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Rückkehr zur SOFEX

Wir waren schonmal bei der SOFEX, aber diesmal wollten wir schauen, wie das Geschäft mit Kriegsmaschinerie nach dem Arabischen Frühling aussieht.
7.6.12

Laut den Leuten, die sich mit so etwas beschäftigen, liegt der Ort, an dem Jahwe angeblich Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra regnen ließ, nur wenige Kilometer vom heutigen Amman, der Hauptstadt Jordaniens, entfernt. Der vormalige Schauplatz von Gottes Zorn ist heute die beste Anlaufstelle, um Werkzeuge für menschlichen Zorn zu kaufen—vor einem Monat wurde dort die SOFEX (die Special Operations Force Exhibition) 2012 veranstaltet. Das ist DIE Militärmesse schlechthin. Es werden die größten und übelsten Waffen ausgestellt, die für Geld zu bekommen sind. Und wie du vielleicht weißt, falls du die Nachrichten aus der arabischen Welt im letzten Jahr verfolgt hast, ist mit menschlichem Zorn nicht zu spaßen.

VICE war schon einmal auf der SOFEX, aber ich wollte wissen, ob sich das Menschentöten-Business infolge des Arabischen Frühlings verändert hat. Ob es etwa mehr Nachfrage für Waffen in dieser Zeit der Unsicherheit und Veränderung gibt oder ob einige der Generäle und Regierungsoffiziellen mit dem Auftrag, Waffen zu kaufen, diesmal ein bisschen mehr schwitzen würden als sonst.

Ein sudanesischer General, der sagte: „Der Arabische Frühling ist eine natürliche Sache. Werden die Menschen lange genug unterdrückt, rebellieren sie.“

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, welche Waffen es so gibt, sprach ich mit einem freundlichen Angestellten von DS ARMS, einem Hersteller von Sturmgewehren mit Sitz in Chicago, dessen Messestand im amerikanischen Pavillonzelt war. Als ob er mir die Funktionsweise eines Staubsaugers erklärte, zählte er die Anwendungen der FAL 7.62 auf, die von einem 50 Jahre alten belgischen Gewehr inspiriert wurde. Nur dass heute anstatt eines Bajonetts ein Granatwerfer am Gewehrrohr befestigt ist:

DS ARMS FAL 7.62 Sturmgewehr mit Granatwerfer.

„Der Granatwerfer ist für großräumige Ziele“, erklärte er mir. „Du kannst in einen Raum schießen, durch ein Fenster, auf ein Fahrzeug, und das gesamte Gebiet geht in die Luft. Die Waffe hält eine Menge Sprengladung. Der Granatwerfer ist sehr wandlungsfähig. Er kann für Polizeieinsätze oder vom Militär benutzt werden, weil du verschiedene Munitionen benutzen kannst. Du kannst Plastikgeschosse, Schrotmunition, Tränengas, Sprengstoffe, Leuchtgeschosse oder sogar große Gummigeschosse einsetzen, die du auf den Boden schießt, damit sie durch die Menge springen. Wirklich eine sehr wandlungsfähige Waffe. Du kannst sie im Nahkampf einsetzen, obwohl einige meinen, dass sie zu mächtig dafür ist und zu viel durchdringt. Aber sie wird immer beliebter, weil Feinde heute zunehmend Panzerwesten nutzen. Der Großteil der Länder im Nahen und Mittleren Osten hat diese Waffe gekauft.“

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Das führt zwangsläufig zu der Frage, welche Art von „Feinden“ der freundliche Verkäufer im Sinne hatte. Al-Quaida? Salafis in Ägypten? Die Taliban? Syrien? Oder einfach generell unruhige Mengen? Wenn DS ARMS diese Waffen nach Übersee verkauft, wie entscheiden sie dann, wer Freund und wer Feind ist?

„Wir sind sehr verantwortungsvoll“, antwortete er auf meine Frage, ob die Waffen an Amerikas Feinde verkauft würden. „Jeder Verkauf wird dem Außenministerium gemeldet. Aber es gibt sehr viele Verkäufe.“ (Er bat mich zu erwähnen, dass er sich hier nicht nur auf seine Firma bezog.) „Es gibt Gerüchte, dass viele Verkäufe nach Kuwait von dort aus weiter nach Libyen verkauft werden.“

Ich fand es interessant zu hören, dass Libyen FAL-Gewehre aus Kuwait kauft, da ich sie kurz zuvor beobachtet hatte, wie sie mit einem Handelsvertreter von RPGs am anderen Ende des Zeltes sprachen. Etwa fünf libysche Delegierte waren dieses Jahr bei der SOFEX, angeführt vom neuen Generalstabschef der Armee Yussef Al-Mangush, einem früheren Oberst aus Gaddafis Armee, der sich den Rebellen angeschlossen hatte. Er wurde von Gaddafi eingesperrt und befreit, als Tripolis fiel, und nun schlenderte er hier von Stand zu Stand, um zu entscheiden, wie er am besten Millionen für Killerspielzeuge ausgeben könnte.

Eine Puppe unbestimmten Geschlechts trägt den High Performance Ballistic Helmet von NP Composites (erhältlich in olivgrün, dunkelblau und UN-blau).

Als ich den libyschen General Hassid eingeholt hatte, um ihn zu fragen, wonach er genau suche, antwortete er: „Wir suchen nach allem.“ Ich verstand das als eine typische Antwort, die ein Mann des Militärs einem Journalisten geben würde, um nur nicht zu viel sagen. „Na ja, unsere Häfen sind besonders verwundbar.“ Später allerdings, als ich mit ihrem Besten Feldherr über ihre Bedürfnisse sprach („Bester“ ist Teil seines Titels), der sich selbst als Ghaffar vorstellte, gab er nach. „Die NATO hat unsere gesamte Luftwaffe zerstört“, sagte er. „Das musste passieren. Aber das ist OK; es war sowieso alles alter russischer Schrott. Aber jetzt bauen wir alles von Grund auf neu auf.“ Vielleicht brauchen sie wirklich alles.

