Health

Kann man mit Sport und Vitaminen die Langzeitschäden von Drogenkonsum ausgleichen?

Wir haben uns ein paar der beliebtesten Drogen vorgeknöpft und nachgeforscht, wie du die negativen Auswirkungen auf ein Minimum reduzieren kannst.

von Jack Blocker
09 August 2016, 11:00am

Unsere Gesellschaft interessiert sich immer mehr für "Clean Eating" und Kalorienzählen, und damit auch für die Frage, wie man die aufgenommen Kalorien am besten wieder verbrennt. Unzählige Mitmenschen rennen mit Schrittzählern herum und verzichten der Figur zuliebe auf Süßes. Kein Wunder also, dass die Leute auch handfeste Zahlen wollen, die sie sich als Ziel ins Handy tippen oder online posten können.

Und natürlich erfüllen die Internetschreiberlinge der Welt diesen Wunsch nur allzu gern. Inzwischen gibt es ein Überangebot von Seiten, auf denen wir genau nachlesen können, welcher unwahrscheinlichen Aktivität wir wie lange nachgehen müssen, um unser geliebtes Junkfood zu verbrennen. Ein Mann muss 5 Stunden und 53 Minuten lang Gewichte heben, um ein Big-Mac-Menü abzutrainieren. Eine Frau muss vier Stunden am Stück Rollerblades fahren, um sich einen Burrito von den Rippen zu schwitzen. Und so weiter.

Dabei wird uns hier eine ziemlich ungesunde Art des Gesundseins vorgeführt. "Erst vollstopfen, dann abschinden" arbeitet mit Extremen statt mit Mäßigung. Andererseits war ich noch nie ein Fan von Mäßigung, also habe ich mich entschlossen, an dieser Stelle einfach mit dem Flow zu gehen. Wenn die "Ausgleichstaktik" bei Ernährungssünden funktioniert, lässt sie sich dann auch auf Drogenexzesse anwenden?

Können die negativen Folgen des Drogenkonsums nach und nach ausgeglichen werden? Können Sellerie-Smoothies die Leber des Wochenend-Alkoholikers reinigen? Kann man ein kokaingeschwächtes Herz reparieren, indem man jeden Morgen bis ans Lebensende 900 Liegestütze macht? Um das herauszufinden, habe ich Gesundheitsexperten befragt.

Bier

Mit dem Übergang von der Teenagerzeit in die 20er haben sich meine Ängste in Bezug auf Alkohol gewandelt. Wo ich früher noch "Oh shit, werde ich am Ende so knülle sein, dass ich auf den Hund der Gastgeberin kotze?" dachte, denke ich heute: "Wird das vierte Bier an einem Dienstag meinen frühzeitigen Tod durch Herzversagen herbeiführen?"

Um herauszufinden, ob Sport die Auswirkungen eines Mini-Gelages neutralisieren kann, kontaktiere ich Joseph Van der Merwe, seines Zeichens Personal Trainer in London. "Vier Dosen Bier [mit jeweils 440 ml] haben je nach Marke etwa 600 Kalorien. Das heißt, du musst schon 30 bis 40 Minuten wirklich energisch rennen [, um das zu verbrennen]", erklärt er mir.

Laut Dr. Adam Winstock, Gründer von Global Drug Survey und Psychiater, gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die regelmäßig so vorgeht. "Die Gruppe, bei der ich das am häufigsten sehe, sind wohl schwule Männer, die Chemsex betreiben", sagt er. "Sie feiern Freitag, Samstag und Sonntag hart und verbringen dann den Rest der Woche im Fitnessstudio." Gleicht das die Wochenenden wieder aus? "Das kann ich mit einem entschiedenen Nein beantworten. Aber wenn du dich am Wochenende schon abschießt, ist es dann besser, wenn du den Rest der Zeit einen glücklichen und gesunden Lebensstil hast? Absolut."

Joseph findet auch, dass es in diesem Fall besser ist, ins Fitnessstudio zu gehen, doch er fügt hinzu: "Die Vorstellung, dass man sich mit Ernährung und Sport vor Drogen und Alkohol schützen kann, ist ungefähr so, als würde man einen Hausbrand mit einem nassen Schwamm bekämpfen."

