Wir haben die Drogen von Festivalbesuchern getestet

„Bist du ein Zivilbulle? Weil falls dem so sein sollte, dann kannst du dich gleich verpissen."

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17 September 2015, 8:22am

Als ich auf der Isle of Wight ankomme, teile ich mir mit zwei Jungs aus London ein Taxi. Unser Ziel ist das Bestival, also das letzte große britische Festival des Sommers. Meine Mitfahrer haben offensichtlich Großes vor, denn sie haben sich beide schon vor der Überquerung des Solents ein paar Pillen eingeschmissen.

„Wir haben aber noch genügend Zeug dabei", erzählt mir einer der Typen stolz. „Ich verstecke die Ware immer zwischen meinem Schwanz und meinen Eiern. Mache ich jedes Jahr, funktioniert einwandfrei."

Einen Tag nach dem Beginn des Festivals komme ich am Freitag schließlich auf dem Gelände an und laufe an den ganzen Drogen-Abfalleimern am Eingang vorbei—natürlich nicht, ohne mal einen Blick reinzuwerfen. Die meisten sind entweder ziemlich leer oder nur voller Kartons. Eins steht fest: Die Leute, die ihren Serotonin-Vorrat übers lange Wochenende erschöpfen wollen, gehen wohl auch das Risiko ein, bei den groß angekündigten Taschenkontrollen mit Spürhunden rausgezogen zu werden.


Auch ich bin an den eingetüteten Sachen interessiert, die sich die Festivalgänger anscheinend an ihren Genitalien festbinden. Ich habe dafür allerdings nicht die gleichen Gründe wie die Polizisten oder die Security-Mitarbeiter, die vorm Eingang stehen. Nein, ich habe verschiedene Drogentest-Kits mitgebracht, mit denen man die Reinheit und die (eventuell ungewollten) Zusätze der narkotischen Substanzen herausfinden kann. Ich will nämlich schauen, welche Mittel sich die jungen Leute heutzutage bei Musikfestival reinpfeifen und ob es die Konsumenten schert, dass sich darin möglicherweise ekelhafte Streckmittel befinden, die eigentlich für die Entwurmung von Nutztieren verwendet werden.

Nachdem ich mein Zelt aufgebaut habe, sehe ich mich auf den Campingplätzen um und bin ganz heiß darauf, verkaterte Fremde davon zu überzeugen, mir einen kleinen Teil ihrer Drogen abzugeben, damit ich das Ganze in einem Reagenzglas zerstören kann.


„Bist du ein Zivilbulle?", ist die Antwort, die mir am häufigsten entgegengebracht wird. „Weil falls dem so sein sollte, dann kannst du dich gleich verpissen."

„Nein, ich bin kein Polizist", entgegne ich und schaffe es so regelmäßig—und überraschend einfach—, die Leute davon zu überzeugen, mir zu vertrauen, und ihnen die Angst davor zu nehmen, dass ich ihnen Handschellen anlegen und die Drogen konfiszieren werde, für die sie einem zwielichtigen Typen einen Haufen Kohle in die Hand gedrückt haben.

Kokain scheint nicht wirklich beliebt zu sein, denn nur sechs der 35 von mir befragten Gruppen geben an, davon etwas dabei zu haben. Drei der Proben stammen aus London und der gesamte Discostaub ist genauso qualitativ hochwertig, wie ich mir das vorgestellt habe—also ziemlich scheiße, denn das Kokain, das man in London kaufen kann, besitzt fast nie eine hohe Reinheit. Alle Proben erreichen nur den Wert „mittelhoher Kokaingehalt", was laut den Experten hinter den Tests eine Reinheit von ungefähr 40 Prozent bedeutet.

Das hauptsächliche Streckmittel in den von mir getesteten Proben ist Benzocain, ein pharmazeutisches Medikament, das bei dentaler Betäubung und in Halssprays verwendet wird. Dieses Mittel kommt bei der Kokainstreckung häufig zum Einsatz, weil es dein Zahnfleisch taub macht, wenn du das Zeug darauf verreibst. Und wie wir alle aus dem Fernsehen wissen, ist das ein glasklares Anzeichen für die hohe Qualität der Ware.


Ein Typ, der sein weißes Pulver in Reading besorgt hat, erlebt eine böse Überraschung, als sich seine Probe grün verfärbt, denn das bedeutet, dass in seinem teuren Stoff Levamisol vorhanden ist. 2014 behauptete ein hoher Regierungsbeamter, dass bis zu vier Fünftel des Kokains aus dem Vereinigten Königreich mit dem Medikament aus der Tiermedizin gestreckt seien (normalerweise entwurmt man damit Nutztiere wie Pferde oder Kühe). Südamerikanische Drogenbarone nutzen das Ganze zur Kokainstreckung, denn es entfaltet beim Menschen eine ähnliche Wirkung wie die Droge. Der Haken? Leider wird dadurch auch die Produktion der weißen Blutzellen unterbunden und unsere Haut fängt an zu faulen.

