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„Kinder, das ist euer Führer!“ – Wie es ist, in der Gedenkstätte Mauthausen zu arbeiten

Ein Mitarbeiter erklärt, warum es keinen Sinn macht, Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Mauthausen zu einer Horrorshow zu machen.
8.5.15
Mauthausen (48) via photopin (license)

Drei Mal wöchentlich läutet mein Wecker um 5:20 Uhr, damit ich den Zug von Wien Richtung Oberösterreich erwische. In Linz muss ich dann in den Postbus umsteigen. „Einmal Mauthausen/Wasserwerk bitte", sage ich zum Busfahrer —mein Standardsatz. Er mustert mich. „Zum KZ?" fragt er interessiert. „Naja, seit Mai 1945 ist es ja eigentlich kein KZ mehr", versuche ich ihn aufzuklären. „Was ist das dann?" „Eine Gedenkstätte."

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Obwohl die KZ-Gedenkstätte Mauthausen rund 200.000 Besucher_innen im Jahr verzeichnet, gibt es bis dato keine Möglichkeit, diesen Ort direkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Ist man einmal bei der Haltestelle Mauthausen/Wasserwerk angelangt, wartet noch ein Fußmarsch von 1,5 km den steilen Hügel hinauf. Eine Wegbeschreibung vor Ort oder gar eine Nummer, von der aus man ein Taxi rufen könnte, sucht man an der Haltestelle vergeblich, was besonders für Besucher_innen mit Gehbehinderung eine absolute Zumutung darstellt. Eigentlich finde ich den Weg recht schön, aber wenn mein Rundgang pünktlich zur vollen Stunde startet, kann dieser Anmarsch aus Zeitmangel recht stressig werden. Meistens bin ich bei der Ankunft schon ziemlich durchgeschwitzt.

Auf meinem Weg zur Gedenkstätte passiere ich die „Bernascheksiedlung". In dieser Straße gibt es heute noch Häuser, die ursprünglich von hochrangigen SS-Offizieren und ihren Familien bewohnt wurden. Beim Vorbeigehen denke ich manchmal an die Männer und deren Familien, die früher diese Häuschen mit ihren charmanten Vorgärten bewohnten—an die, die nur einen Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt ihr deutschnationales Familienidyll lebten.

Als Vermittler_in an der Gedenkstätte Mauthausen zu arbeiten, bedeutet nicht unbedingt, mit Daten und historischen Fakten um sich zu werfen. Normalerweise erzähle ich auch keine grauenhaften Details über gängige Folter- und Mordpraktiken. Unsere sechsmonatige Ausbildung hat uns hauptsächlich darauf vorbereitet, anderen Menschen Inputs zu geben und durch offene Fragen zum Nachdenken anzuregen, wie es möglich sein konnte, dass ein Großteil der Bevölkerung die Verbrechen im Nationalsozialismus duldete, sie in irgendeiner Form unterstütze oder die Verbrechen selbst verübte. Welche Bedeutung hat dieser Ort für uns, die Nachkommen eben dieser Menschen? In den Köpfen vieler Besucher_innen existieren Konzentrationslager immer noch als abgekapselte Parallelwelten, in die nichts und niemand ein- oder ausdringen konnte.

Mauthausen via photopin (license)

Aber unmittelbar neben dem nur von einem Stacheldraht umgebenen Krankenlager des KZ, in dem „arbeitsunfähige", kranke Häftlinge ohne medizinische Versorgung sich selbst überlassen wurden und massenhaft starben, lag der Fußballplatz der SS. Die SS-Mannschaft von Mauthausen trug dort ihre Meisterschaftsspiele aus und noch heute sind die Ränge sichtbar, auf denen Zuschauer_innen platznehmen durften. Gemeinsam mit den Besucher_innen wird diskutiert: Welche Menschen kamen zu den Spielen ins KZ? Was haben sie von dem, was sich im Lager abspielte, mitbekommen? Welche Beziehung hatten diese zu den SS-Spielern? Die unmittelbare Nähe zwischen den beiden sehr widersprüchlichen Orten ist heute noch unglaublich irritierend—wenige Meter voneinander entfernt fanden hier sowohl Spaß, Unterhaltung und Alltag statt, als auch massenhaftes Sterben, das den Augen der Zivilbevölkerung nicht verschlossen blieb.

Manche Besucher_innen zeigen sich heute überrascht, dass die immer noch sichtbaren Überreste nur einen Bruchteil des Konzentrationslagers darstellen. Für viele bleibt diese Tatsache wohl auch deswegen schwer nachvollziehbar, weil dementsprechende Hinweisschilder in den Außenbereichen noch immer fehlen. Der Zugang zum Thema Täter_innenschaft oder die vielfältigen Verflechtungen des Konzentrationslagers mit der Zivilbevölkerung können kaum erschlossen werden. Die hohen Mauern vermitteln auch heute noch eine Abgeschlossenheit und Abschottung zur „Außenwelt".

