FYI.

This story is over 5 years old.

Die Hohenwarters und die Gletscherschmelze

Ein Team aus Vater und Sohn erforscht Gletscher als wichtigste Indikatoren für den Klimawandel.
7.5.14

Gerhard Hohenwarter senior und junior begehen viermal pro Jahr die Karnischen Alpen, um die Folgen des Klimawandels zu erforschen. Porträt von Nicolas Dular.

Seit zwanzig Jahren begeht Gerhard Hohenwarter, 66, mit seinem Sohn viermal im Jahr eine ganz bestimmte Stelle in den Karnischen Alpen. Wenn er dann beim Abstieg in die Valentinhütte einkehrt, fragt ihn der Wirt: „Na, ist er gewachsen?" Er meint damit nicht den Junior—der ist inzwischen erwachsen und selbst Familienvater—, er meint den in der Kellerwand in über zweitausend Meter Höhe liegenden Eiskargletscher. Jahr für Jahr wird er von Vater und Sohn vermessen und Jahr für Jahr schütteln Gerhard Hohenwarter junior und senior den Kopf, wenn sie beim Wirten einkehren. Dabei gehört der Eiskargletscher, Österreichs südlichster Gletscher, seit inzwischen sechs Jahren zu jenen 8 % der vom Alpenverein vermessenen 100 Gletscher, die stationär, also gleich groß geblieben sind. Damit ist er aber nichts weiter als ein statistischer Ausreißer. Rund 90 % der Gletscher gehen jährlich in Österreich zurück.

Besonders sichtbar ist das bei den sogenannten Talgletschern, die in 2.000 Meter enden und somit in relativ niedrigen Höhen liegen. Der gewaltigste ist die Pasterze am Fuße des Großglockners, dem höchsten Berg Österreichs. Das, was man auf den ersten Blick für einen dreckigen Gebirgsbach gehalten hätte, ist der wahrscheinlich drastischste Schauplatz des alpinen Gletscherschmelzens: Das Eis hat sich vor Jahrtausenden vom obersten Nährgebiet des Gletschers talabwärts gegraben und dabei mit unglaublicher Kraft Geologie und Vegetation verändert. Aber mit jedem Jahr wird sie dünner. „Diese Zunge passt einfach nicht mehr in unser heutiges Klima und wird gnadenlos angeknabbert", beschreibt Gerhard Hohenwarter senior die Situation. Der pensionierte Geografielehrer, Geologe und Gletscherexperte beschäftigt sich seit Jahren mit den Folgen des Klimawandels.

Die Pasterze ist mit 8 Kilometern Länge der größte Gletscher Österreichs. Fotos mit freundlicher Genehmigung von Günther Pilaj.

Er prognostiziert, dass die Gletscherzunge spätestens in zwei Jahrzehnten zum Großteil verschwunden sein wird. Als er im Jahr 2002 über eine Woche an der Vermessung mitgearbeitet hat, waren die Eismassen an einem Punkt im unteren Drittel, das im Gletscherjargon „Seelandlinie" genannt wird, noch 136 Meter dick, also so tief, dass man den Wiener Stephansdom darunter begraben hätte können. Heute würde der gesamte Südturm aus den Eismassen herausragen. Seit dem besagten Jahr ist der Gletscher um rund 40 % eingesunken und heute nur noch 81 Meter dick. Jährlich sackt er um vier Meter ein und geht in der Länge um zehn

Meter zurück. Dass die Hohenwarters seit sechs Jahren positive Bilanzen vom Eiskargletscher mitbringen, ändert leider nichts am Gesamtbild. „Ein Gletscher ist ein Individuum. Als die Pest ausgebrochen ist, gab es wundersamerweise auch einige wenige Überlebende", sagt der ältere von beiden und legt den aktuellen Gletscherbericht beiseite, an dem er mitgearbeitet hat. „Das ist kein Lichtblick, sondern Zufall." Gletscher sind die sichtbarsten und empfindlichsten Indikatoren für die Erderwärmung. Seit dem Jahr 1850 gehen sie weltweit rapide zurück und schrumpfen sowohl in der Länge als auch in der Dicke. Kritiker argumentieren oft, dass das nicht das erste Mal in der Erdgeschichte der Fall sei. Das stimmt, schon zwischen 8000 und 1500 vor Christus soll es auf unserem Planeten so warm gewesen sein, dass die Gletscher noch kleiner waren als heute.

Beweise dafür findet auch Gerhard Hohenwarter senior immer wieder unter den Gletschermassen: zum Beispiel abgestorbene Baumstämme, die aus dieser Zeit stammen und uns genau wie Fossilien verraten, dass die Pasterze einmal zumindest teilweise bewaldet gewesen sein muss. Ab dem 16. Jahrhundert bis zum besagten klimatischen Wendepunkt im Jahr 1850 führten Vulkanausbrüche und andere Umweltkatastrophen aber dazu, dass sich die Erde wieder abkühlte und von einer „kleinen Eiszeit" die Rede war. Nur wird der aktuelle Klimawandel ganz klar vom Menschen verursacht.

