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Kranker Scheiß aus dem Leben eines Wohnungsauflösers

Vor allem Messies, aber auch anzügliche Hinterbliebene und gewaltbereite Bauern machen die Arbeit eines Wohnungsräumers nicht immer leicht.

von Daniel Kissling
16 Juni 2015, 8:00am

Titelbild von Dāvis Mosāns

Ob arty Hipster, Retro-Blumenkind oder Studenten-WG: Was würden sie, was würden wir nur alle ohne Sozialkaufhäuser und Second-Hand-Stores machen? Aber wie kommen eigentlich das shabby-schicke Nierentischchen, der 80er-Schulterpolster-Blazer und die abertausenden charakterlosen Landschaftsbilder dorthin?

Natürlich werden viele Dinge von Privatleuten gebracht. Genau so viel Zeugs, wenn nicht sogar mehr, wird von den Läden selber aus den Wohnungen geholt, das heisst von Wohnungsräumern, die dafür verantwortlich sind. Dass diese hinter den Türen von Verstorbenen oder Leuten, die wegziehen, nicht nur hübsche Dinge vorfinden, versteht sich von selbst. Wie viel kranker Scheiß sich aber tatsächlich im Leben eines Wohnungsauflösers abspielt, hätten wir nicht erwartet. Ein professioneller Wohnungsräumer hat mir ein paar Anekdoten erzählt:

Türen eintreten

Wir machen keine Zwangsräumungen und müssen daher auch keine Türen eintreten. Meistens holen uns die Betroffenen oder ihre Angehörigen. Manchmal gibt es aber trotzdem Stress mit den Leuten, deren Wohnung man räumen muss. Einmal, zum Beispiel, räumten wir die Wohnung eines alten Mannes. Es ging um sein Schreibtischpult. Wenn wir etwas brauchen können, nehmen wir es gratis mit. Für Sachen, die reif sind für die Müllhalde, verlangen wir Geld und das Pult war definitiv reif dafür. Der Kunde wollte das aber nicht einsehen und nicht zahlen. Er beleidigte mich und meinen Mitarbeiter aufs Gröbste.

Also gingen wir ohne das Pult. Als wir den Flur zum Lift entlanggingen—es war eine Wohnung im vierten Stock—machte der Alte immer wieder die Türe auf und beschimpfte uns weiter. Irgendwann wurde es mir zu viel, ich ging zurück und klopfte ein bisschen grob an die Türe. Plötzlich fiel sie aus den Angeln und krachte zu Boden. Ich sah den Kunden an und er mich. Einen Moment herrschte Totenstille. Dann begann er wieder zu fluchen, drohte mir mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung und meinte, dass er für meine Entlassung sorgen würde. Mein Chef nahm es später dann aber ganz locker. Konsequenzen gab es keine.


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Mäusekacke

Messies oder verwahrloste Wohnungen kommen leider häufiger vor. Diese Leute sind ja meistens einsam. Es kümmert sich niemand um ihre Hinterlassenschaften und so liegt es dann an uns. Es gab eine Wohnung, die alle anderen in den Schatten stellte: vier Zimmer im dritten Stock eines Wohnblocks. Mein Chef geht Einsatzorte eigentlich immer besichtigen, bevor wir kommen, damit er Zeit und Aufwand abschätzen kann. Als wir also ankamen, sagte er uns: "Egal was ihr tut, geht einfach nicht aufs WC."

Foto: Thomas Kohler | Flickr | CC BY 2.0

Die Wohnung war wirklich schlimm, der Boden mit 20cm Müll komplett zugedeckt. Mein Chef hatte einen Container bestellt und unten in den Garten stellen lassen. Wir begannen, das Ganze gleich mit Schaufeln in Säcke abzufüllen und dann über den Balkon runterzuschmeissen. Im Schlafzimmer fanden wir einen Berg aus Decken und Matratzen, wobei man gar nicht mehr wirklich erkennen konnte, wo die eine Matratze aufhörte und die andere anfing. Als ein Kollege von mir begann, dieses Chaos auseinanderzureissen, erklang ein mehrstimmiges Piepsen und Mäuse, zirka 40 Stück, rannten in alle Richtungen davon. Das Tragikomische dabei: In solchen Wohnungen weiß man nie, ob der Messie die Mäuse bewusst geholt hat oder ob sie von selber gekommen sind.

Doch das war noch nicht das Schlimmste, denn natürlich hielt ich mich nicht an den Rat meines Chefs. Ich öffnete die WC-Türe und konnte meinen Mundschutz—in solchen Wohnungen bist du lebensmüde, wenn du keinen trägst—gerade noch rechtzeitig runterreissen. Ich kotzte ins Spülbecken. Der Grund: Der Messie hatte das WC zwar zum Kacken verwendet, aber nicht an die Spülung gedacht. Der Haufen Scheiße, den er hinterlassen hatte, war doppelt so hoch wie die Kloschüssel. Ich schloss die Türe so schnell, wie ich sie geöffnet hatte. Meine Kotze machte auch keinen Unterschied mehr.

Foto: Alan Stanton | Flickr | CC BY 2.0

Das Beurteilen von Betten

Die Geschichte ist nicht mir passiert, sondern meinem Chef und ich glaube sie nur, weil er nicht die Art Mensch ist, die Blödsinn erzählt. Die Story passt ausserdem zu seiner Erscheinung: Er ist so eine Art Bodybuilder und Gigolo-Typ mit passendem Auto. Auf jeden Fall ging er eine Wohnung besichtigen, in der ein Mann gewohnt hatte, der gestorben war. Die Frau oder Ex-Frau des Toten und seine Tochter waren vor Ort und zeigten ihm alles. Als sie ins Schlafzimmer kamen (es ging darum, ob man sein Bett noch verkaufen könnte), fragte die Frau oder eben Ex-Frau: "Wollen wir uns nicht alle drei zusammen ins Bett legen? So können sie es sicher besser beurteilen." Laut meinem Chef begannen dann beide, Mutter und Tochter, ihn zu betatschen und zu bedrängen und er musste sich ziemlich heftig wehren, um unverrichteter Dinge aus dem Schlafzimmer zu kommen.

Gewaltbereiter Landwirt

Ein anderes Mal rief uns eine alte Dame an, die ein Haus in der Romandie besitzt. Es lag abgelegen mitten auf einem Feld. Dieses Feld gehörte einem Bauern, der gerne auch das Haus der alten Dame besessen hätte und deswegen einen Groll auf sie hegte. Sie erzählte uns, dass er sie bedroht hätte, dass sie nicht mehr lebend zurückkommen würde, wenn sie noch einmal dorthin ginge. Deshalb und weil sie sowieso nicht mehr oft dort war, wollte sie das Haus räumen lassen und anschliessend verkaufen.

Mein Chef und ich fuhren also in die Westschweiz. Auch wenn die alte Frau von dem Bauern sichtlich eingeschüchtert gewesen war, glaubten wir ihr nicht wirklich. Als wir dann aber den Feldweg zum Haus entlangfuhren, machten wir Bekanntschaft mit diesem ominösen Bauern, genauer genommen mit seinem Traktor. Er kam uns entgegengefahren und machte keine Anstalten, zu bremsen. Ausweichen ging nicht, dann wären wir wahrscheinlich den Hang hinuntergerutscht. Wir standen also da und der Bauer schoss auf uns zu und ich legte schon den Rückwärtsgang ein, während mein Chef aus dem Auto sprang und im Gras landete. Dann hielt der Bauer höchstens einen Meter vor uns an. Auf Französisch fluchte er aus seinem Traktorfenster. Da ich die Sprache nicht kann, fluchte ich auf Englisch durchs Autofenster zurück. Er liess uns dann durch.

Foto: nikontino | Flickr | CC BY 2.0

Als wir uns alles angeschaut und das Verkaufbare mitgenommen hatten, machten wir uns wieder auf den Rückweg und blieben prompt an einer matschigen Stelle auf dem Feldweg stecken. Wir mussten den Bauern um Hilfe bitten. Dieser kam auch, aber anstatt uns aus dem Dreck zu ziehen, stand er nur da und lachte. Ich nannte ihn einen "Motherfucker". Das schien er zu verstehen, denn er fluchte zurück. Dann fragte mein Chef, der etwas Französisch kann, was wir denn tun könnten, damit er uns helfen würde. Er sagte, ich müsse mich entschuldigen. Das tat ich dann zähneknirschend, sodass wir doch noch lebendig aus dem Welschland zurückkamen.

Mit dem Auto durch die Scheibe

Unsere Trödelladen ist in einem alten Industriegebäude, einer Art Garage, untergebracht. Die eine Seite, quasi die Front, ist eigentlich keine Wand, sondern ein riesiges Tor aus Aluminium und Plexiglas-Scheiben. Ich war gerade am Zeugs einsortieren und schaute—das ist nicht gerade der spannendste Teil meiner Arbeit—zu diesen Plexiglas-Fenstern raus, als ein Auto kam, das auf mich zufuhr. Das ist an sich nichts Besonderes, denn unsere Parkplätze liegen gleich vor dem Tor. Das Auto hielt aber nicht an, sondern fuhr einfach weiter. Als es verdammt laut knallte, begriff ich zuerst gar nicht, was passiert war, sondern erst, als das Auto wie in Zeitlupe auf mich zufuhr.

Es war wie in einem Film: Vor, neben und auf dem Auto Sachen, ein Gestell, irgendwelcher Krimskrams und ein altes Spinnrad. Das Auto schob das Zeug einfach vor sich her, bis fast vor meine Füße. Ich hatte mich bisher nicht bewegt, sondern einfach zugeschaut. Als das Auto verbeult und rauchend zum Stehen gekommen war, krabbelten ein alter Mann und seine Frau links und rechts aus dem Haufen aus Gegenständen und Schrott und wussten gar nicht recht, was passiert war. Als sie es dann begriffen, tat es ihnen schrecklich leid. Sie hatten scheinbar das Gaspedal mit der Bremse verwechselt.

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Titelbild: Dāvis Mosāns | Flickr | CC BY 2.0

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