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Musik

Das denken die Herkunftsländer über ihre Song Contest-Teilnehmer

Vor dem Internet-Zeitalter war der Song Contest das, was heute Castingshows sind. Dann haben Menschen begonnen, ihn „ironisch" zu schauen. Wir haben in den Teilnehmerländern nachgefragt, wie gut das geht.
24.4.15

Foto von Danika Maia

Der Eurovision Song Contest, kurz ESC, war lange Zeit das Vor-Internet-Äquivalent zu so ziemlich jeder Castingshow vom Format [Dein Land] sucht den Superstar. Und genau wie alle diese Castingshows geht es auch bei ihm um nervige „Musikexperten", fürchterliche Bühnenbilder und Menschen, die nicht wirklich singen können.

Dann sind zwei Dinge passiert: Erstens, „Guilty Pleasures" wurden auf einmal ein Ding und jeder musste von heute auf morgen eins haben. Und zweitens, die LGBT-Community hat den ESC für sich entdeckt. Seither ist der Song Contest zu einer Art modernen Club Kid-Party mutiert—ohne dass er irgendwas wirklich anders machen würde als davor.

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Wie wir alle wissen, hat letztes Jahr Tom Neuwirth beziehungsweise Conchita Wurst den paneuropäischen Karaoke-Wettbewerb gewonnen und damit zum ersten Mal seit 1967 nach Österreich geholt. Aber bevor unsere alte, gemütliche, kaiserliche Stadt mit ihrem Faible für Kostüm-Partys Ende Mai von den herausgeputzten Horden überrannt wird, wollten wir noch wissen, wie eigentlich die Leute in den jeweiligen Ländern über ihre eigenen ESC-Teilnehmer reden.

Und weil wir ja so gut wie überall auch VICE-Büros haben, dachten wir uns einfach, wir fragen bei unseren jeweiligen Redaktionen in den Teilnehmerländern nach, was sie an Lob oder Hass für ihre Kandidaten übrig haben.

GROSSBRITANNIEN

Electro Velvet - „I'm Still In Love With You"

Eine ganze Reihe von alten Zynikern finden bestimmt gute Gründe, warum das fast schon klinisch enthusiastische Duo Alex Larke und Bianca Nicholas, auch bekannt als Electro Velvet, nicht die richtigen UK-Kandidaten sind. Ja, Bianca hat einmal so wahnsinnig unbeeindruckend bei der britischen Version von The Voice vorgesungen, dass sich nicht mal Will.i.ams Augenbrauen bewegt haben. Und ja, alles, was Alex vorzuweisen hat, ist seine Rolle als 1-Euro-Shop-Version von Mick Jagger in einer Rolling Stones-Coverband. Und stimmt, ihr Song „I'm Still In Love With You" ist so etwas wie der Sound eines ängstlichen Kindes, das sich in einer Kabarett-Version eines Müller-Werbespots verloren hat.

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Und OK, es ist ziemlich seltsam, dass das Lied von demselben Typen geschrieben wurde, der auch diesen Theme Song für die britische Bizarro-Serie Jim'll Fix It komponiert hat. Aber auch, wenn wir uns nicht ganz sicher sind, ob es an ihrer Wahnvorstellung von Berühmtheit, der beunruhigenden Vergangenheit oder ihren ziemlich ausführlich in den Medien besprochenen Misserfolgen liegt—wenn wir uns ehrlich sind, ist Electro Velvet einfach die wesentlichste ESC-Band, die das 21. Jahrhundert bisher gesehen hat.

Seht euch hier unsere Doku Jung und queer in Putins Russland an.

POLEN

Monika Kuszyńska - „In The Name of Love"

Keine noch so große Anzahl an Rockballaden-Schwülstigkeiten im Finale könnte über die traurige Wahrheit hinwegtäuschen, dass „In The Name of Love" der plumpste und dumpfste Song ist, der jemals aufgenommen wurde. Er klingt so, als wäre er für das Begräbnis von Eurovisions-Fans geschrieben worden, die wahrscheinlich erst beim Hören auf halbem Weg gestorben sind. Aber ganz abgesehen davon, wie er klingt, können wir schon allein aus Prinzip nicht verantworten, dass ihr euch auch nur das Video dazu anseht.