Indiz dafür ist die abnormale Geschwindigkeit, mit der sich die Erde im Vergleich zu den letzten Jahrhunderten exponentiell erwärmt hat. Seit der Jahrtausendwende sind die Treibhausgasemissionen mit zehn Mrd. Tonnen im Vergleich zu vorherigen Dekaden noch einmal deutlich angestiegen. In seinem neuesten Weltklimabericht konstatiert der IPCC, natürliche Einflüsse hätten das Klima seit dem 20. Jahrhundert kaum verändert. Trotzdem hat sich die Luft weltweit um 0,9 % erwärmt. Nur für einen Bruchteil davon sind natürliche Einflüsse verantwortlich. Als neue Grenze werden 2 Grad festgelegt und somit eine gute Gelegenheit für die Politik, sich weiter aus dem Fenster zu lehnen. Gerhard Hohenwarter, der auch als Meteorologe arbeitet, ist davon überzeugt, dass der Mensch auch diese Kippgrenze überschreiten wird.

Die Treibhausgase, die wir momentan in die Erdatmosphäre blasen, reichen locker aus, um die Temperaturen noch ungezügelter in die Höhe schnellen zu lassen. „Wir befinden uns jetzt bereits an der äußersten, pessimistischsten Grenze des klimatischen Spektrums", skizziert er die Situation. Damit läuten die Alarmglocken freilich nicht zum ersten Mal. Bereits 1992, als Gerhard Hohenwarter senior seine Arbeit als „Gletscherknecht" begann, warnte die UNO im Artikel 2 der Klimarahmenkonvention, dass eine „gefährliche, anthropogene Strömung das Klimasystem verändern werde". 1997 wurden in Kyoto die ersten Reduktionsziele vereinbart— und nicht erreicht. Seit 1990 sind die globalen Emissionen nicht gesunken, sondern um 40 % gestiegen. Inzwischen haben Kanada, Japan und Russland keine Reduktionsziele mehr, CO2- Hauptproduzenten wie China und die USA ließen sich überhaupt nie auf Emissionsverminderungspflichten ein. Ihr Boykott trägt unter anderem Schuld daran, dass für Kyoto II nur 15 % CO2 eingespart werden könnten.

Was das zur Folge hat, ist bereits jetzt weltweit spürbar und wird sich bei steigenden Emissionen noch verschlimmern. Dürren auf der einen und Überschwemmungen auf der anderen Seite, Waldbrände, Verschiebung der Vegetationszonen und vermehrte Umweltkatastrophen wie Vulkanausbrüche werden drastische Auswirkungen auf Landwirtschaft, Artenvielfalt und nicht zuletzt auf unsere Gesundheit haben. Bei Überschreitung der Fünf-Grad-Grenze wird der Meeresspiegel um einen Meter steigen und Ozeane wie eine Badewanne übergehen lassen. „Wir leben in einer begnadeten Region, aber der Klimawandel wird auch uns erwischen", ist Gerhard Hohenwarter senior überzeugt und zeichnet ein überaus düsteres Bild von unserer Zukunft—wenn der Klimawandel in einem ähnlichen Tempo voranschreitet wie bisher. So wird es in den nächsten Jahrzehnten in Österreich zu vermehrten Überschwemmungen kommen, weil Flüsse, die von Gletschern gespeist werden, über die Ufer treten.

Sollte sich unsere Erde tatsächlich bis zu der fast schon apokalyptischen Fünf-Grad-Grenze erwärmen, werden voraussichtlich die gesamten Eismassen des Großglockners abgeschmolzen sein. Grundsätzlich könnten sie bei genügend Niederschlag nach 10 bis 15 Jahren wieder vorstoßen, dafür wird es aber bereits zu warm sein. Spätestens dann stehen wir beziehungsweise unsere Landwirtschaft vor einem Wasserproblem, weil die Gletscher als unsere wichtigsten Wasserspeicher schlichtweg nicht mehr existieren werden.

Das wird auch eine Auswirkung auf unsere Vegetation haben: Die Waldgrenze wird ansteigen und neue, hitzegewohnte Pflanzen wie Hartlaubgewächse werden sich bilden. Aber auch vermehrte Gewittertage, Unwetter, Vermurungen und Extremniederschläge werden schon in naher Zukunft auftreten. Redet man über diese in Österreich spürbaren Szenarien, muss man sich aber immer bewusst sein, welche Schäden die Erderwärmung dann bereits auf globaler Ebene angerichtet haben wird. In einer Welt ohne Grönland und Polarkappen und mit riesigen überfluteten Landmassen sind vermutlich die vergleichsweise geringen Folgen des Klimawandels in Österreich unser geringstes Problem.