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Laut einer Umfrage wünschen sich die Deutschen die 80er zurück. WTF?

Offensichtlich sehnen wir uns nach einer Zeit, in der Tschernobyl explodierte, Menschen an der deutsch-deutschen Grenze erschossen wurden und Modern Talking im Walkmen lief.
18.8.16
Foto: imago | Sepp Spiegl

Fast die Hälfte der Deutschen glaubt, dass es den Menschen in den 80ern besser ging als heute. Das legt zumindest eine Umfrage des Meinungsinstituts YouGov nahe, in der 47 Prozent dieser skurrilen Äußerung zustimmten. Generell fanden 41 Prozent der Befragten, dass "früher alles besser" war. Und so langsam muss man sich fragen, ob die Menschen in unserem schönen Nachbarland noch alle bei Verstand sind.

Vor anderthalb Jahren fanden das übrigens nur 26 Prozent. Seitdem ist natürlich auch einiges passiert: Terroranschläge, Flüchtlingsströme, Pokémon Go. Da ist es doch verständlich, dass sich Leute in die beschaulichen 80er zurückwünschen! Damals konnte man sich noch sorglos mit Modern Talking in seinen Walkman kuscheln, während Steffi Graf Tennisturniere gewann und Helmut Kohl Deutschland sicher durch die Weltgeschichte schipperte. Und außerdem gab es auch noch keine Smartpho—STOP. Das ist einfach lächerlich. Es ist hirnrissig zu glauben, dass es den Menschen in den 80ern—oder überhaupt irgendwann in der Vergangenheit—besser ging.

Zuerst zu den Fakten: In den 80ern starben so viele Menschen in Kriegen wie in keinem Jahrzehnt seitdem. Tatsächlich nimmt die Zahl der Kriegstoten seit 1945 kontinuierlich ab, erstmal in absoluten Zahlen, und gemessen an der Bevölkerung sowieso. Das hat auch damit zu tun, dass diese ganze Verherrlichung des Kalten Krieges als "wenigstens stabil" kompletter Schwachsinn ist: Bis zum Zerfall der Sowjetunion stieg die Anzahl der Kriege auf der Welt stetig an, seitdem nimmt sie kontinuierlich ab.

Aber neben den blutigen Kriegen sind in den 80ern auch noch ein paar andere Sachen passiert: Libysche Terroristen sprengten eine Diskothek in Berlin und ein Flugzeug voller Menschen über dem schottischen Ort Lockerbie in die Luft, ein türkischer Faschist versuchte, den Papst zu erschießen, die Aids-Epidemie verbreitete sich auf der ganzen Welt, und in Tschernobyl explodierte der Reaktor eines Atomkraftwerks und überzog die gesamte nördliche Erdhalbkugel mit radioaktivem Fallout.

Aber hey, kann man da sagen, der Welt insgesamt ging es damals vielleicht nicht so gut, aber in Deutschland waren die 80er wirklich eine tolle Zeit? Dann sollte einem aber einfallen, dass die 80er das letzte Jahrzehnt waren, in dem Deutschland ein geteiltes Land war. Auch in den 80ern wurden Menschen erschossen, wenn sie die deutsch-deutsche Grenze zu überqueren versuchten, weil sie keinen Bock auf das Leben im real existierenden Sozialismus hatten. Wie können ausgerechnet die Deutschen sich in ein Jahrzehnt zurückwünschen, dessen Ende sie damals als den wichtigsten historischen Wendepunkt seit dem Zweiten Weltkrieg feierten?

Klar, die Gegenwart kann einem schon manchmal komplex und unheimlich vorkommen. Aber man darf nie vergessen: Nur weil man das Gefühl hat, dass alles immer schlimmer wird, heißt das noch lange nicht, dass es wirklich so ist. Im Gegenteil: Auf sehr vielen Ebenen geht es sehr vielen Menschen auf der Welt immer besser. Das heißt nicht, dass jetzt gerade alles super ist in Deutschland. Aber bevor man anfängt, einer verklärten Vergangenheit hinterherzuweinen, als wäre man eine russische Zarenstochter, sollte man sich zusammenreißen und sich gut überlegen, ob man wirklich ins Zeitalter von Modern Talking zurück will.

Wir Österreicher würden übrigens, laut einer Umfrage des Standard aus dem Jahr 2014, lieber wieder in den 90er leben. Als in unserem Nachbarland Jugoslawien noch ein Bürgerkrieg tobte, Franz Fuchs alle mit seinen Briefbomben terrorisierte und die Teletubbies im Fernsehen dauernd "Nomal, nomal" quiekten. Klingt jetzt irgendwie auch nicht so richtig verlockend.