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Sex

Dank Tinder wissen wir jetzt, dass unser Leben mit 28 vorbei ist

Eigentlich sollte die App der coole Onkel sein, der immer ein bisschen betrunken ist. Stattdessen erinnert uns Tinder Plus daran, dass wir erwachsen werden müssen.
9.3.15

Foto: Michele Ursino | Flickr | CC BY-SA 2.0

Zu sagen, dass sich die Leute gefreut haben, als Tinder—unsere Lieblingsplattform, wenn es darum geht, betrunken und verzweifelt wildfremde Menschen anzuschreiben—seinen neuen „Tinder Plus"-Service vorstellte, wäre gelogen. Gegen eine monatliche Gebühr kann man zukünftig ungewollte Matches wieder rückgängig machen und sich auch weiterhin mit so vielen Menschen verbinden, wie man möchte. Das war zwar bisher auch kostenfrei möglich, weil es in dieser Welt aber absolut gar nichts mehr umsonst gibt und die Entwickler ihre Miete nicht von unseren Artikeln über ihre App bezahlen können, kostet das ungezügelte Swipen jetzt eben Geld.

Zusätzlich lässt sich mit der Funktion „Passport" auch in einer Stadt eurer Wahl suchen. Damit lassen sich Seitensprünge auf Geschäftsreise noch vorausschauender planen, schließlich konnte man bisher nur nach geschlechtsverkehraffinen Personen in seinem erweiterten Umfeld fahnden. Grundlegend kennt man derartige Premium-Aufstockungssysteme schon von anderen Dating-Portalen. Trotzdem hagelte es beim Launch von Tinder Plus Kritik—während sich der normale monatliche Preis in europäischen Ländern wie Großbritannien und Deutschland auf rund 4,99 Euro (bzw. 3,99 Pfund) beläuft, müssen User, die älter als 28 sind, mit 19,99 Euro deutlich tiefer in die Tasche greifen. In den USA wiederum liegt die Altersgrenze bei 30 Jahren.

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Auf unsere Nachfrage hin argumentiert die Tinder-Geschäftsstelle in Los Angeles die variierenden Kosten mit den unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Nutzer. Schließlich würden Dienste wie Spotify für Studenten auch deutlich weniger kosten. „Wir haben die Preise für Tinder Plus unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren festgelegt—darunter auch nach den Erkenntnissen, die wir in unserer Testphase gewonnen haben—und haben festgestellt, dass diese Preisstaffelung von bestimmten Altersgruppen sehr gut angenommen wurde", erklärt die PR-Beauftragte Rosette Pambakian.

Andererseits: Wenn es für Conan O'Brien noch nicht zu spät ist …

Das kann zum einen natürlich wirklich bedeuten, dass Menschen ab einem bestimmten Alter im Schnitt wirklich so gut verdienen, dass sie den Geldwert eines aktuellen AAA-Videospiels im Steam-Sale in eine App investieren, die vor allem aus enervierenden Chatgesprächen mit Leuten besteht, von denen man sich in der U-Bahn wegsetzen würde. Andererseits lässt es aber auch den Schluss zu, dass man Ende 20 einfach verzweifelt genug ist, solche Summen in die digitale Partnersuche (und sei es nur für eine Nacht) zu investieren.

Es ist ja nicht so, als hätte man irgendwann ab Mitte 20 sowieso ein allgemeines Unwohlsein in der Magengegend, wenn man Single ist und an seine Zukunft denkt. Das Bindegewebe lässt nach, die Neurosen nehmen zu und irgendwie hat man neben den ganzen Meetings, den wöchentlichen Alibi-Fitnessstudio-Besuchen und dem The Walking Dead-Marathon auch gar keine Zeit mehr für Dates. Wann genau soll man denn nun den Partner fürs Leben finden? Bisher war 30 immer die Zahl, die—und da mag ich nur für mich oder jede weibliche Person, die ich kenne, sprechen—wie ein Damoklesschwert über jedem weiteren Geburtstag hing und erst nach dem fünften Shot langsam zu verschwimmen begann. Anscheinend ist das Ende aber ungleich näher.

In der Vergangenheit galt oftmals die „innere Uhr" der gebärfreudigen Frau als eine Art Signal dafür, ab wann man wirklich in Torschlusspanik verfallen sollte. Für unsere Generation ist der Drang zur Bindung fürs Leben wohl eher popkulturell befeuert, durch das eigene Anspruchsdenken definiert oder kommt erst dann so wirklich ins Bewusstsein, wenn die Verwandtschaft bei der Familienfeier mit pikiertem Gesichtsausdruck fragt, wann man endlich mal einen Partner mitbringt und wie das eigentlich mit Kindern aussieht. Tinder sollte der coole, immer ein bisschen beschwipste Onkel sein, der einem beim Lachen auf die Schulter haut und hinter vorgehaltener Hand verrät, dass er damals an der Uni öfter mal einen mit eurem Vater durchgezogen hat. Stattdessen ist es die vorwurfsvolle Großmutter, die einem beim Kartoffelnnachlegen zuzischt: Du bist doch jetzt alt genug, verhalte dich auch so.

Der verzweifelte Beigeschmack, der beim rastlosen Swipen schon immer irgendwie mitgeschwungen hat, ist jetzt per Zahl definiert. 28 ist die Grenze. Und selbst wenn du es nicht bist: Da draußen gibt es scheinbar mehr als genug Leute, die frustriert und einsam genug sind, um für effektiveres Online-Dating 20 Euro im Monat auszugeben.

Es bleibt abzuwarten, als wie erfolgreich sich das neue Businessmodell des Dating-Dienstes erweisen wird und ob der Anbieter in seiner Preispolitik doch wieder zurückrudern muss. Bis dahin: Danke, aber nein danke. Da werde ich lieber Tiermessi. Hunde und Katzen verurteilen uns nämlich nicht, Tinder.