Falsche Brüste, falscher Teint, aber viele Muskeln

"Kannst du mal ihre Arschbacken auseinander halten, ich muss da nochmal mit der Farbe ran!"

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Mai 31 2016, 4:00am

Frauenbodybuilding ist ein Sport der Extreme. Nicht nur wegen der muskelbepackten Frauenkörper, sondern auch wegen der Disziplin und des Durchhaltevermögens. Etwas, das manch anderem schon im normalen Leben Schwierigkeiten bereitet. Als Lisa Drexler, eine meiner besten Freundinnen, mir erzählte, ihr Ziel wäre es, an einem Bodybuilding-Wettkampf teilzunehmen, fand ich das zunächst sehr befremdlich. Interessiert war ich trotzdem, also begleitete ich sie kurzerhand bei drei Wettkämpfen in ganz Deutschland mit meiner Kamera.

Der Tag eines Wettkampfs läuft immer nach dem gleichen Prinzip ab. Die Teilnehmer melden sich an und werden vermessen. In Lisas Klasse geht es nur um die Größe und nicht um das Gewicht. Anschließend breiten alle Teilnehmer Backstage ihre Isomatten aus und lassen die Hüllen fallen. Es ist Zeit, die Bräunungscreme aufzutragen. Damit man auch keine Stelle übersieht, zieht sich der Großteil der Teilnehmer einfach komplett aus. Ich habe noch nie so viele nackte, künstliche Brüste auf einem Haufen gesehen und komme mir vor wie auf einer "muskelbepackten Playboyparty".

Lisa ist etwas zurückhaltender und lässt den BH beim Anmalen erst einmal an. Währenddessen komme ich an ganz neue Aufgaben. "Kannst du mal ihre Arschbacken auseinander halten, ich muss da nochmal mit der Farbe ran!", sagt ihr Trainer zu mir. Die Farbe riecht nach Sonnenbrand und gebrannten Mandeln. Ein Geruch, der einem die nächsten Stunden nicht mehr aus der Nase geht. Außerdem färbt die Farbe gerne mal ab. Weswegen wir auf der deutschen Meisterschaft im Hotel unsere eigene Bettwäsche mitbringen mussten und die Klobrillen abgeklebt wurden. Nachdem der erste Anstrich vollzogen ist, schminkt sich Lisa ihr Bühnen-Make-up nach. Sie klebt sich die künstlichen Wimpern auf und ruft "die Puffmutti ist zurück". Ihren Humor an dem Ganzen hat sie nicht verloren, was man von den strengen Gesichtern der anderen Mitstreiter nicht unbedingt sagen kann.

Dann heißt es: Warten. Nachdem sich der erste Schwall an Bräunungscreme-Gerüchen verzogen hat, kommt ein anderer dazu. Überall hört man Zellophanpapier knistern und die von Bodybuildern so geliebte Reiswaffel hat ihren Auftritt. Trinken darf Lisa nicht. "Außer du gehst pinkeln, dann aber nur ein kleiner Schluck Wasser", ermahnt sie ihr Trainer. Wie ein Schwerverbrecher nippe ich an meiner Apfelschorle.

Dann die Erste Runde. Lisa pumpt sich nochmal mit einem Elastikband auf und wird mit 18 anderen Frauen ihrer Größenklasse auf die Bühne gebracht. Vor einer Jury, die zum größten Teil aus Männern besteht, werden die Frauen in einer Reihe aufgestellt. "Seitenpose!", ruft der Moderator, und alle Frauen drehen sich wie beim Militär gleichzeitig zur rechten Seite. Atmen, anspannen und bloß nicht das Lächeln vergessen. Nach noch nicht einmal 15 Minuten ist es vorbei. Ganz unspektakulär wird danach im Backstage-Bereich verkündet: Sechs Frauen sind im Finale. Lisa ist in der nächsten Runde dabei. Nun heißt es wieder Warten, bis man aufgerufen wird. In der Zwischenzeit schaue ich mir draußen die anderen Teilnehmer an und höre neben mir, wie eine Frau mit einem der Bodybuilder flirtet. "Wie viel Körperfettanteil hast du eigentlich auf diesem Foto?"

"Mh keine Ahnung... zwei Prozent vielleicht."

"Wow das sieht sooo gut aus."

Ich hole einen Schokoriegel aus meiner Tasche.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Lisa wieder auf die Bühne. Mit fünf anderen Frauen muss sie noch einmal die gleichen Posen absolvieren und die Preisrichter anlächeln. Dann endlich die Siegerehrung. Das ganze Training, Hungern, lange Warten, nur für diesen Moment. In dieser Saison macht Lisa zweimal den ersten Platz. Danach hat sie nur noch einen Wunsch: "Jetzt will ich zu McDonald's und danach 'ne Pizza."

Weiter machen will Lisa auf jeden Fall. Als Nächstes startet sie International bei den Arnold Classics in Barcelona. Bis dahin heißt es dann wieder nur Reis mit Brokkoli und Huhn.

Ihr könnt auch Sabrinas Website und ihren Instagram-Account besuchen.

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