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Wie es diesem Typen gelang, bei 'Wer wird Millionär?' durch Schummeln zu gewinnen

Der Trick, mit dem Charles Ingram bis zur Million kam, war so einfach wie genial. Und so stümperhaft ausgeführt. Eine Analyse des vielleicht größten Skandals der Quizshow-Geschichte.

von Angus Harrison
12 September 2016, 9:48am

Die Ingrams | Foto: Wikipedia | Gemeinfrei

Die Ingrams | Foto: Wikipedia | Gemeinfrei

Es ist der 9. September 2001. Major Charles Ingram—der in Großbritannien schon bald und für immer als der hustende Major bekannt sein wird—sitzt auf dem "heißen Stuhl". Gerade wird eine Folge Who Wants to Be a Millionaire? gedreht und er ist Kandidat. Er ist außerdem dabei, eines der unbeholfensten, ineffektivsten und trotzdem genialsten Verbrechen des 21. Jahrhunderts zu begehen.

Frage für Frage sahnt der hustende Major—geleitet vom ahnungslosen Moderator Chris Tarrant und zwei geheimen Komplizen im Publikum—immer mehr Geld ab.

Die Geschichte des hustenden Majors ist moralisch gesehen zeitlos, aber unmittelbar verwurzelt in diesem kleinen Augenblick, in dem sie sich ereignete. Der Versuch des Soldaten, mit nur etwas Glück und einem schlecht vorgetäuschten Huster eine Million britische Pfund vor laufenden Fernsehkameras zu klauen, ist selbst heute noch faszinierend. Grotesk in seiner Blödheit, tragisch im Kontext und brüllend komisch in der Ausführung.

Die britische Version von Wer wird Millionär? war von der ersten Ausstrahlung im Jahr 1998 an ein Fernsehphänomen. Auf dem Höhepunkt sahen sich 1999 19 Millionen Zuschauer, also ein Drittel der britischen Gesamtbevölkerung, die Sendung an. Die Kombination aus einem damals futuristisch anmutenden Setting, dem sympathischen Tarrant und dem lockenden Versprechen von einer Million britischer Pfund—ein Preis so hoch, wie man ihn sich für eine Fernsehsendung nie hätte erträumen lassen—fingen die Stimmung vor der Angst der Jahrtausendwende perfekt ein. Die Sendung versprach Hochspannung und eine noch höhere Belohnung. OK, vielleicht war es nur ein Frage der Zeit, bis sich dubiose Menschen ebenfalls dafür interessierten.

Major Charles Ingram trat 2001 in der Sendung auf, seine Frau Diana war im gleichen Jahr ebenfalls Kandidatin gewesen und hat dabei 32.000 Pfund gewonnen. Auch ihr Bruder Adrian Pollock war im Dezember 2000 in der Sendung aufgetreten. Nach dem Skandal gab es Berichte, dass die Ingrams über 50.000 Pfund an Schulden angehäuft hatten. Trotz des stürmischen Auftretens, des abgehackten Akzents und des Soldatengehabes schaffte es der Major eher schlecht als recht, seine Verzweiflung zu verbergen.

Charles Ingram legte als Kandidat einen ziemlich schlechten Start hin. Bei 4.000 Pfund angekommen hatte er bereits zwei seiner Joker aufgebraucht. Es fiel ihm nicht leicht, auf den Namen von Audreys Tochter in der beliebten britischen Serie Coronation Street zu kommen. Als er sich dann endlich für "Gail" entschieden hatte, war der Dreh für diesen Tag beendet. Charles würde also am nächsten Tag weitermachen. Zu diesem Zeitpunkt geht das Produktionsteam nicht davon aus, dass er viel weiter kommen wird.

Dann passierte ein Wunder. Während des Drehs am nächsten Tag stolpert Major Charles Ingram im gleichen kindlich anmutenden Polohemd tollpatschig auf die Million zu.

Inzwischen wissen wir, was eigentlich geschehen war: Es gab einen Plan, um ihn dorthin zu bekommen. Diana Ingram hatte einen Komplizen gefunden: Tecwen Whittock—ein Dozent aus Cardiff, den Diana aus der Spielshow-Szene kannte. Sie taten sich als Trio zusammen und überlegten sich ein System, um Charles im Spiel weiter aufsteigen zu lassen. Der Major las die vier möglichen Antworten vor und Whittock gab nach der richtigen einen Huster von sich. Durch den Huster wusste der Major Bescheid und gab seine Antwort.