Marihuana

Besucher einer 4/20-Demo im Londoner Hyde Park rauchen Gras | Foto von Jake Lewis

Guy Jones ist Chemiker und arbeitet für The Loop, eine Drogentest-Firma, die sich für Schadensminimierung einsetzt. Er erklärt mir, dass der Cannabis-Wirkstoff THC das Endocannabinoid-System im Gehirn beeinflusst. Dieses System reguliert einige Vorgänge im Körper wie etwa das Hungergefühl und den Schlaf. Vor ein paar Jahren setzte ich mein Endocannabinoid-System einem besonders schweren Angriff aus, als mein Kumpel drohte, an einer Portion Schlagsahne zu ersticken. Die Vorstellung, dass mein Freund wegen eines Sahnehäubchens sterben könnte, erschütterte mich bis ins Mark, und mein High war restlos weggeblasen.

Ich weiß nicht mehr, wie viel ich geraucht hatte, aber ich frage Guy, ob Angst eine vernünftige Methode ist, die Auswirkungen gelegentlichen Kiffens zu bekämpfen. "Das Adrenalin spült das Cannabis zwar nicht aus deinem Körper", sagt er, "aber es hat Auswirkungen auf die Signalübertragung, die ab den Cannabinoid-Rezeptoren erfolgt. Also ist es durchaus möglich, einen Augenblick der Klarheit herbeizuführen [, während man high ist]."

Das Hauptproblem bei Cannabis ist eher, dass du brennende Pflanzen einatmest—und bei uns in Europa ist das meist nicht nur Cannabis, sondern auch eine gewisse Menge Tabak. Wie Guy sagt: "Tabak ist eine extrem giftige und krebserregende Droge. Der beste Tipp, um die schädlichen Auswirkungen des Cannabis-Konsums auszugleichen, ist, mit dem Tabak aufzuhören." Doch laut Joseph gibt es leider keine sportliche Aktivität, die einem Frühjahrsputz für die Lunge gleichkäme. "Die Vorstellung, dass du vielleicht ein paar Kilometer laufen kannst, um die Karzinogene aus deiner Lunge zu pusten ... nein, das klappt nicht."

Kokain

Ein großes Problem mit Kokain ist, dass es mit allem möglichen Unsinn gestreckt ist, weil Dealer gierige Raffzähne sind. Diese Streckmittel haben verschiedene Auswirkungen auf deinen Körper (auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass es dein Gesicht auffrisst). Doch ganz gleich, wie dein Kokain gestreckt ist, schädlich ist es immer. Guy erklärt: "Es erzeugt Probleme im Herzen, weil es Nervensignale blockiert und damit den elektrischen Rhythmus stört, der dafür sorgt, dass das Herz gleichmäßig schlägt."

Alle von mir konsultierten Experten waren sich einig, dass es keine gute Methode gibt, diese Nebenwirkung zu bekämpfen. "Die Leute halten Alkohol für ein sinnvolles Ausgleichsmittel", sagt Adam. "Aber diese Kombination ist sogar noch gefährlicher, denn natürlich nimmt man dann noch mehr Koks und trinkt noch mehr Alkohol, und das schadet Herz und Leber." Guy ist seiner Meinung: "Mein Tipp zur Schadensminimierung bei Kokain ist, dass man sich weniger auf die Folgen für das Herz konzentrieren und sich dafür beim Alkohol sehr zurückhalten sollte."

Und was, wenn dein Herz eine gut geölte Maschine mit einem Ruhepuls von 30 Schlägen pro Minute ist? Wie das von Lance Armstrong? Joseph meint: "Er würde sich auch nicht schneller erholen, aber wahrscheinlich hätte er ein geringeres Risiko, dabei zu sterben."

Regelmäßiger und langfristiger Kokain-Konsum kann auch dazu führen, dass Herzgewebe anschwillt oder vernarbt. Die Schwellung kann mit genug Bewegung und einem Verzicht auf Drogenexzesse wieder zurückgehen, aber die Narben sind ein permanenter Herzschaden, der auch einen frühen Tod nach sich ziehen kann.

MDMA

Etwas MDMA | Foto von Michael Segalov

Anders als Kokain wirkt sich MDMA nicht direkt auf die elektrischen Impulse aus, die den Herzschlag kontrollieren. Doch wie Guy erklärt: "Es belastet das Herz auch, weil es die Blutgefäße verengt, womit der Blutdruck steigt und das Herz viel härter arbeiten muss."

Wie bereits erklärt sind Herzschäden alles andere als einfach auszugleichen. Doch von allen Drogen, nach denen ich gefragt habe, ist MDMA die einzige, bei der die Ernährung wenigstens beim psychischen Runterkommen helfen kann.

Rezeptfreie Nahrungsergänzungsmittel wie die Aminosäure 5-HTP können dabei helfen, den Serotonin-Vorrat wieder aufzufüllen. Serotonin ist der "Glücksbotenstoff", der durch MDMA-Konsum rapide verbraucht wird und dessen Fehlen sich in einer Extraportion Trübsal am Tag danach bemerkbar macht. Auch Lebensmittel, die reich an Aminosäuren sind, empfehlen sich für das MDMA-Katerfrühstück.