Ghaffar, Libyens „Bester Feldherr”.

Meine Unterhaltungen mit den Libyern machten mich unsicher bezüglich meiner Position gegenüber dieser Militärmesse. Einerseits bin ich angewidert von der Kriegsmaschinerie. Andererseits allerdings kann ich nicht anders, als diese Männer,  die eine erfolgreiche Revolution gegen einen megalomanen Tyrannen geführt haben, zu bewundern.

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Libyen war nicht das einzige Land, das ein interessantes Jahr hinter sich hatte. Jemen, Bahrain, Irak, Ägypten, Tunesien, Pakistan und Palästina waren alle auf der Suche nach neuester Militärtechnologie. Nach einiger Zeit vermischte sich das Meer aus Camouflage, Orden und Schnurrbärten. Als ich den RPG-Vertreter fragte, woran der libysche General interessiert gewesen sei, korrigierte er mich fälschlicherweise: „Sie meinen: ‚der algerische‘?“

Der jemenitische General Ahmed Al-Ashmal beim Fachsimpeln mit einem Vertreter von Rosoboronexport, der russischen Regierungsagentur für Waffenimport und -export. „Die Revolution ist beendet“, sagte Al-Ashmal. „Jemen wird langsam ruhig. Inschallah.“

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Eines ist sicher: Die mit Orden behangenen Funktionäre, die für ein paar Tage die Stände entlang schlendern, sind in dem gleichen Land wie viele ihrer vormaligen Bürger. Als eines der relativ stabilen Ländern in der Region ist Jordanien zu einem Hauptziel der Flüchtlingsströme geworden. Laut Angaben der Vereinten Nationen und der jordanischen Regierung halten sich innerhalb der Landesgrenzen etwa zwei Millionen Palästinenser, 110.000 Syrer und 450.000 Iraker auf.

Ob Flüchtling oder nicht, die meisten Einwohner Ammans wissen, dass die SOFEX stattfindet. Generäle fahren in der Stadt mit ihren obligatorischen SUV- Entouragen rum und F-16 Kampfjets rasen durch den Himmel. „Weißt du, ich entwerfe ein Flugzeug“, erzählte mir mein Taxifahrer, als wir am ersten Tag der Ausstellung zu den Zelten fuhren. „Es kann in drei Minuten mit zwei Millionen Kilo Bomben nach Amerika fliegen.“ Ich sagte ihm, dass das ziemlich beindruckend sei und er fuhr fort: „Aber meine beste Waffe ist eine Erdbebenbombe. Ich werde sie benutzen, um die Weltherrschaft zu übernehmen.“ War das ein Scherz oder er verrückt oder irgendwas Anderes? Die Engel, die Sodom und Gomorra zerstörten, nahmen immerhin menschliche Züge an. Egal ob Engel oder Taxifahrer, ich glaube, er mochte mich— zumindest erlaubte er mir, Asien zu regieren, wenn alles nach Plan laufen sollte.

Abdallah Al-Sadoun, zum ersten Mal auf der SOFEX, meinte: „Arabischer Frühling? Wir werden ja sehen, wie das weiter geht.”

Viele der SOFEX-Besucher schienen genau so viel Schwachsinn zu reden wie der Möchtegernerdbebenbomber. Generäle, die Länder repräsentieren, deren Regierungen erst kürzlich gestürzt worden sind, wollen auftreten, als hätten sie alles unter Kontrolle—aber das Schicksal ihrer Heimatländer ist bestenfalls ungewiss. Viele Visitenkarten werden ausgetauscht, aber es findet auf der SOFEX kaum ein Verkauf tatsächlich statt. Laut ein paar Fachjournalisten, die ich im Buffetzelt traf, kaufte Jordanien anscheinend etwa ein Dutzend AH-6i Angriffs- und Aufklärungshelikopter von Boeing bei der SOFEX 2010—UPI berichtet, dass ein Vorvertrag unterzeichnet wurde—, aber der Deal muss noch abgeschlossen werden. Vielleicht wird er das nie; diese Art von Ungewissheit ist typisch.

Vor dem König-Abdullah-Design-and-Development-Zelt beobachtete ich die Präsentation eines Micro Air Vehicles (eine 120.000 Dollar teure Aufklärungsdrohne—dieses Teil war dieses Jahr auf der Wunschliste von jedem Land). Ein jordanischer Oberst warf staunend seinen Kopf zurück, als die Drohne 50 Meter in den klaren blauen Wüstenhimmel aufstieg. Nachdem die Drohne leise wieder auf dem heißen Beton gelandet war, tummelten sich Schaulustige um den Oberst und den Handelsvertreter, als sie Hände schüttelten. „Ja. Ja, das war sehr gut“, sagte der Oberst. „Ich werde veranlassen, dass meine Leute mit Ihnen Kontakt aufnehmen und wir werden uns noch mal darüber unterhalten—was vielleicht zu einem Deal führt.“ Bei der SOFEX, genauso wie bei der Geschichte von Sodom und Gomorra, ist die Zerstörung immanent, doch wer weiß schon, was wirklich passierte.

Der saudische Major General Al-Sandoun (in der Mitte), mit dem CEO von MRKS Security (links) und PR-Dame (rechts), überlegt, eine Drohne (darüber) von Aeryon Labs zu kaufen.