Eigentlich ist der Plan gar nicht mal so unklug. Umso faszinierender ist deswegen, wie schlecht die Ingrams und ihr Komplize ihn ausführten. Nehmen wir zum Beispiel die Frage "Wer hatte 2000 mit Born To Do It ein UK-Hitalbum?": Aus unerfindlichen Gründen sagt Ingram, bevor seine Frau oder Whittock überhaupt eine Chance zum Husten haben, dass er noch nie von Craig David gehört hat. Obendrein gibt er noch an: "Ich glaube, es ist A1." Als ihm endlich dämmert, dass Craig David die richtige Antwort ist, muss er eine total unnatürliche Kehrtwende hinlegen. Obwohl er kurz zuvor noch A1 als finale Antwort abgegeben hat, sagt er plötzlich: "Nein, ich nehme doch Craig David." Als Moderator Tarrant ihn nach seinem plötzlichen Richtungswechsel fragt, sagt er, dass er seine Meinung geändert hat, weil er beim Raten meistens falsch liegt.

Dieses Muster wiederholt sich. Ingram gibt zu, dass er keine der Antworten weiß, und macht die Geschichte für ihn selbst damit nur schwieriger. Erstaunlicherweise sagt er immer wieder Sachen wie "Ich weiß nicht, was das ist", "Das ist es auf jeden Fall nicht" oder "Davon habe ich noch nie gehört"—alles Kommentare auf Antworten, für die er sich am Ende entscheiden muss. Je weiter er in der Sendung kommt, desto sprunghafter wird sein Verhalten. Bei der Millionenfrage angekommen, scheint er ziemlich offensichtlich nicht unter dem Druck zu stehen, den er an dieser Stelle verspüren sollte. Er springt zwischen seinen finalen Antworten hin und her. Geld nehmen, A, B, C oder D—als würde er morgens beim Bäcker stehen und sich für sein Frühstück entscheiden. Man wird das Gefühl nicht los, dass jeder andere auf dem heißen Stuhl—jeder, bis auf den Major—mit diesem Betrugsmuster durchgekommen wäre.

Screenshot: ITV

In einer Dokumentation, die man über den Vorfall produzierte, erfährt der Zuschauer, dass die Ingrams nach ihrem Millionengewinn einen heftigen Streit hatten. Man mutmaßt, dass der Major eigentlich früher hätte aufhören sollen. Er hätte nicht den ganzen Weg bis zur Millionen gehen sollen. Hätte er bei 64.000 Pfund aufgehört, hätte er die Schulden der Ingram-Familie tilgen können und wäre wahrscheinlich auch unbescholten davongekommen. Warum tat er das dann nicht?

Natürlich lässt sich diese Frage nicht endgültig beantworten. Man hat allerdings das Gefühl, dass sich in Ingram ein Schalter umgelegt hat. Er war so weit gekommen und dachte sich: "Scheiß drauf, da geht noch mehr." In seinen Augen sieht man eine Manie, die Frage für Frage immer intensiver wird. Es ist so, als hätte dieser unglückselige, bescheidene Mann, der sein Leben lang von seinen Vorgesetzten rumkommandiert worden war, plötzlich genug davon, ständig nach der Pfeife der anderen zu tanzen. Hier brach er endlich aus sich heraus und stieg eigenhändig in das Reich des Wahnsinns hinab.

Und da ist er schließlich. Die Millionenfrage und eine richtige Antwort. Mit fünf Worten gewinnt er das Geld: "I'm going to play Googol." Wenn du dir die Aufnahmen heute anschaust, dann siehst du einen Mann, der gerade seinen Frieden mit dem schließt, was er getan hat. Er wusste, dass er die richtige Antwort hatte. Er wusste aber auch, dass er sich gerade vor einer Armada aus Fernsehkameras und einem Studiopublikum zur Million geschummelt hatte. Er war in Ekstase und tiefstem Schock zugleich. Er hätte Chris Tarrant am liebsten vollgekotzt—seinen Polyesteranzug mit klebrigem Auswurf eingedeckt und den sauren Gestank des Erbrochenen sich in der Hitze der Studioscheinwerfer aufwärmen und ausbreiten lassen. Der Major war bereit zu weinen, zu lachen und gegen eine Wand zu boxen. Es gab keine Joker mehr, nur ihn. Und nie in seinem Leben hatte er sich lebendiger gefühlt.

