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Sexverträge und Holzkisten: Die bizarrsten Kidnapping-Fälle Schwedens

Zwar kommen Entführungen in Schweden nicht sehr häufig vor, aber wenn es doch mal passiert, dann wird es richtig extrem.
29.2.16

Zwar kommen Entführungen in Schweden nicht sehr häufig vor, aber wenn es doch mal passiert, dann wird es richtig extrem. So kam es auch, dass das Stockholm-Syndrom—ein merkwürdiges Phänomen, bei dem Geiseln gegenüber den Geiselnehmern Sympathien entwickeln—nach einer Geiselnahme benannt wurde, die sich in den 70er Jahren in der schwedischen Hauptstadt ereignete.

Die aktuellste Entführung wurde letzten September öffentlich gemacht. Am 18. September betrat der 37-jährige Martin Trenneborg abends eine Polizeiwache in der Stockholmer Innenstadt. Seine Begleitung: Eine Frau Anfang 30. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Empfangsmitarbeiter setzte sich das Pärchen in den Wartebereich. Zwei Stunden später wurde die Frau dann in den Verhörraum geholt, während der Mann sitzen blieb. Schließlich nahmen vier Polizisten den Mann fest und markierten damit das Ende einer bizarren Geschichte, die von den Revolverblättern auch mit Begriffen wie „Der Sexbunker-Arzt" oder „Schwedischer Josef Fritzl" garniert wurde. Weitere Elemente der Entführung waren ein schalldichter Bunker, vergiftete Erdbeeren sowie ein Sexvertrag. Dazu aber später mehr.

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Am 23. Februar wurde Trenneborg von einem schwedischen Gericht wegen Entführung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Mehrere Kriminologie-Experten haben seit dem Bekanntwerden dieses Falls angegeben, dass es sich dabei um eine der schrecklichsten Entführungen in der Geschichte Schwedens handelt. Im Anbetracht dieses alarmierenden neuen Maßstabs haben wir eine Liste der bizarrsten und schrecklichsten schwedischen Kidnapping-Fälle zusammengestellt.

Die Gevalia-Tochter

Der erste wirklich bekannte Entführungsfall des modernen Schwedens ereignete sich 1963. Ann-Marie Engwall, die siebenjährige Tochter von Jacob Engwall (der Geschäftsführer der damals europaweit größten Kaffeerösterei Gevalia), wurde dabei auf ihrem Schulweg entführt. Die Kidnapper waren dabei ein Mann und eine Frau, die vor Ann-Marie behaupteten, sie zu einem Schulausflug zu fahren, dessen Abfahrt sie eben verpasst hätte.

Um die Wartezeit bis zur Lösegeldübergabe (gut 1.500 Euro, die wohl zur Finanzierung eines privaten Detektivbüros genutzt werden sollten) zu überbrücken, gingen die Entführer mit dem Mädchen zuerst in einen Streichelzoo und danach in ein Café. Als sie die Geldsumme schließlich in der Tasche hatten, setzte das Pärchen Ann-Marie in ein Taxi zu ihren Eltern. Da sie nicht alleine fahren wollte und das ganze Konzept einer Entführung noch nicht verstand, fragte das Mädchen mit Tränen in den Augen, ob die beiden sie nicht begleiten könnten.

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Das Ehepaar Engwall kontaktierte direkt nach der Ankunft ihrer Tochter die Polizei und die Entführer stellten sich noch am gleichen Tag. Der Mann und die Frau sollten später allerdings trotzdem noch ein ganz gutes Leben führen: Nach dem Verbüßen ihrer Strafen heirateten die beiden und fanden dazu noch gute Jobs in Regierungseinrichtungen.

Die Frau in der Kiste

1993 wurde die schwedische Olympia-Reitsportlerin Ulrika Bidegård in Belgien entführt. Der Schreiner Lars Nilsson, der das Haus der Familie Bidegård renoviert hatte, schnappte sich sein Opfer vor besagtem Haus. Erst fesselte und knebelte er sie und setzte anschließend Farbverdünner als Betäubungsmittel ein. Als er Bidegård die Stufen zu seiner Wohnung in Brüssel hochschleifte, ließ er die Frau aus Versehen auf ihr Gesicht fallen, wobei sie sich die Lippe aufschlug. In der Wohnung musste sie dann die ganze Zeit sowohl eine Augenbinde als auch schallunterdrückende Kopfhörer tragen. Außerdem wurde sie in eine selbstgebaute Holzkiste gesetzt. Während der viertägigen Gefangenschaft gab ihr der Entführer nur wenig zu essen und zu trinken.

Die belgische Polizei kam Nilsson letztendlich auf die Schliche, als der mit Bidegårds Kreditkarte Geld abhob. Zwei Tage später wurde die Wohnung des Schweden durchsucht. Daraufhin folgte sowohl die Verhaftung Nilssons als auch die Befreiung Bidegårds.