„Ich kaufe mein Koks jetzt schon seit Monaten bei diesem Dealer und wenn ich den Scheiß vorher mal getestet hätte, wäre ich nie wieder auch nur in die Nähe dieses Typen gegangen", erzählt mir der Mann aus Reading. „Ich werde mir das Zeug dieses Wochenende aber wohl schon reinfahren, ich habe es jetzt ja auch schon gekauft. Wieder zu Hause suche ich mir aber definitiv eine neue Bezugsquelle."

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Es ist kaum überraschend, dass auch das Kokain aus den anderen Teilen Englands nicht gerade mit einer hohen Reinheit glänzen kann: Die restlichen Tests ergeben wesentliche Lidocain-Anteile. Lidocain betäubt genauso wie Benzocain die Haut und das Zahnfleisch. Die beiden Medikamente können für knapp 15 Euro pro Kilo eingekauft werden und bei einem Wiederverkaufswert von bis zu 70.000 Euro (natürlich „getarnt" als Kokain) kann man auch verstehen, warum sich das Ganze für die Dealer so lohnt.


Beim Testen der Pillen will ich vor allem herausfinden, ob sie pures Ecstasy enthalten oder auch noch mit anderen chemischen Zusätzen gestreckt sind. Drei Gruppen aus Brighton ziehen einige knallgelbe Tabletten aus der Tasche, die sich im Reagenzglas lila verfärben und damit ein hohes Ecstasy-Level gegeben ist. Zwei Proben aus Manchester scheinen ebenfalls clean zu sein.


Dieser Umstand macht diese Festivalgänger doch sehr glücklich darüber, dass sie mir zu Testzwecken etwas von ihren Drogen abgegeben haben.

Von einigen anderen Feierwütigen kann ich das leider nicht behaupten.

Harry aus Catford hat sich in der vorhergegangenen Nacht einige Pillen besorgt. „Gestern habe ich mir von irgendeinem Typen im großen Zelt ein bisschen Stoff gekrallt, während Action Bronson auf der Bühne einen durchgezogen hat", erzählt er mir.


Bei umgerechnet knapp 30 Euro pro Pille hat er da tief in die Tasche greifen müssen und als er sich noch an Ort und Stelle eins der Teile einwarf, spürte er nichts. Nach intensivem Testen (jede Probe wird von mir dreimal überprüft, damit ich auch wirklich das korrekten Ergebnis erhalte) und einem Gang zum Apotheker kommen wir zu dem Schluss, dass es sich bei der Pille mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine halbe nach Orangen schmeckende Rennie-Tablette handelt—ein Mittel gegen Sodbrennen, das noch nie jemanden dazu gebracht hat, fremde Leute zu umarmen und dabei bis ins kleinste Detail von der Trennung der Eltern zu erzählen.

„Ich muss zugeben, dass das Ganze schon ein bisschen nach Rennie geschmeckt hat", seufzt Harry und zieht danach von dannen, um seine Pillen weiterzuverkaufen.


Eine weitere Pillenprobe ergibt eine Mischung aus Ecstasy und DXM (Dextromethorphan), was dann doch ein wenig Sorgen bereitet, denn DXM ist eine Substanz, die man vor allem in Hustensaft findet. In hohen Dosen kann man sich dadurch ein wenig benommen fühlen und wenn man das Ganze schließlich noch mit Ecstasy sowie einer durchgetanzten Nacht vermischt, dann ist man anschließend viel anfälliger für Hitzschläge.

„Ganz ehrlich, das werde ich nicht nehmen", meint Sarah aus Portsmouth, in deren Pille sowohl Ecstasy als auch Spuren von PMA—eine chemische Verbindung, die für mehr als 100 Todesfälle im Vereinigten Königreich verantwortlich sein soll, darunter drei Männer erst Anfang des Jahres—nachgewiesen werden konnten. PMA ist deutlich stärker und viel giftiger als die MDMA-Verbindung (das Zeug aus deinen Ecstasy-Pillen) und kann schon in kleinen Dosen tödlich sein. Außerdem dauert es viel länger, bis bei PMA der Rausch einsetzt, weswegen viele Menschen eine zweite Pille hinterherwerfen, bevor sich die Wirkung der ersten überhaupt entfalten konnte, was die Gefahr nur noch weiter erhöht.


Bei 15 Stichproben aus dem gesamten Vereinigten Königreich war die Reinheit des getesteten MDMA hoch. Zwei Gruppen aus Wales hatten einen niedrigen MDMA-Gehalt, aber in keinem unserer Tests konnten wir identifizieren, welche anderen Inhaltsstoffe dazu gemischt worden waren.

Bei der Probe von Alice aus Cornwall konnten wir gar kein MDMA nachweisen. „Ich bin jetzt schon ein bisschen besorgt", sagt sie, als wir gemeinsam die Testlösung anschauen, die uns auch nicht verraten konnte, was genau in ihrem Pulver gesteckt hat. „Ich habe davon gestern Nacht etwas genommen und auch gefühlt, aber jetzt habe ich null Plan, was genau ich da eingenommen habe."

