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Lasst euch bloß kein Silikon in den Penis injizieren

Mike musste sich in der Charité vier schweren OPs unterziehen, um wieder einen normalen Penis zu bekommen. Die Geschichte eines Mannes, der mit seinem Monster Meat nicht glücklich geworden ist.

von Mike
20 Februar 2015, 1:10pm

Silikonvergrößerungen für Penisse sind leider keine Erfindungen von Spammern, sondern es gibt tatsächlich Menschen, die sich in einem medizinisch nicht vertretbarem Umfeld den Penis aufspritzen lassen. In unserer Doku Monster Meat begleiten wir Micha, der trotz einiger etwas ambivalenter Aussagen relativ zufrieden mit seinem mittlerweile über drei Kilo schweren Penis ist. Dass dieser Eingriff aber, selbst wenn wie hier „geglückt" ist, viele Risiken birgt, erklärt Dr. El-Seweifi im Film. Was passiert, wenn ein Eingriff richtig schiefgeht, konnten wir in der Doku nicht zeigen. Wir haben im Zuge unserer Recherche den Kontakt zu Mike* bekommen, der sich nach einem missglückten Eingriff bei dem gleichen „medizinisch ausgebildeten Bekannten" wie Micha einer langwierigen, schmerzhaften Behandlung in der Charité unterziehen musste. Wir haben Mike gebeten, uns in einer E-Mail seine Geschichte zu erzählen, damit niemand denkt, sich den Penis aufspritzen zu lassen sei eine lustige Idee.

Ich bin die letzten Monate durch die Hölle gegangen, vieles musste ich verdrängen, um mich zu schützen. Daher ist ein intensives Nachdenken über den ganzen Ablauf mehr als hart. Ich habe Kontakt zu den Interessierten, aber auch zu Leuten, die verzweifelt sind. Ich habe einem via Mail geholfen und habe direkt Anfragen aus Kanada, Frankreich usw. bekommen. Es sind somit definitiv nicht alle mit ihren Resultaten glücklich. Übrigens habe ich auch dort den Kontakt zu S* bekommen, der mir vor dem Eingriff einige PDFs mit Fragen und Antworten gegeben hat.

Ich war vor dem Eingriff in einer kleinen Krise, war unzufrieden, unter anderem auch mit dem normalen Ist-Zustand. Jeder kennt den berühmten Badehosen-Effekt, wenn man einen Blutpenis hat. Ich kann nicht sagen, dass ich generell schlecht bestückt war, aber die Schwankungen waren einfach zu enorm und gerade im Sommer frustrierend. Daher wollte ich nie mit dem Eingriff neue Rekorde brechen oder zu einem „Freak" mutieren. Ich wollte stets weiterhin „aktiv" bleiben. Für mich klang der Eingriff als eine schnelle, preisgünstige Lösung, ein nettes „Paket" zu bekommen.

Den Eingriff habe ich Sachsen-Anhalt bei einem einschlägigem Anbieter machen lassen. Ich hatte mit ihm im Vorfeld Kontakt über Gayromeo und in einigen Yahoo-Silikon-Injektions-Foren. Den Namen selbst hat mir ein Bodybuilder per Zufall gegeben, der auch dort selbst schon „Patient" war. Er hat mir gesagt, dass dort alles steril, zuverlässig und zufriedenstellend abläuft. Nur dass der Typ ein wenig „strange" sei. Ich ging somit von einem Piercingstudio aus. Nach einigen Mails habe ich dann einen Termin ausgemacht. Ich bin zuversichtlich angereist, hatte aber vor Ort ein schlechtes Gefühl—das einzige Mal, dass ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört habe. Ein großer Fehler. Das Studio entpuppte sich als normale Wohnung. S* wohnt zusammen mit seinem Freund da, für die Behandlung hat er ein extra Zimmer mit einem medizinischen Stuhl eingerichtet. Beide waren oder sind im medizinischen Bereich tätig, so dass ich mich doch für den Eingriff entschieden habe. Er hat mich gefragt, was ich machen lassen will und ich musste wie bei einem Piercer üblich, eine Erklärung unterschreiben. Auf meine Fragen, ob jemals einer es bereut hat oder es zu schwerwiegenden Problem kommen könnte, kam als Antwort, dass er von einem Behandlungsfall in der Charité wüsste, ansonsten wären alle zufrieden. Die rechtliche Situation wäre geklärt. Im Gegensatz zur Schweiz könne man das hier machen lassen. Er hätte schon diverse Patienten aus der ganzen Welt gehabt und selbst auch schon Ärzte betreut. Diese Aussage hat mich dann beruhigt. Ich habe ihm das wirklich abgekauft, dass er Ahnung von der ganze Sache hat. Meine Wünsche, nur wenig machen zu lassen, hat er auch verstanden und vernommen.