Einen Tag nach der Festnahme flatterte eine Lösegeldforderung von 500.000 Dollar bei Familie Bidegård ins Haus—inklusive dem oben zu sehenden Foto von Ulrika in der Holzkiste. Während der Ermittlungen wurde Nilsson von ihm nahestehenden Leuten als netter und geselliger Mensch ohne kriminelle Neigungen beschrieben.

Der Fall Westerberg

Im Jahr 2002 gab sich ein Mann als Blumenlieferant aus und entführte Erik Westerberg, den Sohn eines erfolgreichen Geschäftsführers, vor dessen Stockholmer Wohnung. Zuvor hatte eine Abendzeitung Westerberg an die Spitze einer Liste der reichsten jungen Menschen gesetzt. Er wurde ebenfalls in eine Kiste gesperrt und dann in eine Hütte auf einer Insel vor Stockholm gebracht, wo man ihn schließlich an ein Bett kettete.

Die Entführer verlangten gut 1,2 Millionen Euro in bar und die Summe sollte unter einer Brücke außerhalb von Paris abgelegt werden. Westerbergs Vater brachte das Geld persönlich nach Frankreich. Kurz nach der Übergabe ließen die Kidnapper ihr Opfer wieder frei und gaben dem jungen Mann noch eine Packung Zigaretten sowie eine Schachtel Streichhölzer mit auf den Weg. Nachdem er drei Glimmstängel geraucht hatte, wurde Westerberg von einer schwedischen Spezialeinheit gefunden. Nachdem seine Identität bestätigt worden war, benachrichtigten die Beamten ihre französischen Kollegen und kurz darauf konnten die beiden Entführer mitsamt dem Lösegeld aufgespürt und festgenommen werden.

Motherboard: Der vermisste Spion: Ein Blick in den größten CIA-Skandal seit 9/11

Die Kiste, in der Fabian Bengtsson gefangen gehalten wurde | Foto: bereitgestellt von der schwedischen Polizei

Eine weitere Entführung, eine weitere Holzkiste

Die Kiste ist ein wiederkehrendes Element in schwedischen Entführungsfällen. Am Morgen des 3. Februar 2005 wurde Fabian Bengtsson in einem Park in Göteborg gefunden, nachdem seine Entführer ihn nach 17 Tagen Gefangenschaft freigelassen hatten. „Geh jetzt, du bist frei, dreh dich nicht um", waren die letzten Worte, die seine Entführer an ihn richteten.

Bengtsson, Erbe der Elektro-Kette SIBA, wurde in seiner Garage mit Tränengas angegriffen, in den leeren Karton eines Fernsehgeräts gestopft und in eine Art Verschlag gebracht, wo man ihn dann in eine schalldichte Holzkiste mit einer Matratze steckte. Die Entführer hatten ihn ins Visier genommen, um etwa fünf Millionen Euro von der Familie Bengtsson zu erpressen.

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Im Laufe der Zeit wuchs den Entführern ihr Opfer jedoch ans Herz. Wenn sie Bengtsson nicht gerade mit einer selbstgemachten Pistole bedrohten oder ihm Tape-Klumpen in den Mund stopften, kochten sie ihm Omeletts, wuschen seine Kleidung, und spielten mit ihm Karten und tranken Whiskey. Nach etwas mehr als zwei Wochen überkam sie das Mitleid und sie ließen Bengtsson frei. Die Polizei fasste sie anhand der Details, die Bengtsson sich gemerkt hatte, wie zum Beispiel die Uhrzeit, zu der er den Eisverkäufer vorbeifahren hörte, oder wie lange die Entführer brauchten, um Essen von McDonald's zu holen.

Böse Studenten

Alexander Åhman, ein weiterer Sohn eines reichen Geschäftsmanns, verschwand kurz nach Weihnachten 2011 aus seiner Studentenwohnung in Uppsala. Seine Entführer waren seine Mitbewohnerin—eine Psychologiestudentin—sowie ihr mutmaßlicher Freund, der Medizinstudent war, und ein weiterer Freund der beiden. Nachdem die Mitbewohnerin Åhman ein Kuchenstück voll Betäubungsmitteln gegeben hatte (der Kuchen schmeckte wohl bitter, doch Åhman aß ihn trotzdem, um höflich zu sein), fesselten ihn die Entführer mit Klebeband, steckten ihn in einen Transporter und fuhren 570 Kilometer zu einem verlassenen Schulgebäude in der Stadt Umeå.

Åhman verbrachte eine Woche in einem dunklen, unbeheizten Keller mit nur sehr wenig Nahrung—am Ende war Bier seine einzige Nährstoffquelle—und nur einer dünnen Matratze als Schlafplatz. Es war sehr kalt, und so band sich Åhman Windeln, die er in dem Zimmer fand, um die Füße, um seine Körperwärme zu halten.

