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Sex

Ich verliebe mich immer wieder in Heroin-Abhängige

Obwohl mein soziales Umfeld kein Verständnis aufbringen konnte, hielt ich an meinen Langzeitbeziehungen mit heroinabhängigen Männern fest. So wurde ich letztendlich zu einem besseren Menschen.
17.2.16
Foto: Cristian C | Flickr | CC BY-SA 2.0

Vor vier Monaten brachte ich meinen Freund James* in eine Entzugsklinik—dabei handelte es sich um die gleiche Entzugsklinik, in der ich damals vor zehn Jahren auch schon meinen ersten festen Freund abgeliefert hatte. Während James sich um den ganzen Papierkram kümmerte und mit Suchtberatern sprach, machte ich mir Sorgen darüber, dass seine Krankenversicherung nur die Kosten für fünf Tage Entzug übernehmen würde, die bei ihm noch nie etwas gebracht hatten. Ich befürchtete, dass James sterben würde.

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Dieses schreckliche Angstgefühl war für mich jedoch nichts Neues. Ich bin jetzt 27 und seit meinem 17. Lebensjahr hatte ich drei Langzeitbeziehungen—und alle drei waren mit Männern, die mit einer Heroinsucht zu kämpfen hatten.

Ich lebe im Delaware County, Pennsylvania, und obwohl Drogen dort augenscheinlich überall präsent sind, kann es sich bei meinen Beziehungspartnern nicht um Zufälle gehandelt haben. Nach meinem ersten Freund Timothy, einem Ringer und Schulkameraden, schwor ich mir, nie wieder mit einem Heroinkonsumenten zusammenzukommen. Ich kiffe ja nicht mal und von Opioiden will ich schon gleich gar nichts wissen. Es ist jedoch wieder passiert.

Ich weiß auch, wie komisch das jeder findet.

Man nimmt immer gleich an, dass ich mich vor allem in den Nervenkitzel der Sucht verliebe. Das ist jedoch nicht wahr: Ich habe mich in ihre Persönlichkeit verliebt, in Menschen, die eben an einer Suchtkrankheit leiden. Als ich sie jeweils kennenlernte, waren meine Freunde keine regelmäßigen Heroinkonsumenten. Einer war viel auf Partys unterwegs und entdeckte irgendwann Opioide für sich; der andere fing mit Heroin an, nachdem ihm das Schmerzmittel Percocet verschrieben worden war; und der letzte befand sich am Anfang unserer Beziehung gerade auf dem Weg der Besserung, wurde dann jedoch rückfällig. Alle drei liebten mich jedoch von ganzem Herzen.

Mit gefielen ihre Leidenschaft sowie ihre Ecken und Kanten. Nach außen hin gaben sie sich tough, aber eigentlich waren sie ganz einfühlsame und nette Menschen—böse Jungs, die sich mit zwielichtigen Typen abgaben, fluchten und oftmals unvorhersehbar agierten. Auf Partys waren sie immer total gesellig und verbreiteten gute Stimmung. Da ich selbst ein doch sehr vorsichtiger Mensch bin, fand ich es unglaublich attraktiv, wie sie immer das Abenteuer suchten. Sie interessierten sich für Dinge, die mir Angst machten. Sie beschützten mich und in ihrem Beisein fühlte ich mich sicher.

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Was ich hier mit „einfühlsam" meine, ist die Tatsache, dass sie Schmerzen kannten. James' Vater beging Selbstmord, was bei ihm und allen seinen sechs Geschwistern zu Suchtproblemen führte. Ryan hatte schon sein ganzes Leben lang mit dem Alkoholismus seiner Mutter zu kämpfen gehabt. Alle meinten immer, ihre Schmerzen gut unterdrücken zu können, aber dennoch gab es da gewisse Unsicherheiten, die sie so sensibel machten—und das ist eine Eigenschaft, die man bei Männern nicht oft findet.

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Ich fühlte mich von ihnen verstanden und geliebt—trotz meiner eigenen Schwächen. Sie waren unbehagliche Menschen, die immer wussten, wie sie ihr Umfeld aufmuntern konnten. Weil ich sie so sehr liebte und sie mich so gut behandelten, setzte ich immer alles daran, sie ebenfalls aufzumuntern.