Ohne Major Charles Ingram wäre der ganze Skandal inzwischen wohl schon längst in Vergessenheit geraten. Sein Charakter verleiht der Geschichte jedoch eine ewig andauernde Faszination. Konzentriere dich die ganze Sendung hindurch einfach nur mal auf sein Gesicht. Es ist unmöglich zu sagen, was ihn nun mehr einnimmt: die Panik oder die freudige Aufregung? Er wirkt wie ein Mann, der total hingerissen davon ist, wie sehr er sich da übernimmt. Je weiter er voranschreitet, desto weniger Kontrolle hat er über den Betrug und desto mehr scheint ihm das Ganze komischerweise zu gefallen. Gegen Ende weiß man gar nicht, was ihn noch weiter antreibt: der Nervenkitzel, mit allem davonzukommen, oder die Angst, dass man ihn doch erwischt?

Natürlich hat man den Major erwischt. Die Gewinnausschüttung kam nie zustande und nach einer vierwöchigen Gerichtsverhandlung verurteilte ein Richter Diana Ingram, Tecwen Whittock und Major Charles Ingram aufgrund der betrügerischen Beschaffung eines hohen Wertbetrags zu mehrmonatigen Freiheitsstrafen auf Bewährung. Dazu kam dann noch eine Geldstrafe von insgesamt 115.000 Pfund. Nach dem ganzen Skandal verlor der Major nach 17 Jahren Wehrdienst außerdem noch seinen militärischen Titel.

Die Ingrams beteuern bis heute ihre Unschuld. Mit James Plaskett und Bob Woffinden haben auch schon zwei an Justizirrtümern interessierte Journalisten ein Buch veröffentlicht, in dem sie aufgrund neuer Beweise ebenfalls auf die Unschuld des Paares pochen. Und Autoren wie etwa Jon Ronson zweifeln die Anschuldigungen ebenfalls an. Leider scheint das alles zu spät zu kommen, denn selbst wenn sich nun herausstellen sollte, dass Charles Ingram wirklich unschuldig ist, wird er in den Augen der Öffentlichkeit trotzdem für immer der hustende Major bleiben.

In den Jahren nach dem berüchtigten WWM-Auftritt nahm das Leben der Ingrams weiter seinen bizarren Lauf. So traten sie zum Beispiel in Fernsehsendungen wie etwa Frauentausch oder Choleriker-Koch Gordon Ramseys Hell's Kitchen (dort setzte man ihnen einen Hustenbonbon vor) auf. Das lässt annehmen, dass ihr zweifelhafter Ruf die Ruhmesgier nur noch weiter anheizte. Besonders surreal mutet dabei der Auftritt des Majors in der Sendung This Morning aus dem Jahr 2003 an: Darin unterzieht er sich einer Reinkarnationstherapie und findet heraus, dass er in einem früheren Leben David Huggott hieß und als Offizier eine entscheidende Rolle im britischen Sieg während des Ersten Weltkriegs spielte.

Sein echtes Leben sah wohl jedoch nicht wirklich rosig aus, denn Ingram hat seinen Alltag schon des Öfteren als die "Hölle auf Erden" beschrieben.

Der hustende Major betrat in dem Moment die Bühne, in dem Reality-TV kurz vor dem Zenith stand. Man wollte verstärkt das Bild vermitteln, dass es jeder ins Fernsehen schaffen kann, der sich nur genügend anstrengt. Gleichzeitig haben die riesigen Gewinnsummen bei diversen TV-Sendungen die Botschaft in die Welt getragen, dass jeder Mensch ein Anrecht auf Reichtum hat, wenn man nur dazu bereit ist, bei dem Ganzen mitzumachen. Der Major war wohl die wahnsinnigste Ausgeburt dieser Kultur: ein Aristokrat und aufrechter Soldat, durch den Druck zum Betrug bei einer kitschigen Quizshow gezwungen. Als Charles Ingram in die Augen des Moderators Chris Tarrant blickte, starrte ihm seine eigene Seele entgegen.