Sex

Eine Anthropologin erklärt, warum mehr als 40 Prozent aller Menschen keine Jungfrau daten wollen

Die Rückkehr zu Jäger-Sammler-Zeiten, die Angst der Generation Y vor Scheidung, und warum Männer sich schneller verlieben als Frauen.

von Mish Way
07 Oktober 2015, 4:00am

Foto: Simone Beccheti | Stocksy

Dieser Artikel ist zuerst auf Broadly erschienen.

Ich habe die biologische Anthropologin Dr. Helen Fisher genau im richtigen Lebensabschnitt gefunden: Ich war 23 und gerade verlassen worden.

Und ich war nicht nur verlassen worden, nein, meine "erste Liebe" hatte mir völlig ohne Vorwarnung das Herz gebrochen. Die Art von Herzschmerz gibt es nur, wenn du jung, unerfahren und viel zu stur bist. Wenn ich aus klassischen Romanen, Rockmusik und den besten Szenen aus High Fidelity eine Sache gelernt habe, dann dass die erste Trennung immer eine große ist. Bei dem Versuch, mir weder das Ohr abzuschneiden, noch eine Überdosis schmalziger Hank-Williams-Songs abzubekommen, stieß ich auf Dr. Fisher und ihre umfassende Erforschung des "verliebten Gehirns". Ich war auf der Suche nach Logik, die meine Gefühle abstumpfen lassen würde. Ich hatte es satt, mich jeden Abend dumm zu trinken, und dachte, vielleicht sei lesen eine bessere Idee. Und Dr. Fisher brachte mich zurück in die Realität.

Dr. Fisher ist Forschungsprofessorin in der Anthropologie-Abteilung der Rutgers University, leitende wissenschaftliche Beraterin für Match.com (seit 2005), und die bekannteste US-Forscherin in Sachen menschliches Gehirn, kulturübergreifende Muster der romantischen Liebe, Partnerwahl, Ehe, Scheidung, Untreue und neurologische Unterschiede. Sie hat fünf Bestseller veröffentlicht (das sechste Buch erscheint im Februar 2016). Sie besteht darauf, dass romantische Liebe ein universelles Phänomen ist, mit Mechanismen, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben. Heute ist die gebürtige New Yorkerin Ende 60 und erforscht weiterhin die Sache, von der sie behauptet, dass sie das ist, wonach wir uns alle am meisten sehnen: Liebe.

Fisher wurde bekannt, als sie und ihre Kollegen 49 Menschen einem Gehirnscan (fMRT) unterzogen, um die an der romantischen Liebe beteiligten Hirnstrukturen zu erforschen. Fisher und die neurologischen Experten kamen zu dem Schluss, dass romantische Liebe ein grundlegender Trieb ist, wie Hunger oder Durst, der sich unterbewusst abspielt. Fisher verglich das Konzept mit Kokain: Wir werden süchtig nach einer Person und verhalten uns dabei zum Teil auch unlogisch und gehen Risiken ein, um mehr von ihr zu kriegen. Dr. Fisher brachte damit auf den Punkt, was wir alle schon mit Unbehagen spürten, und ihre Bücher wurden in den USA zu einem Hit. In letzter Zeit hat sie sich in ihrer Forschung darauf konzentriert, wie wir in der modernen Welt Liebe finden. Im Zuge ihrer jährlichen "Singles in America"-Studie zusammen mit Match.com sowie ihrer eigenen Forschung hat sie Tausende US-Singles und –Paare erforscht, um herauszufinden, wie unsere Biologie, die Evolution, und neurologische Systeme unser Date-Verhalten und unsere Suche nach Liebe im Kontext der sich wandelnden Geschlechterrollen und Wirtschaftslage beeinflussen. Im Moment arbeitet sie an ihre neuesten Hypothese, die sie "schneller Sex/langsame Liebe" nennt.

