gesichter hat. Auf der einen Seite die Mangas und das glitzernd-blinkende Tokio—was wir eben aus Dokus kennen—und auf der anderen Seite eine dunkle und verschlossene Seite, an die du als Tourist nicht so leicht herankommst.

Im Oktober vor einem Jahr sah ich in einem japanischen Club zufällig eine Frau, die Shibari praktizierte. Ich ging auf sie zu und sagte ihr, dass ich unbedingt mit ihr zusammenarbeiten möchte. Ich wusste, dass das meine Chance ist, Zugang zur Szene zu bekommen. Zum Glück hatte ich schon ein repräsentatives Portfolio, das sie überzeugen konnte. Ich musste aber auch beweisen, dass ich als Mensch kredibil bin und dass ich es wert bin, tiefergehende Informationen zu bekommen.

Was ist eigentlich der große Unterschied zwischen Shibari und westlichem Bondage?
Die genauen Unterschiede kann ich nicht benennen, da ich nichts über den westlichen Bondage weiß. Ich glaube aber, Shibari hat viel mit den klassisch gegebenen Rollen der Geschlechter in der Sexualität zu tun, mit denen wir früher oder später alle konfrontiert werden—ob wir das wollen oder nicht. Dominanz und Unterwürfigkeit ist schließlich ein fester Bestandteil der Sexualität, ganz unabhängig davon, welches Geschlecht welche Rolle einnimmt.

Ich kenne nichts, das genau diese Thematik visuell ansprechender und treffender darstellt als der Akt des Fesselns respektive des Gefesseltwerdens. Nach Aussagen der Leute, die dies oft praktizieren, sei es auch gefühlsmäßig eine übersteigerte Form des Aktes, ohne dabei wirklich Sex zu sein. Also in einer sicheren Umgebung jemandem ausgeliefert zu sein. Sowohl der Giver als auch der Receiver können eine Erfahrung machen, die sie näher zu sich selbst und ihren Empfindungen bringt. Ich habe während meiner Zeit in Japan übrigens nie gesehen, dass die Shibari-Sessions mit Sex enden, dies soll aber durchaus auch vorkommen. In solchen Fällen wäre das Fesseln quasi eine Form des Vorspiels. Die Shibari-Künstler sagen aber immer wieder, sie kommunizieren nonverbal über die Seile mit dem Mädchen oder dem Typen, der gerade gefesselt wird, und diese Form von Kommunikation kann offenbar süchtig machen.



Und wo findet Shibari üblicherweise statt?
Normalerweise findet Shibari in Untergrund-Clubs statt. Ich habe im späteren Verlauf der Shootings erlebt, was für obskure Szenen da vor sich gehen. Man kann sich das kaum vorstellen. In irgendeinem Keller, der Platz für maximal 150 Leute hat, steht eine Drehbühne. Rundherum sitzen in der vorderen Reihe irgendwelche um die 80 Jahre alten Typen, die einfach schlafen. Im Verlauf der Show wird das Girl immer nackter und irgendwann öffnen diese Typen das eine Auge, später das Zweite.

Hinter ihnen sitzen die wirklichen Konsumenten und in der letzten Reihe die anderen Shibari-Artists, die kritisch beäugen, was auf der Bühne gemacht wird. Das ist extrem absurd und hat eine ganz eigene Romantik. Dort sieht man auch keine anderen Ausländer. Man muss aber klar zwischen Shibari-Shows und privaten Play-Sessions unterscheiden. Die Shows finden vor einem Publikum, wie ich es eben beschrieben habe, statt und die Play-Sessions bei jemandem zu Hause oder in sogenannten Love Hotels.

Du hast auch in diesen Untergrund-Clubs Shootings gehabt. Wie hast du dir den Weg zu diesen erarbeitet?
Dass das erste Shooting gleich funktioniert hat, war der Opener. Dort hat Leigh, die Fesselkünstlerin aus dem Club, meinen Einsatz gespürt, da ich für das erste Shooting selbst das Modell organisieren musste. Ich hatte nur etwa 24 Stunden Zeit und kannte zum Glück eine Frau in Tokio, die gewillt war, Shibari auszuprobieren. Ich sagte Leigh, dass ich die Fotos gerne ausstellen würde und dafür mindestens zehn Shootings notwendig seien, und fragte, ob sie meine Hauptpartnerin bei diesem Projekt sein wolle. Bis es aber soweit war, gab es einen monatelangen, teils extrem mühsamen E-Mail-Verkehr. Das Datum meines Aufenthaltes in Japan wurde immer wieder verschoben. Irgendwann musste ich aber einfach gehen und anfangen.