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Die Erwartungshaltungen der Besucher_innen an den Ort aber auch an uns Vermittler_innen sind ganz unterschiedlich. Viele der Lehrer_innen gehören noch zu der Generation, die „Führungen" miterlebten, bei denen die Identifizierung mit den Opfern das erklärte Ziel war. Obwohl dieses Ziel von Anfang an zum Scheitern verurteil war, wurden diesen emotional sehr aufgeladenen und bildlichen Beschreibungen der Verbrechen über einen langen Zeitraum großer pädagogischer Wert beigemessen. Von Schüler_innen höre ich immer wieder „Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt." oder „Ich kann mir das gar nicht vorstellen." Wenn ich dann nachfrage, was sie damit meinen, oder was sie sich erwartet hatten kommt oft: „Meine Schwester hat gesagt, es ist total gruselig hier und das finde ich überhaupt nicht."

Dieser Wunsch, das Grauen wie in einem Gruselkabinett nachvollziehen zu können (und es damit fast schon zu einem Unterhaltungselement zu erheben), wird zusätzlich von Lehrer_innen gefördert, die den Jugendlichen während der zweistündigen Rundgänge das Essen-oder-Trinken verbieten wollen oder sich besonders freuen, wenn es schneit und regnet, weil dadurch—in ihren Augen—dem Ort ein Hauch von Authentizität anhaftet. Besonders problematisch wird es dann, wenn die Lehrer_innen ihre Schüler_innen dazu ermutigen, in die „Opferrolle" zu schlüpfen: Sehr stolz wurde mir einmal vor einem Rundgang erzählt, dass die Lehrerin ihre Schüler_innen angewiesen hätte, sich gegenseitig huckepack über die „Todesstiege" hinaufzutragen.

Mauthausen (5) via photopin (license)

Das ist nicht nur sehr gefährlich, weil auch heute die Sturzgefahr noch groß ist, sondern als „pädagogische Maßnahme" höchst fragwürdig. Im Sommer bei hohen Temperaturen nichts zu trinken, oder im Winter bei Schneefall und Minusgraden schlecht bekleidet in der Kälte zu stehen, frustriert und wird wahrscheinlich eher dazu führen, so schnell wie möglich von diesem Ort weg zu wollen. Die Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich dadurch in erster Linie mit ihren eigenen körperlichen Bedürfnissen, die wir ernst nehmen und auf die wir reagieren müssen. Dadurch bleibt aber auch wenig Platz für andere Themen oder Reflexionsprozesse.

Interessant ist hier für mich, dass diese Herangehensweise gerade auch von Lehrer_innen verfolgt wird, denen das Thema ganz offensichtlich am Herzen liegt, deren primäres Anliegen jedoch darin zu bestehen scheint, Betroffenheit in den Schüler_innen hervorzurufen. Es ist sicher wichtig, ein gewisses Maß an Mitgefühl mit den Opfern zu entwickeln, aber eine tiefe Betroffenheit führt häufig zum Verstummen. Das ist schade, denn dadurch wird die "Tradition" fortgesetzt, dass über diesen Ort geschwiegen wird und Fragen stellen nicht erlaubt ist.

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Die Gedenkstätte hat verschiedene Funktionen, die sich manchmal schlecht miteinander vereinbaren lassen. Neben einem Gedenkort ist sie heute auch ein wichtiger Lernort. Lernprozesse können dann stattfinden, wenn eine Lernatmosphäre geschaffen wird, in der die Schüler_innen ernst genommen werden, in der Fragen und Gedanken geäußert werden können, ohne dass dabei Angst aufkommt, diese könnten als unpassend gewertet werden.

Manchmal erzählen mir Lehrer_innen auch, dass bestimmte Schüler_innen vom Besuch in Mauthausen ausgeschlossen werden, weil „sie die Erfahrung für die anderen kaputtgemacht hätten". In solchen Momenten stelle ich mir die Frage, welchen Zweck der Besuch an der Gedenkstätte in den Augen solcher Lehrenden erfüllt, wenn man diejenigen, denen man offenbar noch etwas beibringen müsste, gleich im Vorhinein ausschließt, weil sie zu wenig andächtig sein könnten—und für wen wir eigentlich über Themen wie Stigmatisierung und Ausgrenzung sprechen.

