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DIE WIR HABEN EUCH VERMISST AUSGABE

Zwei Wochen Essen mit Hermes Phettberg

Hermes Phettbergs Zeit waren die Neunziger, mit SM, Leid und Jeansboys. Dann kamen Schlaganfälle. Essen ist seine einzige Droge und sein Lebensbeweis.

von Hermes Phettberg
01 Mai 2016, 4:00am

Aus der ,Wir haben euch vermisst'-Ausgabe

Hermes Phettbergs Zeit waren die Neunziger, in der er die Nette Leit Show machte, über SM, Leid und Jeansboys sprach. Dann kamen Schlaganfälle und die Öffentlichkeit verlor das Interesse. Essen ist seine einzige Droge und sein Lebensbeweis.

Montag, 29.2.2016, Essen vom „Steman": Linsencremesuppe, Reisfleisch, China-kohl-Salat.

Dienstag, 1.3.2016: Gulasch und Linzer Torte mit Häferlkaffee in meinem geliebten „Café Jelinek"!

Mittwoch, 2.3.2016: Petersilcremesuppe, Polenta-Schnitzel in Paprika-Sauce.

Dass ich alle Welt wissen lasse, womit ich mich jeweils ernähre, ist eine Art Liebessymbol an die Welt, die mich ernährt.

Essen Donnerstag, 3.3.2016, vom „Steman": Rindssuppe mit Erbsenschöberl, hausgemachter Grammelknödel auf Gabelkraut.

Futter-Freitag, 4.3.2016, vom „Steman": Erdäpfelcremesuppe, gebackenes Rotbarschfilet mit Erdäpfelsalat.

Samstag, 5.3.2016 Erdäpfelcremesuppe von gestern; Knorr Meisterkessel (in der Dose): Kalbsbeuschel, Karotte.

Sonntag, 6.3.2016, vom „WOK Walk" in der Gumpendorfer Straße 90:

Fastenspeise des Buddha mit Reis.

20:14 Uhr: Am Handelskai fand heute ein religiöser Kampf statt: Eine Gruppe jugendlicher Afghanen kämpfte gegen eine Gruppe jugendlicher Tschetschenen. Das heißt, zwei seelisch verschiedene Arten von Islam kämpften gegeneinander. Der türkische Urvater Atatürk wusste genau, dass der Staat total atheistisch sein muss. „Wir" hatten „uns" es schön gemütlich gemacht in Wien. Schon in den Kindergärten gibt es nun, sagte Professor Ednan Aslan heute in Ö1 um 19.05 Uhr, religiöse Differenzierungen: „Wir" ernähren uns klüger, „wir" handhaben die Gottheit edler. Wenn Kindergartenkinder nur von türkischen Eltern stammen, wie werden sie Deutsch lernen?

Theoretisch gibt es Montag, 7.3.2016, vom „Interspar" in der Niederhofstraße Augsburger mit Fisolen und Erdäpfelschmarrn.

Montag: 7.3.2016, 20:31 Uhr: Jetzt hab ich mich so gefreut auf Fisolen mit Würsteln, doch, wie immer, stimmt das, was „Interspar Niederhofstraße" ankündigt, nie! Mein Heimhelfer, Herr Charles Barte, war heute in der Arndtstraße in der Schubert-Apotheke, um meinen chinesischen Kräutertee, von Dr. Aschauer verschrieben, abzuholen. Und da es keine Fisolen in der Niederhofstraße gegeben hat, brachte mir Herr Barte alles, was an Gemüse da war, mit: „Schweizer Laibchen" und Salat. Immer ist das Gemüse teurer als Fleisch! Bin aber trotzdem ordentlich satt geworden und konnte auch dank meines Glases Buttermilch mit eingerührtem Obst feinst koten.

Dienstag: 8.3.16, 21:00 Uhr: Als ich heute in der Früh um 6.30 Uhr auf den Fahrtendienst „Gschwindl" wartete, kam Artur Maria Simbürger und sprach: „Wissen Sie, dass ich der allergrößte Fan von Ihnen bin, den die Welt je gesehen hat? Ich habe erst vor wenigen Tagen von Ihnen und Ihrer Netten Leit Show erfahren, denn im Moment läuft bei mir Tag und Nacht Orf III."

Er hatte die ganze Nacht irgendwo in Wien Gitarre gespielt und holte sich dann ein Paar Würstl und kam mit dem Würstlverkäufer an der Gumpendorfer Straße über mich zu reden, und sagte: „Schade, dass es den allerbesten Showmaster, den Wien je gesehen hat, nicht mehr gibt."

Und da kamen Käsekrainer und Artur in ein heftiges Gespräch: „Den seh ich doch fast täglich hier in Gumpendorf! Im Gumpendorfer Fleischgeschäft ,Leo Ringl' kann ich dir einen Zeugen nennen, dass Hermes Phettberg lebt."

Donnerstag, 10.3.2016, 20:34 Uhr: Die immense Gewalt des gestrigen Chili con Carne lieferte mir heute einen der schönsten Träume, die ich in Erinnerung habe: Im Traum wurde heute die Zeit im Bild aus der Unternalber Laurenzi-Kirche gesendet. Ingrid Thurnher interviewte live den Uno-Generalsekretär Sithu U Thant vorm Hochaltar, und ich war dabei, und U Thant mahnte mich im Traum: „Dein Hosentürl steht offen!" Ich erschrak und zog mir verschämt den Reißverschluss zu.

Freitag, 11.3.2016, 13:46 Uhr: NAC-HI hat mir ja schon einen von der Wiese gebrockten Bärlauch gebracht, und heute hat mein Lieblingskoch, das Gasthaus „Steman", eine Bärlauchsuppe gekocht, dass mein Bauch auch schon weiß, dass der Frühling schon im Anlauf ist jetzt.

„Steman" ist gleich die Partnerschaft zwischen dem Herrn Manfred als Koch und Herrn Stefan als Kellner. Jedenfalls verleihe ich hiemit der Kocherei „Steman" das Ehrendoktorat des Suppenkochens (Dr. h.c. „Steman"). Egal, was am Speiseplan steht, „Steman" kocht 1A-Suppen.

Am Balkan bzw. in Serbien regnet es stark, sagt das heutige Ö1-Mittagsjournal, und alle nach Europa Fliehenden werden nass und nächtigen saukalt in Nässe und unter Bäumen.

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