Meinen Freunden und meiner Familie gefiel das gar nicht. Sie meinten immer, dass ich—eine quirlige Ex-Cheerleaderin, die sogar bei einem schlimmen Kater am liebsten gleich ins Krankenhaus fahren würde—zu gut für diese Typen wäre.

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„Er wird sich niemals ändern", hieß es ständig. Solche Aussagen machten mich jedoch nur noch wütender: Das weiß ich nicht, das weiß er nicht, also warum solltest du das dann wissen? Unter der Dusche weinte ich immer, weil mich einfach niemand verstehen wollte. Selbst im Internet schlugen mir nur negative Kommentare entgegen: „Er ist drogensüchtig? Mach Schluss!"

Niemand schien einsehen zu können, dass ich verliebt war und alles dafür tat, dass es meinem Partner besser geht—genauso wie sie sich um ihre bessere Hälfte kümmern würden, wenn sie krank wäre. Ich hielt mich nicht für etwas Besseres als meine Beziehungspartner, nur weil ich eine leichtere Kindheit hatte.

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Die Leute, die mich runtermachten, sehen auch nicht ein, dass ihre Beziehungen nicht zwangsläufig besser ist, nur weil die Fehler ihrer Partner weniger stigmatisiert werden. Wenn ich an die Beziehungskisten meiner Freundinnen denke, dann kommt in mir kein Neid auf. Ich hätte nämlich überhaupt keinen Bock darauf, mich mit dem Scheiß auseinandersetzen zu müssen, den sie in ihren „normalen" Beziehungen durchmachen.

Ich hatte auch nie Angst, dass mich meine Partner betrügen oder sich in eine andere Frau verlieben würden. Sie waren mir komplett verfallen und das Ganze glich manchmal schon fast einer Obsession. Sie schrieben mir regelmäßig ellenlange Briefe und brachten mir ständig Geschenke mit (ob die nun gestohlen oder gekauft waren, weiß ich nicht). Sie wussten, wie es ist, mit dem Rücken zur Wand zu stehen—und hielten mir meinen deswegen immer frei.

Diese Art der „Alles oder nichts"-Hingabe war einerseits zwar verlockend, manchmal aber auch etwas Schlechtes: Wenn man mit einem solchen Menschen zusammen ist, dann kann das, was man an ihm so attraktiv findet, einen auch in den Wahnsinn treiben. Diese Leidenschaft verwandelt sich schnell in eine Drohung, aus dem Fenster zu springen: „Fünf, vier, drei! Willst du wirklich Schluss machen? Zwei, eins." Das ist dann keine Liebe mehr, sondern nur noch Manipulation. In dieser Situation muss man eine klare Grenze ziehen können.

Natürlich gab es auch noch andere Tiefpunkte—zum Beispiel damals, als Ryan das Buprenorphin ausging und er während der ganzen Fahrt von der Jersey Shore bis nach Hause unter Entzugserscheinungen litt und aus dem Autofenster kotzte. Sein Gesundheitszustand bereitete mir große Sorgen und ich wollte ihn natürlich direkt ins nächste Krankenhaus fahren, aber er weigerte sich.

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Stattdessen steuerten wir eine Straßenecke in Philadelphia an, wo er aus dem Auto sprang, während ich noch voller Panik einen Parkplatz suchte. Schließlich boten mir irgendwelche Typen Drogen an und ich konnte Ryan nirgendwo mehr ausmachen. Mit komplett verheulten Augen malte ich mir alle möglichen Szenarien aus, aber zwei Sekunden später stand er plötzlich wieder neben mir—mit einer Limonade in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen.

An gewissen Drogenumschlagsplätzen kenne ich mich aus wie in meiner Westentasche, ich habe mich schon mit Drogendealern angelegt und ich war auch schon in Autoverfolgungsjagden verwickelt—und das alles nur, um sicherzustellen, dass meine Freunde auch zu ihren Entzugsterminen gingen (natürlich machten sie das nicht). Ich habe mit ihren Familien und Bewährungshelfern telefoniert, mich stundenlang über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten informiert und mich akribisch durch Handy-Verbindungsdaten gewälzt. Meine detektivischen Fähigkeiten sind legendär.

