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Harlem haben auch mal einen schlechten Tag

9.9.10

Harlem ist eine dieser Bands, mit denen es sich nicht lohnt, über Musik zu reden. Einfach, weil ihre Songs schon zu dir zu sagen scheinen: ‚Pass auf, wir sind die besten Lieder, die du in nächster Zeit hören wirst. Denk nicht drüber nach, akzeptier das einfach und du wirst es nicht bereuen.’ Wir haben das akzeptiert und wollten kein klassisches Interview mit ihnen führen.Eigentlich wollten wir überhaupt kein Interview mit ihnen führen, weil sie uns alle möglichen Antworten schon mit ihrem aktuellen Album „Hippies“ gegeben hatten. Nachdem wir sie dann aber in Berlin spielen sahen und vor sowie während dieses Auftrittes so ungefähr alles schief lief, was schief laufen kann (Autoschlüssel ihres Leih-Vans verloren, Opfer der Gewaltbereitschaft des zuständigen Servicepersonals geworden, zu spät in den Club gekommen, ohne vernünftigen Soundcheck gespielt, fragwürdiges Equipment von der Supportband geliehen, Verstärker vernichtet etc.) mussten wir uns einen Tag später doch noch mit ihnen treffen, um die Geschehnisse des Vorabends aufzuarbeiten. Wir machten es uns auf einer Bordsteinkante auf der Admiralsbrücke gemütlich, die Band versuchte, ihr strapaziertes Gemüt von Spreeduft streicheln zu lassen und wir versuchten, die ganze Angelegenheit wie ein Interview aussehen zu lassen, was nur stellenweise gelang.

Vice: Könnt ihr mir einen kurzen Überblick über die Dinge geben, die gestern schief gelaufen sind?

Jose: Gute Frage für den Anfang.
Michael: War schon OK, nicht jede Show ist perfekt.
Curtis: Meinst du die Show oder die Sache mit dem Auto?

Alles.

Jose: Erzähl ihn von dem deutschen Typen, der in unser Auto einbrechen wollte.
Curtis: Also zunächst laufen wir so rum, sind auf dem Weg zum Haus eines Freundes. Da stelle ich fest: es befindet sich ein großer Haufen Scheiße an meinem Fuß. Ich bin also in Scheiße getreten. Da ging’s schon mal los. Aber manche Leute behaupten ja, das bringt Glück. Nun, diese Leute lügen. Dann haben wir den Autoschlüssel verloren. Ewig danach gesucht.

Michael: Das wird ein echt gutes Interview.

Curtis: Du kannst gerne übernehmen!

Michael: Keine Ahnung, da war dieser verrückte deutsche Typ, er trug Mercedes Benz Sportklamotten. Er zertrümmerte die Scheibe unseres Autos, um rein zu kommen. Und er …

Curtis: Sorry, du bist nicht sehr anschaulich. Also als er das Fenster zertrümmerte … Wir sahen ihn und waren so: „Ah, endlich bist du da!“ und er: „Yeah!“, rennt so rum in seinem Sportanzug, mit seinen ganzen Werkzeugen, versucht irgendwie ins Auto zu kommen. Versucht irgendwie mit Messern daran rumzuschneiden. Und wir: „Hey, warte mal, du hast gesagt, du würdest nichts kaputt machen.“ Und er so: „Ich muss das Gummi hier aufschneiden.“ Und macht weiter, bis er dann das Fenster aufhat. Und dann … (Schaut zu Michael)

Michael: Nein, mach du bitte weiter!

Curtis: Ich war unten, du warst noch oben. Also sage ich zu ihm: „Wir müssen in den Kofferraum. Diese Knöpfe da öffnen den Kofferraum“ Ich wusste, da ist diese Ecke, in der sich unser ganzes Equipment befindet. Und er so: „Na ihr könnt doch hier reinklettern.“ Und ich: „Auf gar keinen Fall, das wird nicht funktionieren.“ Jedenfalls klettert er rein, sein Arsch hängt zum Fenster raus und auf einmal gibt es diesen monströsen Schrei. (schreit sehr laut) Und er sprengt quasi von innen die Heckscheibe. Tolle Sache. Jetzt ist da überall Tape dran.

Und ihr könnt trotzdem immer noch nicht fahren?

Curtis: Nee, wir warten immer noch auf den Schlüssel.
Jose: Wir hängen jetzt in Berlin rum.

