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Black Power 2.0

Wie schon in den 50er und 60er Jahren beginnen schwarze Athleten, ihre Stimme gegen Rassismus zu erheben.
3.12.14

Der Tod von Michael Brown und die Ausnahmezustände in Ferguson lassen die Welt auch weiterhin auf die USA blicken. Nachdem es im Prozess in der vergangenen Woche zu keiner Anklage des Todesschützen Darren Wilson kam, entfachten erneute Proteste. Wieder einmal brannten in Ferguson Häuser und Autos und wieder einmal kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen gewalttätigen Demonstranten und der Polizei. Diese bezeichnete die Ausschreitungen sogar als „die heftigsten seit Langem". Doch auch über die Grenzen des Vorortes von St. Louis zeigten sich die Menschen frustriert über die Entscheidung der Jury. In vielen Städten auf der ganzen Welt konnte man Solidaritätsbekundungen der Menschen sehen.

Solidaritätskundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Unterdes zeigen sich auch immer mehr Athleten der US-Profiligen betroffen und melden sich zu Wort. Neben Lebron James, Serena Williams und Magic Johnson war es vor allem Kobe Bryant, ​der über Twitter seine Meinu​ng über den Ausgang des Prozesses äußerte und durch seine Statements einen Einfluss auf die Debatte um soziale Ungerechtigkeit und Rassenungleichheit anstieß.

Kobe Bryant: „Das System erlaubt es, dass junge schwarze Teenager hinter dem Schutzmantel des Gesetzes getötet werden.

Im Laufe seiner Karriere hielt sich Bryant mit sozialen Themen und politischen Debatten eigentlich eher im Hintergrund. Wie einst Michael Jordan verfolgt auch er die Strategie, sich eher auf sein Spiel zu konzentrieren und seinen Namen eher als Marke zu etablieren.

Doch sein Statement bezüglich Michael Brown macht deutlich, dass auch Bryant bewusst ist, wie viel Einfluss seine Meinung auf die amerikanische Gesellschaft nehmen kann. Wie andere Sport-Superstars in den USA gilt auch er als einer der verborgenen Helden der amerikanischen Gesellschaft. Alleine seine Twitter-Follower-Anzahl von 6 Millionen lässt erahnen, welche Reichweite seine Äußerungen haben können. Mit den immer größer werdenden Rassenkonflikten scheint, wie schon in den 50er und 60er Jahren, das Engagement afroamerikanischer Athleten wieder zu steigen.  ​Damals waren es Leute wie To​mmie Smith oder John Carlos, die während der Siegerehrung der Olympischen Spielen 1968 in Mexiko auf Ungleichheiten in der Bevölkerung zwischen Weißen und Afroamerikanern aufmerksam machen wollten und ihre Faust zum Black-Power-Gruß empor reckten. Heute sind es Kobe Bryant, Lebron James, Serena Williams oder Magic Johnson, denen es neben dem Aufstellen von sportlichen Rekorden oder dem Verkauf ihrer Merchandise-Produkte wichtig ist, sich auch gesellschaftskritisch zu äußern und ihre Vorbildfunktion in der afroamerikanischen Gemeinschaft wahrzunehmen.

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I am very disappointed with decision in the Mike Brown case in Ferguson, MO.

— Earvin Magic Johnson (@MagicJohnson) Novemb​er 25, 2014

As a society how do we do better and stop things like this happening time after time!! I'm so sorry to… http://t.co/VTe0rwXeek

— LeBron James (@KingJames) November ​2​5, 2014

Same story different day! History is repeating itself! When is enough enough? How many more have to suffer? When does real change happen?

— Reggie Bush (@ReggieBush) November 25​, 2014

Vor allem die Reaktionen, die sich in den Basketball- und Footballligen der USA erheben, haben großes Potential, die Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Allein in der NBA liegt der Anteil an afroamerikanischen Spielern bei  ​76,3 ​Prozent. Eine hohes Engagement dieser Vorbilder kann also einen massiven Einfluss auf die junge schwarze Generation in Amerika nehmen, die mit vorherrschenden Problemen wie fehlender Bildung und einer oft daraus resultierenden hohen Kriminalitätsrate zu kämpfen hat.

Betrachtet man die derzeitige Entwicklung, scheint durch den Tod von Trayvon Martin und Michael Brown die Interaktion der afroamerikanischen Athleten wieder zum Leben erweckt und damit die Basis für eine öffentliche Diskussion in Gang gesetzt.

Diese Auseinandersetzung mit den Ungleichheiten zwischen Schwarz und Weiß sind in Zeiten von willkürlich wirkender Polizeigewalt, Straßenschlachten, die an die Rassenunruhen von 1992 in Los Angeles erinnern, wohl wichtiger denn je.

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Die Überschneidung zwischen Sport und der Gesellschaft ist ein enorm wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Mit der Interaktion Kobe Bryants, seinem politischen Engagement, wurde ein Zeichen gesetzt, öffentlich über soziale Ungerechtigkeit zu sprechen, das andere ermuntert, in diese Konversation über die problematischen Rassenkonflikte in den USA und ihre Ursachen einzusteigen.

Doch die größer werdende Interaktion der amerikanischen Sportstars stößt auch auf Kritik.

Vor dem Spiel der St. Louis Rams vor zwei Tagen zeigten mehrere Spieler des Footballteams ihre Solidarität mit der Gemeinde von St. Louis, zu der auch Ferguson gehört, und betraten das Feld mit der „hands ​up don´t shoot"-Geste. In den Augen der Organisation der Polizeibeamten von St. Louis wurde dies jedoch als provokative Aktion gewertet und führte schnell zu Beschwerden. Es sei „eine beleidigende, geschmacklose und anstachelnde Aktion gewesen", welche die Zuständen in Ferguson eher „aufheizen als ihnen helfen" würde. „Letztendlich seien es doch nicht die gewalttätigen Kriminellen, die in Ferguson für Randale und brennende Gebäude sorgen, welche die Produkte der Werbepartner des Teams kaufen würden, sondern die Polizisten und die guten Bürger von St. Louis", so die Organisation. Bedeutet dies, dass die Polizisten und guten Bürger von St. Louis bei einem 94-prozentigen Anteil von weißen Polizisten überwiegend die Weißen sind?

​Jamelle Bouie | ​Wikimedia | ​CC BY 2.0

Es wurden von Seiten der Liga eine öffentliche Entschuldigung der Spieler sowie eingehende Strafen gefordert, was jedoch relativ schnell von der NFL niedergeschmettert wurde. „Wir respektieren und verstehen alle Sorgen der Menschen, die ihre Meinung zu dieser tragischen Situation geäußert haben", hieß es von einem Pressesprecher der Liga.

Es ist ersichtlich, dass es ein tiefgründiger Konflikt ist, der wohl auch nicht von den professionellen Athleten diese Landes gelöst werden kann, jedoch können sie durch ihre Stimmen einen Dialog zwischen der immer größer werdenden gespaltenen Gesellschaft Amerikas beginnen.

Die gewalttätigen Proteste von Ferguson mögen für uns in Europa schwer zu verstehen sein. In vieler Hinsicht mögen sie sogar selbstzerstörend wirken, letztendlich ist es jedoch der verzweifelte Versuch, auf die sozialen Ungleichheiten und die Chancenlosigkeit der Afroamerikaner in diesem Land aufmerksam zu machen. Der offene Dialog kann zu einer Veränderung führen und der schwarzen Bevölkerung letztendlich das einräumen, wonach doch alle Amerikaner irgendwie immer noch zu streben scheinen. Der Chance auf den American Dream.