Drei Großmütter über das Geheimnis der wahren Liebe

„Ich glaube absolut daran, dass ‚die Liebe des Lebens' finden kann", sagt die 71-jährige Honey. „Aber Liebe ist im Alter noch genauso beängstigend wie in der Jugend."

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17 Februar 2016, 5:00am

Heute, im Alter von 28, fühle ich mich langsam erwachsen. Als ich Anfang 20 war, habe ich schmierige Fotografen und DJs gedatet, die mich nie ihren Freunden vorgestellt haben. Aber mit 28 bin ich mit einem 28-Jährigen zusammen, und jetzt kaufen wir uns sogar einen Esstisch, damit wir nicht länger auf einem mit Spaghettisoße verkrusteten Laken schlafen müssen.

Wenn man den Statistiken glaubt, dann wird es zunehmend schwieriger, (den) einen Seelenverwandten zu finden. Die Anzahl der Haushalte mit verheirateten Paaren ist in vielen Ländern niedriger denn je, und die Menschen warten immer länger mit dem Heiraten. Es kommt auch immer häufiger vor, dass man Geschiedene antrifft, die unter 30 sind. Ich wollte wissen, wie es wirklich ist, die wahre Liebe zu finden und Jahrzehnte mit demselben Menschen zu verbringen, also habe ich ein paar Dating-Veteraninnen kontaktiert: drei Seniorinnen.

Diese Frauen sind nicht nur Großmütter und haben damit Leben erschaffen, sondern auch selbst ausgiebig gelebt. Joanne, eine 66-Jährige aus Brooklyn, verweist darauf, wie wichtig es ist, dass sich die Leute zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen, und sagt, Online-Dating sei mit 66 genauso scheiße wie mit 26.

Bella, die gerne bei einem Pseudonym genannt werden wollte, ist heute 77, aber mit 45 hat sie ihren Mann nach 25 Jahren Ehe verlassen, um zu reisen. Seit ihrer Scheidung fällt es ihr schwer, einen Mann zu finden, der mit ihrer Reiselust mithalten kann, doch sie empfiehlt, dass niemand seine Träume einer Beziehung opfern sollte.

Honey ist eine glücklich verheiratete Krebsüberlebende. Als wir dabei waren, unser Telefonat zu beenden, warnte mich die 71-Jährige: „Sei ganz lieb zu deinen Freundinnen, denn die werden länger leben als deine Partner." Dagegen lässt sich kaum argumentieren.

Joanne
66 Jahre alt
Brooklyn, New York

VICE: Datest du zur Zeit jemanden?
Joanne: Im Moment habe ich kein Liebesleben. Ich hatte zwei Ehemänner. Meine Tochter sagt, ich bin eine Männerhasserin, aber das bin ich nicht. Als ich mich vor acht Jahren von meinem Mann getrennt habe, haben mich meine Töchter online gebracht, damit ich einen Neuen kennenlerne. Ich war widerwillig, aber ich habe die Dating-Seite genutzt, um mich mit einem Mann zu treffen, der nett wirkte. Er kam zu mir nach Hause, aber wenn ich gewusst hätte, wie er in Wirklichkeit aussieht, hätte ich die Tür erst gar nicht aufgemacht. Er hatte so ein türkisfarbenes Auto und sagte: „Ich führe dich zum Kaffeetrinken aus. Gibt es hier in der Nähe einen Dunkin Donuts?"

Ich werde niemals mit einem Mann ausgehen, der weniger hat als ich. Ich habe ein neues Auto, ich habe zwei Häuser ... ich bin definitiv nicht reich, aber ich will niemanden, der von mir erwartet, dass ich ihn finanziell unterstütze. Ich sehe Frauen, die älter sind als ich und die jüngere Freunde haben, oder auch Männer in ihrem Alter, und sie unterhalten diese Männer. Sie sagen alle dasselbe: Sie wollen nicht allein sein. Da wäre ich persönlich lieber allein.

