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Reisebericht eines Flüchtlings

Mein Onkel hat mir erzählt, wie er vor 17 Jahren von Nigeria in die Schweiz geflüchtet ist und was ihm auf der Flucht widerfahren ist.
20.8.15
Foto von Stefan Kühn, Wikipedia

Pünktlich vor den National- und Ständeratswahlen und dem sogenannten Sommerloch haben sich Politiker und Journalisten gleichermassen dem ewig gleichen Thema gewidmet: den Flüchtlingen. Wie Daniel Binswanger im Magazin schon treffend bemerkte: „Es ist schäbig und menschenverachtend, auf dem Rücken von Flüchtlingen Wahlkampf zu treiben." Doch das hält SVP, PEGIDA und Co. natürlich keineswegs davon ab, Eritreer, Muslime und generell alles, was ihnen nicht „abendländisch" genug ist mit Schall und Rauch in der Öffentlichkeit zu verunglimpfen.

Es ist tatsächlich unglaublich, wie das immer gleiche Thema—man nennt es übrigens auch Menschenleben—diskutiert wird, als handle es sich um eine Debatte über den Sinn des Lebens. Rechts wie Links schwingt mit Degen und Schwert Argumente umher, denen völlig unterschiedlichen Auffassungen über den Wert eines jeden Menschen sowie die Verantwortung der Schweiz entspringen. Es ist zum Totlachen.

Ich wurde schon mit dem Thema Flucht, Asyl und Schweizer Pass konfrontiert, als ich mir noch in die Windeln schiss. Mein Vater hatte vor meiner Geburt und der Hochzeit mit meiner Mutter mit einigen Problemen zu kämpfen. Es ist einfach, in der Flüchtlingsdebatte mit den Achseln zu zucken und Phrasen wie „Wir können auch nicht jedem helfen" zu dreschen, wenn man mit seinen Schweizer Eltern in ländlicher Idylle vor sich hin vegetiert und aufgedunsene Wasserleichen auf dem Mittelmeer nur (wenn überhaupt) aus dem Fernsehen kennt.

Foto von Noborder Network | Flickr | CC BY 2.0

Ich habe meinen Onkel gebeten, mir die Geschichte seiner Flucht zu erzählen und er hat sich dazu bereit erklärt. Der Zweck dieses Artikels besteht darin, das Klischee des Sozialhilfe beziehenden, Schweizer abstechenden Flüchtlings zu widerlegen und zu zeigen, dass man nicht einfach mal so aus Spass sein Land verlässt. Die Reise meines Onkels in die Schweiz war in etwa so angenehm wie eine Runde Russisch Roulette mit Kim Jong-un:

„Mein Vater starb, als ich ein Teenager war. Meine Mutter musste sich also allein um mich und fünf weitere Kinder kümmern. Hinzu kam, dass sie keinen Job hatte. Um sie zu unterstützen, arbeiteten meine Schwester und ich bereits, als wir sehr klein waren. Ich verkaufte Früchte auf der Strasse und putzte die Wohnungen reicher Leute. In die Schule zu gehen war für uns finanziell nicht möglich.

Es war ein hartes Leben für einen Jugendlichen. Also entschloss ich mich eines Tages, in die Schweiz zu reisen, wo bereits mein grosser Bruder lebte. Ich sparte Geld, welches ich bei meinen Gelegenheitsjobs verdiente, um die Reise zu finanzieren. 1200 Franken konnte ich mit der Hilfe meiner Familie in Nigeria zusammenbringen, zusätzliche 800 gab mir mein Bruder.

Religiöser Konflikt in der nigerianischen Stadt Jos, wo einer meiner Onkel verschwandFoto von Diariocritico de Venezuela | Flickr | CC BY 2.0

Ich war 17 Jahre alt, als wir uns in einer Gruppe von dreissig Leuten mit dem Auto auf den Weg nach Marokko machten. Die Fahrt ging etwa drei Tage. Bis zum Ort, wo das Boot nach Spanien auslief waren es zwei weitere Nächte Fussmarsch. Am Tag mussten wir uns vor der Polizei verstecken. Dann sind wir meistens in verlassene Häuser und haben geschlafen und gegessen. Dieser Fussmarsch war das Anstrengendste, was ich in meinem Leben je getan habe.

Die Schlepper waren immer Menschen aus dem Land, in dem wir uns gerade befanden. Sie waren Bestien. Am Anfang der Reise haben sie uns den Pass weggenommen und ich wurde Zeuge davon, wie sie vor aller Augen Frauen vergewaltigten, Männer schlugen und manche von uns sogar töteten. Den Flüchtlingen, die ein bisschen mehr Geld hatten als andere, nahmen sie dieses ausserdem einfach weg. Mir taten sie zum Glück nichts, weil ich der Jüngste von allen war und kaum Geld hatte. Sogar die algerische Polizei vergriff sich an den Frauen unserer Gruppe. Und da Kondome in Algerien verboten sind, wurden viele der Frauen schwanger.

