Eine ganz normale Woche in Deutschland

Wie viele Angriffe es gegen Flüchtlinge in einer Woche gibt, glaubt man erst, wenn man es sieht.

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Nov. 6 2015, 3:10pm

Symbolfoto: imago/bonn-sequenz

Mittlerweile schaut noch kaum jemand hin, wenn alle zwei Wochen mal wieder gemeldet wird, dass die Gewalt gegen Flüchtlinge zugenommen hat. Zur Auffrischung: Das BKA hat gemeldet, dass es in den ersten drei Quartalen dieses Jahres bereits 461 Taten gegen Flüchtlingsunterkünfte gab, bei denen die Behörden von einem rechten Hintergrund ausgehen. „Wir erleben gerade die schlimmste Welle von rassistischer und rechtsextremer Gewalt seit 20 Jahren", warnte der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie in der Welt.

Es sieht leider auch nicht so aus, als würde dieser Trend nachlassen—eher im Gegenteil. Gestern wurden bei einer Razzia in Freital und Dresden vier Rechtsradikale verhaftet, die bereits mehrere Sprengstoff-Anschläge verübt haben sollen, dabei wurden neben weiterem Sprengstoff auch Hakenkreuz-Fahnen und andere Nazi-Symbole gefunden. Das nur knapp zwei Wochen nachdem die Polizei in Bamberg eine weitere Gruppe Männer verhaftet hat, die sich ebenfalls Sprengstoff und eine scharfe Waffe besorgt und offenbar einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim geplant hatte.

Anti-Asyl-Fackelmarsch im sächsischen Schneeberg, 2014. Foto: Björn Kietzmann

Das sind allerdings noch Ausnahmen. In deutschen Städten mittlerweile alltäglich geworden sind dagegen Hetzjagden und Angriffe auf einzelne Flüchtlinge. Wie alltäglich genau, zeigt diese Aufstellung, die ausschließlich Taten aus den letzten sieben Tagen (vom 30.10. bis zum 6.11., basierend auf dieser Zusammenstellung) sammelt und nach Bundesland sortiert. Nicht mit aufgenommen haben wir die zahlreichen Anschläge auf unbewohnte oder geplante Unterkünfte. Spoiler: Sachsen gewinnt.

Bayern

Waldkraiburg: Am Dienstagabend wurde ein 20-jähriger Asylbewerber aus Nigeria im bayerischen Waldkraiburg von zwei Männern und einer Frau angepöbelt und bedroht. Als einer der Männer schließlich mit einer Eisenstange auf ihn zulief, ergriff das Opfer die Flucht.

Brandenburg

Prenzlau: Am Dienstag wurde ein 28-jähriger Flüchtling von zwei bis drei Männern vom Fahrrad gestoßen und geschlagen, dabei erlitt er Gesichtsverletzungen und musste im Krankenhaus behandelt werden.

Mecklenburg-Vorpommern

Wismar: Am Samstag wurden zwei syrische Flüchtlinge direkt vor ihrer Unterkunft von bis zu 20 vermummten und mit Baseballschlägern bewaffneten Männern angegriffen und verprügelt. Beide Syrer mussten ambulant behandelt werden, nach den Tätern wird gefahndet.

Niedersachsen

Hannover: Ein 23-jähriger Asylsuchender aus Syrien wurde am Freitagabend aus einem vorbeifahrenden Auto zuerst beleidigt, dann stiegen fünf Männer aus, von denen ihn vier an eine Wand drückten. „Ein zirka 1,90 Meter großer, glatzköpfiger und tätowierter Angreifer schlug dem 23-Jährigen ins Gesicht, bevor die Unbekannten mit dem Opel in Richtung Marienstraße flüchteten", heißt es im Polizeibericht zu dem Vorfall. Das Opfer wurde in die Klinik gebracht.

Sehnde: In der Nacht zu Sonntag legte jemand einen Brand in einer Unterkunft, die von einer dreiköpfigen Familie aus Montenegro bewohnt wurde. Die Familie schlief zu dem Zeitpunkt, konnte aber von zwei Passanten geweckt werden, die das Feuer bemerkt und die Feuerwehr alarmiert hatten. Die Polizei hat einen 43-jährigen Tatverdächtigen festgenommen.

Sachsen

Pirna: Ähnliches Muster: An die 25 mutige Abendländer, teilweise vermummt, umringten am Freitagabend einen marokkanischen und einen libyschen Asylbewerber und schlugen sie zusammen. Beide Männer mussten verarztet werden.

Dresden: Ebenfalls am Freitagabend wurden zwei Syrer in der Straßenbahn von vier Unbekannten beschimpft und geschlagen, einer der Syrer musste ins Krankenhaus.

Gorbitz: Ein 20-jähriger Eritreer wurde am Samstagabend in Dresden-Gorbitz von drei bis vier Männern angegriffen. Zwei Männer hielten ihn fest, während ein Dritter wiederholt auf ihn einschlug. Eine Anwohnerin schlug die Täter in die Flucht, der Asylbewerber kam ins Krankenhaus.

Freital: Am Sonntag zündete jemand eine Sprengladung vor dem Schlafzimmer einer von acht Flüchtlingen bewohnten Wohnung. Drei Fenster barsten, einer der Bewohner wurde von den Scherben verletzt.

Sachsen-Anhalt

Magdeburg: Hier wollte man ganz sicher gehen, weshalb sich am Sonntagmorgen gleich 30 Männer mit Baseballschlägern bewaffneten und zusammentaten, um drei syrische Flüchtlinge zusammenzuschlagen. Der Angriff wurde von Zivilpolizisten beobachtet, die die Angreifer unter Einsatz von Pfefferspray verjagen konnten—nicht ohne selbst bedroht zu werden. Trotz der Anwesenheit der Beamten wurde von den 30 nur ein Tatverdächtiger verhaftet, der mittlerweile auch wieder freigelassen wurde. Ermittelt wird jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung, schweren Landfriedensbruchs, Verstoßes gegen das Waffengesetz und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Alle drei Syrer mussten ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

Schleswig-Holstein

Kiel: Am Montagabend wurde ein 35-jähriger Iraker von sechs Männern über den Bahnhofsplatz gejagt und schließlich mit Glasflaschen angegriffen. Das Opfer wurde mit Gesichtsverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Unklar ist, ob die Tat einen rassistischen Hintergrund hatte, da die Täter laut Polizeibericht von „südländischem Aussehen" waren.

Thüringen

Jena: Ein 27-jähriger syrischer Flüchtling wurde am Sonntagmorgen von drei Männern an einer Straßenbahnhaltestelle zusammengeschlagen.

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