Die meisten meiner Kolleg_innen und auch ich selbst arbeiten sehr gerne mit Klassen, die als „schwierig" deklariert werden. Das ist anstrengend und fordernd, aber dafür nehmen sich die Schüler_innen meist kein Blatt vor den Mund und trauen sich Fragen zu stellen, unverblümt ihre Meinungen und Ideen zu äußern, und sich außerhalb der „sozial erwünschten Weise" zu verhalten.

„Wieso arbeitest du hier?", „Ist das nicht voll arg?" und „Machst du das freiwillig?" werde ich manchmal gefragt. Und die Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten. „Ja, ich arbeite freiwillig hier, werde dafür entlohnt und ich mache diesen Job sehr gerne", ist da noch die einfachste Antwort. Aber es deckt nur einen Teil der Wahrheit ab. Um mehrmals im Monat Rundgänge in einem ehemaligen Konzentrationslager durchführen zu können, muss man auch lernen, sich emotional von den dort verübten Verbrechen und dem Leid abzugrenzen. Das gelingt manchmal besser und manchmal schlechter. Für mich stimmt sicher, dass ich mit meiner Arbeit zu einer Bewusstseinsbildung beitragen möchte und dass ich gerne mit anderen Menschen auf Augenhöhe über ein Thema reflektiere, das mich persönlich sehr beschäftigt.

Viele Besucher erwarten von mir Antworten. Aber eigentlich ist es im Idealfall so, dass ich sie mit vielen neuen Fragen nach Hause schicke.

Eine zentrale Schwierigkeit dieser Arbeit, die mich selbst ständig an die eigenen Grenzen bringt, ist die Tatsache, dass wir über viele Fragen sprechen, die wir nicht beantworten können, über Themen reden, die wir nicht verstehen und von der eigenen Unsicherheit begleitet werden. Viele Besucher_innen erwarten von mir Antworten auf mitgebrachte Fragen. Aber eigentlich ist es im Idealfall so, dass ich sie—wenn mein Rundgang gelingt—mit vielen neuen Fragen nach Hause schicke. In den zwei Jahren, in denen ich an der Gedenkstätte arbeite, haben sich meine Interessensschwerpunkte schon öfters verändert und verschoben. Für mich ist es unglaublich spannend zu beobachten, inwiefern die Diskussion mit den Besucher_innen dadurch beeinflusst wird.

Als Vermittlerin an der Gedenkstätte Mauthausen zu arbeiten bedeutet auch, das Bundesministerium für Inneres als Arbeitgeber zu haben. Für mich ist das mehr als zynisch, weil genau dieses Ministerium auch für die aktuelle Asyl- und Flüchtlingspolitik verantwortlich ist. In unseren Rundgängen versuchen wir, hierarchische Strukturen kritisch zu beleuchten und zur Partizipation zu ermutigen. Innerhalb der „eigenen Institution" solche Überlegungen anzustellen, findet aber kaum Resonanz oder ist nicht gewünscht. Was in letzter Zeit gehäuft durch Stimmen von „innen" und „außen" betreffend die Verwaltung durch das Innenministerium oder die Auslagerungspläne kritisiert wurde, betrifft uns in unserer Arbeitspraxis ebenfalls. Das Budget für die pädagogische Abteilung, die für die Weiterentwicklung pädagogischer Angebote zuständig ist, ist nicht gesichert und dadurch Schwankungen ausgeliefert. Das verhindert eine professionelle Fortsetzung und Weiterentwicklung unserer Arbeit.

Für die 2013 eröffneten Dauerausstellungen gibt es beispielsweise noch immer kein ausgearbeitetes Konzept für Vermittlungsangebote und auch dringend benötigte Stellen in der Pädagogik wurden nicht nachbesetzt. Diese Budgetengpässe sorgen außerdem dafür, dass Gruppen abgelehnt werden müssen, da es für uns nicht möglich ist, die Nachfrage an Rundgängen abzudecken und die „neuen Vermittler_innen" aus der dieses Jahr stattfindenden Ausbildung frühestens im März 2016 eingesetzt werden können.

Die Zukunft der Gedenkstätte soll meiner Meinung nach mit einer breiten Öffentlichkeit und unter Einbeziehung verschiedener Perspektiven diskutiert und nicht für politische Machtkämpfe missbraucht werden. Ich persönlich begreife diesen Ort nicht nur als Gedenk- und Erinnerungsort oder Museum, sondern als einen Ort, an dem historisch-politische Bildung stattfinden muss. Ich würde mir eine breite und offene Diskussion darüber wünschen, was die Gedenkstätte Mauthausen leisten kann, soll, darf und muss und wie eine tatsächliche Auslagerung fern von den Interessen politischer Parteien ausschauen kann


Titelbild: Mauthausen (48) via photopin (license)