Thanet Earth: Margate ist der Place to be

Die englische Küste ist mit vielen Dingen übersät, aber es sind vor allem die prachtvollen alten Küstenstädtchen, die das Bild prägen, das man von dieser Gegend hat.

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05 September 2014, 2:00pm

Alle Fotos von Alex Sturrock

Die englische Küste ist mit vielen Dingen übersät, aber es sind vor allem die prachtvollen alten Küstenstädtchen, die das Bild prägen, das man von dieser Gegend hat. Sie wurden geschaffen, damit die Viktorianer an den Rand der Nation fliehen konnten vor der Armut, dem Smog und dem Inzest dieser Zeit, sie wurden zu merkwürdigen, salzigen Shangri-Las. Brighton, Hove, Hastings und Bournemouth im Süden, Yarmouth im Osten, Rhyl im Westen und Blackpool und Scarborough weiter oben in Norden. Ursprünglich gedacht als Orte, die man besucht, nicht bewohnt, wurden sie schnell zum Heim für die von den Nazis durch Bomben vertriebene und vom Stadtleben zunehmend überforderte Arbeiterklasse. Manche nannten es Stadtflucht, andere „seinem Herzen folgen".

Spul vor zum Beginn des neuen Jahrtausends und diese Orte existieren weiter, wie eine Art Vorhölle, die immer wieder zwischen Ab- und Wiederaufbau schwankt und in der es wimmelt vor geschlossenen Pubs und Gaststätten, Kunstinitiativen und Heroinepidemien. Wie ein Camp, ein fantastischer Mix aus weißen Arbeitern, versnobten Urlaubern, betrunkenen Tagestouristen, Künstlern auf der Suche nach Inspiration und Menschen, die einfach auf den Tod warten. Es sind Orte, an denen Menschen zugleich sein und aus denen sie flüchten wollen.

Margate, an der äußersten Spitze der Küste von Kent gelegen, ist wahrscheinlich das verquerste von allen diesen Städtchen. In den vergangenen Jahren wurde hier eine Tate-Galerie eröffnet, aber es zog sich auch eine Schneise von Brandanschlägen auf Strandhütten durch die mit Kopfstein gepflasterten Straßen. Es ist eine malerische Küstenstadt mit Betonklotzbauten, Fish-and-Chips-Läden und Straßengangs. In vielerlei Hinsicht erinnert es an London, bevor dort alles anfing, wie geleckt auszusehen.

Das erste Mal fuhr ich vor ungefähr zehn Jahren nach Margate, als meine Oma ins nahegelegene Herne Bay zog, nachdem sie ihre Wohnung in Camberwell an einen skrupellosen Vermieter verkauft hatte, der jetzt wohl noch Generationen lang Goldsmith-Studenten mit horrenden Mieten abzocken wird. Sie zog hin auf der Suche nach Frieden, die meisten zogen hin, um sich volllaufen zu lassen.

Mein erster Eindruck war, dass Margate damals genauso wirr war wie heute, ein merkwürdiger Mix aus Secondhandläden, Sportbars, Eiswägen und Sauerstoffmasken am Strand. So weit ich mich erinnern kann, gab es diesen einen gigantischen Spielautomaten, gesponsert vom ansässigen Rotary Club, bei dem das Ziel war, mit Bällen in Löcher zu treffen, worauf man damit belohnt wurde, dass Plüschversionen längst vergessener Zeichentrick-Charaktere einen Robotertanz aufführten. Es gab Trampoline am Strand, Pflaster im Wasser und Plastik-Bierbecher im Sand. Es war ein typischer Touristenort in Kent.

Aber neben all diesen Küstencharakteristika, gibt es aber auch etwas, das weniger glamourös, dafür aber sehr typisch für englische Küstenorte ist: Tausende Menschen, die umgesiedelt worden sind, gestrandet oder sonst wie durchs Raster gefallen sind und jetzt versuchen, mehr oder weniger freiwillig sich dort ein Zuhause zu schaffen.

Der Ort wird oft als „Müllkippe" bezeichnet (sogar von Einheimischen), weil viele der ansässigen Bed-and-Breakfast-Anbieter zunehmend ihr Einkommen von den Sozialämtern beziehen, die dort gerne Leute unterbringen, die sich langsam an der Rückkehr in die Gesellschaft versuchen nach Obdachlosigkeit, Drogen, Alkohol, Knast oder Sexualstraftaten. Auch wenn man diesen Leuten oder den Ämtern schwer vorwerfen kann, dass sie Margate auf diese Art und Weise für sich nutzen, trägt das Ganze doch dazu bei, dass der Stadt der Charme einer Notunterkunft anhaftet, so als wäre Margate ein Ort, wo man einfach strandet und sich an die letzten Ausläufer Londons klammert, bevor die stürmische See einen verschlingt.

Neben den Obdachlosen und Drogenabhängigen gibt es aber eine Bevölkerungsgruppe, die noch stärker polarisiert: Osteuropäer, vor allem Polen und Roma, die aus unterschiedlichen Gründen massenweise in diese Stadt gezogen sind. An einem Ort, in dem britischer Nationalstolz großgeschrieben wird, ist das ein großer Streitpunkt. An einer der lokalen Schulen spricht einer von vier Schülern kein Englisch und die Einheimischen sind nicht gerade glücklich über diese Verschiebung in der Demografie. Die United Kingdom Independence Party (UKIP) hat in Margate einen sehr aktiven und erfolgreichen Wahlkampf geführt. Aber als Nigel Farage sich in der Stadt zeigte, wurde er von einem Demonstranten mit einem Plakat auf den Hinterkopf geschlagen. Eine moderne Version der Cable Street Riots von 1936, an die sich bestimmt noch ein paar der älteren Einwohner erinnern können.

Trotz all dem Gerede von „Müllkippen", der UKIP und Machete-Attacken, ist Margate kein Ort ohne Zukunft. Ironischerweise hat gerade die Vielfältigkeit der Kulturen vor der opulenten Kulisse der südenglischen Küste eine faszinierende neue Art von Stadt geschaffen. Das neue Margate ist nicht so wie zu Gründungszeiten einfach nur ein Ort, den man des Strandes wegen aufsucht, es ist ein Ort, dessen Einwohner mittlerweile aus jedem Winkel der Erde kommen, aus Krakau, Kaschmir oder Catford. Ein Ort, an dem Menschen dem englischen Küstentraum folgen.