Ketamin

Die aufgezählten Drogen haben alle ihre schädlichen Auswirkungen, und leider gibt es nicht viele Methoden, diese Schäden wieder auszugleichen. Seltsamerweise ist die Droge, die dich mit der größten Wahrscheinlichkeit in einen total abgefuckten Zustand versetzt, auch gleichzeitig die Substanz, die zumindest relativ sicher ist. (Das soll nicht heißen, dass Ketamin ungefährlich ist, also sag nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.) Guy erklärt uns, wie Ketamin sich auf den Körper auswirkt:

"Ketamin blockiert die Nervensignale vom Körper ans Hirn und umgekehrt. In sehr kleinen Dosierungen löst es eine angenehme Dissoziation aus—ein Standard-High, wenn man so will. Höhere Dosen versetzen Konsumenten allerdings in einen völlig betäubten Zustand, in dem sie sich nicht bewegen können und nur noch in ihrem Kopf 'existieren'—das nennt man dann K-Hole."

Und selbst wenn du einer von diesen komischen Kaputten bist, die sich Monster-Lines reinziehen, weil sie es sogar auf das K-Hole anlegen, ist die Droge deiner Wahl immer noch relativ unschädlich im Vergleich zu Alkohol und Tabak. "Ketamin ist ein überraschend sicheres Betäubungsmittel. Die Weltgesundheitsorganisation zählt es sogar zu den essentiellen Medikamenten", sagt Guy. "Und die Dosierung beim Einsatz als Betäubungsmittel wäre viel höher als das, was Freizeitkonsumenten nehmen."


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Das soll jetzt natürlich keine Ermutigung sein, dich jedes Wochenende mit Ketamin wegzuballern. Zu den Langzeitschäden bei Dauerkonsum gehört Vernarbung der Blase, was so schlimm werden kann, dass du eine neue Blase brauchen könntest. Alle Experten waren sich einig, dass sich die langfristigen Schäden von Keta nur vermeiden lassen, indem man aufhört, Keta zu nehmen.

Wenn du all das gelesen hast und jetzt schon in der Online-Apotheke nach 5-HTP suchst, nimm dir bitte zu Herzen, was Adam mir gesagt hat: "Drogen nehmen ist nicht wie Soll und Haben auf dem Konto. Es gibt auch kein Verbrennen wie bei Kalorien. Es ist einfach wichtig, dass du deine Drogen mit Grips konsumierst und ansonsten glücklich und gesund bleibst. Lass das Rauchen, treibe Sport und vermeide Übergewicht. Ob du jung sterben wirst, richtet sich nicht danach, ob du am Wochenende manchmal kokst oder gelegentlich Joints rauchst. Es richtet sich danach, ob du fett bist, ob du rauchst, ob du genetisch vorbelastet bist und wie dein sozioökonomischer Status aussieht."

Dieser letzte Faktor lässt aufmerken. Im Gespräch mit Adam fällt mir auch auf, dass Armut ein ganz schönes Hindernis darstellt, wenn man sich die "verheerenden Auswirkungen des Drogenkonsums" vom Leib halten will. Als Psychiater und Gründer von Global Drug Survey weiß Adam das besser als sonst irgendjemand. "Viele der Menschen, die ich behandle, führen sehr benachteiligte Leben mit sehr knappen Ressourcen. Dadurch sind sie gefährdeter und gehen seltener zum Arzt. Es ist auch unwahrscheinlicher, dass sie sich frisches Obst und Gemüse leisten können", sagt er.

"Es gibt einen gewissen Teil der Mittelschicht, dem die Vorstellung gefällt, man könnte Yoga machen und vegetarisch essen, und sei somit dann besser geschützt, wenn man diese Drogen nimmt. Aber sie sind nicht geschützt. Sie haben einfach nur mehr körperliches und soziales Kapital, also können die Drogen sie nicht so schnell kaputtmachen."

"Alles, was du tust, und jede Entscheidung, die du triffst, wirkt sich auf dein Leben aus", sagt Guy dazu. "Also kannst du potentiell dein Leben verlängern, indem du gesünder isst und Sport treibst und besser schläfst. Aber wenn du es mit deiner Gesundheit wirklich ernst meinst, dann nimmst du wahrscheinlich von vornherein niemals Drogen. Andererseits gehst du dann vielleicht auch von vornherein gar nicht erst aus dem Haus—die Straße überqueren ist immerhin auch ganz schön gefährlich."

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