"Ich bin aus einigen sehr großen Gründen extrem optimistisch", sagt sie mir per Telefon aus dem Haus einer Freundin in New York. (Ihr Haus wird renoviert.) "Wir legen die letzten 10.000 Jahre des landwirtschaftlichen Hintergrunds ab und bewegen uns auf einen Lebensstil zu, der tatsächlich viel mehr mit unserer Vergangenheit als Jäger und Sammler gemeinsam hat."

Was sie damit meint, ist, dass die wirtschaftliche Gleichstellung von Frauen und Männern unsere Einstellung zu Beziehung verändert. In den Jäger-und-Sammler-Gesellschaften brachten Frauen 60-80 Prozent der Nahrung nach Hause und waren wirtschaftlich und sexuell genau so mächtig wie Männer. Sie verließen schlechte Beziehungen, wenn sie es wollten, denn im Gegensatz zur Agrarkultur und dem Zeitalter der industriellen Revolution (die Frauen das Einkommen vorenthielt und sie stattdessen als Hausfrau dem Mann unterwarf) steckte keine Frau perspektivlos in einer solchen Beziehung fest.


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"Die Vorstellung, dass Frauen zu Hause zu bleiben haben, ist inzwischen so gut wie verschwunden, und das befürworte ich sehr", sagt Fisher. "Ich sehe daran die größte Hoffnung der Menschheit."

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"Heutzutage haben die Menschen eine furchtbare Angst vor Scheidung", fährt sie fort. "In einer aktuellen Studie hieß es, dass 67 Prozent der zusammenlebenden Paare Angst haben zu heiraten, weil sie sich wegen der wirtschaftlichen, sozialen, psychischen und persönlichen Konsequenzen Gedanken machen. Ich denke, wir heiraten heute aus einem gewissen Grund so spät. Was wir heute machen – die Hookup-Kultur, Sexfreundschaften und Zusammenleben vor der Ehe – rührt daher, dass wir alles über die andere Person wissen wollen, bevor wir uns fest binden." Fisher ist der Meinung, dass diese Kultur der Promiskuität, die eher als leichtsinnig angesehen wird, eigentlich eine sehr vorsichtige ist. "Wir haben eine lange Phase des Erwachsenenalters, in der wir experimentieren können. Ich nenne das 'Bindung Light' – wir untersuchen, was für uns das Richtige ist, indem wir Zeit miteinander verbringen, miteinander schlafen und einander kennenlernen, bevor wir uns vollständig binden. Bis wir heiraten sollten wir dann auf jeden Fall die richtige Wahl getroffen haben."

Fisher sagt auch, dass wir den allgemeinen Wert der Jungfräulichkeit abgeschafft haben. "Mehr als 30 Prozent der befragten Menschen haben mir gesagt, sie würden keine Jungfrau daten", sagt sie, und das ergibt aus der Sicht ihrer Theorie mit dem schnellen Sex und der langsamen Liebe Sinn. (Die tatsächliche Statistik stammt aus ihrer Match.com-Studie von 2013 und ist eigentlich viel höher: etwa 42 Prozent. Und Frauen wollen noch viel seltener eine Jungfrau daten als Männer.) "Die meisten Leute sehen es als ein Hindernis für die Intimität, wenn die sexuelle Erfahrung fehlt. Sie brauchen Zeit und Erfahrung, um die Person durch Sex kennenzulernen und ihr Sexleben zusammen zu perfektionieren, bevor sie sich langfristig binden."

Auch wenn sie sehr viel Arbeit darauf verwendet hat, die Irrglauben über verliebte Frauen aus der Welt zu schaffen (vor allem in ihrem Buch von 1999, Das starke Geschlecht – Wie das weibliche Denken die Zukunft verändern wird), so glaubt sie fest daran, dass Männer immer noch eine solche Analyse ihres Beziehungsverhaltens durchmachen müssen. In den letzten 50 Jahren wurde erforscht, wie sich Frauen in Beziehungen verhalten, doch sobald es um Männer geht, halten wir uns an dieselben alten Stereotype, die Männer als bindungsscheu, untreu, hypersexuell und unsensibel darstellen.