Trotzdem konnte ich es nicht kontrollieren. In der Situation wusste ich nicht, wie viel in so einer Ampulle steckt. Derjenige, der den Eingriff vornimmt, muss sich auf sein Können, sein Wissen und seinen Sinn für ästhetische Proportionen verlassen. Ich lag aufgeregt mit OP-Haube auf den Stuhl. S*s Freund hat eine Ampulle nach der anderen aufgezogen und S* selbst hat an bestimmten Stellen die Injektionen angesetzt. Ich konnte weder richtig runterschauen, noch das Ergebnis und die Menge beurteilen. Die monströse Entwicklung setzt ja auch Tage danach erst komplett ein. Daher ist man ausgeliefert.

Ich kann nicht sagen, ob S* mich überredet hat, mehr zu machen, ich habe nur am Preis bemerkt, dass es wesentlich teurer wurde. Ich hatte das Gefühl, dass er eher eine Art Standardmenge für einen ersten Eingriff injiziert hat, vermutlich daher auch deutlich mehr als gewünscht. Ich kann es wirklich nicht beurteilen. Das hat mich stutzig gemacht. Anscheinend ist diese ganze Sache auch ein lukrativer Nebenerwerb für die beiden. Richtig bewusst wurde es mir, als ich vor Kurzem im Forum gesehen habe, dass S* direkt einen Interessenten angeschrieben hat und ihn geradezu motiviert hat, doch noch vorbeizukommen.

Ich war von Anfang an nicht wirklich zufrieden mit dem Ergebnis, schon auf der Rückfahrt fing die Schwellung an und ich war sehr geschockt. Tage danach wurde der Umfang rasant größer, ich habe mich nicht mehr im Spiegel wiedererkannt. Jeden Tag gab es Schwankungen und Veränderungen, die mächtig auf die Psyche gingen. Die Haut wurde anders, an einigen Stellen kam es zu Verhärtungen und der Schwanz selbst war zwar dicker, aber auf Kosten der Länge. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen. Da ich vorher unbeschnitten war, konnte ich teilweise die Vorhaut nicht mehr zurückziehen, weil alles nur noch wulstig war. Ich musste sogar somit mit einem Tunnel vorne die Öffnung frei halten.

Nach circa drei Monaten, als die Verzweiflung einfach zu groß wurde, habe ich mich schlau gemacht, aber zunächst nur Absagen in medizinischer Hinsicht bekommen. Viele sehen nicht den Menschen, sondern eher einen Freak. Man wird mit Unverständnis konfrontiert und sogar Professoren an Kliniken habe mich nach Hause geschickt, frei nach dem Motto: „Tut mir leid, aber da kann ich nichts machen, aber ihr Werdegang würde mich aus medizinischer Hinsicht interessieren. Können Sie mich kontaktieren?" Das war wirklich frustrierend! Über Umwege habe ich dann den richtigen Kontakt zur Charité in Berlin gefunden.

Der behandelnde Professor dort ist sehr kompetent und hat schon viel extremere Varianten behandelt. Diese Silikoneingriffe sind aus medizinischer Sicht wirklich heikel. Man kann nie zu 100 Prozent sagen, wie der Körper auf den Fremdstoff reagiert, aber anscheinend haben alle die gleichen Symptome. Er sieht das sogar als eine Art Krankheit. Bei mir hat das eine chronische Lymphschwäche hervorgerufen. Sprich: Das System funktioniert nicht mehr richtig und es gibt massive Anstauungen. Es wurde alles unerträglich dick: mein Schwanz so breit wie ein iPhone, die Eier so dick wie eine Honigmelone—nichts ging mehr.

In der Charité wurde ich von einem sehr guten plastischen Chirurgen betreut, der wiederum bei den OP-Terminen Unterstützung von anderen Ärzten z.B. Urologen hatte. Das injizierte Silikon verteilt sich und verkapselt sich nach einer Weile, so dass viel größere Regionen betroffen sind. In meinem Fall waren es der linke und rechte Hodenbereich, der komplette Schwanz und die rechte Leistenseite. Im Vorfeld muss man ein MRT machen, damit man diese Regionen entdecken kann. Ich hatte bis jetzt (nach meinem letzten Stand bin ich aber damit durch) insgesamt vier OPs, was normal ist. In einigen Fällen kann es sogar noch mehr sein. Die Hauptoperation am Schwanz war meine erste, aber auch gleichzeitig die schwierigste und gefährlichste, weil viel schief gehen kann—von Nekrosen (Absterben der Haut) bis zu Gefäß- und Schwellkörperverletzungen.