Liebe Macher, Regisseure und Komponisten: Ihr könnt nicht einfach Musikvideos machen, deren einzige Absicht es ist, dass wir uns wie Arschlöcher fühlen. Ich meine, wir machen uns still und heimlich über diese Celine Dion-Karikatur lustig, die am Boden sitzt und Selfies macht—und dann kommt heraus, dass die Gute eigentlich im Rollstuhl sitzt. Diese Information sollte in der ersten Szene schon enthalten sein. Echt jetzt, Leute.

TSCHECHIEN

Marta Jandová and Václav Noid Bárta - „Hope Never Dies"
Marta Jandova ist die Tochter des tschechischen Garage-Rock-Helden Petr Janda, der in den Sechzigern ziemlich super war aber seitdem eigentlich niemanden mehr interessiert. Marta ist in Tschechien ein B-Sternchen und die Sängerin der Deutschen Band Die Happy.

Vaclav Noid Barta, ihr ESC-Kollege, war früher unter den Kleinstadt-Teenies beliebt, als er Mitglied der Nu Metal-Band Dolores Clan war. Das Beste an dieser Band war, dass sie Vaclav davon abgehalten hat, dass er solchen Schwachsinn wie den ESC-Beitrag „Hope Never Dies" produziert.

DÄNEMARK

Anti Social Media - 'The Way You Are'
Dieses Jahr tritt für Dänemark die vierköpfige Band Anti Social Media zum ESC an. Abgesehen vom ein wenig zu offensichtlichen Witz, der hinter ihrem bissigen, widerlich postmodernen Namen steckt, haben sie es geschafft, die Herzen der Dänen mit ihrem Zahnpasta-Lächeln und ihrer Pop-Rock-Hymne „The Way You Are" zu erobern—ein Lied, das von einem Typen gesungen wird, der aussieht wie ein Josh Homme, der Wirtschaft studiert hat.

RUMÄNIEN

Voltaj - „De La Capat" (All Over Again)
Rumänien kann beim ESC 2015 mit der Rückkehr der 90er-Pop-Band Voltaj auftrumpfen, die jetzt ernsthaft versuchen, das heikle gesellschaftliche Thema der Rumänen, die ihre Kinder zurücklassen, um im Ausland zu arbeiten, auszuschlachten. Die Tatsache, dass die erste Hälfte ihres Songs auf Rumänisch gesungen wird, fasst gut zusammen, wie wenig sie sich darum scheren, den Wettbewerb auch nur annähernd zu gewinnen.

MOLDAWIEN

Eduard Romanyuta - „I Want Your Love"
Moldawiens Einreichung für den ESC 2015 ist ein 08/15-Liebeslied im Stil der 80er. Und das ist auch in Ordnung, aber keineswegs Nullachtfünfzehn ist die Tatsache, dass Eduard auf Ukrainisch singen wird. Es wird vermutet, dass er finanziell von der Ukraine Sponsoring bekommen hat, und er wird als quasi fleischgewordene Brücke gehandelt, die die Ukraine mit dem Westen verbinden soll. Das finden wir schon sehr gut.

Hier geht's zu unserer Reportage über ukrainische Amazonen.