"Ich habe Daten, die beweisen, dass [das] nicht stimmt", lacht Fisher. "In meinen Studien, in denen 25.000 US-amerikanische Personen befragt wurden, habe ich festgestellt, dass Männer sich häufiger verlieben. Sie verlieben sich schneller; wenn sie jemanden treffen und sich verlieben, dann wollen sie die Person schneller ihren Freunden und ihrer Familie vorstellen und auch schneller zusammenziehen." Sie sagt, dies gelte sowohl für schwule als auch heterosexuelle Männer.

Als ich sie danach frage, wie sexuelle Orientierung und Geschlechterrollen das verliebte Gehirn oder das Beziehungsverhalten beeinflussen, zögert sie nicht lange mit ihrer Antwort. "Wissenschaftler haben LGBT-Menschen Gehirnscans unterzogen und festgestellt, dass es neurologisch keinerlei Unterschiede gibt. Ich studiere die romantische Liebe, und die dafür zuständigen Hirnareale haben nichts damit zu tun, wen wir lieben, sondern nur, wie wir lieben. Und das wird sich nicht ändern", sagt sie. Fisher merkt auch an, dass sie angefangen hat, Transgender zu erforschen, die Hormone des anderen Geschlechts einnehmen, um zu verstehen, wie diese Testosteron- und Östrogeneinnahme sich auf das Gehirn auswirkt und ob sie einen Einfluss auf traditionell als geschlechtsspezifisch wahrgenommenes Verhalten hat. Sie sagt, Männer, die eine Transition durchmachen und Östrogen einnehmen, könnten eventuell sattere Farben sehen oder emotional sensibler werden, während Frauen, die Testosteron einnehmen, "im Licht besser sehen" würden und "im Alltag skeptischer und bestimmter" seien.

Doch trotz ihres Optimismus, was unsere Vorgehensweise bei der Suche nach Liebe angeht, gibt es eine Sache, die ihr Sorgen macht: Antidepressiva (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer).

"Mehr als 100 Millionen Menschen in den USA nehmen Antidepressiva", sagt sie. "Wenn du deinem Serotoninsystem einen Schub gibst, dann dämpfst du dein Dopaminsystem, das natürlich mit der romantischen Liebe zu tun hat. Ich bekomme E-Mails von Menschen aus aller Welt, in denen Dinge stehen wie: 'Meine Schwester nimmt seit 20 Jahren Prozac und hatte noch nie ein Date.' Das schockiert mich nicht. Wir wissen, dass diese Medikamente dem Sexualtrieb schaden."

"Ich kann mir wirklich vorstellen, dass Dating-Dienste irgendwann von Menschen verlangen werden mitzuteilen, welche Medikamente sie nehmen", fährt Fisher fort. "Hi, ich heiße Nancy. Ich nehme Medikamente, die meinen Serotoninpegel erhöhen und mein natürliches Dopamin beeinflussen."

Vergangene Woche ist die Doku Sleepless in New York des oscarnominierten Filmemachers Christian Frei erschienen. Die Doku dreht sich um Fishers Theorien zur Zurückweisung in romantischen Beziehungen und folgt drei New Yorkern, die vor kurzem verlassen worden sind.

"Ich habe noch nie einen Film gesehen, der so viel Schmerz einfängt, und auf völlig neue Art Zurückweisung und menschlichen Verlust zeigt", sagt Fisher. "Das finde ich viel interessanter. Das Glück ist keine große Sache – es ist großartig. Aber nach einer Zurückweisung werden Menschen zu Stalkern, sie werden klinisch depressiv, sie bringen sich um ... oder sie verlieren einfach den Verstand."

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