MUNCHIES: Geht Liebe wirklich durch den Magen?

Wie war deine erste Liebe?
Mein erster Ehemann, der Vater meiner Töchter, war so ein machohafter italienischer Mann. Ich habe selbst italienische Wurzeln, aber das ist nicht mein Typ. Ich habe ihn geheiratet, nachdem meine erste Verlobung in die Brüche ging—die war eigentlich meine erste Liebe.

Warum hat es mit der Verlobung denn nicht geklappt?
Wir hatten eine wunderschöne Beziehung. Meine Freundinnen mochten ihn, aber er sagte immer zu ihnen: „Ich will eine platonische Beziehung [mit Joanne]." Wir mussten das Wort „platonisch" nachschlagen. Damals habe ich das nicht verstanden, weißt du? Ich war bis über beide Ohren verliebt und wir haben uns einfach trotzdem verlobt.

Einen Monat vor der Hochzeit, als wir gerade auf Wohnungssuche waren, fragten meine Eltern: „Warum kauft ihr kein Haus? Wir können euch Geld leihen und er kann einen Soldaten-Kredit aufnehmen." Er war nämlich in der Marine gewesen. Doch ich fand heraus, dass ihm so ein Kredit nicht zustand, weil er unehrenhaft entlassen worden war.

Warum das?
Ich wusste es damals nicht, aber ich hätte es wissen sollen. Er sagte: „Du musst mit mir wohin kommen, Joanne. Ich muss dich einer Frau vorstellen, mit der du unbedingt reden musst." Also brachte er mich in die Stadt zu einer Psychiaterin, von der ich nicht einmal wusste, dass er bei ihr in Behandlung war. Und dann sagte sie mir, dass er schwul war! Dazu muss man sagen, dass es 1970 war, und damals hat sich einfach niemand geoutet. Aber ich habe ihn dann natürlich nicht geheiratet.

Was hat er gesagt?
Er war am Boden zerstört. Er hat gebettelt und gefleht und mir gesagt, dass er mich liebt. Er sagte, ja, er hatte in der Marine eine Beziehung, er hatte vor mir einen Freund. Ich hätte es wissen sollen—er arbeitete an der Wall Street, aber am Wochenende war er außerdem Friseur.

Was ist aus ihm geworden? Immerhin war er deine erste Liebe.
Ich weiß es nicht. Es ist, als sei er vom Erdboden verschluckt. Eine meiner Freundinnen hat ihn einmal mit seinem Freund in einem Schönheitssalon gesehen. Er war sehr paranoid, was den Tod anging, und ich schätze, die Verbreitung von AIDS hat diese Angst nur weiter angefacht. Ich weiß noch, dass er ein weißes Hemd und ein Paar Jeans hatte, und er sagte: „Wenn mir etwas passieren sollte, Joanne, dann will ich in diesen Sachen begraben werden." Vielleicht hat er Selbstmord begangen, vielleicht hat er AIDS bekommen, aber nach unserer Trennung hat niemand mehr was von ihm gehört.

Wenn du deinem früheren Ich Anfang 20 einen Rat in Sachen Liebe geben könntest, was würdest du sagen?
Ich habe nicht nach den richtigen Dingen Ausschau gehalten. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das Geld meines Mannes zum Leben ausreicht. Es ging mir nur darum zu heiraten und von zu Hause wegzukommen, weil meine Eltern ziemlich streng waren. All meine Freundinnen waren verheiratet oder verlobt, und es schien, als müsste ich zeitgleich mit ihnen heiraten. Also habe ich schnell meinen Mann geheiratet, um nicht als alte Jungfer zu enden.