Da ich mich so eingehend mit dem Thema Sucht beschäftigt und auch schon Terminpläne für Entzugstreffen erstellt habe, rede ich manchmal sogar wie jemand, der gerade einen Entzug macht. Ich verwende typische Ausdrücke, ich kenne die Entzugsmantras in- und auswendig und auch der ganze nötige Papierkram ist mir nicht fremd. Dieser Papierkram treibt mich immer in den Wahnsinn.

Wieso ist es so schwer und kompliziert, Hilfe für einen Menschen zu organisieren? Wie oft muss ich bei Facebook noch „RIP" lesen oder einen weiteren Nachruf auf einen „plötzlich verstorbenen" 24-Jährigen aufschlagen, bevor endlich mal etwas unternommen wird? Es war so schwierig, Ryan in einer Entzugsklinik unterzubringen, dass ich sogar scherzhaft meinte, einen auf John Q zu machen.

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Es bricht einem das Herz, einen geliebten Menschen so leiden zu sehen. Ich habe gestandene Männer beim Weinen beobachtet, weil sie keine Ahnung hatten, wie sie diese eine Sache beenden können, die ihr Leben zerstört. Aufgrund ihrer Fehler entwickelte sich in ihnen ein unglaublicher Selbsthass. Deswegen wollte ich ihnen das Gefühl geben, dass wir zusammen auch ohne Drogen glücklich werden könnten. In den Nächten des Entzugs blieb ich die ganze Zeit bei ihnen, zündete Kerzen an und legte meditative Musik auf.

Meine Liebe war jedoch nicht genug. Sie konnten es nicht für ihre Mütter durchziehen, sie konnten es nicht für sich selbst durchziehen und sie konnten es auch nicht für mich durchziehen.

Und selbst in den kurzen Abschnitten, in denen sie clean waren, wurden die Dinge nicht einfach so wie durch Zauberhand besser. James ist jetzt seit einem Monat von Opioiden runter und er fragt mich ständig, wann wir wieder zusammenkommen—so als ob ich ihm durch das Ende seiner Sucht jetzt irgendetwas schuldig wäre. Bei uns war es damals jedoch so, dass ich ihn immer beschuldigte, high zu sein, und ihm ständig hinterherspionierte. Das tat keinem von uns beiden gut. Seine Sucht war einfach zu einem solch integralen Bestandteil der Beziehung geworden, dass unsere Probleme durch seine Abstinenz auch nicht mehr gelöst werden konnten.

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Das alles bedeutet jedoch nicht, dass ich zu einer verbitterten Frau verkommen bin. Ich beendete die Beziehungen, weil sie zwar alle wunderschön anfingen, mir letztendlich jedoch nur noch Kummer bereiteten. Meine Ex-Freunde sind mir allerdings auch heute noch extrem wichtig und ich versuche, mich regelmäßig bei ihnen zu melden. Derzeit sind sie alle vom Heroin weggekommen und ich bin mir sicher, dass sie stark bleiben und sowohl sich als auch anderen Menschen glücklich machen werden—genauso, wie sie mich damals glücklich gemacht haben.

Ich weiß nicht, ob mein Beziehungsmuster ewig so weitergehen wird. Auf jeden Fall bereue die Zeit, die ich mit diesen Menschen verbracht habe, nicht. Diese Beziehungen haben mir nämlich gezeigt, wie man noch intensiver liebt, wie man für seine Liebe und seine Überzeugungen kämpft und wie man eine Person niemals aufgibt, egal wie hoffnungslos die Situation auch erscheinen mag.

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Anders gesagt: Meine Ex-Freunde haben mich zu einem besseren Menschen gemacht.

*Alle Namen geändert. Bree Marie ist ebenfalls nur ein Pseudonym.

Dieser Artikel wurde zuerst bei The Influence veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein Nachrichtenportal, das sich mit unserer Beziehung zu Drogen auseinandersetzt.


Titelfoto: Cristian C | Flickr | CC BY-SA 2.0