Schlussendlich hat aber doch nicht alles so geklappt, wie du dir das vorgestellt hast. Was ist passiert?
Ich weiß nicht genau, ab wann man sich mit Shibari in Gefahr begibt—aber in Japan wird auf jeden Fall nicht offen darüber gesprochen. Als ich Leuten dort erzählte, was ich mache und auch Fotos davon zeigte, machte ich die Erfahrung, dass 90 Prozent von ihnen noch nie direkt damit in Kontakt gekommen waren. Sie interessierten sich zwar dafür, kannten es aber nur aus Magazinen oder Filmen. Nur schon einen Film mit solchen Fotos zu entwickeln, kann sich als schwierig herausstellen, da bei manchen Japanern die soziale Akzeptanz für Shibari nicht sonderlich groß ist. Wir mussten teilweise sogar Shootings abbrechen, weil nicht mehr für die Sicherheit der Crew garantiert werden konnte.

Du hast nur Frauen fotografiert. Wird Shibari auch mit Männern gemacht?
Ich denke, dass das in einer sehr patriarchalischen Gesellschaft eher verpönt ist. Ich habe zwar Fotos gesehen, wie Shibari an Männern praktiziert wird, und war auch bei solchen Sessions dabei. Das war aber im privaten Rahmen, bei Shows habe ich sowas nie gesehen. Ich selbst hätte unter Umständen auch Männer fotografiert, das hat sich aber einfach noch nie ergeben.

Auch ältere Fotos, die du auf Social Media gezeigt hast, hatten schon diese sexuelle Ästhetik. Das Düstere aber ist neu hinzugekommen. Kommt diese Faszination von der Langeweile am Ungefährlichen?
Das hat nicht unbedingt mit Langeweile zu tun. Aber ich habe als totaler Neuling in der Fotografie zuerst selbst von meinen Fotos verlangt, dass sie schön sein müssen. Damals habe ich andere Vorstellungen davon gehabt, was ein schönes Foto ist. In meinem Entwicklungsprozess habe ich aber gemerkt, dass ein schönes Foto keine schöne Frau als Motiv haben und schön belichtet sein muss. Es muss nicht schön im eigentlichen Sinne sein—das Unheimliche ist sehr authentisch. Thematisch interessiert mich das schon länger, ich bin aber technisch erst jetzt fähig, das auch aufs Zelluloid-Papier zu bringen. Außerdem triggern unheimliche Szenarien andere Punkte im Betrachter. Eine nicht wirklich einschätzbare Szene bietet mehr Raum für Interpretation als eine durch und durch schöne Kulisse.

Wie haben sich die Zeit und die Erfahrungen in Japan auf dich selbst ausgewirkt?
Ich selbst war während meiner Zeit in Japan sehr einsam und habe selbst bemerkt, wie viel mir ein Blick einer Kassiererin oder ein kurzes "belangloses" Gespräch mit jemandem bedeuten. Ich habe bemerkt, was es mit einem Menschen macht, wenn seine sozialen Kontakte auf ganz wenige reduziert werden, die unter Umständen auch einfach keine Zeit haben, weil der Arbeitsdruck immens ist. Das soll keine Erklärung für die verrückte Sexualität Japans sein, aber ich möchte mir nicht ausmalen, was es mit den Leuten macht, wenn sie in ihre fünf Quadrameter große Wohnung gehen, ihre Fertignudelsuppe essen und noch kurz Zeit haben, um fernzusehen, bevor sie einpennen—und das Tag für Tag.

Die Ausstellung "Dancing with Snakes" startet am 19. August in der Gallery Verlan in Zürich. Mehr Fotos von Raphael findest du auf Instagram.