So würde ich heute niemals empfinden. Mein Vater hat mich immer fertiggemacht und mir eingeredet, ich sei dumm. Wenn ich mich nicht dieser Negativität gegenübergesehen hätte und man mir nicht eingeredet hätte, ich sei nicht gut genug, dann hätte ich meinen ersten Mann höchstwahrscheinlich gar nicht geheiratet. Ich liebe meine Kinder. Ich habe das Gefühl, alles kommt so, wie es soll. Aber ich hätte mein Leben völlig anders geführt, wenn ich mehr auf mich gehalten und mehr an mich selbst gedacht hätte. Ich hätte mir den Mann ausgesucht, statt mich von dem Mann aussuchen zu lassen.

Bella
77 Jahre alt
Charlottesville, Virginia

VICE: Erzähl mir etwas über dich.
Bella: Ich bin geschieden. Ich habe 1961 im Alter von 20 geheiratet und bin 25 Jahre lang in der Ehe geblieben. Wir haben drei Kinder zusammen bekommen. Wir haben geheiratet, weil ich schwanger wurde.

Glaubst du, ihr hättet auch geheiratet, wenn du nicht schwanger geworden wärst?
Vielleicht nicht. Ich meine, ich war zu Hause [bei meinen Eltern] unglücklich, also eröffnete mir die Heirat einen Fluchtweg.

Haben Freundschaften in deinem Leben eine wichtige Rolle gespielt?
Sie sind mir sehr wichtig, vor allem seit ich mir vor Kurzem die Schulter ausgekugelt habe! Ohne meine Freunde hätte ich nicht genug Essen im Kühlschrank gehabt. Ich lebe gerne alleine und bin gerne unabhängig. Ich finde das sehr befriedigend. Ich habe zwei Katzen.

Hast du noch Kontakt zu deinem Ex-Mann?
Ja, das habe ich. Wir halten wegen unserer Kinder Kontakt. Er ist im Moment in seiner dritten Ehe. Wenn ich ihn sehe, frage ich mich oft, was mich an ihm interessiert hat, aber ich glaube, die Flucht von zu Hause war einfach meine Motivation. Er ist ein guter Mann. Ein guter und ehrlicher Mann.

Warum hast du die Ehe beendet?
Ich hatte Ziele, die ich verfolgen wollte. Die Branche, in der ich gearbeitet habe [Flugreisen], ermöglichte es mir zu reisen, und das wurde zu meinem wichtigsten Ziel. Damals waren meine Kinder in dem Alter, in dem sie sich gewünscht haben, dass ich zwar für sie da bin, mich aber völlig aus ihrem Leben heraushalte. Und da ich jung geheiratet hatte, wollte ich ein wenig die Welt erforschen, weil ich dazu in meiner Jugend keine Gelegenheit gehabt hatte. Und davon hatte ich dann im Alter von 45 bis 69 jede Menge! Es war großartig. Außerdem habe ich einen Mann kennengelernt, den ich sehr gern mochte, und wir haben angefangen zu daten. Es sind viele gute Dinge passiert.

Was ist aus dem Typen geworden?
Ich habe achteinhalb Jahre mit ihm zusammengelebt, anfangs noch in Cleveland. Dann wurden wir beide von unserer Arbeit nach Florida versetzt. Ich war an dem Punkt angelangt, wo ich wieder heiraten wollte, aber er konnte sich nicht entscheiden, ob er auch wollte, also musste ich gehen. Das war 1998.

Bist du seitdem mit jemandem ausgegangen?
Oh, ja, aber es war nichts Ernstes dabei.

Hattest du vielleicht auch auf deinen Reisen eine Liebelei im Ausland?
Ja, das hatte ich! Aber auch da war nichts Ernstes dabei.

Wie unterscheidet sich das Dating, wenn man älter ist, von den Erfahrungen der Jugend?
Es gibt keine Naivität. Als ich noch in Chicago gewohnt habe, bin ich einem dieser Dating-Programme beigetreten, wo man sich „nur zum Lunch" trifft. Ich war wirklich überrascht, dass so viele von den Männern sich überhaupt nicht fürs Reisen interessierten. Sie waren mit einem einfachen Lebensstil zufrieden, also stellte sich das Ganze für mich als nicht so interessant heraus.

