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Journalisten nach der Flucht

Wie es ist, das erste Mal ohne Angst auf eine Gay Pride zu gehen

Wer im Libanon, dem Herkunftsland unseres Autors, eine LGBT-freundliche Veranstaltung besucht, muss mit Polizeigewalt rechnen. Wien ist anders.

von Yassin Hawwa
23 Juni 2016, 4:00am

Fotos: privat

In dieser Reihe schreiben geflüchtete Journalisten über ihr neues Leben in Europa. * English version below. *

Ich komme aus einer der demokratischsten Gesellschaften des Nahen Ostens, dem Libanon, aber wenn es um LGBT-Rechte geht, fühle ich mich, als würde ich aus einem anderen Universum kommen. Viele meiner Landsleute sind leider kleingeistig und akzeptieren Menschen nicht so, wie sie sind.

Im Libanon haben viele LGBTs Angst, sich zu outen, weil sie nicht von der Gesellschaft verstoßen werden wollen, und nicht anders angesehen werden wollen als Heterosexuelle. Ich habe homosexuelle Freunde im Libanon, aber erst nach vier Jahren Freundschaft erzählten sie mir es heimlich. Einige fühlen sich unsicher, sind introvertiert. Nur selten hängen sie mit Leuten ab, die sie nicht kennen. Lieber bleiben sie im engen Freundeskreis. Einige baten mich sogar, nicht mehr über sie in diesem Text zu verraten, da es vielleicht negative Konsequenzen für sie haben könnte.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich einmal meine Mutter reinlegen wollte und ihr sagte, dass ich auf Männer stehe und einen Freund habe. Ihre Reaktion hat mich überrascht. Sie hat geschrien und versucht, mich zu schlagen. Als ich ihr sagte, dass ich ein Atheist bin, passierte das nicht.

Das Gefühl, Menschen zu sehen, die ihr Leben ohne Angst beschreiten, ist überwältigend.

Obwohl seitens der Bevölkerung nach wie vor viel Ignoranz und Hass gegenüber Homosexuellen herrscht, ist deren größtes Problem der Staat und dessen politische und religiöse Führer. Wenn ein Homosexueller auf der Straße geschlagen wird und er sich an die Polizei wendet, kann es sein, dass er wegen seiner Sexualität eingesperrt wird—und die Angreifer nicht. Die schwerste Hürde, die die libanesische LGBT-Community ertragen muss, ist ein Gesetz im Strafgesetzbuch, das "Sex gegen die Natur" verbietet und mit bis zu einem Jahr im Gefängnis bestraft.

Ich bin jetzt seit neun Monaten in Österreich. Ich habe sowohl Männer als auch Frauen gesehen, die mit dem jeweils gleichen Geschlecht rumgemacht haben. Das Schönste daran war, dass sie niemand angestarrt hat oder sich davon angeekelt fühlte. In diesem Moment habe ich gemerkt, wie glücklich diese Menschen in einer Gesellschaft leben, in der Menschen als Menschen akzeptiert werden. Ich glaube, das ist eines der wichtigsten Dinge, um als Gesellschaft erfolgreich zu sein und jedem Sicherheit zu gewährleisten.

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Foto: smashu | Flickr | CC BY 2.0

Am vergangenen Wochenende habe ich die Wiener Regenbogenparade besucht. Im Libanon gibt es so etwas nicht. Wer auf eine LGBT-freundliche Veranstaltung geht, muss mit Polizeigewalt rechnen. In Wien hingegen war es eine Freude zuzusehen, wie jeder für die Rechte der anderen aufstand—sogar der österreichische Kanzler. Ich habe homo-, hetero-, transsexuelle und bisexuelle Menschen gesehen. Alle vereint unter dem Motto "Alle anders, alle gleich". Das macht für mich eine bessere Welt aus. Ich habe mit Freunden und Fremden getanzt. Das Gefühl, Menschen zu sehen, die ihr Leben ohne Angst beschreiten, ist überwältigend.

Ich hoffe, andere Menschen—besonders aus meinem Land—verstehen eher früher als später, dass Sexualität so weit wie der Ozean ist. Ich hoffe, sie verstehen, dass ihre Moralvorstellungen hier nicht Gesetz sind. Ich hoffe, sie verstehen, dass sie nichts zu sagen haben, wenn sich Menschen dazu entschließen, Sex zu haben.

Ich habe vor queren Menschen Respekt wie vor jedem anderen auch. Anders als einige Bekannte halte ich das nicht für einen heroischen Akt. Liebe und Erbarmen sind Grundbedürfnisse, kein Luxus. Ohne sie kann kein Mensch und auch die Menschheit als Ganzes nicht überleben. Man muss kein LGTB sein, um LGBT-Rechte zu unterstützen.

Folge Yassin auf Twitter: @yassinovic89

* ENGLISH VERSION *

How it feels to join a gay pride parade for the first time without any fear

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I come from Lebanon, one of the most democratic societies in the Middle East. But when it comes to gays rights, I feel like I hail from another universe. A lot of people are really narrow-minded when it comes to such topics. They lack any appreciation for human dignity and accepting people just as they are.

Some people are afraid to declare themselves as gay because they don't want to be treated as if they belong in society, or because they don't want people to look at them in a way that's different to the way they see straight people. I have gay friends and I didn't know that they are gay; they only told me after 4 years of friendship—and even then, they just came out to me in secrecy. Some of them still feel insecure and introverted. They rarely hang out with people they don't know; they try to keep it intimate. My friends even asked me not to write more about them, because they are still afraid of the consequences.

I remember one day, I wanted to prank my mom by telling her that I have a boyfriend and I'm into men. I was really surprised by her reaction, as she started to shout and tried to hit me. I didn't see the same reaction when I told her I'm an atheist.

Although there's still a lot of ignorance and hate coming from society against LGBT people, the main problem is the state and its political and religious leaders. If a gay gets beaten and goes to the police, he could be jailed simply for being gay, and the attackers walk away unpunished. The main obstacle faced by Lebanon's gay community is an article of the Lebanese penal code, which declares "penetrative sex against nature" to be a crime punishable by up to a year in jail.

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Foto: Janos Korom | Flickr | CC BY 2.0

I've been in Austria for almost 9 months now. I've seen a man making out with a man and a woman making out with another woman. The thing that I liked the most was that nobody stared at them nor felt disgusted by what they saw. At that moment, I realized how happy these people live in a society who respects you just for being a human regardless of your sex, race, religion, gay or straight. I think that's one of the most important elements for a society to be successful and provide safety to everyone.

Last weekend, I went to the gay pride parade in Vienna. We don't have such thing in Lebanon. People who join gay friendly events or demonstrations are likely to face violence from the police. However, in Vienna, I was extremely happy to see everyone standing up for other people's rights—including the Austrian chancellor. I saw different kinds of people: straight, gays, homosexuals, transsexuals, bisexuals. They were all united by one concept: "all different, all equal". And for me that's what makes the world a better place. I was dancing with friends and sometimes with people I don't know. The feeling you get seeing people practicing their daily life without any fear is overwhelming.

I hope other people especially in my country will understand sooner than later that sexuality is as wide as the sea. I hope, they understand that their morals shouldn't be our law. I hope, they understand that if others decide to have sex, no matter if straight or gay, they have no right to interfere with their lovemaking. I have full respect for gay people just as I have respect to any other human being. I don't think this is a heroic act. Love and compassion are necessities, not luxuries. Without those things, humans and humanity can't survive. You don't have to be gay to support gay rights. All you have to be is a human being who appreciates life and sees it as something worth living for everyone.