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It's still real to me, damn it!

Die Slammy Awards sind die besten Awards, wenn es um schlechte Qualität geht

Der rückwirkenden Positivdiskriminierung von altem Wrestlercrap muss endlich ein für allemal ein Riegel vorgeschoben werden.

Was geht ab, Universum? Und nein, das ist nicht bloß ein bisschen Wasssup-Retortenrhetorik aus der Wrestling-Welt, sondern eine ernstgemeinte Frage, wie in: Was zur Hölle geht hier bitte ab, Universum? Nicht, dass mir als Sports Opera-Fan solche Flusen wie skateboardende General Manager mit Vokuhila, radschlagende Reality-TV-Zwergsternchen oder breakdancende BBQ-Cowboys komplett fremd wären, aber in der Regel sind das alles Dinge, die man eher im ‘Rassling der Eighties verorten würde als am vergangenen Montagabend. Dass sich aber auch die Sportunterhaltung der Gegenwart in Punkto Peinlichkeit nicht vor ihren Ahnen verstecken muss, hat uns da nämlich die diesjährige Slammy Award Show der WWE bewiesen.

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Das hier ist ein Standbild aus John Waters’ Pink Flamingos und zeigt Divine beim Verzehr von frisch ausgeschiedener Hundescheiße (links im Bild: der scheißende Hund). Auf einer weniger pragmatischen Ebene ist das aber auch eine biedermeier’sche Bestandsaufnahme der Seelenlandschaft vieler WWE-Fans, die vergangene Woche der 2011er Inkarnation der alljährlichen Slammy Awards beigewohnt haben. Ihr könnt euch das Ganze ungefähr wie den Razzy Award vorstellen, nur dass alle so tun, als wären es die Oscars und als würde die ganze Show nicht genauso nach Skript ablaufen wie die gelegentlich eingestreute Auflockerungs-Akrobatik im Ring. Alles in allem ein einziger Knucklehead-Clusterfuck für alle, die auch nur den kleinsten Pudelscheiß um Booking und Dramaturgie geben. Dafür sieht die Trophäe selbst ziemlich zuper [sic(k)] aus:

Leider macht das den Rest aber kaum erträglicher. Das generelle Mindset des Events wird zumindest gleich bei der ersten Auszeichnung ausdefiniert, was uns zugegeben eine faire Chance gibt, es uns doch noch anders zu überlegen und stattdessen anderen spaßigen Freizeitaktivitäten nachzugehen, wie zum Beispiel Nasenbohren, bis man blutet oder mit dem Finger in den Bauchnabel stochern, bis es sich nach Leistenbruch anfühlt.

WWE-Kommentator und 5-facher WCW-Champion Booker T macht in seiner Anmoderation des “Tell me I did NOT just see that”-Moment of the Year Awards noch mal für die kürzlich Lobotomisierten unter uns klar, dass im Wrestling-Jahr 2011 ein Kobold, der seine Fähigkeit zu sprechen vom Weihnachtsmann geschenkt bekommt, noch zu den geistig gesunderen Geschichten gehört:

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Hier noch mal die Transkription des O-Tons: “Now the fact that a leprechaun can win the Battle Royal, gain the ability to speak FROM SANTA CLAUS … if that’s not the weirdest thing in WWE this year, then that tells me a whole lot about 2000 and eleven in the WWE.” (Ja, Booker sagt wirklich “2000 and eleven” statt “2011″.) Wahre Worte gelassen ausgesprochen. Wenn euch jemals wieder jemand mit der Plattitüde kommt, Wrestling wäre früher doch viel besser gewesen, weil die Performer da wenigstens noch Charakter und gute Storys hatten, könnt ihr fortan zumindest auf die Beispiele aus diesem Clip referenzieren und der Person für ihre attitüdenbeladene Ahnungslosigkeit unverhohlen ins Gesicht spucken.

Als Randbemerkung möchte ich erwähnen, dass mir die Einzugsmusik von “Good Old JR” Jim Ross (der Boomer Sooner Fight Song der University of Oklahoma) jedesmal Plüschherzen im preußischen Stechschritt vors innere Auge zaubert und mich wünschen lässt, ich hätte auch so einen Hut, nur damit ich ihn bei diesem Lied abnehmen und schwenken kann. (Da fällt mir ein, ich habe sogar einen ähnlichen Cowboyhut aus Texas mitgebracht, aber seit dem Post-Wrestlemania-Raw in Houston nicht mehr aufgesetzt. Was für eine Scheißschande!)

Ich erspar euch an dieser Stelle das vor Fremdscham glührote Rap Battle, das nach dem letzten Video käme, und mach stattdessen lieber beim Hutziehen weiter. Denn so übel die diesjährigen Slammys auch waren – und sie waren sehr übel –, die folgenden drei Videos haben allesamt verdient, dass ihr euer Haupthaar für sie freilegt und euren Kopf in Ehrfurcht vor ihnen verneigt. Sie sind so etwas wie die unerbittlichen Soldaten, die inmitten der Schlacht von Iwo Jima die Flagge der Hoffnung hissen – und so den Grundstein für ein War Memorial der Wrestling-Welt legen, das bestimmt heller strahlen und länger bestehen wird als die Verfehlungen der 2011 Slammy Awards. Lange lebe die Sports Opera!

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Im ersten Clip seht ihr David Otunga – auch bekannt als Ehemann von Jennifer Hudson und damit denkbar nahe am Status des Mainstream-Celebrity-Anhängsels – und wie er vom legendären Tony Atlas – seinerseits erster afroamerikanischer Tag-Team-Champion der Wrestlinggeschichte – aufs Herzhafteste ausgelacht wird:

Gott ist das ansteckend. Als nächstes kommt CM Punks Tribute an John Laurinaitis – ironisch, retrochic und eigentlich durchwegs selbsterklärend. Hintergrundinfo: John Laurinaitis war früher als Johnny Ace selbst aktiver Wrestler und hat dereinst den Ace Crusher erfunden; ein Move, der inzwischen von Randy Orton als RKO zu berechtigtem Weltruhm geführt wurde. MAZ ab:

Zum Abschluss lege ich noch der einzige storytechnisch relevante Moment dieser DREISTÜNDIGEN Sonderausgabe von Raw drauf – die Rückkehr des (endlich wieder!) maskierten Kane, der als Guter ging und jetzt als Böser wiederkommt, was im Augenblick zwar noch keinen Sinn macht, aber zumindest Cena einen Chokeslam beschert und uns damit etwas beruhigt aus diesem Wrestlecaust ins Wochenende entlässt:

Und damit war’s das auch schon für diese Woche. Ich glaube, wir haben alle etwas gelernt und uns jetzt ein bisschen Frieden verdient. In jedem Fall dürfte der rückwirkenden Positivdiskriminierung von altem Wrestlecrap damit ein für allemal ein Riegel vorgeschoben sein. Scheiße können wir heute immer noch!

Apropos: In diesem Artikel kommt (inklusive der folgenden Erwähnung) ganze sechs Mal “scheiße” vor, was nach den Regeln antiker Rhetorik völlig okay is, weil es der Kunst des angemessenen Redens entspricht. Ah ja, und Sports Opera ist übrigens mein Ausdruck. Wer ihn klaut, stirbt. Mahalo!