Auf dem Boot waren wir schliesslich 200 Leute. Man kann sich das Boot als Kinderspielzeug mit einem angeklebten Motor vorstellen. Die Leute hatten alle Todesangst, nur die Schlepper fürchteten sich nicht, für sie war das Routine. Niemand wusste, ob wir heil in Spanien ankommen würden. Zum Glück gab es aber keinen Sturm. Acht Stunden später erreichten wir dann die spanische Küste.

In Spanien hat uns das Rote Kreuz Essen und Kleider gegeben. Wir mussten auf der Strasse schlafen, weil die Asylheime restlos überfüllt waren. Es war bitterkalt. Wenn wir Glück hatten, konnten wir für eine Nacht in einer Kirche unterkommen. Die Leute dort haben uns nicht respektiert, niemand wollte etwas mit den schwarzen Flüchtlingen zu tun haben. Sie haben uns wie Tiere behandelt, sahen uns als Schmarotzer und haben uns höchstens mal was zu essen gegeben.

Foto von Flickr upload bot | Wikipedia | CC BY 2.0

Wenn man damals Europa erreicht hatte, konnten sie einen nicht mehr zurückschicken. Wir bekamen von den Behörden Flüchtlingspapiere. Nach vier Monaten bin ich weiter nach Italien. Dort wohnte eine nigerianische Freundin von mir. In ihrer Wohnung konnte ich schlafen und ich verdiente Geld, indem ich als Hausierer von Tür zu Tür ging und Dinge wie Seife oder Gabeln verkaufte. Natürlich verkaufte ich so gut wie nichts. Nach etwa einem Jahr hatte ich das nötige Geld erspart, um mir ein Zugticket in die Schweiz zu kaufen.

Ich nahm den Nachtzug nach Zürich. Ich wurde nicht kontrolliert und erreichte um sechs Uhr morgens den Zürcher Hauptbahnhof. Zuerst wurde ich in einem Asylheim untergebracht. Da ich noch kein Deutsch konnte, durfte ich in eine Sprachschule und danach bekam ich meinen ersten Job. Ich war Lagerist im Brockenhaus und verdiente zwischen 400 und 500 Franken pro Monat. Aber ich war froh, dass ich arbeiten konnte. Natürlich hatte ich in dieser Zeit Angst, dass ich nach Nigeria zurück müsste, ich lebte in ständiger Ungewissheit.


Weitere Erfahrungen von Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa:


In der Schweiz habe ich am meisten unter dem Rassismus gelitten. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich als ‚Neger' oder ‚Affe' bezeichnet. Das hat mich fertiggemacht. Dass die Polizei mich und andere Asylbewerber direkt vor den Passanten gefilzt hat, war auch eine schlechte Erfahrung. Ich bin manchmal halbnackt mitten auf der Strasse gestanden und durchsucht worden. Als ich dann Deutsch konnte, habe ich aber angefangen, mich zu wehren. Zum Glück hatte ich Familienangehörige in der Schweiz, die mich unterstützten: Meinen grossen Bruder und seine Tochter.

Vor 15 Jahren habe ich dann eine Frau kennengelernt und mich in sie verliebt. In den ersten Jahren wollte ich nur noch zurück nach Nigeria, ich war jung und befand mich inmitten einer fremden Kultur und fremder Menschen. Inzwischen habe ich aber zwei Kinder, einen guten Job, eine eigene Wohnung und viele Freunde. Ich kann ausserdem nicht mehr sagen, wo ich mich mehr zuhause fühle: in der Schweiz oder in Nigeria. Ich bin dankbar, dass alles so gut rausgekommen ist für mich. Das hätte ich niemals erwartet. Wenn mir Leute in Nigeria aber sagen, dass sie auch nach Europa flüchten wollen, rate ich ihnen davon ab. Ich würde das alles kein zweites Mal machen, könnte ich die Zeit zurückdrehen.

Flüchtling in Berlin während eines HungerstreiksFoto von Fraktion DIE LINKE. im Bundestag | Flickr | CC BY 2.0

Ich denke nach fast 17 Jahren immer noch an die Flucht, musste deswegen auch zu einem Psychiater. Die Bilder von Menschen, die vor meinen Augen vergewaltigt, geschlagen und getötet werden, lassen mich nicht los. Es wird über die Jahre aber immer besser.

Wenn ich etwas an der Schweizer Asylpolitik kritisiere, dann die mangelnde Gelegenheit für Flüchtlinge zu arbeiten. So haben sie ja gar keine andere Möglichkeit als kriminell zu werden! Ausserdem habe ich ein Problem mit dem mangelnden Respekt Asylbewerbern und Flüchtlingen gegenüber. Es ist kein Spass, zweieinhalb Monate auf der Flucht zu sein und die Aussage: ‚Bleibt doch einfach, wo ihr seid' ist viel zu einfältig. Und als letztes: Asylanten sollten mehr in die Gesellschaft integriert werden. Sie kommen ohne Schweizer Pass nicht mal in einen Club. Sonst habe ich wenig an der Schweiz zu bemängeln: Ich habe einen guten Job und bin krankenversichert, alles undenkbar in Nigeria."

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Titelbild von Stefan Kühn | Wikipedia | Public Domain Mark 1.0