FRANKREICH

Lisa Angell - „N'oubliez Pas" (Never Forget)
Frankreichs Kandidat aus dem letzten Jahr war wahrscheinlich das Peinlichste, das unser Land jemals durchstehen musste—abgesehen von der einen Geschichte 2010, als das Nationalteam sich geweigert hat aus dem Bus zu steigen. Aber dieses Jahr bekommt Frankreich die Hoffnung auf Versöhnung durch einen soliden Knaller mit Herz von der Sängerin Lisa Angell. Ihr Lied „N'oubliez Pas" handelt von der Zeit, in der Soldaten das Dorf ihrer Kindheit zerstört haben, wie alles Spiel und Spaß war vor dem Krieg und warum wir uns davor hüten sollten den Deutschen zu vertrauen. Wenn das nicht die Eurovision Top 20 knackt, haben wir wohl keine andere Wahl für das nächste Mal Céline Dion zurückzuholen.

NIEDERLANDE

Trijntje Oosterhuis - „Walk Along"
Trijntje Oosterhuis war damals in den 90ern einer der größten Stars der Niederlande und ist mit ihrer Band Total Touch die Trend-Welle des niederländischen House mitgeritten. Sie ist erwachsen, ihr Sound dabei unendlich langweilig und—wir müssen es uns wohl eingestehen—ziemlicher Mist geworden. Die Nummer, die sie eingereicht hat, „Walk Along" hört sich ein bisschen wie eine Aufnahme einer betrunkenen Mutter auf ihrem Weg zu einer 1990s Revival Party an. Das Lied nervt extrem, aber ist auch ein extremer Ohrwurm.

BELGIEN

Loic Notte - „Rhythm Inside"
Loic Notte ist fast zu jung, um an diesem—oder an irgendeinem—Wettbewerb teilzunehmen. „Rhythm Inside" klingt wie Lorde, nachdem man ihr Album aus Versehen einen Tag lang ununterbrochen hat spielen lassen: Irritierend.

SCHWEDEN

Måns Zelmerlöw - „Heroes"
Måns Zelmerlöw belegte den fünften Platz bei der schwedischen Version von Idol und erlangte so Bekanntheit. Seitdem ist er ein Fernsehmoderator und der typische Mädchenschwarm. Nachdem er schon dreimal der Favorit in der ESC Vorauswahls-Show Melodifestivalen gewesen war, gewann er dieses Mal nicht nur, sondern konnte auch die meisten Zuseher in der Geschichte des Wettbewerbs für sich begeistern.

SPANIEN

Edurne - „Amanecer" (Sunrise)
Edurne wurde durch ihre Teilnahme an einer Talentshow names Operación Triunfo bekannt, was eine Mischung aus Popstars und Big Brother ist. Der Preis dieser Show ist die Teilnahme am ESC. Sie gewann eigentlich nicht, doch das ist egal, denn nun nimmt sie trotzdem am ESC Teil. Abgesehen davon, haben die Spanier überhaupt kein Vertrauen in sie und der Evanescence-Abklatsch macht die Sache nicht besser. Wer kein Spanisch spricht, sollte sich freuen, denn der Text ist schmerzhaft kitschig.

AUSTRALIEN

Guy Sebastian - „Tonight Again"
Jap, Australien nimmt am ESC teil. Keine Ahnung, wieso. Damit ihr es besser versteht: Guy Sebastian hat die erste Staffel von Australian Idol gewonnen. In Erinnerung ist er uns aber für seinen berühmten 'Fro, sein Beyonce-Cover und seine unerschütterliche, bombenfeste Bekenntnis zu seiner Jungfräulichkeit geblieben. Da er vor den 2000er Jahren der gemeinen Meme-Revolution auftauchte, ist unser Land untypischerweise relativ schonend mit Guy umgegangen. Trotz einer glanzlosen post-Idol Karriere ist er ein Liebling der alteingesessenen Industrie geblieben. Und wie kann man eine milchgesichtige, harmlose Beinahe-Berühmtheit besser würdigen als ihn zum ESC zu schicken. Viel Glück, Guy! Du bist ein stolzes Beispiel für das Bemühen unseres Landes für die Mittelmäßigkeit.