Der ganze Aufwand also, um an euer Equipment zu kommen.

Curtis: Ja, wir haben unser Zeug rausgeholt und sind dann mit dem Taxi zum Club gefahren.
Michael: Das war in der letzten Minute.
Curtis: Ein paar Sachen haben uns gefehlt, die mussten wir uns borgen.
Michael: Tolle Show

War es die schlimmste Show, die ihr je gespielt habt?

Michael: Nein. Keine Ahnung, die schlimmste Show war sicher nicht so schlimm wegen des Equipments. Da ging es dann eher um Probleme zwischen den Leuten in der Band. Möchtest du vielleicht über einen schlechten Tag sprechen, den du kürzlich hattest?

Wenn du das möchtest und mir einer einfällt, natürlich.

Curtis: Ah, schau dich an, du bist so glücklich! (Gelächter)

Wie geht ihr damit um, wenn ihr auf der Bühne merkt, es läuft nicht so wie geplant?

Curtis: Du musst die Schläge einfach einstecken und weitermachen.

Ich hatte den Eindruck, Michael hatte die größten Schwierigkeiten damit umzugehen, Curtis wirkte recht entspannt und Jose ebenfalls.

Jose: Ich war total entspannt. Mein Equipment war ja auch das einzige, was halbwegs funktioniert hat.

Michael: Ich wollte eigentlich gar nicht so einen schlechten Vibe verbreiten. Mir ist neulich mal was aufgefallen. Ich habe eine Band spielen sehen und einer der Typen hatte auch so einen unbewussten Drang, ständig an seinen Haaren rumzufummeln. Ich glaube, das ist auch so ein typisches Mädchending. Sie bekommen es in der Pubertät. Es geht fast schon in Richtung Trichotillomanie. Ich sah das also und stellte fest, wie gestresst das wirkt. Ich konnte mir das echt nicht angucken, es gab mir ein komisches Gefühl. Damit muss ich mich also arrangieren, auf der Bühne sehr gestresst auszusehen. Es gibt eine Menge Bands, die auf die Bühne gehen und cool dabei aussehen. In so einer Band will ich gar nicht sein.

Apropos, warst du es, der auf eurer Myspace-Seite schrieb, er würde gern Tanzlehrer sein?

Michael: Hui, das ist schon ne Weile her. Aber ja, das war ich. Keine Ahnung, ich suche nach vielen verschiedenen Wegen, nicht in einer Band sein zu müssen. Tanzlehrer klingt echt gut, ich muss aber selber erst lernen, wie man tanzt. Ich kann halt nur meine eigenen Tänze. Meine Idealvorstellung wäre es Lehrer in einem jüdischen Sommercamp zu sein.

Was ist dein Lieblingsmove?

Michael: Ich bin ja noch nicht so weit. Wenn ich mich für diese Karriereoption bereit fühle, sage ich dir Bescheid.

Danke. Wer hat die besten Dancemoves in der zeitgenössischen Popkultur?

Michael: Hm, Popkultur, ich weiß nicht. Leute, die hinfallen, sehen cool aus. Besser als professionelle Tänzer. So merkwürdiger Scheiß. Deine Mutter, wenn sie tanzt. Das ist das Beste überhaupt. Wie hat deine Mutter gestern getanzt? (Die Frage geht an Joses Schwester, die in Berlin lebt und deren Eltern gerade auf Besuch sind, weil sie demnächst heiraten wird. Es entspinnt sich ein Gespräch über die Tanzangewohnheiten ihrer Familie)

Warum steht ihr so auf Nirvana? Was ist so toll an ihnen?

Michael: Ihr Haar. Und ihre Dancemoves.

Curtis: Sie machen Zeug kaputt. Mit Absicht.

Was ist los mit dir? Du wirktest so entspannt gestern und heute bist du total grummelig.

Curtis: Grummelig??

Jose: Er ist oft grummelig.

Curtis: Ich bin gerade überhaupt nicht grummelig.

Ich habe ein paar Bandfotos von euch gesehen und du hast fast immer Hüte auf. Hast du eine Hüte-Obsession?

Curtis: Ich hab schon ein paar, aber keine Sammlung oder so was. Ich steh schon auf Hüte, aber Obsession? Nee, das wäre wohl zu viel gesagt.

Andere Obsessionen?

Michael: Mich selbst berühren.