Im Gegensatz zu einigen Leuten, mit denen wir gesprochen haben, kennt Alice ihren Dealer ziemlich gut. Also nimmt sie ihr Handy raus und beginnt, ihm wütende Snapchat-Nachrichten zu senden.

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In einer Probe haben wir Amphetamine gefunden, die den Besitzer dazu gebracht haben, sich „noch einmal zu überlegen", ob er sein MDMA trotzdem nehmen würde. Wirklich überzeugend klang er aber nicht.

Ich wollte ursprünglich auch Ketamin testen, doch nur zwei Leute vor Ort gaben an, etwas dabei zu haben. Ist es Bestival-Gängern am Ende nur zu peinlich zuzugeben, dass sie noch immer K nehmen? Oder wirkt sich der Ketamin-Engpass aus dem letzten Jahr auch auf das Jahr 2015 noch aus? Oder lagen einfach nur alle K-Konsumenten just in dem Moment, wo ich sie befragen wollte, in ihren Zelten in einem K-Hole?

Ich befürchte, wir werden es niemals herausfinden. Wie dem auch sei, die beiden Proben, die ich sicherstellen konnte, haben in keinster Form reagiert, was entweder bedeutet, dass sie rein waren—oder eben zu 100 Prozent aus Kreide. Oder die Tests haben nicht geklappt. Oder ich habe einen Fehler gemacht. So oder so: Meine geplante Ketamin-Studie war für den Arsch.


Auch wenn sie einen gewissen Eindruck über die Drogen, die heutzutage konsumiert werden, liefern konnten, erheben meine Tests natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Das fängt schon bei meinen Testgeräten an. Schließlich bekommt man für einige Tausend Euro Maschinen, die einem genau sagen können, welche Inhaltsstoffe in einer gegebenen Verbindung vorliegen. Dr. Adam Winstock vom Global Drug Survey vertritt die Auffassung, dass Geräte, so wie ich sie verwendet habe, nicht wirklich geeignet seien, um sichere Ergebnisse zu liefern.

Sollten Festivals also eigene Drogentests dieser Art bereitstellen, damit ihre Besucher wissen, dass das, was sie einzunehmen gedenken, sicher ist?

Nick Jones, Geschäftsführer von EZTest—dem Unternehmen, das uns die Testgeräte zur Verfügung gestellt hat—sagt, dass seine und ähnliche Firmen schnell in einer rechtlichen Grauzone landen können. „Unsere Tests könnten vielerorts schon Anwendung finden, doch wir haben das bisher noch nicht forciert, weil wir fürchten, damit in Teufels Küche geraten zu können", erzählt mir Nick am Telefon und ergänzt, dass der Verkauf dieser Geräte, wenn man sie explizit „zur Risikominimierung" verkaufen würde, „wahrscheinlich gegen geltendes Recht verstoßen würden."

Als ich von Jones wissen will, warum er nicht auf Festivals testen würde, antwortet er, dass die Betreiber nicht ihre Lizenzen verlieren möchten. „Indem man Drogentests anbietet, gibt man indirekt zu, dass Drogen auf dem Gelände konsumiert werden, was den Behörden und der Polizei überhaupt nicht schmeckt."

Unabhängig davon, was den Behörden und der Polizei schmeckt, werden Festivalgänger aber weiterhin Chemikalien zu sich nehmen, die sie seltsam, energetisch und verliebt füllen lassen, so wie sie es schon seit Jahrzehnten tun. Und ohne gewisse Mechanismen zur Schadenskontrolle vor Ort werden in Zukunft weiter Leute ihr Leben lassen.

Beim diesjährigen Kendal Calling—einem dreitägigen Festival im Nordwesten Englands—ist ein 18-Jähriger nach der Einnahme von Pillen gestorben. Aufgrund der gleichen Pillen mussten acht weitere Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Insgesamt haben wir 22 verschiedene Proben von gerade einmal 100 Personen getestet und schon bei dieser kleinen Menge haben wir alarmierende Ergebnisse erhalten.


Die Testgeräte sind verdammt leicht zu bedienen und kosten umgerechnet nur ein paar Euro. Sie können definitiv Leben retten, und ich kann nur jedem Drogenkonsumenten die Anschaffung eines solchen Gerätes wärmstens ans Herz legen.

Die Personen, mit denen ich mich unterhalten habe, waren froh zu wissen, was sie im Begriff waren einzunehmen. Manche haben ihre Drogen weggeworfen, andere haben sie trotzdem genommen, doch das Wichtigste war, dass ein jeder von ihnen eine fundierte Entscheidung treffen konnte.

Ach ja, kauf deine Pillen niemals bei irgendeinem Typen um drei Uhr nachts im Zelt. Es sei denn, du leidest an hartnäckigen Verdauungsbeschwerden, die unbedingt behandelt werden müssen.