DEUTSCHLAND

Anne Sophie - „Black Smoke"
Zuerst das Wichtigste: wir kennen keine einzige Person, die sich wirklich für Anne Sophie interessiert. Die Sängerin, die zuvor auch schon eine Schauspiel-Karriere angestrebt und das mit dem Singen bereits in den USA versucht hat, hat ihren Platz beim ESC nur ergattert, weil ihr Mitbewerber vorzeitig abgesprungen ist. Nicht wirklich der ehrenwerteste Weg zur Qualifikation, oder?

GRIECHENLAND

Maria Elena Kyriakou - „One Last Breath"
Griechenlands Beitrag zum ESC 2015 kommt von der zypriotischen Sängerin Maria-Elena Kyriakou. Ob du es glaubt oder nicht, im Lied geht es um eine Frau, deren Herz gebrochen wurde und unaufhörlich ihren Mann anbettelt, zu ihr zurückzukommen - gähn. Nope, unsere Hoffnung für dieses Stück Schlafkrankheit sind nicht allzu groß.

SERBIEN

Bojana Stamenov - „Beauty Never Lies"
Bonjana, oder die serbische Aretha Franklin, wie sie anscheinend genannt wird, wird Serbiens erste Englisch singende Kandidatin sein. Ihre extrem aufschlussreiche Biografie prahlt mit Lautespielen, Renaissance-Gesang, Häkeln und ein unstillbares Interesse an Kochen. Keine Ahnung, ob ihr das beim Song Contest helfen wird, aber es ist auf jeden Fall gut zu wissen.

FINNLAND

Pertti Kurikan Nimipäivät - **„Aina mun pitää" *(I Always Have To)*
Pertti Kurikan Nimipäivät ist eine 2009 gegründete finnische Punkrock Band. Alle vier Mitglieder haben ein Behinderung. 2012 wurde die Band durch die Dokumentation Das Punksyndrom im ganzen Land bekannt. Die Arbeit der Band hat in Finnland einige wichtige Fragen darüber aufgebracht, wie Menschen mit Behinderungen von der Gesellschaft wahrgenommen werden. Ihr Song „Aina mun pitää", was so viel bedeutet wie „Ich muss immer", ist das kürzeste Lied in der Geschichte des Song Contests.

SCHWEIZ

Mélanie René - „Time To Shine"
Mélanie ist nicht schlecht oder so. Sie ist frankophon, weiblich und hat offensichtlich nicht nur urgermanische Wurzeln. Das würde sie zur perfekten Bundesratskandidatin machen. Nur leider ist ihr Song „My Time to shine" genau gleich langweilig und ersetzbar wie die letzten gefühlten tausend ESC Beiträge der Schweiz und einen Bart sehen wir leider auch nicht wachsen. Die Schweizer halten sich vorläufig noch zurück mit der ESC-Euphorie.

ÖSTERREICH

The Makemakes - „I Am Yours"
Gerüchten nach kann es sich der ORF nicht leisten, den Song Contest ein zweites Mal zu gewinnen und zu veranstalten. Es ist also keine große Überraschung, dass die Österreicher im Vorentscheid eine eher konventionelle Rockband gewählt haben, um das Land zu vertreten. Optimisten sagen, die Makemakes hätten gewonnen, weil sie tatsächlich wüssten, wie man Musik macht und dass Österreich sich beim Heimspiel mit einem bescheidenen Lied präsentieren möchte.

Etwas kritischere Beobachter sagen wiederum, die Band hätte gewonnen, weil der Sänger aussieht wie Conchita Wurst. Wahrscheinlich enthalten beide Theorien einen Funken Wahrheit. So oder so scheint es, als wären bei uns noch immer sehr viele Menschen von Skinny Jeans fasziniert. Es ist, als hätten wir Österreicher noch nie Männer in engen Hosen gesehen. Heimische Journalisten können außerdem nicht aufhören, die außergewöhnliche Gesichtsbehaarung der Bandmitglieder zu erwähnen. Normale Burschen mit Bärten sind in Österreich also noch immer eine Sensation—sogar in einer Post-Wurst-Ära.