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Vier Tage nach der Entführung befanden sich zwei der Entführer in der Nähe von Stockholm. Die beiden hatten Åhmans Handy mitgenommen, um sich als Åhman auszugeben und seiner Familie SMS zu schreiben. Mit der App „Find My iPhone" verfolgte die Familie das Handy und stellte fest, dass es sich auf der Autobahn nordwärts bewegte. Die Polizei fasste die Entführer am Ende mit Hilfe der App und Åhman wurde zwei Tage später gerettet.

Noisey: Entführung und Körperverletzung – Rick Ross wurde verhaftet

Dieses Bild zeigt einen „Vertrag" über sexuelle Folter, der in einem Ordner namens „Masterplan" auf Trenneborgs Computer gefunden wurde. Das Dokument machte aufgrund seines sadistischen Inhalts Schlagzeilen

Der Arzt mit dem Vergewaltigungsbunker

Irgendwann 2010 fing der Arzt Dr. Martin Trenneborg an, eine Maschinenhalle auf seinem Bauernhof im südschwedischen Knislinge auszubauen. Unter der Halle entstand ein 60 Quadratmeter großer, schalldichter Betonbunker mit doppelten Sicherheitstüren und elektronischen Schlössern. Es gab mehrere Zimmer, eine Toilette, eine Küche und einen sichtgeschützten Innenhof.

Fünf Jahre später, im September 2015, traf sich Dr. Trenneborg in Stockholm (550 Kilometer von Knislinge) mit einer Frau, die er im Internet kennengelernt hatte, zu einem Date. Er verbrachte zwei Stunden in ihrer Wohnung. Sie unterhielten sich und hatten Sex. Trenneborg schlug dann ein weiteres Treffen zwei Tage später vor. Sie willigte ein.

Bei ihrem zweiten Date tranken sie Champagner und er verabreichte ihr Erdbeeren mit Rohypnol. Sobald sie so betäubt war, dass sie nicht mehr verstand, was mit ihr geschah, brachte er sie dazu, sich eine Windel anzuziehen. Dann holte er einen Rollstuhl aus seinem Auto und brachte sie damit hinaus, wo er sie in den Beifahrersitz setzte. Während der siebenstündigen Fahrt injiziert er ihr jede Stunde ein Betäubungsmittel. Die Frau erinnert sich nur daran, dass sie nach dem Essen der Erdbeeren irgendwann im Auto kurz zu sich kam und bemerkte, dass ein EKG-Sensor an ihren Finger geklemmt war.

Sie wachte in Dr. Trenneborgs Bunker auf. Er sagte ihr mutmaßlich, dass sie ein paar Jahre lang bleiben müssen würde, um für ihn zu kochen und zwei oder drei Mal täglich ungeschützten Sex zu haben. Dann entnahm er ihr Blutproben und machte einen Abstrich, um sie auf Geschlechtskrankheiten zu untersuchen und gab ihr Antibabypillen. Er sagte ihr auch, er habe vor, eine weitere Frau zu entführen—möglicherweise ihre Mutter.

Fünf Tage nach der Entführung fuhr Trenneborg nach Stockholm, um ein paar Gegenstände aus der Wohnung des Opfers zu holen und auf ein U2-Konzert zu gehen. Doch während der Zeit der Entführung hatte die Polizei eine Nachricht an ihrer Tür hinterlassen, laut der ihre Familie sie vermisst gemeldet hatte und die Polizei die Schlösser gewechselt hatte. Trenneborg bekam Panik und beschloss, sein Opfer am nächsten Tag mit nach Stockholm zu nehmen. Während der Fahrt redete er auf sie ein, um sie dazu zu kriegen, so zu tun, als seien sie ein Paar. Er sagte, er wolle nicht ins Gefängnis. Die Tatsache, dass sie seinen Anweisungen Folge leistete und noch nicht versucht hatte zu entkommen, machte ihn zuversichtlich, dass sie seine Tat nicht melden würde. Auf dem Polizeirevier in Stockholm wurde man misstrauisch und trennte die beiden voneinander, sodass die Frau offen erzählen konnte, was Trenneborg ihr angetan hatte.

Am 23. Februar 2016 wurde Martin Trenneborg zu zehn Jahren Haft für Entführung verurteilt. Er muss der Frau außerdem 19.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Das Opfer hat ausgesagt, Trenneborg habe ihr gesagt, er habe sie während ihrer Bewusstlosigkeit vergewaltigt. Trenneborg gestand die Entführung, stritt jedoch ab, die Frau vergewaltigt zu haben, und wurde in diesem Punkt freigesprochen.