In meinem Fall bekam ich eine Beschneidung, um auf Anhieb einen größeren Silikon-Bereich zu entfernen. Es erfolgte eine komplette plastische Rekonstruktion, mit einer Beschneidungs- und OP-Naht komplett entlang des Schaftes, an der Unterseite, da wo das Bändchen anfängt. Die Haut wurde aufgeklappt und das Silikon rausgekratzt. Leider kam es bei der Wundheilung zu einem gravierenden Problem: Die Nähte platzten und es sah wie eine geplatzte Currywurst aus. Das war auch der Grund für meine zweite OP.

Die dritte OP befasste sich mit der rechten Hoden- und Leistenseite. Auch hier wurde alles aufgeschnitten, die Haut aufgeklappt und der Silikonanteil entfernt. Die Naht wurde relativ natürlich im Zwischenraum gesetzt. Ich kann wirklich nur empfehlen, das von einem sehr guten plastischen Chirurgen machen zu lassen. Ansonsten dominieren die arg langen Schnittwunden ein Leben lang! Bei dieser Art der Operation kann es im schlimmsten Fall auch zu Nekrosen, Unfruchtbarkeit und Nachblutungen kommen. Die vierte OP verlief ähnlich, diesmal mit der linken Hodenseite. Bei allen Operationen wurden immer wieder auch die Narben rund um den Schwanz korrigiert.

Für die ganze Behandlung benötigt man einen relativen langen Zeitraum, da man zwischen den OPs immer mindestens zwei Monate Wundheilungszeit einrechnen muss. Bei mir war es etwa ein Jahr, bei circa fünf bis zehn Tagen stationärem Aufenthalt pro OP. Die Wundheilung an sich dauert eine gefühlte Ewigkeit. Man verliert komplett das Zeitgefühl und man sieht tagein, tagaus nur noch Wunden und Narben. Die komplette Nachbehandlung und Pflege verschlingt deine komplette Freizeit, ganz zu schweigen von den psychischen Problemen, die damit verbunden sind. Es war ein langer Höllentrip mit extrem destruktiven Gedanken, aber ich habe mich jetzt gefangen und das Ergebnis ist wirklich gut. Von Woche zu Woche wird alles wieder natürlicher, auch wenn ich momentan noch nicht sagen kann, dass alles vorbei ist. Der Professor ist sehr zufrieden und er ist genauso wie ich froh darüber, dass keine Komplikationen aufgetreten sind. Ein normales Sexualleben habe ich bis dato noch nicht erlangt, aber ich bin guter Dinge.

Der ganze Silikoneingriff hat vielleicht ein halbe Stunde oder so gedauert, aber es hat komplett mein Leben verändert. Ich bin ernster geworden und hinterfrage mehr. Die ganze Oberflächlichkeit der Szene etc. Man bekommt zu spüren, wie sexbasiert die schwule Szene ist und dass echte Freundschaften kaum vorhanden sind. Hätte meine Krankenkasse die Operationen nicht komplett übernommen, wäre ich jetzt sicherlich zudem auch noch bankrott. Ich bin kein Moralapostel—jeder nach seiner Façon—, aber man muss bedenken, dass die negativen Effekte einfach überwiegen. Auch wenn man mit dem Silikoneingriff zufrieden sein sollte, Probleme damit haben ALLE. Die meisten wollen es nur nicht zugeben! In den Foren beglückwünscht man sich zu den „Zuwächsen", diese sind aber realitätsfremd und nicht alltagskonform. Sei es, dass bestimmte berufliche oder sportliche Tätigkeiten nicht mehr möglich sind, dass man keine vernünftige Hosen mehr bekommt, dass man keinen mehr hochkriegt, dass man nur noch passiv sein kann, dass man generell als Freak angesehen wird. Meiner Meinung nach sollte diese Art von Injektion verboten werden, solange man die Nebenwirkungen nicht absehen und kontrollieren kann.

Ich bin weiß Gott kein Idiot—ich hatte meine Beweggründe—, habe aber den Fehler meines Leben begangen.

*Namen sind der Redaktion bekannt

Solltet ihr Kontakt zu Mike aufnehmen wollen, schreibt uns eine E-Mail. Ernst gemeinte Anfragen leiten wir nach Prüfung weiter.

Titelfoto: plizzba | Flickr | CC BY 2.0