Inwiefern wirkt die Dating-Welt 2016 auf dich anders als früher?
Ich habe den Eindruck, dass diese ganzen Programme wie Match.com einen fragen: „Hast du Interesse an mehr als einem Date-Partner?" Das fand ich interessant, denn wenn man [früher] auf ein Date gegangen ist und es nicht so gut lief, dann konnte man sich ein neues Date suchen. Man hat sich jedenfalls nicht von Anfang an mehrere gewünscht!

Honey
71 Jahre alt
Amerikanische Jungferninseln

VICE: Hey, magst du dich kurz vorstellen?
Honey: Alle nennen mich Honey anstatt „Oma". Mein erstes Enkelkind hat gehört, wie mein Mann mich immer „Honey" nannte. Er sagte: „Honey, kannst du mir ein Glas Wein holen?" Und mein kleiner [Enkel] Jack, der damals zwei Jahre alt war, sagte: „Honey, kannst du mir ein Glas Milch holen?" Es ist einfach hängengeblieben. Ich bin seit acht Jahren mit meinem zweiten Mann verheiratet, und zusammen haben wir fünf Kinder und sechs Enkelkinder. Drei der Kinder sind meine und er hat zwei. Bei uns ist alles gut gemischt.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Wir haben uns 1980 bei einer Party getroffen. Wir sind beide Krebsüberlebende. Ich habe 25 Jahre lang mit Brustkrebs gekämpft, und er hat 12 Jahre gebraucht, um den Prostatakrebs zu besiegen. Das ist wahrscheinlich das, was uns zusammengebracht hat.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der oder die nach dem oder der Richtigen sucht?
Das sollte definitiv jemand sein, den du magst. Sei niemals bis über beide Ohren in die Person verliebt; du musst sie wirklich mögen. Ich habe ein Schild in meiner Küche hängen, auf dem steht: „Küsse halten nicht, Kochen schon". Aber ob alt oder jung, du lernst jemanden kennen, du fühlst dich zu diesem Menschen hingezogen, und du hoffst, dass er wirklich so nett ist, wie er anfangs wirkt. Du solltest besser genug Zeit mit der Person verbringen, um sicherzugehen, dass das auch wirklich so ist. Wenn du dich voreilig in etwas reinstürzt, gibt es kein Zurück mehr. Nur weil es für dich an der Zeit ist zu heiraten, heißt das noch lange nicht, dass die Person, die du gerade datest, für eine Ehe geeignet ist.

Wie erkennt man es dann, wenn man den richtigen Menschen vor sich hat?
Tja, das ist ein Rätsel. Vielleicht erkennst du es daran, dass dir die Person wichtiger ist als du dir selbst, oder wenn du dir mit Leichtigkeit vorstellen kannst, dich um ihn oder sie zu kümmern, wenn es mit der Gesundheit mal bergab geht. Du musst wissen, dass diese Person für dich da sein wird und umgekehrt, ganz egal was passiert.

Das ist alles recht beängstigend.
Liebe ist das Beängstigendste auf der Welt. Aber es ist auch das Schönste, was es gibt. Deswegen tappen wir da jedes Mal wieder rein. Aber irgendwann lernst du hoffentlich die richtige Person kennen und alles klappt, wie es soll. Es hilft wirklich sehr, wenn dieser Mensch dein bester Freund oder deine beste Freundin ist. Wenn du mit niemandem auf der Welt lieber deine Zeit teilen willst, dann ist das ein gutes Zeichen.

Glaubst du daran, dass man die „Liebe seines Lebens" finden kann?
Ja, das tue ich. Ich glaube absolut daran. Deswegen sage ich auch, dass mein zweiter Mann die Liebe meines Lebens ist. Liebe ist im Alter noch genauso beängstigend wie in der Jugend.