Gut, das ist jetzt keine sehr außergewöhnliche Sache.

Michael: Sich selbst anzufassen? Hm, kann sein. Wir haben alle Obsessionen, aber wenn du die rausfinden willst, musst du uns auf ein Date einladen.

OK, wenn sich die Gelegenheit bietet …

Michael: Was ist deine Obsession?

Mir fällt gerade nur so langweiliges Zeug wie Schokolade ein.

Curtis: Schokolade?

Michael: Cool! Das ist eine coole Obsession.

Nein, ist es nicht.

Curtis: Isst du jeden Tag welche?

Fast jeden Tag.

Curtis: Verschiedene Sorten?

Milchschokolade, aber nicht die simple Milchschokolade.

Michael: Ah, nicht das einfache Zeug. Der komplizierte Kram mit Füllung und so, was?

Curtis: Hattest du mal welche mit Schinken?

Nein, bin Vegetarier.

Michael: Ach, wie blöd. Solltest du trotzdem mal probieren.

Aber es ist echt nichts Besonderes, mir fällt leider gerade nichts wirklich Originelles ein.

Michael: Ja, das stimmt. Es gibt wenig wirklich coole Obsessionen. Warte mal, du bist besessen von Zahlen. (zu Jose) Du bist besessen damit, in Scheiße zu treten. (zu Curtis) Du bist auch davon besessen, mit deiner Freundin zu streiten.

Curtis: Haha. Ich streite nie mit meiner Freundin. (Gelächter)

Wie ist das bei euch? Streitet ihr beide gern oder ist es so, dass einer gern streitet und einer seine Ruhe haben will?

Curtis: Ich weiß es auch nicht. Vielleicht passiert es, wenn sie ihre Tage hat?

Michael: Hast du das gerade wirklich gesagt? Das ist doch Scheiße, schäm dich mal. Viele Leute kämpfen einfach gern …

Curtis: … Weil sie emotional sind.

Worüber könnt ihr euch totlachen?

Michael: Wenn Katzen sich wie Menschen verhalten.

Meinst du dieses ‚Katzen, die wie Hitler aussehen’-Ding?

Michael: Nee, aber das klingt cool. Haha. Ein Freund von mir hatte mal eine Katze mit Hitlerbärtchen. Gibt es da richtig gute?

Es ist halt so eine Website, die vor ein paar Jahren mal das lustige Ding der Stunde war. Hab da nie wieder draufgeguckt.

Jose: Ich habe übrigens neulich ein Hitler-Emoticon entwickelt.

Echt, wie geht das?

Jose: Ich tippe es in mein Handy und dann kannst du ein Foto davon machen.

Also du stehst auf Katzenhumor.

Michael: Ja, Tiere, die sich wie Menschen verhalten, finde ich witzig.

Wie entscheidet ihr bei euren Songs, wer den Vocaljob übernimmt?

Michael: Der, der den Handjob übernimmt, bekommt auch den Vocaljob.

Curtis: Wir nehmen einen meiner Hüte aus meiner Sammlung und legen die Namen da rein und dann wird gezogen. (lacht)

Aber um meinem Anspruch als seriöser Journalist gerecht zu werden und hier noch irgendeine ernste Antwort zu bekommen, ist das einfach nur Zufall?

Michael: Totaler Zufall. Aber ich singe alle Lieder übers Streiten. Alle Lovesongs singt Curtis.

Wie geht’s jetzt mit euch weiter?

Curtis: Wir werden entweder Shows spielen, Hüte zu unserer Sammlung hinzufügen oder schlafen.

Michael: Schlafen ist so was wie eine Goldmine für unsere Zukunft.

Wie würdet ihr euer Verhältnis in der Band beschreiben?

Michael: Zwischen uns? Brüder.

Curtis: Kind Buds. (Gelächter) Ach so, kann man hier auf dieser Brücke Weed kaufen?

Michael: Habt ihr hier Undercover-Cops?

Wie lange kennt ihr euch schon?

Michael: Schon lange.

Curtis: FOOOOOOOOOREEEEEEEEEEEEVEEEEEEEEEEEERRRRRRR!!!

Michael: Ja, seit Anbeginn der Zeiten. Nee, wir trafen uns an der Wandzeitung meiner Schule.

Cool, habt vielen Dank.

Harlems Album Hippies ist bei Matador erschienen.