Misanthropie

Misanthropie ist kein Symptom von Intelligenz

Newsflash: Man kann auch klug UND nett sein. Selbst, wenn uns Dr. House, Sheldon Cooper und Sherlock etwas anderes einreden.
11 Oktober 2016, 11:00am
Grumpy Cat, ein Misanthrop?

Als ich noch ein Teenager war, fand ich mürrische Menschen beneidenswert. Menschen, die zynisch waren, obwohl ihre gesamte Umgebung sich über etwas aufrichtig gefreut hat. Ich fand, dass sie sehr klug wirkten. Ich konnte damals den Hass auf die Welt in jedem ihrer Blicke sehen und in jeder gemeinen Aussage hören.

Ich war als Jugendliche besonders anfällig für eine "Die Welt ist scheiße"-Denkweise. Ich hielt Arschloch-Benehmen für kluge Rebellion gegen den Mainstream und ich beneidete Misanthropen. Sie wirkten so, als bräuchten sie keine anderen Menschen, weil andere Menschen eben scheiße und redundant sind.

Misanthropie wird als eine Abneigung gegen Menschen definiert. Der Bilderbuch-Misanthrop meidet andere Lebewesen, die sich verbal mit ihm verständigen könnten—und wenn er es nicht tut, fällt er mit seiner mürrischen und zynischen Art auf. Er ist der Augenverdreher auf Partys. Wenn sich alle im Raum wegen einer Sache freuen, verzieht er sein Gesicht. Bevor ein Misanthrop in Gesellschaft lächelt, hat er eher fünf Mal die Freude seiner Mitmenschen zerstört.

In meiner Umgebung sind Misanthropen oft noch dazu Besserwisser, die gerne Aussagen ihrer Mitmenschen richtigstellen. Kurz gesagt: Sie sind Spaßverderber.

Der Trugschluss, dass sehr intelligente Menschen zwangsläufig mürrische Arschlöcher sind, wurde von der Unterhaltungsindustrie noch verstärkt: Ob Dr. House, Sheldon Cooper oder Daria—der Wissende kann nur Menschen hassen. Die klugen Superhirne, die alles analysiert und durchschaut haben, können sich einfach nicht an menschlichen Lappalien und Banalitäten erfreuen.

Die Bücher, Serien und Filme mit intelligenten Anti-Helden transportieren ein Bild, in dem Misanthropie das Symptom eines hohen IQ ist. Vergleichbar mit dem genauso klischeehaften eindimensionalen Gefühlsleben von schönen Frauen in Sendungen wie Germany's Next Topmodel. Das wäre auch alles viel weniger problematisch, wenn Menschen nicht dazu neigen würden, sich mit ihrem Verhalten an der Popkultur zu orientieren—immerhin wollen wir genauso schnell als schön oder intelligent erkannt werden wie die Serien- und Filmfiguren, von denen wir wissen, wie sich schön und intelligent äußert.

Ein alter Mann. Vielleicht ein Misanthrop?

Vielleicht ein Misanthrop, Foto: Thomas8047 | flickr.com | CC BY 2.0

Lustigerweise habe ich keine andere Menschengruppe kennengelernt, die in der Gesellschaft so verbissen um die Bestätigung ihres Selbstbildes kämpft wie Misanthropen das tun. Die mir bekannten Misanthropen gehören selten zu den intelligentesten Menschen meines Umfelds—nur zu den anstrengendsten und eindimensionalsten.

Es wird sie schon geben, die Sheldon Coopers, Schopenhauers und Dr. Houses dieser Welt. Vielleicht sind ein paar mir bekannte Misanthropen wirklich überaus intelligent. Aber ich kenne auch überaus intelligente Menschen, die Humor haben, den Mainstream mögen und gerne mit anderen Leuten interagieren. Nicht zuletzt, weil es zu Intelligenz dazu gehört, neugierig und offen zu sein, andere Dinge kennenlernen zu wollen und sich auf andere Menschen einstellen zu können.

Seine Einstellung demonstrativ mit seiner vermeintlichen Intelligenz in Verbindung zu setzten, ist jedenfalls das Gegenteil von klug. Es ist das Hochhalten eines Images. Oder das Symptom einer Krankheit.

Übrigens sind Verhaltensweisen auch nicht Symptome von Intelligenz. Menschen die spät schlafen gehen, fluchen und Drogen nehmen, sind nicht zwangsläufig klug. Die Studien, die in den sozialen Medien gerade die Runde machen, sagen bloß aus, dass von den paar befragten und getesteten Menschen, die mit dem höheren IQ, eher fluchen und später schlafen gehen. Es bedeutet nicht, dass alle fluchenden Nachtmenschen im Umkehrschluss einen hohen IQ haben.

Außerdem sind wir alle fluchende Nachtmenschen, wenn es darum geht, als intelligent zu gelten. Intelligent zu sein, ist wie schön zu sein. Es ist ein Gut, das nicht alle haben und das wir eben deshalb alle wollen—und über das wir uns im Extremfall selbst belügen. Deshalb lesen Menschen gerne Studien, die sie darin bestärken intelligent zu sein.

Meine heutigen IQ-Idole sind sozial und das Gegenteil von einem Arschloch.

Man kann sie—genau wie Schönheit—nicht wirklich messen und je subjektiver eine Eigenschaft, umso höher die theoretische Chance, dass wir sie doch auch haben könnten. Der IQ-Test, der hauptsächlich die kognitive Intelligenz misst, umfasst noch lange nicht das ganze Spektrum von dem, was wir unter "intelligent sein" verstehen. Ob man eher Menschen mit einem großen Wissensschatz als klug ansieht, oder Menschen die besonders gut abstrakt denken können, liegt an uns. Es gibt keine einheitliche Schablone für Intelligenz, die für alle gleich gültig ist.

Ein Mensch, der im IQ-Test durchschnittlich abschneidet, kann trotzdem überdurchschnittlich klug Geschäfte führen und einen enormen Wissensschatz haben. Ein Mensch, der nicht viele Tinder-Matches bekommt, kann trotzdem im realen Leben sehr attraktiv auf Menschen wirken. Für mich zählt der emotionale Quotient—also die Empathie und eine gewisse Menschenkenntnis—auch zu meiner Definition von Intelligenz. Sich absichtlich nicht mit Menschen zu beschäftigen oder ihnen gegenüber ignorant sein und sich abzuschotten, halte ich für dumm. Intelligenz heißt auch, seine Umwelt einschätzen können und sich nicht nur mit ihr auseinanderzusetzen, sondern auch zu partizipieren.

Zum Hass trainiert

Sofern Misanthropie nicht das Symptom oder die Folge eines psychischen Problems ist, hat man zu jedem Zeitpunkt die Wahl, zu lächeln, sich begeistern zu lassen und ab und zu Sachen cool zu finden. Man hat die Wahl, ob man emphatisch ist und an sich arbeitet—oder ob man sich in seiner Ego-Welt einredet, der Klügste der Runde zu sein und deshalb so sein zu müssen, wie man gerade ist.

Meine heutigen IQ-Idole sind sozial und das Gegenteil von einem Arschloch. Sie mögen Trash, sie haben ein Faible für menschliche Gebrechen und können das ganze Spektrum der positiven menschlichen Gefühle offen zeigen. Wenn ich meine heutigen IQ-Idole in einem Intelligenztest gegen mir bekannte Misanthropen antreten lassen würde, sie würden ziemlich sicher gewinnen. Mit dem Wissen, dass der Test eh nur über Teilbereiche der Intelligenz eine Aussage trifft. Und einem breiten Lächeln.

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin