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Woher kommt meine Zwangsstörung?

Es nervt mich, wenn die Leute stolz behaupten, sie seien so obsessiv, wenn sie mir ihre glänzend weiß geschrubbten Turnschuhe zeigen, oder mir erklären, warum sie ihre Plattensammlung alphabetisch ordnen.

von Sirin Kamalvand, VICE Staff, VICE Stafff, und Anonym
30 April 2015, 7:00am

Foto via Flickr: Arlington County

Meine Mutter hat eine Zwangsstörung. Die Erkrankung dreht sich um ihre Angst vor Verunreinigung—alles, was dreckig oder staubig ist, besonders Sand, kann ein Auslöser sein. Objekte, die sie als „schmutzig" empfindet, fasst sie nicht an, und Objekte, die sie für „sicher" hält, werden andauernd geputzt.

Als Kind eines Elternteils mit einer Zwangsstörung macht man oft automatisch Dinge, die die Ängste dieser Person erleichtern. Experten nennen das „enabling". Meine Form des Enabling bestand z.B. darin, meiner Mutter die Türen zu öffnen, damit sie sich nicht noch einmal die Hände waschen musste (Türen waren schmutzig). Oder ich erklärte einer verwunderten Kassiererin im Supermarkt, warum die Dinge nicht mit dem Laufband in Berührung kommen durften (Laufbänder waren schmutzig).

Wenn es meiner Mutter besonders schlecht ging, musste ich mich nach der Schule an der Haustür ausziehen und meine Sachen einzeln in Supermarkttüten stecken—als wäre es eine Art Tatort-Beweisaufnahme mit Einkaufsbeuteln—um sie zu exorbitanten Kosten chemisch reinigen zu lassen.

Alles war schmutzig.

Ihre Zwangsstörung hatte massive Auswirkungen auf mein Leben als Heranwachsende. Freunde (schmutzig) durften mich nicht besuchen. Niemals. Sport (draußen, also schmutzig) wurde abgelehnt. Strandurlaube gingen schon wegen des Sands nicht. Ich weiß besser als die meisten Leute, wie grauenvoll eine Zwangsstörung ist. Also könnt ihr euch vorstellen, dass ich ziemlich angepisst bin, dass ich nun selber auch eine habe.

Meine Zwangsstörung ist weit weniger ausgeprägt als die meiner Mutter, und dreht sich nicht um Sauberkeit. Ich habe „sichere" Nummern (fünf und sieben—danke der Nachfrage) und muss mein Leben entlang der Zahlen und ihrer Vielfachen organisieren. Das heißt dann fünf Bissen Pizza, die mit sieben Schluck Cola runtergespült werden müssen, dann wieder fünf Bissen. Falls ich mich verzähle, bekomme ich Panik und fange noch einmal von vorne an zu zählen, während ich mit dem fünften Finger meiner rechten Hand sieben Mal auf die Tischplatte klopfe, um es wieder gut zu machen. Wenn das Ganze etwas Gutes hat, dann das, dass ich von dem ständigen Multiplizieren von fünf und sieben verdammt gut im Kopfrechnen geworden bin.

Wenn es meiner Mutter besonders schlecht ging, musste ich mich nach der Schule an der Haustür ausziehen und meine Sachen einzeln in Supermarkttüten stecken.


Glücklicherweise ist es bei mir Dank einer kognitiven Verhaltenstherapie, insbesondere der sogenannten Exposition und Rückfallprävention (ERP), unter Kontrolle. Ich habe nur damit zu kämpfen, wenn ich sehr gestresst bin und die Zählerei dann wieder von vorne anfangen kann. Und glaubt mir, dass Letzte, was man braucht, wenn man gestresst ist, ist mitten in der Nacht fünf Mal aufstehen zu müssen, um sieben Mal die Tür zu berühren. Dr. Jim Bolton, ein psychiatrischer Facharzt, sagte mir, dass „zirka ein Drittel aller Zwangsstörungen von Stress ausgelöst werden."

Es steckt aber auch jede Menge Genetik dahinter. Laut einer auf JAMA Psychiatry erschienenen Studie werden Zwangsstörungen innerhalb der Familie weitergegeben. In der Studie heißt es weiter, dass 40 Prozent der Menschen mit Zwangsstörungen auch enge Familienangehörige mit einer Zwangsstörung haben. Während die Rate der Menschen mit Zwangsstörung in der allgemeinen Bevölkerung bei 1 bis 2,5 Prozent liegt, liegt sie für Angehörige von Betroffenen eher bei 12 Prozent. Das heißt, dass man mit ungefähr sechs Mal höherer Wahrscheinlichkeit an einer Zwangsstörung erkranken kann, wenn ein Familienmitglied bereits unter einer solchen leidet.

Es ist nicht ganz klar, ob das gehäufte Vorkommen von Zwangsstörungen innerhalb von Familien durch genetische Faktoren oder innerfamiliäre Einflüsse verursacht wird. Ich habe, offen gesagt, meiner Mutter oft vorgeworfen, ihre Zwangsstörung an mich weitergegeben zu haben—ich war der Meinung, dass die „Enabling"-Handlungen, die ich für sie übernahm, auch bei mir zu zwanghaften Vorstellungen geführt haben. Aufgrund der damit verbundenen Schuldgefühle gibt es definitiv einen wichtigen Teil von mir, der lieber glauben will, dass die Zwangsstörungen genetisch übertragen werden—dass es die DNA und nicht das Verhalten meiner Mutter war, die die Störung auf mich übertragen hat.

Aber obwohl eine genetische Veranlagung für Zwangsstörungen noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, sagte mir Professor Gerald Nestadt vom OCD Research Centre an der John Hopkins University, dass „zwischen 40 und 80 Prozent der Fälle von Zwangsstörungen von genetischen Faktoren verursacht sein können." Er erklärte mir, dass es wahrscheinlich kein einzelnes Gen gibt, das allein für die Ausprägung von Zwangsstörungen verantwortlich ist. Sie sind vielmehr polygenetisch, was heißt, dass eine ganze Gruppe von Genen hinter der Krankheit steckt.

Professor Nestadt hofft, eines Tages in der Lage zu sein, die genauen Reaktionswege im Hirn identifizieren zu können, die zu der Zwangsstörungen führen, und diese dann medikamentös zu unterbrechen. Wenn er Erfolg hat, wäre das die erste chemische Behandlungsmöglichkeit für eine psychische Erkrankung, die nicht nur auf wissenschaftlich untermauerten Mutmaßungen basiert, die auf einen allgemeineren Bereich des Gehirns gerichtet sind. Wie er erklärt, „würde ein Medikament gegen Zwangsstörungen, das auf spezifische biochemische Reaktionswege im Hirn einwirkt, eine absolute Neuerung in der Medizin psychischer Erkrankungen darstellen, und das ist genau das, was wir wollen."

Ich verstehe, warum Professor Nestadts Wunderpille zur „Heilung" von Zwangsstörungen so attraktiv ist—psychische Erkrankungen sind schließlich sehr viel schwerer zu behandeln als physische. Sie sind nicht wie eine Infektion, die man mit ein paar Antibiotika loswerden kann. Nein, Zwangsstörungen werden, wie viele psychische Erkrankungen, durch eine breite Palette emotionaler und psychologischer Faktoren ausgelöst, von denen viele mit dem persönlichen Umfeld in Zusammenhang stehen. Bislang besteht die effektivste Behandlungsoption, laut der britischen Organisation OCD Action, aus einer Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und, in schwereren Fällen (wie dem meiner Mutter), medikamentöser Behandlung mit SSRIs. Diese selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer funktionieren, indem sie dem Körper helfen, eine höhere Konzentration des vom Körper produzierten Serotonin aufrecht zu erhalten, und sie haben sich als sehr wirksam in der Behandlung von Zwangsstörungen erwiesen, bei denen Erkrankte oft wesentlich geringere Serotoninwerte haben aber als normal gelten.

Dr. Eric Davis, ein Psychologe und Experte für Zwangsstörungen, glaubt dass es zwar eine genetische „Neigung" zu dieser Art Störung gibt, der entscheidende Faktor in seiner Erfahrung aber eher „im persönlichen Umfeld liegt." Kurz gesagt, geht es bei Zwangsstörungen darum, „mit Ängsten umzugehen und Stress zu kommunizieren, in dem man die Dinge zu kontrollieren versucht. Es geht darum, keine Kontrolle zu haben und dieses Gefühl ausgleichen zu wollen."

Dr. Davis erzählte mir von seinen Erfahrungen mit der Behandlung mehrerer Familienmitglieder und sagte, dass familienbasierte Faktoren die Krankheit in manchen Fällen verschlimmern können. Ein Beispiel dafür wäre, wenn eine Person mit einer Zwangsstörung anfängt, von anderen Familienmitgliedern zu verlangen, ihnen bei den zwanghaften Handlungen zu helfen. Das ist genau das, was meine Mutter mit mir gemacht hat, als ich ein Kind war, also war es interessant für mich zu hören, dass Dr. Davis das als eine Sache nannte, die die Krankheit verschlimmert statt sie besser zu machen.

Es nervt mich, wenn die Leute stolz behaupten, sie seien so obsessiv, wenn sie mir ihre glänzend weiß geschrubbten Turnschuhe zeigen, oder mir erklären, warum sie ihre Plattensammlung alphabetisch ordnen.

Der beste Weg Familien, die unter Zwangsstörungen von Angehörigen leiden, zu helfen, sind Dr. Davis' Ansicht nach familienbasierte klinische Interventionen. Alle Experten, mit denen ich sprach, waren sich einig, dass es einer stärkeren Finanzierung von Maßnahmen zur Unterstützung der Familien bedarf. Sam Challis, ein Vertreter der Organisation Mind, sagte mir, dass „es nötig ist, Menschen mit Zwangsstörungen, die Kinder haben, auf besondere Weise zu helfen—ihnen zum Beispiel beizubringen, Aspekte ihres Verhaltens so zu minimieren, dass sie die zwanghaften Eigenschaften nicht an ihre Kinder weitergeben."

Wir könnten aber auch Fortschritte machen, wenn wir aufhören würden, diese Art Störungen in unserer Kultur so darzustellen, als wäre man nur äußerst reinlich oder würde immer darauf achten, dass alle Bleistifte gespitzt sind. Es nervt mich, wenn die Leute stolz behaupten, sie seien so obsessiv, wenn sie mir ihre glänzend weiß geschrubbten Turnschuhe zeigen, oder mir erklären, warum sie ihre Plattensammlung alphabetisch ordnen. Professor Nestadt stimmt mir zu und sagt, „Niemand wusste, was eine Zwangsstörung ist, bis Hollywood anfing, das Ganze in Filmen und Fernsehserien darzustellen, aber dennoch verstehen es die meisten bis heute nicht."

Eine echte Zwangsstörung zu haben, kann heißen, so krank zu sein, dass du deine Tochter an ihrem Geburtstag nicht umarmen kannst, weil du Angst hast, dass sie schmutzig sein könnte. Wie Challis sagt, „Zwangsstörungen sind schwerwiegende Gesundheitsprobleme, die Unterstützung und finanzieller Ressourcen bedürfen." Aufgrund meines Familienhintergrunds weiß ich das besser als die meisten anderen, und so habe ich mich auch schneller um Hilfe bemüht, als andere das vielleicht normalerweise getan hätten. In Folge dessen komme ich mit meinem Leiden sehr gut klar.

Im Laufe meiner Arbeit an diesem Artikel und meiner Behandlung ist mir aber auch klar geworden, dass es nicht so wichtig ist zu wissen, von wem oder wie ich meine Zwangsstörung bekommen habe. Von den Experten bestätigt bekommen zu haben, dass meine Zwangsstörung nicht unbedingt die Schuld meiner Mutter war, macht mir Schuldgefühle, weil ich sie mein ganzes Leben lang dafür verantwortlich gemacht habe, und ich weiß, dass sie selbst ebenfalls Schuldgefühle hat, weil sie uns nicht zu dem verhelfen konnte, was sie sich unter einer normalen Kindheit vorstellt—was genau genommen ziemlich blödsinnig ist.

Sirin auf Twitter: @thedalstonyears

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